13.03.1989

Weizsäcker und andere Deutsche

Ralph Giordano über Martin Weins Buch „Die Weizsäckers“ .
Ralph Giordano, 65, lebt als Fernsehautor und Schriftsteller ("Die Bertinis") in Köln
Präscriptum: vegetative Reaktion auf das Angebot des SPIEGEL, das Buch "Die Weizsäckers"** zu rezensieren - das Selbstgeständnis meiner Befangenheit. Warum? Weil ich schon vor der Lektüre genug von der Geschichte weiß, um meine Position gegenüber der Problemfigur - Ernst von Weizsäcker - zu kennen, und weil dessen Sohn, der sechste Bundespräsident, dieser Richard von Weizsäcker, in meinem jüdischen Herzen wohnt! So soll es hier stehen, gleich am Anfang und ohne jede Beschönigung. Und nun in Jahves Namen . . .
Wattscker, Watsacher, Waadsack - die Sippe kommt aus dem Württembergischen, beide Linien, die Öhringer und die Meimsheimer. Getreide, Säcke sind im Spiel, Müller, Tübingen bleibt lange das Nest, sie lassen sich Zeit, die Weizsäckers, ehe sie sich ins Überregionale mausern. Dem Buch liegt der überwältigende Forschungsfleiß eines Autors zugrunde, der schreibt: "Meine Aufgabe war es nicht, zu rühmen oder zu richten." Um beides kommt man dennoch nicht herum, weder Wein noch ich, und kann gerade dadurch ehrlich bleiben. Aus Platzgründen im Zeitraffer: Es beginnt mit Carl Heinrich von Weizsäcker (1822 bis 1899), Theologe und Universitätskanzler, noch in die Ära der Daguerreotypie ragend, typisch die Weizsäcker-Physiognomie, jene unverwechselbare Konstruktion von Augen, Nase und Mund zueinander. Baldige Nähe zum Königshaus Württembergs, Konservatismus sozusagen eingeboren, aber so, daß "liberal" mildernd dazu gesetzt werden kann. Leitlinien werden sichtbar.
Carl Heinrich sinnt über den "Staat als sittliches Ganzes", während der doch immerhin gleichzeitig den Unterschichten ganz unsittlich zusetzt. Schon dieser erste dargestellte Weizsäcker ist hochkreativ, protestantisch, für die Freiheit der Wissenschaft, aber gegen kirchliche Reformen. Zwiespältiges. Das Jahr 1848 scheint ausgeblendet aus diesem Theologendasein. Aber Verehrung für Bismarck und Preußen, betont. Eine Tradition gründet sich. Als Carl Heinrich stirbt, 1899, wird sich Heinrich Mann schon bald mit dem Buchstoff zu seinem "Untertan" beschäftigen.
Bereits bei diesem Weizsäcker der Gedanke: Es hat auch andere Deutsche gegeben, damals, Linke, Republikaner, Demokraten. Nur - die Weizsäckers standen auf deren Seite nicht. Auch Julius Friedrich nicht (1828 bis 1889), trotz früher Hoffnung: Der Theologiestudent forderte demokratische Ideen und die Abschaffung des monarchischen Obrigkeitsstaates. Doch nur bis 48.
Wissenschaftliche Verdienste auch hier. Julius Friedrich stellt mit den "Deutschen Reichstagsakten" die Historie des ausgehenden Mittelalters auf eine gesicherte Grundlage. Er tritt zurück hinter die Arbeit, die keinen Ruhm bringt. Imponierend. Derweil ist er politisch zum "Treitschke von Tübingen" geworden, ein "Herold des preußischdeutschen Nationalismus" (Martin Wein). Glücksrausch 1870/71 - Elsaß-Lothringen! "Wer ist stark genug, diese verlorenen Lande zu beherrschen und durch heilsame Zucht dem deutschen Leben wiederzugewinnen? Preußen, allein Preußen!"
Spätestens hier stellen sich dem Chronisten eine Erkenntnis her und ein Drang. Die Erkenntnis: Bei den Weizsäckers handelt es sich um gediegene, erfolgreiche, hochintelligente Zeitgenossen mit ausgeprägtem Hang zur Obrigkeit, so sehr, daß man ihn als "hingegeben" bezeichnen kann. Der Drang: nun rasch dahin zu gelangen, wo die Weizsäckers uns Kinder des 20. Jahrhunderts zu berühren beginnen. Und damit sind wir bei Karl Hugo (1853 bis 1926).
"Wir Württemberger wünschen nichts sehnlicher, als endlich auch einmal ordentlich ins Feuer geführt zu werden", so der Kriegsfreiwillige am 6. November 1870. Nein, Martin Wein schont weder Familie noch Leser. Hier wird der "Geist von Langemarck" vorweggenommen, wird klar, was unter "Patriotismus" verstanden wird, stiehlt sich der deutsche Sonderweg personifiziert hervor.
Karl Hugo von Weizsäcker wird hoch steigen, vom Amtsrichter über den Landgerichtsrat bis zum Ministerpräsidenten und engen Berater König Wilhelms II. von Württemberg. Wieder: ein imponierendes Arbeitsleben, das übrigens auch am Jahrhundertwerk des Bürgerlichen Gesetzbuches beteiligt ist. Und sonst? Nicht, daß kritisches Empfinden gestorben sei. Da gibt es schon Skepsis, sogar gegenüber dem Kaiser, "ein zur Leitung eines modernen Staates persönlich wenig berufener Monarch".
Aber die Crux der Weizsäckers ist das, was sie Patriotismus nennen. Das läuft an der Katastrophenlinie des einheitlichen deutschen Nationalstaates entlang. Furcht vor dem Krieg hat der Aufsteiger Karl Hugo schon, aber bei der Marokkokrise von 1911, dem Sprung des Wilhelminischen Kanonenbootes "Panther" nach Agadir, wird applaudiert - und die Wehrvorlage der Reichsregierung von dem Stuttgarter Premier gebilligt.
Und nach dem 1. August 1914? Da lesen wir: "mit Gottes Hilfe" und "unsere Helden" und daß die andere Seite "die europäische Kultur vergiftende Bazillenträger" seien. Und natürlich: Deutschland führe einen Verteidigungskrieg. Eben nicht! Was machen eigentlich Emotionen in solchem Klima? Am 4. September 1914 fällt Sohn Carl Victor, 34jährig. Dazu Bruder Ernst: "Carl hat sein lebenswertes Leben für eine große Sache heldenhaft beschlossen. Darum darf man doch still weinen um ihn."
Im stillen . . . karg, sehr karg. Als Karl Hugo von Weizsäcker, hochgeehrt, im Februar 1926 stirbt, ist das politische Familienterrain abgesteckt: Demokratiefremdheit, ja -feindschaft, Befangenheit im obrigkeitsstaatlichen Denken monarchischer Prägung.
Das ist die Hypothek der großen Problemgestalt dieser außergewöhnlichen deutschen Familie und ihrer Geschichte - Ernst von Weizsäcker (1882 bis 1951), Vater des Bundespräsidenten und Zweiter Mann nach Ribbentrop im Außenministerium Hitler-Deutschlands.
Konzediert also, daß die Vorbelastung des Ernst von Weizsäcker enorm ist und sich deshalb niemand wundern kann, daß er, ein "Fanatiker der Ruhe", am 1. August 1914 förmlich patriotisch explodiert. Oder daß er, Teilnehmer der Skagerrak-Schlacht vom 31. Mai 1916, kommentiert: "Gott stand auf unserer Seite." (Dennoch schluckt man.)
Aber das Dilemma dieses Lebenslaufs beginnt erst 1918. Nirgendwo wird auch nur die allerkleinste Einsicht in die deutsche Verantwortung für den Ersten Weltkrieg sichtbar. Statt dessen einseitig verzerrte Erklärungen für seine Ursachen, Unfähigkeit, aus einer selbstverschuldeten Niederlage andere Konsequenzen zu ziehen, als Vorkehrungen für eine noch größere Katastrophe zu treffen. Ernst von Weizsäcker nach 1945: "Damals senkten sich die Keime zum Nationalsozialismus in den deutschen Boden."
Die alte falsche Erklärung, die unsägliche, singuläre Fähigkeit der Deutschen, die Verantwortung für die eigene Geschichte fremden Mächten aufzuhalsen. Jüngstes Beispiel des Kontinuums - für Auschwitz den Archipel Gulag verantwortlich zu machen.
Danach erstaunt mich in der Biographie Ernst von Weizsäckers nichts mehr, nur beginnt sich nun etwas in mir zu empören. Nämlich wie der zweithöchste Beamte in der Außenpolitik des Dritten Reiches seine hartnäckige Teilhabe an ihr zu rechtfertigen sucht: "Um Schlimmeres zu verhüten . . ." Dazu Martin Wein, den Weizsäckers gegenüber eher wohlwollend kritisch, aber eben doch auch ehrlich: "Am Unrecht teilzuhaben, ,um das Schlimmste zu verhüten', war freilich ein problematisches Vorhaben." Allerdings - denn von nun an schildert der Autor einen Mann, der ununterbrochen den Frieden retten will und dabei ununterbrochen an Kriegsvorbereitungen beteiligt ist. An München, September 1938, am "Anschluß" Österreichs März 1938 und am Untergang der Tschechoslowakei März 1939. Den Frieden retten? Statt der "mechanischen Lösung" Hitlers, also der gewalttätigen, will Ernst von Weizsäcker die "chemische" . . . Was ist das, wie geht das, etwa im Falle Österreich? Nicht gewaltsam, "sondern die innerösterreichischen Verhältnisse so zu gestalten, daß wir von dort gebeten werden, zu kommen".
Und wie empfindet der antinazistische Patriot die Annexion Österreichs dann am 14. März 1938 an der Seite Ribbentrops in Wien? Als "bewegenden Akt". Egon Friedell war zwei Tage später aus dem Fenster gesprungen . . .
Was den tschechoslowakischen Vielvölkerstaat betraf, der AA-Mann hatte nichts gegen dessen Auflösung, außer daß nicht die "chemische", sondern die "mechanische Lösung" angewandt wurde. "Chemische Lösung" auch in der Judenfrage: Die Auswanderung solle gefördert werden, aber nicht nach Nahost, "da eine Zersplitterung des Weltjudentums (!) für Deutschland ungefährlicher ist". Das sollte ein Rat sein, die Juden auswandern zu lassen . . . Armseliger geht's nicht. Aber Weizsäcker bleibt dabei, "um den Frieden zu retten".
Und als der dahin war? Da bleibt er erst recht dabei! Nur frage ich mich: Wie kann ein Mann den Frieden retten wollen, der stolz war auf den billigen deutschen Sieg über das hoffnungslos unterlegene Polen? "Man muß den Hut abnehmen vor dieser Armee." Damit meinte Weizsäcker nicht die polnische. Jetzt beginnt die große Vernichtungsorgie. Wein: "Die Gefahr einer schuldhaften Verstrickung lag täglich nahe." Verstrickung? Beim Sieg über Frankreich bricht Weizsäcker in patriotischen Jubel aus. Aber nicht nur das, er empfiehlt "die beliebige Ausplünderung des Nachbarlandes, die Internierung aller dortigen Exilregierungen sowie die strikte Kontrolle von Rundfunk und Presse". Die Eroberung des Balkans löst ebenfalls bei ihm nationale Begeisterung aus, und der Überfall auf die Sowjet-Union wird als Präventivschlag gedeutet. Was für ein Friedensmann!
Schließlich der Holocaust. Von Martin Wein habe ich über die Beteiligung des Freiherrn daran mehr erfahren, als ich vorher gewußt habe. Aus Gesprächen mit Sohn Carl Friedrich entblößen sich seine Kenntnisse. Das ist passiv. Doch so bleibt es nicht: Ernst von Weizsäcker verweigert norwegischen Juden die Ausreise nach Schweden. Und er bescheinigt, mit einem winkligen "W", daß das AA gegen die Abschiebung von 6000 Juden aus Frankreich nichts einzuwenden habe. Dabei ersetzt er "Keine Bedenken" durch "Kein Einspruch erhoben". Mein Gott! Er hat auch geholfen, ja. Aber gibt es da Aufrechnungen?
Für die Deportation nach Auschwitz und dafür, daß er an der Zerschlagung der Tschechoslowakei beteiligt war, in anderen Anklagepunkten nicht, wird Ernst von Weizsäcker im April 1949 zu sieben Jahren Haft verurteilt. Eineinhalb Jahre später schon ist er frei. Bis zuletzt hatte er darauf beharrt, dabeigeblieben zu sein, "um Schlimmeres zu verhüten". Es war der Vertreter der Anklage, der in Nürnberg den inneren Widerspruch der These enthüllte:
Wir weisen die Auffassung zurück, daß eine gute Absicht eine sonst strafbare Handlung rechtfertigt und daß jemand straflos schwere Verbrechen begehen könnte, wenn er dadurch andere Verbrechen verhindern zu können glaubt. Nur derjenige, der Tausende hinaustrieb, konnte einige retten. Ein anderer hatte gar keine Gelegenheit dazu.
Bündig, logisch, vernichtend. Warum, um Himmels willen, kein Rücktritt bei so viel Vergeblichkeit! Martin Wein läßt uns über die Schuld des Ernst von Weizsäcker mehr wissen, als Robert Kempner im Jahre 1949 kennen konnte.
Ich brüte über dieser Biographie, trauernd und ohnmächtig vor der Geständnisunfähigkeit. Abermals bestätigen sich mir die fließenden Grenzen zwischen deutschnationalem Konservatismus und Nationalsozialismus, die Hilflosigkeit, die ganze Ausgeliefertheit solcher "Patrioten" an ihn - durch Fehlinterpretationen deutscher Geschichte.
Man sehe mir angesichts solcher Erschütterungen den knapp gewordenen Platz für Viktor, Carl Friedrich und Richard von Weizsäcker nach. Immerhin, nun wird es lichter. Bei Viktor (1886 bis 1957), dem Neurologen, der der Psychosomatik neue Impulse gegeben hat, sind Schmisse und Mensuren so abstoßend wie das Gerede über Ehre und Heldentum - "nur eine von all' den idealistischen Lügen". Und, o Graus zu Haus, eine Begegnung mit August Bebel im Reichstag nannte er "ein Erlebnis". Zum Ersten Weltkrieg: "Das geschichtliche Geschehen hat die volle Qualität des Wahnsinns." Voila - es geht in der Familie nun auch so.
Das trübt sich später, kurzfristig, als Viktor nach 1933 theoretisch in die Nähe der Euthanasiebefürwortung gerät oder für die Verbrennung eines Buches von Sigmund Freud plädiert, den er hoch schätzte. Aber das dauert nicht, da gibt es lang entbehrte Entschiedenheiten, und andere als die bisherigen. Wie ein Strahl taucht in diesem Lebenslauf Alexander Mitscherlich auf.
Als Viktor stirbt, 1957, war der Stern Carl Friedrichs (Jahrgang 1912) längst aufgegangen, Niels Bohrs und Werner Heisenbergs Gefährte, der Physiker, das Familiengenie. Zwar auch bei ihm ein dunkler Punkt, der mir die Kehle zuschnürt: Die Entscheidung des Kernphysikers, trotz Ablehnung des Nationalsozialismus und Hitlers, an der Atombombe mitzuarbeiten . . . Um dann später zu erklären, er sei seinerzeit davor "nur durch göttliche Gnade gerettet worden - dadurch, daß es nicht gegangen ist".
Der deutsche "Fachmann", wohl die schrecklichste Spezies, die der Homo sapiens bisher hervorbrachte, war auch mit diesem Weizsäcker durchgegangen. Dennoch, hier wird die Sippe heller, werden Irrtümer begriffen. Carl Friedrich ist einer der "Göttinger Achtzehn", Initiatoren des zähneknirschenden A-Bomben-Verzichts der Bundesrepublik. Heute kommt mir der Universalgelehrte wie eine öffentliche Friedensinstitution vor - massel tov für ein langes Leben!
In ähnlichen Fußstapfen bewegt sich, auf politischem Parkett, noch einer von den Weizsäckers - Richard (Jahrgang 1920): Schule - endloses Dasein als Frontsoldat - nazigegnerisch. Im Nachkrieg: Wirtschaft, Liebesheirat, Kirche, Politik. Aber - mir bleibt dieses Dasein, bis hinein in die Bürgermeisterzeit von Berlin, seltsam unspektakulär. Bis, ja eben bis zu der "Rede" im Bundestag.
An jenem 8. Mai 1985 habe ich mein Auto an den Straßenrand gelenkt und atemlos zugehört: die Ursachen für Flucht und Vertreibung - nicht das Kriegsende, sondern der 30. Januar 1933. Bekenntnis zu den ermordeten Sinti und Roma, den getöteten Homosexuellen und - Kommunisten . . . Erst dachte ich: du träumst! Dann überkam mich eine unbändige Wut - wegen des sprachlosen, konsternierten Überraschungseffekts durch lauter Selbstverständlichkeiten, Gradmesser der politischen Verkommenheit in dieser Republik der "Zweiten Schuld".
Über allem aber schwebte mir die eine Frage, 40 Jahre und vier Tage nach meiner Befreiung in Hamburg, neu und also zum erstenmal in meinem Leben gestellt: Könnte dieser Weizsäcker, der endlich auf der richtigen, auf der Seite der anderen Deutschen steht - könnte der nicht auch dein Präsident sein?
Die Frage habe ich inzwischen bejaht. #
Von Ralph Giordano

DER SPIEGEL 11/1989
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