10.07.1989

Mit Schlafpulver und doppelten Türen

Wie nie zuvor, warnen Fachleute, werden westdeutsche Auslandsurlauber in dieser Saison beraubt, betrogen und beklaut. Zwischen Holland und Hongkong büßen Bundesbürger pro Jahr mindestens 200 Millionen Mark ein, bei steigender Tendenz. Arglose Touristen, sagt ein italienischer Experte, „lassen sich oft betrügen wie kleine Kinder“.
Irene de Haer, Wirtin vom "Till Eulenspiegel", einem Lokal in der Düsseldorfer Altstadt, wollte "mal weg vom Tresen", möglichst weit weg, und trampte durch Asien bis nach Australien.
Dort traf sie Ende April auf andere Urlauber, die sich gerade anschickten, mal eben hinüber auf die Fidschi-Inseln zu gucken. Der Abstecher kam die Deutschen teuer zu stehen. Auf dem Weg zum Hotel wurde die Reisegruppe von Banditen überfallen und ausgeraubt.
Frau Wirtin behielt nur, was sie am Leibe trug. "Die haben total abgeräumt", ließ sich ihr Mann daheim berichten, "es war ein richtiger Piratenüberfall."
Deswegen hätte Irene de Haer nicht um den halben Globus reisen müssen. Auch wer nur über den Brenner nach Italien fährt, wer Südfrankreich durchquert und Urlaub an Spaniens Küsten macht, darf mittlerweile zufrieden sein, wenn er nicht unter die Räuber fällt.
Da können die Touristik-Unternehmen viel versprechen. "Mit Sicherheit schöne Ferien" garantieren sie, wie Scharnow, "mit allem, was wir zu bieten haben", sowie "Urlaub unter guten Sternen". Sie frohlocken: "Lebe deine Träume", und das Publikum fliegt darauf.
Doch wohin es auch geht, ob nach Bangkok im Fernen Osten oder lediglich hinter die Alpen in den nahen Süden: In den Sternen steht geschrieben, ob aus dem Traum nicht ein Trauma wird. Immer weniger können Auslandsurlauber darauf vertrauen, daß sie in den angeblich schönsten Wochen des Jahres nicht betrogen, bestohlen, beraubt, ausgenommen, übertölpelt werden.
Wenngleich natürlich noch immer Millionen westdeutscher Touristen unbehelligt bleiben - in Extremfällen sind sogar Mord und Totschlag inklusive, etwa wenn, wie geschehen, schiitische Fundamentalisten in Tunesien mit Bomben hantieren.
Die Sicherheit oder Unsicherheit von Urlaubsländern gerät zunehmend zum Argument im globalen Konkurrenzkampf der Tourismusstaaten. Wann immer spektakuläre Kriminalfälle Schlagzeilen machen, drohen Einbußen - wie zum Beispiel Anfang der achtziger Jahre, als in Italien die beiden Töchter des TV-Journalisten Dieter Kronzucker und deren Vetter von sardischen Banditen entführt wurden; Lösegeld: rund vier Millionen Mark.
Bisweilen scheint es gar, als würden Verbrechen inszeniert, um die Urlauberströme umzulenken. Im Mai erst wurde ein Ehepaar aus Neuss auf einem Campingplatz an der türkischen Ägäisküste erschossen - angeblich von Tätern, die aus politischen Gründen andere Ferienreisende abschrecken wollten, gleichfalls die Türkei als Ziel zu wählen.
Schon in der vergangenen Saison hatten linke türkische und kurdische Organisationen in Hamburg auf Flugblättern und Plakaten gewarnt: "Achtung! Lebensgefahr! Reisen Sie nicht in die Türkei!" Den Oppositionellen ging es darum, "die Tourismusindustrie als Einnahmequelle des Regimes zu treffen".
Was auch immer die Täter jeweils antreibt - die Konstellation "Sonne, Sand und Tod" stellt, wie ein britisches Blatt die Urlauberängste beschrieb, für die Tourismusindustrie ein kaum kalkulierbares Risiko dar. Reisemanager in London geben zu: "Das ist das schlimmste Problem, mit dem wir zu tun haben."
Tourismusbehörden wie Reiseveranstalter sind folglich in der Regel darauf bedacht, die Gefahren am Urlaubsziel möglichst zu verschweigen oder zu verniedlichen. So bleiben die wahren Dimensionen des Problems im ungewissen. Kriminalstatistiken schaffen wenig Klarheit: Sie zeigen zwar, wo besonders viele Verbrechen gemeldet werden, basieren aber auf unterschiedlichen Erhebungsmethoden, verraten nichts über die oft beträchtlichen Dunkelziffern und unterscheiden nicht zwischen Touristen und anderen Opfern.
Noch immer, soviel steht fest, sind brutale Gewalt und Blutvergießen die Ausnahme am Tatort Urlaubsziel. Doch das Schlachtmesser am Hals erfüllt seinen Zweck als Todesdrohung auch dann, wenn dem Opfer kein Haar gekrümmt wird.
Die minderen Delikte machen Schlagzeilen nur noch, wenn Prominente betroffen sind, wenn dem Filmemacher Wim Wenders in Saint-Etienne, so Ende Mai, der Aktenkoffer aus dem Auto gehievt wird; wenn Petra Kelly, so vorigen Sommer in Neapel, die Handtasche mit Schlüsseln, Geld, Kreditkarten und Kontaktlinsen entrissen wird und ihr Begleiter, der pensionierte General Gert Bastian, bei dem Überfall zwei Zähne verliert; oder wenn der bayrischen Adligen Josette von Montgelas zur selben Zeit Schmuck und teure Kleider aus ihrem Zimmer 217 im Pariser Hotel "Royal Monceau" geholt werden.
Wenn dagegen Hinz und Kunz, Schulz oder Schmidt im Urlaub plötzlich ohne alles dastehen, gilt das mittlerweile fast schon als Alltäglichkeit.
Nicht weniger als 27,5 Millionen Bundesdeutsche sind vergangenes Jahr auf Urlaub ins Ausland gefahren und haben sich das Vergnügen die Summe von 44 Milliarden Mark kosten lassen, bald soviel, wie im Bonner Etat für Verteidigung (54 Milliarden) vorgesehen ist. In dieser Saison, schätzen Touristik-Experten, überqueren mehr als 30 Millionen deutsche Urlauber die Grenzen. Damit werden die Bundesbürger ihren "Spitzenplatz unter den reisefreudigsten Nationen", so die Commerzbank, noch ausbauen.
Und: Immer mehr Deutsche wählen Urlaubsziele nicht mehr im nahen Dänemark oder im heimeligen Österreich, sondern reisen gerade in die ärmsten Regionen der Welt, nach Indien und Haiti, nach Mexiko oder auf die Philippinen. Der zunehmende Ferntourismus wiederum macht nicht nur für die Besucher, sondern auch für die Besuchten das steile Sozialgefälle zwischen dem Norden und dem Süden der Erde erlebbar - ein Niveau-Unterschied, der dazu beiträgt, Kriminalität zu produzieren.
Zwar läßt der Tourismus in den Zielländern ganze Wirtschaftsbranchen florieren, zumeist aber landet das Gros der Gewinne bei den Angehörigen der heimischen Oberschicht. Für die Masse der Hungerleider, die an der Tourismusindustrie nicht mitverdienen können, ist der kriminelle Griff nach dem Urlauber-Portemonnaie die einzige Möglichkeit, am Boom zu partizipieren.
Und nicht wenige klauen guten Gewissens. In Ländern der Dritten Welt ist die Ansicht weit verbreitet, daß sich die Industrienationen des Nordens an den Ländern des Südens noch immer ähnlich bereichern wie einst im Kolonialzeitalter.
In der Tat haben die nicht eben fairen Weltwirtschaftsbedingungen und die Schuldenpolitik gegenüber der Dritten Welt bewirkt, daß "allein in diesem Jahr der Netto-Finanztransfer vom Süden zum Norden ungefähr 35 Milliarden Dollar erreichen wird", wie der Nord-Süd-Experte und Ex-Kanzler Willy Brandt resümiert. "Eine gänzlich absurde Situation" sei das, sinniert der Sozialdemokrat, "so, als wenn die Bluttransfusion vom Patienten zum Arzt laufen würde".
Während es den Tätern oft am Unrechtsbewußtsein mangelt, macht es ihnen manch ein Tourist ziemlich leicht, sich auf illegale Weise ein Stück vom Reichtum des Nordens zu nehmen. Voll beladen mit westdeutschem Wohlstand, sind die Kolonnen der Urlauber einem Kaufhaus vergleichbar, das vergessen hat, nach Ladenschluß die Rollgitter niederzulassen.
Die "überquellenden Koffer" weckten vor allem in den ärmeren Regionen der Erde "kaum stillbare Bedürfnisse", urteilt der Baseler Soziologe Ueli Mäder. Eine amerikanische Studie belegt, daß die Kriminalitätsrate eines Urlaubslandes weitgehend von der Zahl der Touristen abhängt, die hereinströmen.
Die Autoren eines "Südostasien-Handbuchs" für Rucksacktouristen geben zu bedenken: "Selbst mit 1000 Mark in der Tasche tragt ihr für manche Menschen, denen ihr begegnet, ein Jahreseinkommen mit euch herum."
Die meisten haben wohl mehr bei sich. Jahr für Jahr werden, wie Versicherungsexperten schätzen, westdeutsche Urlauber im Ausland um mindestens 200 Millionen Mark bestohlen. Das Manko werde, fürchten die Versicherer, in diesem Sommer ebenso wachsen wie die Zahl der Autos, die vor allem in Südeuropa verschwinden: "Rund 6000" jährlich zählte der ADAC zuletzt in den Ferienländern.
Da hilft es wenig, daß immer mehr Reiseratgeber mit Kapiteln über "Sicherheit" und "Wertsachen" angereichert werden. "Sobald die Leute über die Grenze sind, vergessen sie selbst die einfachsten Vorsichtsregeln", meldet der ADAC: "Das ganze Jahr über veröffentlichen wir Ratschläge, aber wahrscheinlich liest die keiner."
Aus langer Erfahrung weiß auch Hans Werner Lautenschlager, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, "daß der Bürger die Risiken des Auslandstourismus oft und manchmal auch erheblich unterschätzt" und in dem Glauben losfährt: "Mir wird schon nichts passieren."
Beim italienischen Fremdenverkehrsamt in München klagt Direktor Francesco Biciocchi: "Die Touristen lassen sich oft betrügen wie kleine Kinder." Biciocchi muß es wissen: Sein Bella Italia zählt neben Spanien zu den tückischsten Ferienregionen, jedenfalls in Europa.
Der Leichtsinn, mit dem die Urlaubsdeutschen sich auf den Weg gen Süden machen, als ginge es nach Westerland oder an den Wannsee, beginnt schon damit, daß sie zumeist bar jeder gründlichen Information über ihr Reiseziel sind und sich allenfalls die Sehenswürdigkeiten eingepaukt haben, vor denen sie sich knipsen lassen wollen - ahnungslos, was Sitten, Bräuche und soziale Probleme des fremden Landes anbetrifft. Und sprachlos obendrein: Wenn sie angeredet werden, verstehen sie oft nicht einmal Bahnhof.
So werden viele nicht nur Opfer von Kriminellen, sondern schlicht Opfer ihrer Ignoranz. Wer etwa in Kenia öffentlich im "Playboy" blättert, läuft Gefahr, vor Gericht gestellt zu werden, und wer sich selber bis auf die Haut auszieht, muß nicht nur in Afrika mit Ungemach rechnen.
Nackte bekommen es wegen unzulässigen Betragens auch in Thailand mit der Polizei zu tun und können selbst in Italien noch über den Strand gejagt werden. Verquere Sexualmoral brachte einen italienischen Gymnasiasten in diesem Frühjahr sogar dazu, an der ligurischen Küste eine 54 Jahre alte Frau zu erschlagen, die sich oben ohne gesonnt hatte. Auf Sardinien steinigten Einheimische zwei schwedische Touristinnen, die halbnackt ins Wasser liefen.
Als sakrosankt gelten mitunter auch die Konterfeis von Staatsoberhäuptern, und seien es die auf Geldscheinen. In Kenia kam ein deutscher Urlauber ins Gefängnis, der eine 100-Schilling-Note mit dem Fuß festhielt. Die Polizei: "Sie haben unseren Präsidenten getreten." Wegen "Staatsbeleidigung" wurden Feriengäste in Jugoslawien belangt, die sich mit einem 100-Dinar-Schein, aktueller Wert: zwei Pfennig, großspurig die Zigarette angesteckt hatten.
Viel Geld werden Touristen, rund um die Welt, auch deshalb los, weil sie nicht im Kopf haben, wie sich die jeweilige Landeswährung rechnet.
Da kann es passieren, daß ein Fremder in Amsterdam ungehörige 88 Gulden statt 30 für das Taxi bezahlt: Der Fahrer liest die Summe von der Frequenzanzeige seines Autoradios ab. In Italien machen sich Tankstellen den ungewöhnlichen Umrechnungskurs - 1000 Lire sind nicht mehr als 1,40 Mark - zunutze und füllen Benzin ein, wenn noch 19,9 Liter auf der Zapfsäule angezeigt sind; die Endsumme geht so oder so in die Zehntausende und hat für den irritierten Kunden schon seine Ordnung.
Bargeld lacht auch an mancher Hotelrezeption. In Bordighera (Italien) zum Beispiel deponierte ein Urlauber seine gesamte Reisekasse in Höhe von 1,5 Millionen Lire im Hotelsafe und sah zu spät, daß die Quittung nur über eine Million ausgestellt worden war. Die Reklamation war umsonst, im Safe lag nichts als diese Summe. Verlust: 700 Deutsche Mark.
Den Hoteltresor nicht zu nutzen kann auch verkehrt sein. Auf Gran Canaria zum Beispiel werden gezielt Hotelzimmer leergeräumt, deren Bewohner keinen Safe gemietet haben. Die Diebe, vermutet die Polizei, erhalten die Information vom Hotelpersonal.
Geneppt wird in Bangkok, wo Schneider in der Sukhumwit Road billige Kunstfasern als Thai-Seide verkaufen. Auf den Parkplätzen am Kalterer See in Südtirol drehen Händler aus Mailand den Neuankömmlingen aus dem Norden wertlose Imitate als Rolex-Uhren an. In Neapel legen Ambulante die Touristen mit Walkmans herein, die Attrappen sind, oder tauschen einen echten Walkman im Handumdrehen gegen eine Schaupackung aus, in der Kieselsteine liegen.
Zumeist aber wechseln Geld und Gut den Besitzer ohne Zwischenhandel. Dazu genügt es, dem Rat der "Stiftung Warentest" zu folgen, bei langen Autofahrten dann und wann "unbedingt für ein kurzes Nickerchen" anzuhalten. Vor allem südlich der Alpen kann das zu bösem Erwachen führen: Kofferraumklappe geöffnet, Gepäck verschwunden.
Doch auch wer die Augen offenhält, kann seiner Sachen nicht sicher sein. Reifenstecher, ausgerüstet mit Büchsenöffnern, machen sich an den Mautstellen auf Italiens Autobahnen ans Werk, greifen zu, sobald der Fahrer den Plattfuß bemerkt und aussteigt, oder helfen sogar beim Reifenwechsel und sacken ein, was auf den Sitzen liegt.
Selbst was am Auto niet- und nagelfest erscheint, verschwindet häufig in Sekundenschnelle. Ein "Ratgeber für Touristen und Reisende" mit einem Geleitwort des spanischen Botschafters in Bonn offenbart: "Wenn es in Deutschland möglich ist, daß ein Autoradio geklaut wird, ist dies in Spanien geradezu die Regel."
In Benidorm, berichtet die im August vergangenen Jahres erschienene Broschüre, wurden "am hellichten Tage von einem Düsseldorfer BMW alle Türen, der Kofferraumdeckel und das Radio abmontiert", und "praktisch alles, was man am Auto abschrauben kann", werde ebenfalls abgeschraubt: "Zusatzscheinwerfer, ganze Scheinwerfersätze, Rückspiegel".
In Genua, berichtet das Ferienmagazin "Holiday", weiß die Polizei, daß ein Profi "ganze 16 Sekunden" zum Autoknacken benötigt, "bei einem Fiat geht's noch schneller". Handhabung: "Man lehnt sich gegen die Hintertür, hebt sie an und drückt - das war's."
In Neapel wurde sogar schon die Polizei selber zum Opfer. Nach einer kleinen Verschnaufpause mußten zwei Carabinieri dort zur Kenntnis nehmen, daß ihr Streifenwagen nur noch Blech ohne Räder und Sitze war.
In Süditalien und auf Sizilien karriolen, ohne Nummernschild, jugendliche Moped-Gangs über die Straßen, bringen durch riskante Manöver reichbeladene Touristenautos zum Halten, reißen Tür und Kofferraum auf und nehmen mit, was greifbar ist.
Das funktioniert einfacher noch vor Bahnschranken und Ampeln. Da kommen Kinder mit Eimern und Lappen und fangen an, die Scheiben zu wischen. Wenn es kein Trinkgeld gibt, schrammen sie mit einem Nagel über den Lack. Steigt der Fahrer aus, um sich den Übeltäter zu schnappen, ist er sogleich von lärmenden Erwachsenen umringt - am Ende fehlt auch hier Gepäck.
Helmut Mauderer, Fahndungsleiter im Stuttgarter Landeskriminalamt, rät deshalb: "Man sollte nie das Auto verlassen, wenn man in Italien von Kindern provoziert wird." Doch auch Sitzenbleiben nutzt oft nichts.
Vor allem Palermo und Neapel sind wegen eines Tricks berüchtigt, der sogar während der Fahrt funktioniert: Mit einem Hammer, wie er für Notfälle im Omnibus hängt, oder einer schweren Kette zertrümmern Moped-Gangster - häufigste Marke: Vespa 48 - die Heckscheibe, räumen die Ablage leer und verschwinden im Verkehrsgewühl.
Die Masche hat sich unterdes in Spanien herumgesprochen. In Malaga zum Beispiel haben sich Werkstätten auf die Reparatur zerschlagener Autofenster spezialisiert und Scheiben aller gängigen Modelle am Lager. Um wenigstens mit heilen Scheiben durch das Land zu kommen, sind vor allem holländische Urlauber dazu übergegangen, an der Costa del Sol im Konvoi zu fahren.
Peter Hohl, Autor einer Beschreibung von "99 Gangstertricks und wie man sich dagegen schützt", weiß für Italien-Reisende keinen besseren Rat als: "Fahren Sie nicht mit dem Auto nach Italien, wenn Sie Ihr Fahrzeug anschließend noch benötigen. Dies gilt insbesondere dann, wenn Sie einen Mercedes, einen BMW oder einen Porsche fahren."
Tatsächlich wurden letztes Jahr allein in Neapel rund 40 000 Autos als gestohlen registriert - Tagesdurchschnitt: 110. Luxuswagen, so glauben die Ermittler, werden nach Übersee verschifft, die anderen landen unerkennbar verändert auf dem Gebrauchtwagenmarkt oder werden zerlegt und ersatzteilweise weiterverkauft.
Wo die Urlauber schon in ihren Kraftfahrzeugen vor fremdem Zugriff nicht sicher sein können, ist ein Tourist zu Fuß erst recht leichte Beute. In Italien ist er dem "Scippo", in Spanien dem "Tiron" ausgesetzt, beides zu deutsch: Taschen- und Handtaschendiebstahl, der vom Moped aus verübt wird.
Meist rollen die Täter im Leerlauf von hinten an ihr Opfer heran, reißen ihm die Tasche aus der Hand oder von der Schulter, beschleunigen, picken sich Geld, Schecks, Scheckkarte aus der Tasche, werfen sie fort und sind verschwunden.
Mitunter wird das Opfer ein Stück mitgeschleift und kommt dabei sogar zu Tode wie kürzlich eine alte Frau in Neapel. Oder wie eine Japanerin in Rom, die von einem Auto aus beraubt wurde, stürzte und mit dem Kopf auf die Bordsteinkante aufschlug.
Viele "scippatori" sind drogenabhängig und nicht älter als 20. Obwohl etwa in Neapel täglich 800 Polizisten, viele davon in Zivil, durch die Straßen patrouillieren, wurden in nur acht Monaten des vergangenen Jahres 2000 Scippi-Fälle gemeldet, Tendenz steigend.
Gleichwohl urteilt ein Sprecher des italienischen Innenministeriums: "Die Situation hat sich sehr gebessert. Der Tourist kann sich heute in Italien viel freier und ruhiger bewegen." Aber: "Wir können nicht für jeden Touristen einen Polizisten abstellen."
Viele Urlauber hätten es nötig. Michele Giordano, Journalist aus Neapel, sieht zwar "immer weniger Touristen, die sich leichtsinnig benehmen, indem sie die Kamera locker über die Schulter hängen haben oder dergleichen".
Zugleich jedoch beobachtet er "ein Defizit an Informationsbereitschaft": "Anstatt sich an ein Touristenbüro zu wenden, wollen sie die Stadt auf eigene Faust erkunden und geraten in unangenehme Situationen."
Unangenehm kann es nicht nur am Mittelmeer werden, sondern überall, wo Leute sich durch kurze Hosen, merkwürdige Hüte oder durch Kameras mit Spezialobjektiven vor dem Bauch weithin als wohlhabende Touristen kenntlich machen und durch die Elendsviertel fremder Städte spazieren.
Auch wo nur hinreichend dichtes Gedrängel herrscht, ob vor dem Louvre in Paris oder an der Kinokasse in Cannes, werden, sagt ein Sicherheitsfachmann des französischen Innenministeriums, "stets kriminelle Elemente anzutreffen sein, das ist auf dem Münchner Oktoberfest nicht anders als im August in St. Tropez".
Oder, zum Beispiel, in Rio de Janeiro an der Copacabana. Von einem der Hochhäuser herab läßt sich dort "eine tagesfüllende Live-Show professionellen Raubes a la carioca", nach Art von Rio, miterleben, wie Reporter berichten. Aus den oberen Stockwerken der Strandhotels beobachten Privatpolizisten mit Ferngläsern den hoteleigenen Strandabschnitt und melden über Walkie-talkie jeden Überfall den Kollegen in Badehose unten am Wasser. Alle 200 Meter sind zudem Sicherheitsbeamte plaziert.
Derweil geht es hinterrücks drunter und drüber. Ins Rio-Hotel "Arpoador" drangen frühmorgens zur Weihnachtszeit sechs Männer mit Pistolen ein, bohrten die Tresore auf, entnahmen Schmuck, Dollars, Flugtickets und Pässe der Gäste. Im Karneval kamen sie wieder und holten sich noch einmal 200 000 Dollar.
Der amerikanische Journalist Everett G. Martin empfahl seinen Lesern: "Es wäre vernünftig, außerhalb Brasiliens zu bleiben."
Nur wo? Kaum ein Campingplatz im Süden, der nicht von Banden observiert wird. Wenn, wo auch immer, jemand naht und einem die aufgeschlagene Zeitung, die Straßenkarte oder ein Pappschild vor die Nase hält, kann Taschendiebstahl nicht ausgeschlossen werden. Die Zigeunerin, die einem Mallorca-Urlauber liebevoll eine Nelke an das Revers nestelt, die hübsche Exotin, die in Paris den Touristen am Ärmel festhält und ihm aus der Hand die Zukunft weiszusagen verspricht - Taschendiebe.
Im Hungerstaat Rumänien, so in Konstanza am Schwarzmeerstrand, sammeln Frauen in bunter Tracht sogar schon die Eimer und Schaufeln spielender Kinder ein und verkaufen sie außer Sicht an andere Badegäste.
Durch die Drogenmetropole Amsterdam trabt ein schwarzer Schäferhund, der darauf abgerichtet ist, in Cafes die Handtaschen unter den Stühlen zwischen die Zähne zu nehmen und sie seinem Herrn zu apportieren. Um die 30 Jugendbanden sind in den Straßen von Amsterdam hinter Touristen her: "Sie stehlen, um ihr Arbeitslosengeld aufzustocken", befand das "Algemeen Dagblad".
Neuester Trick in Spanien: Angeblich Aids-Infizierte bedrohen Urlauber mit einer Injektionsspritze und erpressen Geld, Uhren und Schmuck. "Gewalt gegen Ferienreisende", schrieb der Londoner "Independent" im Mai, "zählt in Spanien zu den traurigen Tatsachen des Lebens."
Auch Bahnreisende sind in manchen Ländern nicht sicher. "Die Angst", meldete der italienische "Corriere della Sera", "fährt in den Ferienzügen mit." Vor allem in den Nachtzügen zwischen der Bundesrepublik und Italien mehren sich die Überfälle.
Harmlos ist noch der Sakko-Trick, eine Jacke über die des Opfers im Abteil zu hängen und beim Abnehmen die Brieftasche herauszufingern. Ausgepichter ist es schon, wenn ein Unbekannter dem Reisenden im Speisewagen eine Tasse Kaffee spendiert, der daraufhin für Stunden in Tiefschlaf fällt, sobald er ausgetrunken hat.
Ende April sah sich im Simplon-Expreß von Paris nach Venedig eine ganze Reisegruppe von 42 Personen ihrer Pretiosen ledig. Die Diebe hatten über die Klimaanlage betäubendes Gas in die Abteile geblasen. Im Mai koppelten Unbekannte gleich hinter dem Brenner den Gepäckwagen ab, der am anderen Tag leer in Rom auf einem Abstellgleis stand - ein Trupp Deutscher ging aller Koffer verlustig.
Je weiter einer reist, desto mehr kann er erzählen. "Im Vergleich zu den bisweilen recht einfallslosen Methoden der Langfinger aus Industrieländern arbeiten Asiaten und Lateinamerikaner mit meisterhaften Tricks und einer umwerfenden Dreistigkeit", sagt der West-Berliner Tourismusexperte und Fachautor Jens Peters: "Versteht man dazu noch die Ursache ihres Tuns, macht sie das sogar ein wenig sympathisch - bis man selbst einmal betroffen ist."
Peters, Verfasser von Asien-Reiseführern, hat Dutzende von Vorbeuge-Tips für Touristen gesammelt - Leseprobe aus seinem "Philippinen-Reise-Handbuch" für Alternativurlauber:
Sollte Euch jemand aufgeregt darauf hinweisen, daß Ihr gerade Euer Geld verloren habt, bleibt ruhig und greift nicht gleich dorthin, wo die Scheine normalerweise sitzen. Auf diesen "Verrat" wartet der lauernde Taschendieb nur!
Solltet Ihr einmal überfallen werden (zum Beispiel vom Motorrad aus oder in einer dunklen Gasse), dann wehrt Euch nicht. Filipinos schießen schnell. Besonders auf Helden.
Wenn Ihr "zufällig" im Park von einer fröhlichen Clique zu einer (gestellten!) Geburtstagsfeier eingeladen werdet, geht weiter. Die Feier wird schon nach kurzer Zeit vom Park in irgendein Haus verlegt, wo man dem teuren Gast meistens eine Massage verpaßt oder eine "übliche rituelle Waschung" verabreicht und ihn dabei in aller Ruhe ausnimmt (Schlafpulver, doppelte Türen im Kleiderschrank).
Autor Peters weist den Vorwurf zurück, er wolle mit solchen Warnungen ein asiatisches "Feind-Image" schaffen und "die Einheimischen diskriminieren": "Filipinos sind durchweg freundlich und nett", beteuert er, aber es gebe eben auch dort "schwarze Schafe".
Daher seien "übertriebene Gutgläubigkeit und blinder Leichtsinn" zu vermeiden und, wie in vielen anderen Ländern der Dritten Welt, eine Reihe von Sicherheitsvorkehrungen angezeigt. Peters spart nicht mit teils skurrilen Ratschlägen - so empfiehlt er, Einbrecher durch "Scherzzigaretten" und kleine "Platzpatronen" zu verwirren, die im Hotelzimmer ausgelegt werden.
Wird da die Angst vor Drittwelt-Dieben zur Hysterie? Oder ist wirklich bald jedes Urlaubsziel ein potentieller Tatort? In Skandinavien, verraten Verkäufer in Reisebüros, könnten Urlaubsgäste sich noch angstfrei erholen. Auch Japan - für die meisten Urlauber freilich keine erschwingliche Alternative - zählt, so ein Handbuch, zu den "sichersten Ländern der Welt", abgesehen von der latenten Erdbebengefahr und dem für manchen Europäer tückischen Umstand, daß viele Türen nicht höher als 1,75 Meter sind.
Aber sonst? Kriminalität jeder Sorte, Lug und Trug die Menge? Immerhin 70 Millionen Mark Schaden haben nach Angaben des Bundeskriminalamts westdeutsche Urlauber vergangenes Jahr durch Diebstahl ihrer Schecks und Scheckkarten erlitten. Auch wer nur die Schecks einbüßt und die Scheckkarte behält, muß mit Verlusten rechnen. Griechische Boutiquen zum Beispiel beschriften die Scheckrückseite häufig mit Phantasienummern von Karten, die gar nicht vorgelegen haben.
Leihwagen-Unternehmen in den Ferienländern unterbieten einander im Konkurrenzkampf und versuchen, das Manko über Nebengebühren auszugleichen, etwa indem sie vertragswidrig die Kaution einbehalten, weil am Wagen angeblich etwas entzwei ist - dem Palaver, das die Verleiher veranstalten, sind selbst halbwegs sprachkundige Urlauber selten gewachsen.
Einheimische Reisebekannte tragen tränenreich vor, in eine Notlage geraten zu sein, und bitten den deutschen Freund, mit einem kleinen Darlehen auszuhelfen, "nur bis morgen". Sie zeigen falsche Personalpapiere und werden samt Geld nie wiedergesehen.
Auch Geschenk-Offerten sind mit Vorsicht zu genießen. So warnte das britische Foreign Office letzten Monat davor, sich in Badeorten an der türkischen Südküste von netten Zufallsbekannten mit Obstsaft oder Erdbeeren bewirten zu lassen: Mehrfach hatten Touristen nach dem Genuß vergifteter Gaben erst ihr Bewußtsein und dann ihre Wertsachen verloren.
Übers Ohr gehauen werden Urlauber auch mit sogenannten Timesharing-Angeboten vor allem auf Teneriffa und Fuerteventura. Von professionellem Gelichter werden sie mit "Frei-Drinks" und "Leihwagen gratis" in Ferienparks gelockt, die noch im Bau sind.
Dort, so "die einmalige Gelegenheit", sollen sie mit zwölf anderen zusammen eine Wohnung kaufen und berechtigt sein, vier Wochen im Jahr in diesen Räumen oder an anderen Plätzen irgendwo auf der Welt kostenlos Urlaub zu machen.
Von wegen kostenlos. Die Preise sind meist nicht nur horrend überzogen, oft werden die Wohnungen auch doppelt und dreifach verkauft. Wer eben noch rechtzeitig vom Vertrag zurücktritt, hat gleichwohl Ärger und Schulden, Schadenersatzforderungen, Anwalts- und Maklergebühren am Hals.
Auf den Kanaren, ohnehin Spitzenplatz der Urlaubskriminalität, droht noch Schlimmeres. Reiseleiter bezeichnen das Kasbah-Einkaufszentrum in Playa del Ingles als Mädchenfalle: Dealer laden Mädchen zum Drink in eine Diskothek, in der sie mit Hasch "frischgemacht" und auf eine Yacht Richtung Afrika verladen werden. "Manche", erzählt ein Kasbah-Kenner, "sind von solchen Trips nie wiedergekommen."
Überhaupt: Jedweder Unbill in der Ferne sind Frauen am ehesten ausgesetzt - nicht nur, weil sie Frauen sind, sondern auch, weil sie das Hauptkontingent der Alleinreisenden stellen.
Vergangenes Jahr gingen nach einer Dokumentation des Starnberger Studienkreises für Tourismus 2,2 Millionen Frauen, aber nur 1,6 Millionen Männer solo auf Tour. Nicht nur die vielen Unverheirateten brechen ledig und sich selbst genug in die Ferien auf, auch immer mehr Ehefrauen machen im Urlaub auch Urlaub von Mann und Kind.
"Meine Interessentinnen sind zwischen 18 und 70 Jahre alt", sagt Hannelore Vierroth-Lewitzki, die in Köln ein "Frauen-Reisebüro" betreibt, das Reisepartnerinnen vermittelt. Die Anfragen reichen bis zu mehrmonatigen Touren.
"Single-Urlaub ist wie eine Kur", empfehlen Psychologen reiselustigen Frauen. Doch bisweilen endet der Trip als Alptraum. Ingrid Backes, Autorin eines "Frauenreisebuchs", kennt nach ausgiebigen Recherchen "keine Frau, die öfters gereist ist und nicht einmal oder mehrmals in vergewaltigungsnahen Situationen gesteckt hat".
Da brauchen die Alleinreisenden nur an einen Mann namens Johnny zu geraten, der als versierter Dschungelführer von Malaysia gepriesen wird. Reisehandbücher loben seine Zuverlässigkeit, seine Ortskenntnis, das elegante Englisch, die raffinierte Kochkunst - notfalls brät er Fledermäuse.
Nicht verzeichnet ist eine Spezialität, die Johnny einsamen Frauen andient: Unter dem Vorwand, es handele sich um ein Schmerzmittel, verabfolgt er ihnen eine Schlafdroge und vergeht sich an den dahindämmernden Damen. Eine Dänin, 23, erzählt, sie sei "unter fortgesetztem Drogeneinfluß tagelang Sklavin" des Dschungelmanns gewesen.
Derlei geschieht nicht nur hinten im Busch. Jahr für Jahr zur Sommerzeit schrecken Meldungen über Hunderte vergewaltigter Italien- oder Spanien-Urlauberinnen die Westdeutschen. Und je häufiger die Schocknachrichten, desto ausführlicher werden die Ratschläge, wie sich Frauen vor Urlaubserlebnissen bewahren können, die allenfalls anderen Vergnügen bereiten.
"Wer beispielsweise in Moslem-Gegenden mit knappen Shorts, engen T-Shirts und ohne BH herumläuft, gilt als Freiwild", warnte die Frauenzeitschrift "Brigitte". Weil auch Blicke provozieren können, empfiehlt ein "Handbuch für Selbstreiser": "In strengen Moslemländern ist eine Sonnenbrille mit undurchsichtigen Spiegelgläsern am besten." Solche gutgemeinten Ratschläge kollidieren allerdings mit dem Anspruch mancher Urlauberin, sich auch und gerade in den Ferien selbst zu verwirklichen.
"Sexuelle Freiheit", hieß es jüngst in den Leserbriefspalten der alternativen "taz", sei schließlich nicht jahrzehntelang erkämpft worden, um ausgerechnet im Urlaub eingeschränkt zu werden - etwa durch Verzicht aufs Nacktbaden oder auf Mini-Textilien; vielmehr sei es an der Zeit, daß auch mediterrane Männer endlich lernten, ihre Begierde zu zähmen. Andere AutorInnen konterten, solche Einstellungen verrieten sträfliche Borniertheit und mangelnde Bereitschaft, sich als Gast fremden Kulturen anzupassen.
Fachkundige Frauen halten die meisten einschlägigen Tips für wertlos. Renate Loose, Reiseschriftstellerin und häufig allein unterwegs, hat erfahren: "Es gibt viele Patentlösungen, wie man sich Moskitos und Blutegel vom Leib hält, doch niemand hat bisher ein wirksames Mittel für Frauen entdeckt, das vor aufdringlichen Männern schützt."
Manche Touristin kommt ohne Schutz ganz gut zurecht. Wie die Reisebuchautorin Backes schreibt, komplettiert für die emanzipierte Nordeuropäerin oft erst die Liebesnacht mit einem Einheimischen das Urlaubserlebnis. Neben Rhodos gelte vor allem Jamaika als "Geheimtip für unbefriedigte Westlerinnen, wo die knackigen braunen Jungs den finanzkräftigen Damen aus den europäischen Metropolen zu Willen sind".
Nicht zuletzt deshalb sehen sich Frauen, die zu Sex-Opfern werden, in manchen Ländern mehr noch als daheim dem Verdacht ausgesetzt, sie hätten die Tat durch ihr Verhalten erst ermöglicht - eine Version, die bisweilen auch Richtern nur allzu rasch schlüssig erscheint.
Der jüngste Fall dieser Art betraf die Berliner Lehrerin Ute Loh, 48, und deren Tochter Melanie, 21, die Ende März am Strand von Zypern, türkischer Teil, in ihrem Zelt unliebsame Bekanntschaft mit einem jungen Fischer machten.
Am Ende war Melanie vergewaltigt, der Fischer, laut Auskunft von Freunden "ein Kraftprotz, der es auch mit 20 Frauen hätte aufnehmen können", lag mit zerbissenem Penis und mit einem Gürtel stranguliert tot am Boden.
Das Gerichtsurteil der ersten Instanz - vier Jahre Gefängnis für die Mutter, drei für das Mädchen wegen gemeinsamen Totschlags - löste in der Bundesrepublik eine Protestwelle aus; Tausende von Frauen appellierten an Außenminister Hans-Dietrich Genscher, gegen das Urteil vorzugehen, eine "Berliner Frauenfraktion" rief zu Spenden für die Urlauberinnen auf. Am Freitag vorvergangener Woche verkündete die Revisionskammer in Nikosia den Freispruch für die Berlinerinnen. Ihr Recht auf Notwehr wurde anerkannt, nach 99 Tagen Haft.
Wie im Fall von Ute und Melanie Loh endet manch eine Urlaubsreise im Gefängnis. "Mit zunehmender Reisetätigkeit", konstatiert das Bonner Auswärtige Amt, "ist die Zahl der Deutschen gestiegen, die ihren Urlaub hinter Gittern beenden" - rund 25 000 pro Jahr.
"Immer gegen Ende der Urlaubszeit h äufen sich die Hilferufe von Touristen, die einen verlängerten Urlaub in ausländischen Gefängnissen verbringen müssen", bestätigt der Bundesverband der Straffälligenhilfe, bei dem "die ganz armen Schweine" vorstellig werden, die sich weder Anwalt noch Dolmetscher leisten können.
In Griechenland kann einen Touristen schon ein Gramm Haschisch in die Zelle bringen, ein Kilo kostet acht Jahre, gleich 15 dieselbe Menge Heroin. Zur Zeit sitzen 35 Deutsche bei den Hellenen ein.
Bestrafung riskiert auch, wer nur Schmugglern auf den Leim geht und flüchtigen Bekannten den Gefallen tut, ein Päckchen nach Deutschland mitzunehmen, was einem besonders häufig in Italien angetragen wird.
Kripo-Fahndungschef Helmut Mauderer in Stuttgart kennt viele solcher Fälle. "Ein Emilio bittet, nehmt doch die Puppe für mein Enkelkind in Zuffenhausen mit, und wenn Rauschgift in der Puppe steckt, ist man der Mops." Dann "muß man der Polizei viel erklären, um heil herauszukommen".
In Holland ist ein spezieller Trick verbreitet, arglose Touristen als Rauschgiftkuriere einzusetzen: Die Täter provozieren leichte Unfälle, lotsen die Urlauber in eine ausgesuchte Werkstatt, die "alles kostenlos repariert", befestigen mit starken Magneten ein Rauschgiftpaket am Wagen und notieren aus dem Kraftfahrzeugschein die Heimatadresse. Ein paar Tage später holt ein Bandenmitglied den Stoff vor der Haustür ab, wo der Wagen parkt.
Kaum eine Statistik freilich gibt Auskunft darüber, wie oft deutsche Touristen selbst im Ausland kriminelle Taten begehen. "Aus Gefälligkeit in eine Straftat reinrutschen", warnt ein deutscher Reiseleiter, kann schon, wer sich im Urlaub breitschlagen läßt, einen Versicherungsschaden zu türken, und den Bruch der Brille eines Bekannten auf die eigene Kappe nimmt, das Geld für eine neue Brille zahlt und sich die Summe von seiner Versicherung ersetzen läßt.
Häufiger sind Fälle, in denen Urlauber Koffer, Autos und sogar Gebisse als gestohlen melden, die überhaupt nicht abhanden gekommen sind. Ein erheblicher Teil vermeintlicher Ausländerkriminalität gegen Touristen ist daher in Wahrheit von Deutschen verursacht. Das Bundeskriminalamt schätzt, daß 30 bis 50 Prozent der Autodiebstähle im Ausland vorgetäuscht sind.
Lothar Quirbach, Bevollmächtigter deutscher Versicherungen in Italien, vermutet, daß manches angeblich gestohlene und der Versicherung mit überhöhten Beträgen in Rechnung gestellte Auto in Wahrheit auf dem Grund des Gardasees liegt, dem "Bermuda-Dreieck für Personenwagen".
Massenhaft betrogen sehen sich auch die Krankenkassen. So legte ein Versicherter seiner Wuppertaler Kasse ein Attest des Prinzessin-Basma-Krankenhauses in Irbid, Jordanien, vor, wonach er wegen Durchfalls fünf Wochen lang stationär behandelt worden sei. Eine Nachprüfung durch die deutsche Botschaft ergab, daß es sich bei dem Attest ("im Namen Allahs, des Allbarmherzigen") um eine Fälschung handelte. In einem anderen Fall präsentierte ein Versicherter die Rechnung eines Krankenhauses im thailändischen Pattaya, einer Anstalt, die, so das Bundesversicherungsamt, "nicht existiert".
Nicht selten auch werden deutsche Touristen zu Opfern deutscher Touristen. Täter sind häufig abgebrannte Traveller, die sich an ihresgleichen halten und vorzugsweise Landsleuten an den Rucksack gehen.
Die an exotischen Gestaden gestrandeten Erstweltler, "die nur noch eigennützig an ihre nächsten Tage denken", seien nicht minder gefährlich als "so einige Drittwelt-Ganoven", warnte die Zeitschrift "Fernweh". Zu erkennen seien die diebischen Deutschen "meistens an der kumpelhaften Hilfsbereitschaft und anfänglichen Großzügigkeit, bevor sie versuchen, einem gefragt oder ungefragt an die Vorräte zu gehen".
Wer - wie die meisten Touristen - den Rückflug oder die Rückfahrt aus dem Urlaub antreten kann, ohne im Ausland zum Verbrechensopfer geworden zu sein, sollte sich allerdings nicht allzufrüh freuen.
Kriminalbeamte beispielsweise in Hannover "zählen die Fälle nicht mehr", in denen die Leute ihre Ferien in der Fremde unbeschadet überstanden haben, "und dann steht zu Haus die Wohnungstür offen, und einer hat ausgeräumt" (siehe Kasten Seite 67).
Nicht selten liegt der Schlüssel für solche Taten, buchstäblich, in Italien, Spanien oder sonstwo im Ausland.
Organisierte Banden etwa auf Ischia oder Capri haben sich darauf spezialisiert, für kurze Zeit die Schlüsselbunde von Hotelgästen verschwinden zu lassen, Nachschlüssel anzufertigen und an der Rezeption die Heimatadresse des Inhabers zu erfragen - dort arbeiten Komplizen dann in Ruhe und auf Nummer Sicher.
Mit der Visitenkarte, die mancher freigebig an Zufallsbekanntschaften im Urlaubsland seiner Träume verteilt, geht es noch einfacher.
"Nehmen Sie alles mit, was Sie haben", rät die Polizei deshalb, "aber lassen Sie bloß die Visitenkarten im Schreibtisch."

DER SPIEGEL 28/1989
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