10.07.1989

GEWERKSCHAFTENGelungener Einstand

Die Streiks im Einzelhandel laufen aus. Der größte Gewinner ist der Gewerkschaftsvorsitzende Lorenz Schwegler.
Wochenlang hatte Lorenz Schwegler, Chef der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), hin und her überlegt, ob er seinen im Juli geplanten Jahresurlaub absagen soll. Der Chef-Gewerkschafter schien an seinem Arbeitsplatz unentbehrlich, er leitete von der Düsseldorfer HBV-Zentrale aus den Arbeitskampf im bundesdeutschen Einzelhandel.
Die Stornogebühren für Schweglers Urlaubsquartier bleiben ihm oder der Gewerkschaftskasse erspart. Nach dem Tarifabschluß im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen am vergangenen Mittwoch kann der HBV-Chef mit Frau und Kindern ins Ostseebad Grömitz fahren.
Der bislang längste und härteste Tarifkonflikt in der Einzelhandelsbranche nähert sich dem Ende. Fast zwei Monate lang streikten erboste Verkäuferinnen und Verkäufer für höhere Löhne, kürzere Arbeitszeit und mehr Rechte für Teilzeitbeschäftigte, vor allem aber gegen den von der Bundesregierung geplanten Dienstleistungsabend.
Der Konflikt kennt vor allem einen Sieger: den erst seit vorigen November amtierenden HBV-Chef Lorenz Schwegler.
Unter Schweglers Führung gelang der HBV, was viele Kenner des Einzelhandels für unmöglich gehalten hatten: einen öffentlichkeitswirksamen Protest des nur wenig organisierten Verkaufspersonals zu inszenieren. Erstmals auch schaffte es die Handelsgewerkschaft, das Publikum auf die miserable Bezahlung und die harten Arbeitsbedingungen des Laden-Volks aufmerksam zu machen.
Gewiß, ihr Ziel, den langen Donnerstag zu verhindern, konnten die Gewerkschafter in keinem der zehn Tarifgebiete durchsetzen. Dennoch war der Kampf aus Sicht der Arbeitnehmer-Lobby nicht vergebens.
Die bislang unterschriebenen Tarifverträge sehen vor, daß Läden und Kaufhäuser grundsätzlich auch weiterhin um halb sieben schließen. Nur dort, wo große Außenseiter, wie etwa Breuninger in Stuttgart, auflassen, dürfen tarifgebundene Unternehmen nach Absprache mit dem Betriebsrat nachziehen. Für die Feierabendschicht erhalten die Beschäftigten saftige Zuschläge.
Frauen, die weit entfernt vom Arbeitsort wohnen oder kleine Kinder zu versorgen haben, können den Einsatz am langen Donnerstag verweigern. Außerdem dürfen die Arbeitnehmer in der Regel nicht an zwei aufeinanderfolgenden Donnerstagen Dienst schieben.
Daß der unvermeidliche Einstieg in den Dienstleistungsabend noch einigermaßen erträglich wird, dies schaffte HBV-Chef Schwegler mit dem Druck seiner Basis, aber auch mit einer klaren Verhandlungsstrategie: Wo immer es sich machen ließ, spielten die HBV-Unterhändler die untereinander zerstrittenen Arbeitgeber - die Kaufhäuser sind meist gegen den Dienstleistungsabend, viele Verbrauchermärkte dafür - gegeneinander aus.
Schwegler hatte seinen ersten Konflikt als Gewerkschaftsvorsitzender gut vorbereitet. So ließ er im Vorfeld des Tarifstreits bei Mitgliedern und Meinungsmachern aufwendige Broschüren verteilen, die das schwere Los der Verkäuferinnen anprangerten. Während der Verhandlungen ließ Schwegler keine Gelegenheit aus, die miserablen Arbeitsbedingungen und die miese Bezahlung der Konsum-Dienerinnen anzuprangern.
Das Jammern hat sich gelohnt. Neben Lohnerhöhungen von insgesamt rund sieben Prozent in diesem und im nächsten Jahr erkämpfte die Gewerkschaft für ihre Klientel in den bisherigen Abschlüssen von 1991 an die 37,0- oder die 37,5-Stunden-Woche.
Der Erfolg hilft Schwegler bei seinen Bemühungen, den Ruf loszuwerden, er sei nur zweite Wahl. Ursprünglich sollte eine Frau, die SPD-Politikerin Herta Däubler-Gmelin, an die Spitze der sechstgrößten DGB-Gewerkschaft gewählt werden. Doch der schöne Plan, ausgeheckt von Schweglers Vorgänger, dem langjährigen HBV-Vorsitzenden Günter Volkmar, scheiterte an innergewerkschaftlichen Querelen. Die Basis der Gewerkschaft, aber auch einige Vorstandsmitglieder wollten die pragmatische SPD-Frau nicht, Schwegler obsiegte als Kompromißkandidat.
Mit seinen 45 Jahren ist der gebürtige Hamburger der jüngste Vorsitzende einer DGB-Gewerkschaft. Der Jurist hat in seinem Berufsleben nur in Gewerkschaftsbüros gesessen. Er startete als Referent für Arbeits- und Wirtschaftsrecht beim Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut des DGB.
Später wechselte er als Experte für Mitbestimmungsfragen zum DGB-Bundesvorstand, wo er unter dem damaligen DGB-Chef Heinz Oskar Vetter arbeitete. Seit 1977 dient Schwegler der HBV, zunächst als Vorstandssekretär für die Bereiche Banken und Versicherungen, dann, drei Jahre später, als Vorstandsmitglied.
Seither überrascht er seine Organisation immer wieder mit unorthodoxen Ideen und Aktionen. So organisierte er 1987 den ersten Arbeitskampf im bundesdeutschen Bankgewerbe, bei dem unter anderem das Rechenzentrum der Dresdner Bank in Frankfurt stundenweise lahmgelegt wurde. 1988 entwickelte Schwegler für die zur Hälfte den Gewerkschaften gehörende BHW Bausparkasse ein pfiffiges Arbeitszeitmodell, bei dem sich vier Angestellte drei Arbeitsplätze teilen.
Mit seinem gelungenen Einstand beim Verkäuferinnen-Streik ist der HBV-Chef nun endgültig in die Kaste jener jüngeren Chef-Gewerkschafter vom Typ des IG-Metallers Franz Steinkühler aufgenommen worden, die sich, frei von Klassenkampf-Muff, als nüchterne, erfolgsorientierte Interessenvertreter verstehen.
Diese hatten bislang noch etwas Mühe, den neuen Mann in ihren Reihen anzuerkennen. Der neue IG-Metall-Kassierer Werner Schreiber, auch einer dieser aufstrebenden Gewerkschafts-Yuppies, staunt noch immer über das, was der Kollege aus Düsseldorf erreicht hat. "Wir hätten nie gedacht", so Schreiber, "daß der Schwegler es schafft, im Einzelhandel einen bundesweiten Streik zu organisieren." #

DER SPIEGEL 28/1989
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