10.07.1989

„Mit dem Kopf nach unten an einen Baum“

Die Befreiungsbewegung Swapo, von der Uno als einzige legitime Vertretung Namibias anerkannt, hat Hunderte ihrer Mitglieder unter vagen Verdächtigungen jahrelang in Dschungel-Lagern mißhandelt und gefoltert. Letzte Woche kamen aufgrund des Friedensabkommens zwischen Südafrika, Angola und Kuba die ersten 153 Häftlinge frei, darunter auch 18 Kinder. Ihre Aussagen könnten den erwarteten Sieg der Swapo bei den ersten freien Wahlen Anfang November in der früheren deutschen Kolonie Südwestafrika gefährden. Einer der Gefangenen berichtet:
Ich heiße Isaac Jephet und bin 34 Jahre alt. Schon als Student am Augustineum College in Namibia schloß ich mich der Jugendorganisation der Swapo an, weil ich für die Freiheit meines Landes und gegen die südafrikanische Besatzung kämpfen wollte. 1978 floh ich aus meiner Heimat.
Von 1979 bis 1982 studierte ich am Namibia-Institut der Vereinten Nationen in Lusaka Entwicklungspolitik und Management. Dann schickte mich die Organisation zum Studium der Politischen Wissenschaften nach Indien und Nairobi. Danach arbeitete ich als Verwaltungschef im Swapo-Büro von Lusaka.
Anfang 1986 sagte man mir, ich solle als Beobachter zu den Vereinten Nationen nach New York gehen, zuvor müsse ich aber eine militärische Ausbildung in Angola absolvieren. Das war ein Vorwand: Als ich im Lager Lubango in Angola ankam, wurde ich von den Sicherheitsleuten der Swapo verhaftet. Das war am 4. Mai 1986. Man behauptete, ich sei ein Agent der Südafrikaner. Ich war entsetzt und wies diese Vorwürfe empört zurück.
Ich habe Südafrika immer als meinen Feind betrachtet und hatte niemals in meinem Leben irgendeinen Kontakt mit südafrikanischen Sicherheitskräften.
Man sagte mir: "Entweder du gibst zu, südafrikanischer Agent zu sein, oder wir bringen dich um." Ich wurde drei Monate lang verhört. Man fesselte mich dazu an den Knöcheln und hängte mich mit dem Kopf nach unten an einen Baum. Meistens waren es etwa zehn Leute, die mit Stöcken auf mich einschlugen.
Mehrmals wurde ich auch lebendig begraben. Sie warfen mich in ein Loch, bedeckten mich mit einer Plastikplane und schütteten Erde darauf. Ich verlor schon nach wenigen Minuten das Bewußtsein.
Dann kam der Tag, wo ich so schwach war, daß ich nicht mehr konnte. Ein Sanitäter sagte mir: "Du machst es nicht mehr lange. Erzähle ihnen, was sie hören wollen." Am folgenden Morgen erzählte ich ihnen diese Lüge, voller Angst, sie würden es wirklich glauben.
Sie legten mir eine lange Liste von Namen vor, sogar Namen von Mitgliedern des Swapo-Politbüros waren darunter. Ich sollte ankreuzen, wer für die Südafrikaner arbeitete. In einer letzten Kraftanstrengung weigerte ich mich.
Da banden sie mich wieder an den Baum und schlugen mich. Ich war gebrochen, strich acht oder zehn Namen an. Ein Mitglied des Politbüros, Aaron Mushimba, wurde verhaftet und im Lager noch gefoltert, als wir es im April verließen.
Wenn einer nicht gestand, wurde er getötet, zum Beispiel Tauno Hatuikulipi, ein Mitglied des Zentralkomitees. Er starb während eines Verhörs. Swapo-Präsident Sam Nujoma erklärte später, der Gefangene habe sich vergiftet. Das stimmt nicht.
Ich kam in ein anderes Gefängnis. Es war mitten in der Nacht, als man mich an ein Erdloch brachte, in das eine Leiter gelehnt war. Ich glaubte, nun käme ich ins Grab, als ich die Sprossen hinunterstieg. Unten hörte ich Menschen atmen, dann plötzlich Stimmen, die mich begrüßten. Am nächsten Morgen sah ich unser Gefängnis. Es war ein großes, mit Wellblech abgedecktes Erdloch - darin drängten sich 72 Gefangene. Es war vier bis fünf Meter tief.
Und so sah für die kommenden zweieinhalb Jahre unser Tagesablauf aus: Um 7.30 Uhr durften wir für wenige Minuten raus, um unsere Notdurft zu verrichten. Dann ging es zurück ins Loch bis vier oder fünf Uhr. Noch einmal zur Toilette, sonst waren wir die ganze Zeit wie lebendig begraben.
Essen gab es einmal am Tag, meistens nichts als Reis. Viele waren krank, litten an Durchfall. Wir hatten in der Grube ein paar Büchsen, in welche die Kranken ihre Notdurft verrichteten.
Ein Lungenkranker starb in meinen Armen. Wir schrien stundenlang nach einem Sanitäter. Als der kam, war der Mann schon tot. Die Frauen litten besonders. Sie wurden während der Verhöre nackt ausgezogen, viele wurden vergewaltigt.
Der Schlimmste unter den Peinigern war der stellvertretende Kommandeur der Swapo-Armee People's Liberation Army of Namibia (Plan). Es ist Salomon Hawala, unter dem Namen Jesus bekannt. Ich weiß, daß Salomon Hawala aktiv - ich wiederhole aktiv - an Folterungen teilgenommen hat.
Die Swapo-Führung wird mich niemals davon überzeugen können, daß sie von all dem nichts gewußt habe. Bereits 1986 besuchte Sam Nujoma das Frauenlager Omenja Base in Angola. Mir haben Frauen von dort berichtet, daß sie weinend auf Nujoma zugelaufen seien. Sie riefen: "Du bist unser Präsident. Wir respektieren dich, aber schau, was uns dein Sicherheitsdienst angetan hat." Dann rissen sie ihre Blusen auf, zeigten ihre Wunden und Narben. Nichts geschah danach.
Anfang Mai wurden wir plötzlich vor die Alternative gestellt, uns der Swapo wieder einzugliedern oder nach Südafrika abgeschoben zu werden. Wir unterschrieben alle, daß wir wieder zur Swapo gehören wollten, keiner mochte nach Südafrika gehen.
Noch einmal erlebten wir Tage voller Todesangst als jener Plan-Stellvertreter mit schwerbewaffneten Soldaten kam. Wir flohen in Panik in den Busch, wo wir uns fünf Tage versteckten. Dann endlich wurden wir unter die Kontrolle der Angolaner gestellt und fühlten uns zum erstenmal sicher.
Als ich letzten Dienstag auf dem Flughafen von Windhuk ankam, habe ich mir geschworen, daß die Wahrheit an den Tag kommen muß. Ich habe vor nichts mehr Angst. Wir dürfen in Namibia vor allem eins nicht: eine Tyrannei durch die andere ersetzen. #

DER SPIEGEL 28/1989
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