10.04.1989

HOCHSCHULENEnorme Pression

Bundesweiter Protest gegen die Hamburger GAL-Politikerin Adrienne Goehler: Die Ex-Bürgerschaftsabgeordnete soll künftig die Kunstakademie der Hansestadt leiten.
Natürlich kann ich mir eine geeignetere Person als Frau Goehler vorstellen", sagt Carl Vogel, 65, seit zwölf Jahren Präsident der Hamburger Hochschule für bildende Künste. Doch unter den Bewerbern für seine Nachfolge, sinniert er, "gab es niemanden, der qualifizierter gewesen wäre".
Das sah die Mehrheit des Hochschulkonzils offenbar ähnlich und wählte, vor vier Wochen, die Diplompsychologin Adrienne Goehler, 33, von Ende 1986 bis Februar 1989 grüne Bürgerschaftsabgeordnete und seitdem dank Rotation auf Jobsuche.
Doch die Wahl der Feministin stürzte nicht nur die Akademie in einen Machtkampf, auch bundesweit sorgte sie in der Kunstszene für Aufruhr. Die Fachwelt empört sich darüber, daß sich eine Hochschule eine krasse Außenseiterin an ihrer Spitze leisten will, und die designierte Präsidentin (künftiges Gehalt: 7392 Mark plus Ortszuschlag) ging erst einmal ratlos auf Tauchstation.Die Angelegenheit ist so heikel geworden, daß Wissenschaftssenator Ingo von Münch (FDP) sich für die Berufung viel Zeit nehmen und den gesamten Senat entscheiden lassen will.
Daß seine Nachfolgerin kaum Ahnung von der Kunst hat, stört Carl Vogel wenig: "Es ist leichter, zu lernen als umzulernen." Sieben Professoren der Hochschule, darunter der Bildhauer Franz Erhard Walther, der Bühnenbildner Wilfried Minks und der Maler Gotthard Graubner, werfen der Feministin fehlende fachliche Kenntnisse vor. Sachkompetenz wird allerdings im Hamburgischen Hochschulgesetz gar nicht gefordert. Paragraph 81 Absatz 3 erwähnt als Qualifikationsmerkmal lediglich eine abgeschlossene Hochschulausbildung und "eine mehrjährige verantwortliche berufliche Tätigkeit, insbesondere in Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung oder Rechtspflege". Die Ausschreibung für Vogels Posten verlangte darüber hinaus immerhin noch "Interesse an der Kunst".
Das hat, nach eigenem Bekunden, Adrienne Goehler. Ob sie aber auch mehrjährig verantwortlich beruflich tätig war, prüfen derzeit Juristen. Von bürgerlicher Karriere werden sie nicht viel entdecken. Adrienne Goehler hat ein Studium abgebrochen (Pädagogik), eins vollendet (Psychologie), war Mitbegründerin des linken Spektakels "Klabauternächte", des Piratensenders "Radio Querfunk" und der alternativen Gruppe "Freche Frauen". Nicht einmal ihre Abgeordnetenjahre fallen für Walther ins Gewicht, "schließlich handelt es sich bei der Bürgerschaft um ein Freizeitparlament".
In einem Schreiben an von Münch bedauert die Walther-Crew den Ausgang der Wahl und befürchtet "eine dilettantische, von außerkünstlerischen Gesichtspunkten bestimmte Amtsführung". Adrienne Goehlers "Lust, sich auszuprobieren", scheine sie "eher für einen Studienplatz als für eine herausgehobene Funktion zu empfehlen". Dem beigefügt war eine Unterschriftenliste, die mittlerweile durch 25 Namen erweitert wurde. 82 Künstler und Wissenschaftler aus 21 Städten halten es darin für ein "der Frauenemanzipation schädliches Mißverständnis, Weiblichkeit als Ersatz für Fachqualifikation aufzufassen".
Der Grünen schlägt eine Woge von Ablehnung entgegen, sie wird bereits als "Goehler-Liesel" verspottet, die CDU forderte von Münch auf, "dieser Posse schnell ein Ende zu bereiten", und die "Süddeutsche Zeitung" rügte: "Diese Entscheidung ist fatal."
Jüngste Reaktion ist ein Brief von Rainer Beck, Präsident der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Der renommierte Kunsthistoriker teilte Ingo von Münch in der vergangenen Woche mit: "Ich werde Frau Goehler für meine Institution als Gesprächspartnerin nicht akzeptieren."
Adrienne Goehler wundert sich über den massiven Widerstand in der Akademie: "Die haben doch nicht unter Narkose gewählt, oder?" Sie hatte von Anfang an geringe Kunstkenntnisse eingeräumt und konnte dennoch schon im ersten von vier Wahlgängen die meisten Stimmen für sich verbuchen. Am Ende erhielt sie 18 von 31 Stimmen im Konzil, in dem Professoren, Verwaltungsangestellte, Lehrbeauftragte und Studenten gleichberechtigt vertreten sind.
Der Lehrbeauftragte Wolfgang Oppermann zum Beispiel hat für Adrienne Goehler votiert, weil "sie fähig erscheint und einen Weg finden wird, der fürs Haus gut ist". Franz Erhard Walther dagegen: "Wir wollen eine Neuwahl." Ob er aber damit durchkommt, ist zweifelhaft. Carl Vogel habe, so Walther, zugunsten von Adrienne Goehler auf einige Konzilsmitglieder eine "enorme Pression" ausgeübt. Der Präsident, der die Hochschule wie "ein Erbhofbauer" (Walther) führe, sei seit Jahren schon für solches Verhalten bekannt. Auf den Lehrstuhl für Kunstgeschichte beispielsweise, erinnert Walther, habe Vogel seinen Favoriten, einen Ethnologen, gehievt.
Professor Udo Pillokat sieht gute Chancen für eine Neuausschreibung wegen "verfahrensrechtlicher Bedenken". So wurde die Bewerber-Liste für Adrienne Goehler noch einmal geöffnet, obwohl die Frist bereits abgelaufen war. Laut Walther war das "wieder mal so ein Trick von Carl Vogel", der erst mit anderen Namen für Verwirrung gesorgt habe, um dann, im letzten Moment, "die Laienspielerin Goehler" ins Rennen zu schicken.
Der Senat mag Udo Pillokats Ansicht allerdings nicht unterstützen. Die festgelegte Bewerbungsfrist sei "lediglich ein technisches Hilfsmittel, um ein Besetzungsverfahren in angemessener Zeit abschließen zu können". So dürfen auch Bewerber, "die sich außerhalb der Frist gemeldet haben oder die im Konzil vorgeschlagen werden", für die Wahl berücksichtigt werden. Als Adrienne Goehler sich nachträglich bewarb, verlangten zehn Konzilsmitglieder, sie in den Wahlvorschlag aufzunehmen.
Pillokat ("Unser Konzil hat versagt") gehört zu den Professoren, die dennoch über neue Kandidaten nachdenken. Er dürfte es schwer haben, nach dieser Provinzposse überhaupt noch einen zu finden. Derweil versuchen zwei deutsche Kunsthochschulen, Franz Erhard Walther abzuwerben. Doch der Professor, vierfacher "Documenta"-Teilnehmer und "unser bester Mann" (Vogel), will lieber in Hamburg bleiben, auch wenn ihm schwant: "Den Vogel werden wir so schnell nicht los."

DER SPIEGEL 15/1989
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