10.07.1989

„Ganoven machen keinen Urlaub“

Alltagsdelikt Wohnungseinbruch: „Feriensprung“ im Sommer
Vor seiner Abreise nach Teneriffa hatte der 42jährige Versicherungsmakler aus Mönchengladbach auf seinem Anrufbeantworter für Freunde und Geschäftspartner eine kurze Nachricht hinterlassen: "Ich bin bis zum 24. August im Urlaub. Sie können mich erst dann wieder erreichen."
Das Band wurde offensichtlich von den falschen Leuten gehört. Als der Makler nach vier Wochen, braun gebrannt und gut gelaunt, seine Wohnungstür aufschloß, glaubte er zunächst, sich im Haus geirrt zu haben: "Die Bude", stellte er schockiert fest, "war praktisch leer geräumt."
Gelegenheit macht Diebe - und das gleich massenhaft. Während die Statistik in allen anderen Diebstahlssparten rückläufig ist, weist die Kurve der Wohnungseinbrüche stetig nach oben. 169 011 Haushalte erlebten im vorigen Jahr solch eine Heimsuchung, gut 70 000 mehr als 1980.
Alle drei Minuten wird in Deutschland eine Wohnung geknackt, und oft geht alles mit, was sich tragen läßt. Der Gesamtschaden wird dieses Jahr, rechnen Versicherungsexperten, die Milliarde überspringen.
Die Polizei ist weithin machtlos, Einbruchsziffern und Aufklärungsquoten haben sich gegenläufig entwickelt. Bundesweit wird nicht mal mehr jeder fünfte Dieb geschnappt, in einigen Großstädten sogar nur jeder zehnte. Etwa die Hälfte der Täter sind Junkies, die sich so das Geld für ihre Droge besorgen.
Gerade in der Ferienzeit, während Zehntausende von Wohnungen leer stehen, haben es die Diebe besonders leicht - Urlaubszeit ist Einbruchszeit. In Frankfurt registrierte die Polizei im Juli vorigen Jahres 420 Wohnungseinbrüche gegenüber 319 im Vormonat, in Hamburg verzeichnete sie einen "Feriensprung" um 200 Fälle auf mehr als 900.
Das sommerliche Einbruchshoch läßt sich auch an den Umsatzzahlen der Sicherheitsbranche ablesen. Bei Experten wie Gerald Kruse, Inhaber des Hamburger "Hauses der Sicherheit", gehen "regelmäßig vor den Schulferien extrem mehr Anfragen" ein. Verlangt werden von verängstigten Kunden vor allem neue Sicherheitsschlösser, Sperriegel und Schutzbleche - "alles", so Kruse, "was man kurzfristig montieren kann".
Sogenannte Homesitter-Agenturen, die eigens geschulte Rentner als Wachpersonal vermitteln, melden "ein regelrechtes Saisongeschäft". Rund 50 Prozent ihres Umsatzes machen die gewerblichen Haushüter allein zwischen Juni und August. Auf Bestellung quartieren sich Pensionäre bei der meist wohlbetuchten Klientel ein, pflegen den Garten und füttern bei Bedarf auch den Hund; Tagesgage: etwa 60 Mark.
Die Kripo warnt zwar in Faltblättern ("Ganoven machen keinen Urlaub") sowie in Rundfunk- und Fernsehsendungen regelmäßig davor, Kriminellen längere Abwesenheit durch heruntergelassene Jalousien, überquellende Briefkästen oder üppig wuchernden Rasen zu signalisieren. "Doch der Normalverbraucher vergißt das immer wieder, leider", klagt der Hamburger Kriminalkommissar Rainer Garnatz. "Wir müssen den Leuten von Jahr zu Jahr neu sagen: Paßt auf, jetzt kommt Urlaub."
Jeder zweite Einbruch, vermutet die Kripo, ließe sich verhindern. Ermittler finden am Tatort häufig verrostete Schlösser und morsche Türen. In vielen Fällen genüge, so ein Fahnder, "ein kräftiger Tritt, und die Tür ist auf".
Begünstigt wird der Massen-Klau durch den fehlenden sozialen Kontakt in Großstädten. Selbst wenn sich Diebe, als Handwerker getarnt, an Fenstern zu schaffen machen, schreit kaum mehr ein Nachbar Alarm.
Als billigste und womöglich wirksamste Vorbeugung gilt denn auch Nachbarschaftshilfe. So rät die Polizei, für die Urlaubszeit einen Bekannten zu bitten, einmal am Tag "Bewegung im Haus vorzutäuschen". Zeitungen sollten abbestellt, Briefe nachgeschickt werden. Sicherheitsexperten meinen, daß oft schon eine Zeitschaltuhr, die jeden Abend für Zimmerbeleuchtung sorgt, ausreiche, um potentielle Einbrecher "zumindest zu verunsichern".
Wer darauf hofft, für das erlittene Mißgeschick eine Entschädigung von der Versicherung zu kassieren, wird bisweilen bitter enttäuscht. Denn in einer steigenden Zahl von Fällen ist die Wohnung nicht nur ausgeraubt, sondern auch verwüstet. Und Wandalismus ist in Hausratsversicherungen, die vor 1984 abgeschlossen wurden, nicht automatisch abgedeckt.
Einem Hamburger Facharbeiter beispielsweise hatten Diebe lediglich seine Münzsammlung entwendet. Doch frustriert über die geringe Ausbeute, gossen sie auf Ledercouch, Fernseher und Plattenspieler zwei Becher Honig aus. Schaden: rund 20 000 Mark.
Die Versicherung stellte sich bei der Wiedergutmachung stur: Alles sei zwar hoffnungslos verklebt, stehe aber ja noch an Ort und Stelle. Geld gab's nur für die Münzen.

DER SPIEGEL 28/1989
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