13.03.1989

Der graue Panther der Alternativen

Der Weg des Sponti-Anwalts Christian Ströbele zum Promotor eines rot-grünen Bündnisses
Sie hat blaue Haare, die Angeklagte, deren Fall im Saal 704 des Kriminalgerichts Berlin-Moabit verhandelt wird: Beleidigung von drei Polizisten. Eine Berliner Bagatelle. Die Beamten hatten bei einer Kreuzberger Hinterhof-Fete den Stecker der Musikanlage zwecks Geräuschunterdrückung herausgezogen, die junge Frau, angetrunken, rief daraufhin irgend etwas mit "Heil Hitler". Das Landgericht tagt.
Im holzgetäfelten Verhandlungssaal geht Rechtsanwalt Hans-Christian Ströbele, 49, am Mittwoch letzter Woche seinem Hauptberuf nach. Den Kopf auf die Hand gestützt, die buschigen Brauen angehoben, fixiert er über den Brillenrand hinweg die Zeugen der Anklage. "Exzellenter Anwalt, würd' ich mir auch nehmen", meint auf der Zuschauerbank einer der Polizeibeamten nach der Zeugenvernehmung, "aber ich glaube, der verteidigt keine Polizisten."
Der Staatsanwalt dagegen, die "üble Beleidigung" lustlos anprangernd, betrachtet den Verteidiger mit unverhohlenem Mißfallen. Denn Ströbele, außerhalb des Saales als Verhandlungsführer der Alternativen Liste (AL) beim rotgrünen Koalitionsversuch aktiv, schickt sich gerade an, die politische Abteilung der Staatsanwaltschaft, wo der Strafverfolger beheimatet ist, abzuschaffen. "Wenn wir Rot-Grün machen", tröstet Ströbele die Mandantin nach verlorenem Prozeß, "wird so was hoffentlich nicht mehr angeklagt."
Im Schöneberger AL-Quartier tagt am Abend der Delegiertenrat. Die Veranstaltung gerät zum Forum der Frustrierten, die das Verhandlungsergebnis "erbärmlich" finden und den Sozi Walter Momper allenfalls tolerieren möchten. Sie beantragen neue Verhandlungen und eine Vertagung der Mitgliederversammlung, die das letzte Wort hat.
Doch der Geschäftsführende Ausschuß (sprich: Parteivorstand), der nach der Wahlüberraschung Ende Januar "nach dem Motto: Die Partei kommandiert die Gewehre" (Ströbele) alles an sich gezogen hatte, verteidigt das Ausgehandelte nach Kräften: "Leute, Opposition ist jetzt nicht angesagt." Am Schluß schafft Ströbele die Fakten. Quer durch die Fabriketage lärmt er an gegen das beträchtliche Organ des republikweit berüchtigten Apo-Veteranen Dieter Kunzelmann, auch er ein Ströbele-Altmandant, und beantragt Nichtbefassung sämtlicher Anträge. Mit 21 zu 16 Stimmen werden alle Bedenken vertagt.
Der Anwalt "mit bewußt linker Weltsicht" (Ströbele), im grünen Gefüge keineswegs als Realo bekannt, hat sich in den letzten Wochen zum Promotor eines rot-grünen Berliner Bündnisses aufgeschwungen. In der Bonner Fernseh-Runde legte sich Ströbele noch am Wahlabend mit Kanzler Helmut Kohl an: Der habe "den Boden bereitet, auf dem die Republikaner wachsen können". Beim Duisburger Bundesparteitag der Grünen am vorletzten Wochenende avancierte er "zum Star" ("Frankfurter Allgemeine"), als er in scharfen, aber gut genommenen Kurven auf die Berliner "Jahrhundertchance" hinredete.
Die Zustimmung zum Plädoyer des AL-Vorständlers, der von der "Süddeutschen Zeitung" etwas vorschnell zum neuen "Übervater der Grünen" befördert wurde, geriet so heftig, daß der Parteitag, bislang undenkbar, auf jede weitere Aussprache verzichtete. "Alles Zufall", meint Ströbele, auch wenn er sich durch den Duisburger Jubel "gebauchpinselt" fühlte. Der erklärte Anhänger von Basisdemokratie, ein pragmatischer "Sponti-Linker" (Selbsteinstufung), findet es gar "nicht so gut", wenn er zum Chef-Strippenzieher erklärt wird.
Denn dem prinzipienfesten Idealisten graust es vor Beifall von der falschen Seite, etwa von harten Grünen-Realos wie dem einstigen Hessen-Minister Joschka Fischer oder dem Anwaltskollegen und Bundestagsabgeordneten Otto Schily. Ströbele: "Uaah, da zuckt's."
Vor allem das Verhältnis zu Schily ist knifflig. Der notorische Querschläger, der mit Ströbele und dem Apo-Vordenker Rudi Dutschke einst die Gründung einer eigenen Partei diskutierte, riet der Berliner SPD kürzlich, bei Verhandlungen mit den grünen Freunden "hart zu bleiben". Das fand Ströbele, der Schily auch "inhaltlich kaum noch folgen" kann, "gelinde gesagt, nicht fair".
Den Einzelgänger Schily haben Berlins Alternative schon lange auf die äußerste Umlaufbahn katapultiert. Ströbele dagegen lebt seit 1967, als er die ersten Apo-Demonstranten verteidigte, in engster Tuchfühlung mit Vietnamkriegs-Gegnern, Hausbesetzern oder Weltbank-Kritikern - er hat die "immer wieder neuen Generationen von politisch Aktiven" bei Gericht vertreten.
Auch sonst ist der Anwalt mit der großen Lehrer-Aktentasche, in der zur Zeit meist der Ordner "rot ./. grün" steckt, ein wandelndes Kontinuum. Wirbeln ist ihm "Lebenselixier". Er produziert keine großen theoretischen Würfe, aber wo immer etwas Konkretes hinzufummeln ist, taucht, ewig gutgelaunt, Macher Ströbele in Cordhose und Wolljacke auf: beim alternativen Selbsthilfeverein "Netzwerk" etwa oder bei Gründung und Aufbau der linken "Tageszeitung" ("taz"). Als er 1985 zwei Jahre lang für die AL in den Bundestag ging, schenkte das Blatt dem Verfechter des alternativen Einheitslohns einen durchsichtigen Koffer, gefüllt mit Spielgeld.
Der Neuparlamentarier wurde schon damals von Unionskollegen als Terroristen-Sympathisant angegriffen. Das "Sozialistische Anwaltskollektiv", das Ströbele gemeinsam mit Klaus Eschen und Horst Mahler in West-Berlin betrieb, hatte sich in die Verteidigung von inhaftierten Vorkämpfern der Roten Armee Fraktion (RAF) eingeschaltet. Weil Ströbele dem RAF-Kern - zu seinen Mandanten zählten auch Ulrike Meinhof und Andreas Baader - juristischen Beistand leistete, schloß die SPD den Kreisdelegierten im März 1975 "wegen schwerer Schädigung der Partei" aus.
Auf der Treppe des Moabiter Kriminalgerichts wurde er wenige Monate später verhaftet. Im Dezember des darauffolgenden Jahres präsentierte die Staatsanwaltschaft nach jahrelangen Ermittlungen eine 485 Seiten starke Anklageschrift gegen den Anwalt - wegen "Unterstützung einer terroristischen Vereinigung".
Durchsuchungen der Wohnung und der Kanzlei, Dutzende von Ehrengerichtsverfahren, ein zeitweises Berufsverbot in Staatsschutzsachen waren für einen "Terroristen-Anwalt" wie Ströbele in den siebziger Jahren gängige Begleiterscheinungen der Berufsausübung. Sein Verfahren wegen Unterstützung der RAF endete 1982 mit einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf Bewährung.
Dabei hatte es Ströbele stets abgelehnt, sich in den RAF-Prozessen als anwaltliche "Speerspitze der Revolution" zu betätigen. Eine Solidaritätsaktion von Kollegen, die sich hungerstreikend vor dem Karlsruher Bundesgerichtshof versammelten, empfand "Strö" als "schlechtes Happening": Er ging "demonstrativ essen". RAF-Baader verhöhnte seinen Verteidiger gar als "liberalen Manager". "Das kann schon sein", meint Ströbele heute, "der hat vieles, auch bei seinen Verteidigern, richtig gesehen."
Nach Ströbeles 19tägiger Untersuchungshaft 1975 befand sogar das gestrenge Berliner Kammergericht, die Ehe mit einer Gesamtschullehrerin und der Besitz einer Eigentumswohnung deuteten nicht gerade "auf eine besondere Anfälligkeit für anarchistische Tendenzen hin". Doch Rundbriefe mit Prozeßmaterial, Hilfestellung beim Abfassen politischer Erklärungen und Proteste gegen die Haftbedingungen wurden ihm als strafbare Unterstützung von Terroristen ausgelegt. "Letztlich", findet der Anwalt, sei er dafür verurteilt worden, daß er sich "zu stark für seine Mandanten eingesetzt" habe. Ströbele: "Ein größeres Lob kann man einem Verteidiger nicht machen."
Endlose Meter mit RAF-Prozeßakten füllen das Regal in der Ströbele-Kanzlei am Moabiter Spree-Ufer, wo er und die Sekretärin Einheitslohn verdienen (etwa 2600 Mark netto). Das Problem, Gewinne gerecht zu verteilen, sagt der Teilzeitanwalt, "ist bislang nie aufgetaucht".
Noch immer steht das Türschild "Sozialistisches Anwaltskollektiv" im Regal, das einst auf Druck der Anwaltskammer wegen "unlauteren Wettbewerbs" abgehängt werden mußte. Und noch immer ist seine frühere Arbeit als RAF-Anwalt für allerlei Ausfälle gut. "Die Resozialisierung von Terroristen-Helfern", giftete Bonns Innenstaatssekretär Carl-Dieter Spranger (CSU), "sollte Herr Momper der Justiz überlassen." Berlins abtretender CDU-Regierungschef Eberhard Diepgen drohte letzte Woche für den Fall, daß die Unperson Ströbele Justizsenator würde, sogar mit einem Volksbegehren.
Als der Alternative aus seinem Taschenfernseher, den er während turbulenter Abendsitzungen per Ohrstöpsel abzuhören pflegt, von Diepgens Drohung erfuhr, juckte es ihn tatsächlich: "Eigentlich müßte ich jetzt antreten." Doch Momper, den Ströbele "viel sympathischer" findet, "als er im Fernsehen rüberkommt", hatte frühzeitig abwinken lassen. "Unter einem Justizsenator Ströbele", spottete ein alter Freund von der "taz", "würden Berlins Staatsanwälte jeden Tag schon vor dem Frühstück darüber nachgrübeln, was sie ihm heute für eine Falle stellen können."
Der graue Panther der AL, dem solch vermintes Terrain erspart bleibt, hat nun den Rücken frei, um Berlins schillernder Gegenkultur als Ratgeber in der ungewohnten Regierungsrolle beizustehen - bei neuen Hausbesetzungen etwa, wo die Polizei, fürchtet Ströbele, "ungeheuer viel anrichten kann, was einen rot-grünen Senat nicht überleben läßt".
Trotz aller Zweifel bleibt er, manchmal wider besseres Wissen, zuversichtlich. "Optimismus", findet Ströbele, "kann eine solche Kraft entwickeln, daß Dinge, die eigentlich nicht gehen können, dann doch gehen."
Längst hat er daher im rot-grünen Annäherungsprozeß auch positive Wirkungen seiner geschmähten Vergangenheit ausgemacht. In der rot-grünen Unterkommission für innenpolitische Themen traf Ströbele auf den SPD-Unterhändler Klaus Eschen, jenen alten Kollegen vom Anwaltskollektiv, der einst im Jungjuristen-Zorn auf einer Brücke in Charlottenburg seinen Palandt, Standardkommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch, symbolisch in den Fluten des Hohenzollernkanals versenkt hatte.
Die beiden Unterhändler verstanden sich gut. "Die West-Berliner Innenpolitik", grinst Ströbele, "hat das Sozialistische Anwaltskollektiv unter sich ausgehandelt."

DER SPIEGEL 11/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 11/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Der graue Panther der Alternativen

Video 07:17

Kia eNiro im Test Zum Einschlafen gut

  • Video "Tropensturm in Houston: Passanten retten Lkw-Fahrer das Leben" Video 01:09
    Tropensturm in Houston: Passanten retten Lkw-Fahrer das Leben
  • Video "Korallenforscherin Verena Schoepf: Im Wettlauf gegen den Klimawandel" Video 43:02
    Korallenforscherin Verena Schoepf: Im Wettlauf gegen den Klimawandel
  • Video "Unternehmer im Klimastreik: Ich kann das einfach nicht mehr" Video 02:47
    Unternehmer im Klimastreik: "Ich kann das einfach nicht mehr"
  • Video "Aufregender Trip: Kajak-Tour durch leuchtendes Wasser" Video 01:08
    Aufregender Trip: Kajak-Tour durch leuchtendes Wasser
  • Video "Künstliche Welle: Profitour kommt zur Surf Ranch in Kalifornien" Video 01:16
    Künstliche Welle: Profitour kommt zur Surf Ranch in Kalifornien
  • Video "Höchstes Wohnhaus der Welt: Helles Zimmer mit Aussicht - aber teuer" Video 00:46
    Höchstes Wohnhaus der Welt: Helles Zimmer mit Aussicht - aber teuer
  • Video "Klima-Demo in Berlin: Ab jetzt gilt es!" Video 02:00
    Klima-Demo in Berlin: "Ab jetzt gilt es!"
  • Video "Bewegendes Video: Zehnjähriger Skateboarder ohne Beine" Video 01:03
    Bewegendes Video: Zehnjähriger Skateboarder ohne Beine
  • Video "Explosion in Chemiefabrik: Metallteile werden zu gefährlichen Geschossen" Video 00:48
    Explosion in Chemiefabrik: Metallteile werden zu gefährlichen Geschossen
  • Video "Grenzmauer: Trump droht Mexiko mit neuen Zöllen" Video 01:19
    Grenzmauer: Trump droht Mexiko mit neuen Zöllen
  • Video "Rambo 5: Last Blood: Blutiger Abschied" Video 01:37
    "Rambo 5: Last Blood": Blutiger Abschied
  • Video "SUV: Wie schädlich sind SUV?" Video 02:11
    SUV: Wie schädlich sind SUV?
  • Video "Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke" Video 01:07
    Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke
  • Video "Uli Hoeneß: Kalkulierter Wutausbruch im Video" Video 02:47
    Uli Hoeneß: Kalkulierter Wutausbruch im Video
  • Video "Kia eNiro im Test: Zum Einschlafen gut" Video 07:17
    Kia eNiro im Test: Zum Einschlafen gut