10.07.1989

PHOTOHANDELUnter die Gürtellinie

Die Deutschen knipsen wie nie zuvor. Dennoch fürchten viele Photohändler um ihre Existenz, denn auf dem Bildermarkt ist ein heftiger Preiskampf entbrannt.
Neunundvierzig Pfennig - das war bei den großen Photohändlern in Bremen jahrelang der Preis, den die Kunden für ein Farbbild bezahlen mußten. "Damit konnten wir gut leben", sagt Wolf Focke, Geschäftsführer bei der Filialkette Photo Dose.
Seit einigen Wochen geht es für viele Photogeschäfte in Bremen nur noch ums Überleben. Von einem Tag zum anderen schrumpften die Preise für Photoarbeiten um mehr als die Hälfte.
Am Stadtrand hat ein neuer Großmarkt eröffnet. Mit Discount-Preisen von 19 Pfennig für die 9 x 13 Zentimeter große Farbkopie wurden die Kunden an die Peripherie gelockt. Photo Dose und einige andere Geschäfte in der City fürchteten, Kundschaft zu verlieren.
Prompt stiegen sie auf den Kampfpreis ein und verderben sich nun selber das Geschäft. "Wir legen bei jedem Auftrag Geld dazu", sagt Focke, "und das kann keiner auf Dauer durchhalten."
Der Preiskrieg um die bunten Bilder ist keine Bremer Spezialität. Überall sorgen Kämpfe ähnlicher Art für Aufregung, überall versuchen Händler mit Dumping-Preisen die knipsende Kundschaft in ihre Geschäfte zu locken.
Absoluter Tiefpunkt war der Eröffnungspreis des Media-Markts in Hamburg: Fünf Pfennig berechnete der Kaufhof-Ableger einige Tage lang für den 9 x 13-Abzug.
"Vor allem in Norddeutschland ist das Preisgefüge aus den Fugen geraten", berichtet Volker Storck vom Bundesverband des Deutschen Fotofachhandels. Im Süden dagegen, weiß Storck, ist "die Welt noch weitgehend in Ordnung". Mit 59 Pfennig pro Abzug zahlen dort die Kunden im Schnitt etwa doppelt soviel wie die Knipser in Hamburg.
Doch die Tiefpreise aus dem Norden breiten sich allmählich Richtung Süden aus. "Das ist wie ein Flächenbrand", sagt Storck. Einer der Brandstifter ist die Karlsruher Handelskette dm-drogerie markt, die seit Mitte Mai in ihren 400 Filialen bundesweit den 9 x 13-Abzug für 29 Pfennig anbietet. Prompt stiegen Konkurrenten wie die süddeutsche Drogeriemarkt-Kette Müller auf den Kampfpreis ein. "Solche Preise", meint ein Photohändler in Ulm, "gehen klar unter die Gürtellinie."
Der harte Kampf um die Bilder-Kunden trifft die Branche an einem empfindlichen Nerv: Die Photoarbeiten sind für den Handel die wichtigste Gewinnquelle; mit Kameras wird schon lange kein Geld mehr verdient.
Als Anfang der Achtziger der Kameraabsatz steil fiel, versuchten viele Händler, das Geschäft mit Discountpreisen anzukurbeln - ohne Erfolg. Die Verkaufszahlen sanken in Deutschland von 3,8 Millionen Stück (1980) auf 2,3 Millionen im Jahre 1985. Seither steigt der Absatz zwar wieder deutlich an, doch die Preise sind nach wie vor so scharf kalkuliert, daß beim Händler nicht viel hängenbleibt.
Die Branche hatte sich deshalb immer stärker auf das Geschäft mit den Bildern konzentriert - das brachte noch guten Gewinn. Jahr für Jahr schießen Hobbyknipser und Photoamateure mehr Bilder. Seit 1970 hat sich die Zahl der von den Bundesbürgern geknipsten Photos mehr als verdoppelt. Die Zahl der Farbphotos stieg sogar von 550 Millionen auf jetzt fast 2,4 Milliarden Stück.
Die Bilderschwemme wird vor allem mit dem Umstand begründet, daß die Kameras dank ausgeklügelter Technik narrensicher geworden sind. Ohne umständlich Belichtungszeit und Blende einstellen zu müssen, kann jeder Laie vorzeigbare Bilder knipsen. Fast jeder Schuß wird ein Treffer.
Mit der Dunkelkammer im Hinterraum könnten Photohändler und Drogisten die enorme Bilderflut gar nicht mehr bewältigen. Das Geschäft hat eine fast anonyme Dienstleistungsindustrie übernommen: die Photo-Finisher, die ebenso wie die Händler in härtestem Wettbewerb stehen.
Rund 50 Großlabors versorgen das Volk mit bunten Bildern. Beherrscht wird die Branche von der CeWe-Gruppe des Oldenburger Unternehmers Heinz Neumüller, der zehn Großlabors mit einem Gesamtumsatz von gut 300 Millionen Mark sein eigen nennt. Mit weitem Abstand folgt der Heidelberger Unternehmer Siegfried Kübe (V-Dia) mit Labors in Heidelberg und Wallau.
Die Großlabors sind High-Tech-Wunderwerke. Computergesteuerte Entwicklungsbäder und Hochleistungsprinter sorgen dafür, daß bis zu 20 000 Abzüge pro Stunde ausgespuckt werden. Preis pro Abzug: 25 bis 30 Pfennig.
In der Logistik wie bei der Verpackung kommen mehr und mehr Computer zum Einsatz. So wird in den Großlabors bereits der Preis für jeden einzelnen Auftrag auf die Verpackungstüten gedruckt, bevor sie nach einem ausgeklügelten Tourenplan an die Photoläden ausgeliefert werden. Kübes Fahrer kommen täglich auf eine Tourenstrecke von 45 000 Kilometern. Die Arbeit des Händlers beschränkt sich darauf, die Aufträge entgegenzunehmen und das Geld zu kassieren.
Bei so geringem Aufwand wurde das Bildergeschäft zunehmend für branchenfremde Händler attraktiv. So bieten inzwischen nicht nur Drogeriemärkte wie dm den Photoservice an, auch Supermarkt-Giganten wie Rewe-Leibbrand oder co op drängen in das risikolose Geschäft mit den bunten Papieren.
Anders als bei den Photofachgeschäften hängt bei den Supermärkten nicht die Existenz am Bilderverkauf. Sie kommen mit Gewinnen von zwei oder drei Pfennig pro Bild aus.
Trübe Aussichten mithin für den Photofachhandel: So mancher, der die Krise im Kameraverkauf einigermaßen überstanden hat, könnte jetzt ein Opfer des Bilderkrieges werden. #

DER SPIEGEL 28/1989
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