10.07.1989

BERLINGroßes Fragezeichen

Auch mit Senatsverboten und Polizeiaktionen sind die polnischen Schwarzhändler in West-Berlin nicht zu stoppen.
Zwei Damen, leger in Kostüm und Sommerkleid, flanieren durch den Mendelssohn-Bartholdy-Park in Berlin-Kreuzberg. Kühl übersehen sie den fliegenden Händler, der ihnen aus einer großen Tasche Babyhosen anbietet. Ihr Interesse gilt dem vorbeiradelnden Herrn mit Krawatte. Eine fragt: "Schampan?" und läßt einen silbernen Flaschenhals aus dem Täschchen lugen.
Der Spaziergänger im auffallend weiten Blouson hat ebenfalls was auf dem Herzen - "Marlboro", sagt er und schlägt sich an die gewölbte Brust. Auch das Mädchen im Herrensakko läßt nicht lange rätseln, was es zu bieten hat: "Jackets?"
Die diskrete Kontaktsuche im Park markiert neue Gebräuche auf dem West-Berliner Schwarzmarkt. Seit der rotgrüne Senat vor zweieinhalb Wochen die Massenmärkte polnischer Kleinkrämer verboten und die Polizei auf die Jagd nach gepäckbeladenen Touristen aus dem Osten geschickt hat, bedient sich der Handel neuer Methoden: dezentral, unauffällig und immer auf dem Sprung vor Zoll und Polizei.
Der Run der östlichen Handelsleute mit ihren Plastiktaschen und Kofferräumen voller Mitbringsel war vor zwei Wochen nur vorübergehend zum Stehen gekommen, als die Händlerscharen - bis zu 40 000 in der Woche - erstmals auf energische Gegenwehr der Ämter stießen: Grenzer ließen 846 Autos und 49 Busse mit Polen wegen "ersichtlicher Handelsabsicht" nicht in die Stadt, mobile Zollgruppen fahndeten in U- und S-Bahnen "nach allem, was polnisch aussah" (ein Sprecher der Alternativen Liste).
Doch in der Folgewoche lief der Handel bereits wieder heiß wie nie zuvor. 1100 polnische Kleingewerbler wurden an der Grenze gestoppt. Die Zahl der Fahndungserfolge aber sank drastisch - nur noch 40 Festnahmen mit anschließender Ausweisung und 27 weitere Beschlagnahmen. Der Schwarzhandel hatte sich neue Wege gebahnt: Schlaue Importeure reisen nun über die von westlichen Stellen nicht kontrollierten Schnellbahnstrecken vom Ost-Berliner Bahnhof Friedrichstraße ein. "Was von da kommt", weiß Wolfgang Grassnickel, Sprecher der Oberfinanzdirektion, "ist für uns das große Fragezeichen."
West-Berlins Senat steht unter hohem politischem Druck, seit die polnische Regierung Anfang des Jahres ihren Bürgern die Westgrenze der Volksrepublik geöffnet und damit ein Stück heimischer Schattenwirtschaft in die Halbstadt verlagert hat.
Jeder Ostblock-Bürger darf sich auf Geheiß der Alliierten 31 Tage lang visumfrei als Tourist, allerdings nicht als Gewerbetreibender, in West-Berlin aufhalten. Eine Zeitlang tolerierte der Senat das illegale Treiben, nicht zuletzt auch aus Verständnis für die ökonomischen Nöte der östlichen Nachbarn und im Bemühen um eine liberale Ausländerpolitik; die Zöllner "drückten ihre Schirmmützen tief vor die Augen", wie Wolfgang Heinze, Sprecher des Wirtschaftssenators, sagt.
Doch angesichts des anhaltend massenhaften Verstoßes gegen Abgabeordnung, EG-Vorschriften und Zollnormen gerieten die rotgrünen Regenten unter Zugzwang. Im Abgeordnetenhaus starteten die rechtsradikalen Republikaner bereits parlamentarische Initiativen. Der Rep-Vorstoß war publikumswirksam. Denn die Begleitumstände des Marktgeschehens - Abfallhaufen in der Umgebung und Toilettenverstopfungen in der nahegelegenen Staatsbibliothek - sind seit langem Stadtgespräch; unter rechtem Beifall drehte der Pfarrer der marktnahen Matthäuskirche den Polen sogar das Wasser ab.
"Duldung kann auch in Überstrapazieren ausarten", befand schließlich Wirtschaftssenator Peter Mitzscherling und verbot letzten Monat die Marktveranstaltungen.
Daß West-Berlin so unversehens das Tor zuschlug für Schwarzhändler aus dem roten Machtbereich, löste in der Stadt ein zwiespältiges Echo aus.
Bei den Sozialdemokraten und ihren alternativen Koalitionspartnern sorgte die jüngste "Polen-Jagd" (SPD-Finanzsenator Norbert Meisner) weithin für Beklemmung. Gegen die Anwendung geltenden Rechts auf die Invasion der Armen rebellierten Linke mit Unterschriftenaktionen, begleitet von treuherzigen Kommentatoren, denen "es einfach zu wenig" ist, die Sache "auf dem Niveau von existierenden EG-Richtlinien" zu regeln, so die alternative "Tageszeitung".
Doch im rot-grünen Spektrum werden auch andere Stimmen laut. Unter West-Berliner Linken keimt Unmut über die teils "hoch organisierten Händler", die Zollbeamte auf der Anbieterseite ausgemacht haben und die zum Teil in blankgeputzten Polonez-Limousinen auffahren, für die ein Arbeiter in Polen fünf Jahresgehälter ausgeben müßte.
Nicht nur die Schieber mit den Silberfuchspelzen wecken Mißtrauen; auch die kleinen Höker, die in West-Berlin Wurst, Butter, Fleisch und andere heimatliche Mangelware anbieten, geraten in der Halbstadt zunehmend in Mißkredit. Ob da nicht, fragte ein Leserbriefschreiber in der "Tageszeitung", den Polen womöglich "etwas von ihren eigenen Landsleuten entzogen" werde.
Am wenigsten beeindruckt vom Eingreifen der Behörden schienen letzte Woche die polnischen Händler. Mit Verboten, kommentierte der West-Berliner Solidarnosc-Sprecher Edward Klimczak diese Reaktion, könne auch West-Berlins Stadtregierung seinen "Landsleuten nicht imponieren".
Daß der Berliner Schwarzmarkt nur schwer zu kontrollieren ist, hat mehrere Gründe. Zu verlockend sind die Gewinnspannen im ost-westlichen Warentransit, zu vielfältig die Tricks der Händler.
Eine Flasche Sliwowitz, die im West-Berliner Laden 30 Mark kostet, kann der Bahnreisende aus Polen ganz legal im DDR-"Intershop" am Bahnhof Friedrichstraße für 15 Mark erwerben und dann für gut 20 Mark weiterverkaufen. Eine Flasche Billig-Wodka kostet in einem polnischen Devisenladen zwar immerhin einen ganzen Dollar, bringt aber auf dem West-Berliner Krempelmarkt gut und gerne das Doppelte.
Die Flotte der rings um die Handelsplätze geparkten Wagen mit polnischen Nummernschildern zeigt, daß aus kleinen Leuten leicht Privilegierte werden können, wenn sie nur oft genug (mit einer Tankfüllung polnischem Benzin) zwischen der Heimat und der Berliner Basar-Szene gependelt sind.
Viele der Händler unterhalten kleine Warenlager bei Freunden und Verwandten in West-Berlin, wo nach Amtsschätzung bis zu 50 000 Polen leben. Die Grenzstellen haben keine Chance zu prüfen, ob das erlaubte Kontingent - eine Zigarettenstange, eine Flasche Schnaps - als Reiseproviant oder Hökerware verwendet wird, ganz zu schweigen von den sonstigen Mitbringseln, die bis zu einem Verkaufswert von 115 Mark zollfrei sind.
Vollends unübersichtlich wird die Szene durch den Umstand, daß sich neuerdings Verkäufe aus Kofferräumen von Autos mit West-Berliner Kennzeichen häufen. Viele der in West-Berlin lebenden Aussiedler haben bei ihrer Einbürgerung den polnischen Paß behalten; sie können mithin jederzeit ohne Grenzkomplikationen in ihre alte Heimat zurück und bieten Kompagnons von drüben nun eine Basis in Berlin.
Wie viele Doppelpaß-Besitzer es in West-Berlin gibt, ist unbekannt. Lehrer von Eingliederungsklassen berichten, daß an polnischen Feiertagen "oftmals acht von zehn Kindern fehlen" und nach Rückkehr erklären, sie seien mitsamt Familie "drüben bei der Oma" gewesen.
Wenig spricht dafür, daß Berlin seine traditionelle Magnetwirkung auf Polen einbüßen könnte. Schon Anfang des Jahrhunderts lebten in der Stadt um die 100 000 Einwanderer aus dem östlichen Nachbarland. Zeitweise stellten Polen das Gros der Industriearbeiter und Hausmädchen. "Wenn du Heimweh hast, schau ins Telephonbuch", ermuntern sich die östlichen Berlin-Gäste noch heute; der inzwischen verstorbene Exilautor Witold Gombrowicz fühlte sich in der Halbstadt "polnisch wie in Maloszyce, in Bodzechow".
Das irrwitzige Ost-West-Gefälle von Kaufkraft und Devisenkurs wird den Kleinhandel auch weiterhin befruchten. Für einen Dollar lassen sich auf Polens Schwarzmärkten mehr als 6000 Zloty erlösen. Ein Reingewinn von 50 Mark entspricht einem guten Monatsgehalt in Polen.
Viele Händler müssen dafür allerdings mehrfach nach West-Berlin reisen. Die Posener Sparkassen-Angestellten Marek und Wojtek etwa wollten unlängst ihre Monatsgehälter (75 000 Zloty) verzehnfachen und investierten in Geschirr und Billig-Wodka. Mit dem auf 100 Mark veranschlagten Reingewinn, so erzählten sie Freunden in West-Berlin, wollten sie ein gebrauchtes Farbfernsehgerät erstehen, um es daheim für eine Million Zloty zu verscherbeln.
Doch ein passendes Gerät zum gewünschten Preis fand sich nicht. Außerdem hatte das Duo die Wodka-Flaschen vergebens bei Freunden und in Kneipen angeboten. "Das einzige, was sie von der Reise hatten", spottet ein Freund, "war das gute billige DDR-Bier unterwegs."
Marek und Wojtek werden jedoch wiederkommen, bis das geplante Geschäft perfekt ist. Bei der Einreise über den Ost-Berliner Bahnhof Friedrichstraße drohen ihnen allenfalls Stichproben-Kontrollen des West-Berliner Zolls. Und die Rückfahrkarte von Posen nach Berlin ist spottbillig: Sie kostet keine 2000 Zloty - weniger als eine Mark.

DER SPIEGEL 28/1989
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