10.04.1989

Eine Strategie mit langem Atem?

Wolfgang Seiffert über das literarische Debüt des früheren DDR- Spionagechefs Markus Wolf Seiffert, 62, lehrt an der Universität Kiel. Er war bis 1978 Professor für Internationales Wirtschaftsrecht an der DDR-Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft und gehörte zum Beraterkreis von SED-Chef Erich Honecker.
Seifert, 62, lehrt an der Universität Kiel. Er war bis 1978 Professor für Internationales Wirtschaftsrecht an der DDR-Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft und gehörte zum Beraterkreis von SED-Chef Erich Honecker
Es sind ja nicht gerade seine Memoiren, aber man erfährt doch aus seinem Buch eine Menge über den "Mann ohne Gesicht". Es hätte wohl zu sehr der Persönlichkeitsstruktur des 66jährigen ehemaligen und nach dem Zeugnis westlicher Kollegen erfolgreichen Geheimdienstchefs der DDR widersprochen, wenn der gleich nach seinem Ausscheiden "auf eigenen Wunsch aus dem aktiven Dienst des Ministeriums für Staatssicherheit" (so das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" im Februar 1987) mit einer indiskreten Arbeit begonnen hätte, die allenfalls im Westen einem privatisierenden Pensionär zusteht.
Davon kann hier keine Rede sein. Markus "Mischa" Wolf wechselte nur das Terrain, politisch blieb er aktiv. Er hat es auch im SPIEGEL-Interview (1/1989) betont: Er sei gesund und habe sich noch nie als Rentner gefühlt. Die Zeit seit seinem Ausscheiden aus dem Amt des stellvertretenden Staatssicherheitsministers und Leiters der Hauptverwaltung Aufklärung hat er für ein höchst interessantes Buch genutzt: Unzweideutig macht er klar, daß die politische Richtung, für die er sich engagieren will, nicht die des Erich Honecker, sondern die des Michail Gorbatschow ist.
Die Geschichte des Dreigespanns, die dem Buch den Titel lieferte, wollte der Bruder des Autors, der Filmregisseur Konrad Wolf, eigentlich als Film erzählen. Dessen Notizen und Kassetten - Konrad starb 1982 - benutzt Markus. Drei Jungen, die ihre Jugend gemeinsam im Moskau der Vorkriegsjahre und des beginnenden Zweiten Weltkriegs verbringen, erleben Stalinismus, Krieg, Konfrontation im Kalten Krieg der Nachkriegszeit und die erste Phase der Entspannung Anfang der siebziger Jahre. Das Dreigespann, durch den Hitler-Stalin-Pakt auseinandergerissen, geht politisch verschiedene Wege und bewahrt sich doch die Freundschaft.
Der junge Deutsche Lothar, dessen Vater - Kommunist aus Berlin - ein Opfer Stalinscher Verfolgungen wurde, zieht 1939 mit seiner Mutter nach Deutschland zurück, er wird Soldat der Luftwaffe und kämpft gegen die Sowjet-Union. Der Amerikaner George geht im gleichen Jahr in die USA, wird Offizier der amerikanischen Armee, nach Kriegsende auch in Deutschland. Später wird er ein erfolgreicher Sowjetologe.
Nur der Dritte im Bunde, Konrad Wolf, bleibt zeit seines Lebens Kommunist. Als Leutnant der Sowjetarmee rückt er 1945 in Deutschland ein, studiert in Moskau, profiliert sich als Filmregisseur und wird Präsident der DDR-Akademie der Künste. So unterschiedlich die Wege der drei verlaufen, immer wieder treffen sie sich. 1975 organisiert und bezahlt Lothar, inzwischen erfolgreicher Bauunternehmer in West-Berlin, eine Begegnung der Troika in New York.
Markus Wolf schildert die Lebensläufe mit großem Einfühlungsvermögen; das mag ihm leichtgefallen sein, weil er alle drei kennt. Und bei seinen Beschreibungen erfahren wir über einen vierten, den Autor nämlich, auch eine Menge. Er appelliert für mehr Offenheit, er fordert Zivilcourage auch in der sozialistischen Gesellschaft, die Diskussion und Reparatur von Fehlern des politischen Systems und eine offene Vergangenheitsbewältigung auch in der DDR. Er nennt die stalinistischen Verbrechen beim Namen, publiziert den Brief einer Mutter, in dem die "Eile" beklagt wird, mit der die Sowjets die Zwangsvereinigung von KPD und SPD in der damaligen sowjetischen Besatzungszone betrieben, was angst machte "vor einer neuen Diktatur". Er erinnert an das Bekenntnis zur Mitschuld an Hitler und Krieg im Aufruf der KPD vom 11. Juni 1945; das wird seit Honeckers Machtantritt in den DDR-Publikationen zur Geschichte der SED sorgfältig verschwiegen. Er kritisiert die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann, wendet sich dagegen, daß die Freunde von früher nun Feinde und Verräter sein sollen, "nur weil sie das Schicksal von uns weggeführt hatte".
Das ist viel, unerhört viel an Offenheit in einem Staat, der sich bisher konstant weigert, an seinem System etwas Grundlegendes zu ändern. Es ist sicher auch unerhört viel Unerwartetes aus dem Munde eines Mannes, der über drei Jahrzehnte der zweithöchste Funktionär in Sachen Staatssicherheit war.
Natürlich bekennt er sich weiterhin als Kommunist, aber aus jener Richtung, die mit Gorbatschow die Moskauer Führung bestimmt. Wolf kann dabei seine doppelte Identität - die deutsche Nationalität und die sowjetische Loyalität - nicht verbergen. Er gibt das Beispiel seines Bruders:
Koni hat seine eigenen Probleme. Er ist Offizier der Roten Armee und fühlt sich als Bürger des Sowjetlandes. Gleichzeitig wird aber von ihm erwartet, er werde als Sohn eines deutschen Kommunisten und Schriftstellers seine Zukunft in dem Land sehen, in dem er geboren wurde und in dem nun seine Eltern leben.
Und er fügt an das Stalin-Wort "Die Hitler kommen und gehen; das deutsche Volk, der deutsche Staat bleiben" einen bezeichnenden Kommentar: Diesen Ausspruch "mit Leben zu erfüllen, erfordert eine Strategie mit langem Atem".
Nachprüfbar irrt sich der Geheimdienstexperte, der in langen Jahren das Recherchieren wohl gut gelernt hat, nur zweimal, als er von einem Troika-Treffen bei der "Fotografin" Susan Heuman in New York berichtet. Die Gastgeberin ist Slawistin, gebürtige Deutsche; und sie gibt eine völlig andere Darstellung als Wolf über einen Streit des Dreibundes an jenem Abend in Greenwich Village. Lothar habe sich, die drei sprachen über Vietnam, im Gegensatz zu George und Konrad als "kranker Fanatiker" (Wolf) entpuppt, der für den Abwurf der Atombombe in Vietnam plädiert habe. So war Lothar nicht. Er war in Moskau von allen dreien der "schärfste"; ein dogmatischer Komsomolleiter; daß ausgerechnet er zu Görings Luftwaffe mußte, hat ihn schwer getroffen. Wolf deutet an, daß er Selbstmord beging. Doch diese Ungenauigkeiten sind Lappalien, verglichen mit der Frage, welches politische Ziel Wolf mit seinem Buch verfolgt.
Als Leiter der Hauptverwaltung Aufklärung im DDR-Ministerium für Staatssicherheit hatte er naturgemäß enge Kontakte zur Hauptabteilung gleicher Funktion im Moskauer KGB, von der wichtige Initiativen für den Reformkurs in der Sowjet-Union ausgingen; ihr langjähriger Leiter, Wladimir Krjutschkow, wurde im Oktober oberster KGB-Chef. In dieser Zeit, genauer im letzten Quartal des Jahres 1986, versuchte Wolf den DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler bei einem Zusammentreffen im Hause des Spionagefachmanns davon zu überzeugen, daß man den Gorbatschow-Kurs "auf irgendeine Weise in der DDR nachvollziehen" müsse.
Keßler gehört zu den wichtigsten und engsten Freunden Honeckers, ist aber weitaus einfacher gestrickt als Wolf und sieht keinerlei Grund, am stalinistischen System der DDR etwas zu ändern. Der Verteidigungsminister machte seinem Freund Honecker unverzüglich Meldung über die kessen Sprüche seines Gesprächspartners. Wenige Monate nach diesem Gespräch, im Februar 1987, schied Wolf aus dem Amt.
Ob das Buch und, vor allem, sein Autor auch politisch reüssieren werden? Im Russischen gibt es auf solche Fragen eine schöne Antwort: "Posmotrim!"
Wir werden sehen.
*
Das politische Buch Markus Wolf: "Die Troika" Claassen Verlag 256 Seiten 39,80 Mark
Von Wolfgang Seiffert

DER SPIEGEL 15/1989
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