10.07.1989

KIRCHEGruselt so schön

Der feministischen Theologin Elga Sorge wird in der kommenden Woche ein Kirchenprozeß gemacht - womöglich mit dem Komiker Otto im Zeugenstand.
Getauft wurde sie auf den Namen Helga, doch vor vier Jahren strich die feministische Theologin demonstrativ das "H" aus ihrem Vornamen: Elga Sorge, heute 48, sieht in der Namensänderung ein "Symbol für den Kampf gegen die kirchliche Diffamierung der Frau entweder als H-eilige oder als Hure unter Männer-H-errschaft".
Mit der kirchlichen H-ierarchie hat die kämpferische Theologin, eine Oberstudienrätin im Kirchendienst, neuerdings ernste Probleme: Hans-Gernot Jung, 59, seit elf Jahren Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, kündigte Elga Sorge die Stelle als Lehrbeauftragte für Feministische Theologie an der Gesamthochschule Kassel, verdonnerte sie zum Katalogisieren von Büchern in der Landeskirchlichen Bibliothek, setzte sie auf halbe Bezüge und leitete ein Disziplinarverfahren gegen sie ein.
Im Andachtsraum des "Hauses der Kirche" in Kassel wird am 21. und 22. Juli eine kirchliche Disziplinarkammer aus drei Laienrichtern, einem Theologen und einem Kirchenbeamten Elga Sorges rund 20jährige Kirchenkarriere untersuchen - und unter Umständen mit der Entfernung aus dem "Kirchendienst auf Lebenszeit" beenden.
Der "Angeschuldigten" werden diverse "Amtspflichtverletzungen" vorgeworfen. So soll sie in zahlreichen Publikationen "das Bekenntnis unserer Landeskirche" abgelehnt und Lehren vertreten haben, die "im Ergebnis zu einer anderen Religion führen".
Überdies habe die Theologin Ende 1987 in einer Fernsehsendung geschildert, "daß sie am Abend ihrer Eheschließung und den folgenden Tagen Ehebruch begangen habe", was im Kontext ihrer sonstigen Äußerungen "eher als Werbung denn als Warnung vor dem Ehebruch" gewirkt habe.
Der Kirchenprozeß, einer der skurrilsten seit Jahren, zielt auf eine Frau, die vor keinem Tabu zurückschreckt. "Immer, wenn Frau Sorge kommt, dann gruselt es einen so schön", antwortete eine Kursteilnehmerin in der katholischen Akademie Germershausen auf die Frage, warum ausgerechnet die Kurse von Frau Sorge so überlaufen seien.
"Niemand hat die Wahrheit in festem Besitz, weder eine bestimmte Religionsgemeinschaft noch eine Kirchenleitung", äußerte sich die Theologin bereits, als sie 1970 am Wilhelm-Gymnasium in Hamburg-Harvestehude als Religionslehrerin begann. Seither kratzt sie auf der Suche nach Wahrheit an manchem Glaubenssatz, am alttestamentlichen Herr-"Gott Israels" wie an der neutestamentlichen "Männertrinität", am "Gott des ,Sündenfalls'" wie am "gekreuzigten Gottes-Sohn".
Ihre Überlegungen klingen bisweilen verblüffend einleuchtend. Der patriarchalische Allmachtsvater sei nicht omnipotent, sondern impotent, meint sie, sonst hätte er Auschwitz und Hiroschima verhindert.
Ein "Vater-Gott, der seinen eigenen Sohn angeblich ermorden ließ", um die Menschheit zu erlösen, erscheint ihr als "sadomasochistische Leidensver-herrlichung", als perverse "Verquickung von Liebe und Gewalt"*. Und aus dem Alten Testament habe männliche Herrschsucht weitgehend einen "patriarchalideologischen Gifttopf" gemacht, der "die Entrechtung und Entmachtung der Frau impliziert".
Das biblische Bild der Frau, einer - nach dem ersten Buch Mose - aus der Rippe Adams entstandenen Gefährtin des Mannes, ist für die Kasseler Theologin "eine fundamentale Verdrehung und Umkehrung", geschaffen "zur Legitimierung von Machtmißbrauch und Unterdrückung". Im Neuen Testament markiere die Jungfrau Maria, die sich "zum ,Sklaven' des Herrn erklärt", ein "patriarchalisches Göttin-Ideal, das zum Himmel schreit".
Vor ein paar Jahren begann Elga Sorge, die Bibel mit eigenen Texten fortzuschreiben. Neben das bedrohliche "Du sollst nicht" der Zehn Gebote stellt sie "Die neuen Zehn Gebote", etwa das sechste: "Du darfst ehebrechen, Du kannst ja nicht anders . . . Aber natürlich darfst Du auch treu sein." Oder das achte: "Du darfst immer die Wahrheit sagen, es wird Dir guttun, aber laß das Schwören."
Dem biblischen Vaterunser, "Ausdruck der Unterwerfung unter die männliche Führerrolle", stellt Elga Sorge ein "Mutterunsere" ("Du liebst uns immer bedingungslos") zur Seite, den alten Seligpreisungen der Bergpredigt ihre "neuen Seligpreisungen": "Trachtet zuerst nach Eurer Seligkeit, nach dem Himmel auf Erden und seiner Gerechtigkeit, dann wird Euch alles andere zufallen."
So wird aus dem realitätsfernen biblischen Trostspruch "Selig sind die Armen, denn ihrer ist das Himmelreich" ein handfestes "Selig sind die leiblich und seelisch Armen, wenn sie satt geworden sind". Und, ganz neu: "Glückselig sind die Tanzenden, sie verleihen dem göttlichen Eros Gestalt." Für all jene, denen die sexualfeindliche Kirchen-Theologie lebensfremd oder gar unmenschlich erscheint, hat Elga Sorge ein märchenhaft schönes theologisches Freudenhaus gebaut.
Die in den christlichen Kirchen weithin übliche Aufspaltung der Liebe in die angeblich höherwertige Agape (Gottes- und Nächstenliebe) und den minderwertigeren Eros (lüsterne, triebhafte sexuelle Begierde) lehnt sie ab, Sexualität ist für sie "eines der entscheidenden Sakramente", "ein Liebesakt ebenso Ausübung matriarchaler Spiritualität wie ein Tempeldienst".
Religion definiert Elga Sorge als "Verzauberung, Beglückung, Verwandlung, Erotik, Ekstase, Heilung, Erlösung, Liebe, Beseligung". Feministische Theologie ist folglich "eine eminent erotische Theologie", ist "ekstatische Bejahung der erotischen Liebe" und die Geschichte von der "Vereinigung der liebenden Göttin mit ihrem geliebten Heros".
Zu diesem Zweck hat die Feministin dem Männer-Trio Gott-Vater, -Sohn und -Heiliger Geist drei Göttinnen (Mutter, Tochter, Geistin) beigestellt. So kann es im Götterhimmel endlich wieder, wie in vielen alten mythischen Religionen, zur "Heiligen Hochzeit" kommen, dem "Fest aller Feste und Symbol schlechthin für die Erlösung von Frauen und Männern zur Liebe".
Wer nicht weiß, was gemeint ist oder wie es geht, dem empfiehlt Elga Sorge ausnahmsweise mal uneingeschränkt einen Bibeltext aus dem Alten Testament: das Hohelied Salomos, in dem ziemlich detailliert das Liebesspiel zwischen einem Hirten und seiner Geliebten beschrieben wird, etwa - in der Version des Dichters Manfred Hausmann - so:
Liebe mich gelinde, wie die Gazelle es tut, oder gewaltsam wie ein junger Hirsch in den Bather-Bergen . . .
Daß dein Kuß doch über mich käme wie ein kostbarer Wein, der über die Lippen und Zähne in die Tiefe gleitet des Mundes.
Von Jesus, bedauert Elga Sorge, habe die Christenwelt keinen so schönen Bericht, obgleich der Heiland laut Elga auch nicht ohne war. Wenn es stimme, was die - in den ersten christlichen Jahrhunderten abgewürgten - gnostischen Evangelien berichten, "dann war Jesus ein Liebes-Mensch, der seine Lieblingsjüngerin Maria von Magdala immer wieder auf den Mund küßte, was die Eifersucht seiner Jünger weckte".
Welche Turbulenzen die Liebe außerhalb der Bibel verursachen kann, erfuhr Elga Sorge, als sie am 8. Mai 1970 den Diplom-Handelslehrer Wulf Sorge heiratete: Noch auf dem abendlichen Hochzeitsfest verliebte sie sich in einen anderen. Ein halbes Jahr später war sie bereits von Wulf Sorge geschieden.
Als die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck sie 1973 als Studienleiterin am Pädagogisch-Theologischen Institut in Kassel zur Ausbildung von Lehrern und Pfarrern engagierte, "verzieh" ihr der damalige Bischof Erich Vellmer die Scheidung, falls sie Besserung gelobe.
Von der Ehe hatte Elga Sorge vorerst genug. Statt dessen zog sie 1977 für sechs Jahre mit drei Männern in eine Wohngemeinschaft - zwar nicht gerade mit Wohlwollen ihrer kirchlichen Vorgesetzten, aber doch mit deren Wissen. Immerhin ernannten sie die Ungestüme 1979 zur Lehrbeauftragten für Feministische Theologie an der Gesamthochschule Kassel.
Daß Elga Sorge nun vor ein kirchliches Strafgericht geführt wird, könnte sich als größte Blamage für protestantische Kirchenführer in den letzten Jahren erweisen: Theologisches Nachdenken als neuer protestantischer Straftatbestand - das mutet merkwürdig an in einer Kirche, die sich auf die Ketzer Jesus und Luther gründet.
Zur Lachnummer könnte das Verfahren geraten, wenn es um den Vorwurf der Kirchenleitung geht, Elga Sorge habe sich mit einem Ehebruch am Hochzeitsabend gebrüstet. Daß es so einen Sündenfall gar nicht gab, dafür will die Theologin notfalls 150 Hochzeitsgäste als Zeugen benennen - unter ihnen einen einstigen Skatbruder, den Komiker Otto Waalkes aus Emden.
Angesichts dieser Groteske ist es beinahe schon unerheblich, ob das Disziplinarverfahren überhaupt juristisch einwandfrei ist - was Elga Sorges Münchner Anwalt Helmut Rothemund mit guten Gründen bestreitet. Paragraph 2 des Disziplinargesetzes, ausdrücklich gültig für Geistliche wie auch für sonstige Kirchenbeamte, verfügt eindeutig: "Über den Vorwurf, ein Geistlicher sei in seiner Verkündigung von dem Bekenntnis der Kirche abgewichen, wird nicht nach diesem Gesetz entschieden." Ein eigenes Lehrbeanstandungsverfahren aber hat die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck nicht.
Mit einem juristischen Kunstgriff versuchen die Kasseler Kirchenjuristen die Klippe zu umschiffen: Elga Sorge habe sich in ihrem Dienstgelöbnis auf die protestantischen Bekenntnisschriften verpflichtet. Verstoße sie gegen diese, was die Kirchenleitung unterstellt, verletze sie ihre Amtspflicht und damit das Disziplinargesetz.
Die Theologin hat sich selber längst die Frage gestellt, "ob eine Frau, die das ganze Ausmaß christlicher Frauenfeindlichkeit erkennt, überhaupt noch innerhalb dieser Tradition und Kirche bleiben kann". Was sie dennoch ums Bleiben im Amt kämpfen läßt, ist neben der wohl vergeblichen Hoffnung, die Kirche "umzuwandeln", vor allem die Ebbe auf ihrem Postgirokonto Frankfurt 151694-608.
Doch schon deutet sich für den Fall eines Rausschmisses finanzielle Hilfe an. Ein Freundeskreis regt Austrittswillige an, jetzt aus der Kirche auszutreten und einen Teil der eingesparten Kirchensteuern monatlich an Elga Sorge zu überweisen. #

DER SPIEGEL 28/1989
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