10.07.1989

SPIEGEL Essay1789 bis 1989: Und was dann?

Das Jubeljahr der Französischen Revolution hat bislang viel Feuerwerk und wenig neue Erkenntnisse gebracht; dafür aber jede Menge "langue de bois", Sprache aus Holz, Denkschablonen.
Ob sie notwendig war, quasi ein Naturereignis, oder überflüssig; ob und für wen sie Errungenschaften gebracht oder ob sie die gesellschaftliche Entwicklung nur gestört hat; schließlich, ob sie tot ist, "eines natürlichen Todes gestorben" (Francois Furet), oder ob wir von ihrem "Erbe" noch zehren können, weil es ja noch nicht "verbraucht" sei (so derselbe Francois Furet). Ob sie irgendwann zwischen 1791 und 1793 "entgleiste" oder ob sich "schon 1789 die Möglichkeit der Tyrannei abgezeichnet" habe, eine "potentiell despotische politische Kultur": Furet muß sich nicht entscheiden, er bejaht beides.
Fast schien es, als hätte Frankreich in Feder und Zunge des früheren Kommunisten und jetzigen Nicht-Marxisten Francois Furet, 62, für das Jubeljahr nur diesen einen Interpreten seiner Revolution. War "La terreur", war die Schreckensherrschaft zu vermeiden? "Schwer", antwortet Furet. War sie "schicksalhaft vorbestimmt"? "Nein", antwortet Furet. Wie das? Der Professor und Historiker:
Hätte es einen Heinrich IV. anstelle von Ludwig XVI. gegeben, einen König, der die Monarchie vom Adel löst, der dem Rat Mirabeaus gefolgt wäre - schon dies hätte viel geändert. Der religiöse Konflikt wäre nicht ausgebrochen.
"Hätte" und "wäre". Was hätte Friedrich der Große 1914 gemacht, wenn er sich bei der Bauernbefreiung auf den Rat des Freiherrn vom und zum Stein hätte stützen können. So zu argumentieren halte ich für Windbeutelei. (Beiseite gesprochen, dieser klassisch undankbare König Heinrich mit seinem Huhn im Topf und dies adelige Monstrum an moralischer Verkommenheit, das schon am 2. April 1791 sein Leben aushauchte, erschöpft von einem Königspaar, das ihm nicht vertraute - undenkbar.)
Aber den religiösen Konflikt 1789 und 1790, den gab es ja, und der ist nicht vom Himmel gefallen. Das reiche und mächtige Frankreich war ein von klerikalem und weltlichem Adel ausgepreßtes Land unter einer verschwenderischen Krone, das 150 Jahre über seine Verhältnisse gelebt hatte. Es war die stärkste Bastion katholischer Heuchelei auf der Welt.
Lenins "Grundgesetz der Revolution" stimmte nicht erst 1917, es stimmte schon 1789 und liest sich noch heute so:
Zur Revolution genügt es nicht, daß sich die ausgebeuteten und unterdrückten Massen der Unmöglichkeit, in der alten Weise weiterzuleben, bewußt werden und eine Änderung fordern; zur Revolution ist es notwendig, daß die Ausbeuter nicht mehr in der alten Weise leben und regieren können. Erst dann, wenn die Unterschichten das Alte nicht mehr wollen und die Oberschichten in der alten Weise nicht mehr können, erst dann kann die Revolution siegen. Mit anderen Worten kann man diese Wahrheit so ausdrücken: Die Revolution ist unmöglich ohne eine gesamtnationale (Ausgebeutete wie Ausbeuter umfassende) Krise.
Wie kommen wir auf Lenin? Nun, der geistreiche Francois Furet, mehr Ideengeschichtler als Historiker, hat, wenn er die Französische Revolution beschreibt, immer auch den späteren Marxismus und die Russische wie die Chinesische Revolution im Visier. Das kommt dem Bicentenaire zugute und nicht zugute. Die gloriosen Erinnerungen finden in Paris statt, die revolutionären Vorgänge in Moskau und Peking, in Warschau und Budapest.
Immer sind es die Intellektuellen, denen Furets besondere Aufmerksamkeit, wenn auch nicht gerade Liebe, gilt. Sie reden dem völligen Bruch mit der Vergangenheit das Wort, der revolutionären Radikalität, dem neuen Menschen. Sie geben den Städten neue Namen, machen einen neuen Kalender.
So betrachtet, ist auch die katholische Kirche von Intellektuellen wie dem Apostel Paulus und dem Kollektiv-Evangelisten Johannes begründet worden. Die rebellischen deutschen Bauern von 1525 waren zwar keine Intellektuellen, aber sie hielten sich welche. Auch ihr Reich der Zukunft sollte ein völliger Neubeginn sein. Was stellt sich bei diesen Vergleichen heraus? Die Kraft der Utopie reicht niemals, die Utopie auch zu verwirklichen, aber doch allemal, die Welt zu verändern.
Nur haben eben nicht "die Intellektuellen" das Römer-Reich in den Abgrund getrieben; wie sie auch 1789 und 1917 für die laut Lenin "gesamtnationale Krise" des Landes am wenigsten verantwortlich waren. Wo ein verkommenes Regime seinen letzten Sou, seine letzte Kopeke ausgegeben hat, tritt ein anderes an seine Stelle, das sich, oft gewaltsam, Kredit verschafft und mit der Rolle des bloßen Konkursverwalters durchaus nicht zufrieden ist. Lenin glaubte an sich und gab sich Kredit, und siehe da, Rußland wurde wieder kreditwürdig. Ob es kreditwürdig bleibt? Die Französische Revolution jedenfalls geriet bis zum Jahre 1815 nie in den Aggregatzustand der Normalität. Da hätte ihr wohl auch Furets Liebling, der großspurige Filou Mirabeau, nicht helfen können.
Was die Verächter jeglicher gewaltsamen Umwälzung nicht wahrhaben wollen, ist das folgende: Von Anbeginn der Menschheitsgeschichte war die Welt nicht ein einziges Paradies, wie Rousseau meinte, sondern es gab Unterdrücker und Unterdrückte, Sklaven und Sklavenhalter, Verhungernde und Prasser, Arme und Reiche, Große und Kleine.
Also konnte es dialektisch nicht ein einziges Prinzip geben, sondern einen Klassenriß, einen durchgehenden Antagonismus, der zumindest zwei Prinzipien erforderte, Ormuzd und Ahriman, beide Unterdrücker und Unterdrückte, beide austauschbar, aber entzweit. Haben wir Westler, die sich angesichts der östlichen Schieflage die Hände reiben, wohl auch begriffen, daß wir skrupellose Ausbeuter sind, die der Dritten Welt die Luft zum Atmen nehmen und die eigene lebensnotwendige Umwelt bis zum Exzeß ausplündern? Hier ist das letzte Gefecht noch nicht ausgetragen.
Furet kann seine Schadenfreude kaum verbergen, wenn er konstatiert, daß Revolutionen wie die in Paris früher, in Moskau und Peking jetzt, nur ein einziges Problem haben: "Wie kommt man aus der Revolution heraus?" Er lobt den angelsächsischen Sonderweg, er äußert sich, und da wird er einem richtig sympathisch, nicht gerade lobend über den gallischen Hang zum "Kikeriki".
Souverän läßt er dabei außer acht, daß die Angelsachsen ungleich günstigere Bedingungen hatten als Frankreich, ihre gewaltsamen Veränderungen scheibchenweise vorzunehmen und sie nicht in eine All-out-Revolution einmünden zu lassen. Beide, England und seine amerikanischen Kolonien, waren sozusagen Inseln und wurden amphibische Mächte.
Heinrich VIII. hatte die Herrschaft des Papstes abgeschüttelt, Oliver Cromwell wegen religiöser und sonstiger Streitigkeiten seinen König enthaupten lassen. Derart gerüstet, gelang ihnen eine unblutige, die "Glorious revolution" von 1689. Die das Land besaßen, beherrschten es auch, es entwickelte sich ein Konsens zwischen den besitzenden Schichten und dem König.
Die in eine neue Welt Emigrierten fuhren als Engländer hin und kamen als Amerikaner an. Kein königlicher Langmut hätte sie hindern können, sich von ihrem Stammland zu emanzipieren. Als sie über ihre Empörung die Fahne der Menschenrechte aufpflanzten, dachten sie nicht an die Schwarzen. Erst 1861 war die Sklavenfrage auch für die Sklavenbesitzer unhaltbar geworden, die Machtfrage eines großen Kontinents stellte sich, und es siegte der König Weizen über den König Baumwolle.
Dieser Bürgerkrieg geriet zum Schluß gänzlich außer Kontrolle. Nur konnte seit seinem Ende keine Revolution in England und den USA mehr stattfinden, "das Volk", geschieden in unten und oben, hatte gesiegt.
Furet meint nun, die Französische Revolution habe keine Vorstellung von einer Partei gehabt, sie habe alle Parteien verworfen. Aber erstens, wie sollte sie, und zweitens gab es pausenlos Parteiungen.
Lenin, so ziemlich als einziger, hat das begriffen und sich selbst zu einer Ein-Mann- und Einheitspartei gemacht. Wille, Geist und Unbestechlichkeit kamen in ihm auf einmalige Weise zusammen. Aber erstens lebte er nicht ewig, und zweitens war seine Wirklichkeit einer Ein-Mann-Kaderpartei, zusammengesetzt aus Berufsrevolutionären, ein Widerspruch in sich.
In beiden Revolutionen sieht Furet mit großem Einfühlungsvermögen das Problem: Es gab zwei Möglichkeiten. Die erste: ein "Säbel", ein Militärdiktator, der genial genug ist, sich aus den Errungenschaften der Revolution das herauszuklauben, was ihm persönlich nützt, und den Rest zu kippen. 1799 war nach zehn Jahren Revolution und Gegenrevolution Napoleon an der Macht, als Heerführer wie als Politiker gleichermaßen genial, nur leider narzißhaft größenwahnsinnig, kein Überzeuger, sondern ein Befehler. Nicht umsonst sah die Leninsche Revolution in dem von ihr so benannten Bonapartismus die Gefahr Nummer eins.
Stalin verkörperte den zweiten Weg, aus der Revolution herauszukommen: eine Diktatur der Bürokratie unter einem nur pro forma von der Basis abhängigen Zivildiktator, auch er auf seine Weise ein genialer Mensch. Lenin wie Stalin konnten kein Rezept hinterlassen, wie es weitergehen solle. Auch Deng in China, der die jungen Intellektuellen von Panzern platt walzen ließ, tat dies nicht aus purer Grausamkeit. Man hatte ihm eben nur kein Rezept hinterlassen.
Natürlich war alle Welt entsetzt, als die blutigen Bilder vom Platz des Himmlischen Friedens über die Bildschirme liefen. Aber auch in Frankreich wurden 1830, 1848 und 1871 Volksaufstände in Blut erstickt - nur gab es damals kein Fernsehen.
Auch Napoleon hatte 1795 in Paris kartätscht, hatte vor Jaffa 3000 "unschuldige" Männer, Frauen und Kinder mit Bajonetten niedermachen lassen. Sind Bajonette angenehmer als Panzer? Man kann, was die Grausamkeit betrifft, keinen Unterschied sehen zwischen der Niederschlagung von Revolutionen in Paris und in Peking. Weiß man, welches Riesenreich hier zu beherrschen ist?
Weiß man, was aus den 400 Nationalitäten der Sowjet-Union geworden wäre, wenn Lenin dem ebenso impotenten wie bodenlosen Kerenski-Regime kein Ende gesetzt hätte? Wie stellt man sich den sowjetischen Widerstand gegen Hitler vor, wenn dem Führer nicht ein gleichgearteter, allerdings mit Vernunft begabter Diktator entgegengetreten wäre? Wer hätte das sein sollen? Lenin, der beim Überfall auf die Sowjet-Union 71 Jahre alt gewesen wäre? Trotzki? Bucharin?
Wer hätte künftig China verwalten sollen, wenn die Deng-Leute nicht nach außen sichtbar und mit kalkuliertem Terror durchgegriffen hätten? Da die Moral der USA zufällig immer mit ihren Interessen identisch ist, arbeiten denn auch die Geheimdienste beider Länder weiterhin bruchlos zusammen.
Wir im Westen neigen dazu, den Kommunismus als eine Abirrung der Geschichte anzusehen. Was den ökonomischen Output angeht, stimmt das natürlich. So wäre denn Deng eine halbwegs tragische Figur, weil er, anders als Mao, auf Fernseher und Fahrräder gesetzt hätte? Nur, dann könnte auch Gorbatschow zu einer tragischen Figur werden, weil er auf den Überbau, auf die Intellektuellen vertraut, anstatt den Leuten das zum Leben Notwendige zu liefern, was natürlich ein Robespierre für überflüssig hielt: Zucker, Seife und Kerzen.
Es mag wohl sein, daß beide Regime, das in Moskau und das in Peking, zugrunde gehen, weil sie in der jetzigen Verfaßtheit kaum noch eine Zukunft haben. Nur, sind wir so sicher, daß wir nicht mit unter die Räder kommen?
Wenn Leute wie der russische Denker Alexander Herzen es für unmöglich hielten, weiter so zu verfahren wie bisher, war denn dann die Revolution so unmöglich? Es haben die größten Geister sich an ihr berauscht. Kaum einer mochte im "Versorgungsheim der Reaktion" (Herzen) Platz nehmen.
Herzen, als unehelicher Sohn eines Fürsten geboren, war im übrigen kein Ideologe, kannte sein Volk gar nicht. Und dennoch schwärmte er von dem "mächtigen und unenträtselten Volk". Wovon würde er heute schwärmen, wo ersichtlich die gesamtmenschlichen Probleme alle anderen zu einem Nichts entschwinden lassen?
Sollen unsere Schreiber, unsere Intellektuellen darob frohlocken? Sind Überschriften wie "Ein Gespenst geht am Stock" ("Süddeutsche Zeitung") oder "Sterbende Regime machen nur noch Fehler" ("Frankfurter Allgemeine") der nun in der Tat explosiven Situation angemessen?
Die Epoche der Revolutionen ist zu Ende, weil das Schwert, anders als de Gaulle schrieb, nicht mehr die Achse der Welt ist. Napoleon hat mit dem Gedanken, der Geist siege über das Schwert, wohl nur kokettiert, er war ja auch ein großer Literat.
Worum es jetzt geht, das ist eine neue Sicht der Dinge. Noch Bismarck, der Unerschütterliche, war von der Vorstellung geschüttelt, es würden die Reichen von den Armen aufgefressen, Bismarck, ein roher und brutaler Junker, aber doch ein zivilisierter Staatsmann.
Es genügt nicht, das Versagen des Marxismus-Leninismus-Stalinismus-Maoismus genüßlich auszubreiten. Hat etwa Indien, diese tolle Demokratie, bessere Lebensbedingungen als China und Rußland? Und der Kontinent Afrika? Können wir eine Afrikanisierung Chinas und Rußlands wünschen? Sollen wir gegen vier Fünftel der Weltbevölkerung mutig antreten?
Stellen wir uns doch nur einen Augenblick vor, es hätte keinen Robespierre, keinen Napoleon, keinen Marx, keinen Lenin, keinen Stalin und keinen Mao gegeben. Sähe die Welt, was das Überleben der Menschheit anlangt, dann im mindesten besser aus? Ersichtlich nicht.
"Irgendeine gasförmige Ausdünstung macht für eine halbe Stunde das Atmen unmöglich - und aus ist es mit der Geschichte", schrieb Alexander Herzen 1847 aus der Emigration. Und 1869, kurz vor seinem Tod: "Ökonomische Fehler führen nicht indirekt in politische, sondern geradewegs und tiefer ins Verderben, zum Stillstand und zum Hungertod."
Herzen war gegen den "arithmetischen Pantheismus des allgemeinen Stimmrechts". Nur, wie dann überhaupt regieren? Dieser russische Emigrant wußte es nicht. Er wußte nur, was er nicht wollte: Sollen wir, so fragte er, alle Karyatiden sein, "die die Terrasse stützen, auf der einst einmal andere tanzen werden"?
Die kommunistische Idee von der Gleichheit aller Menschen, nicht postuliert von Robespierre, sondern von Babeuf, guillotiniert 1797, hat nicht funktionieren können, bis heute nicht. Die "Brüderlichkeit" ist nur noch ein ferner Klang.
Die Revolution, wie von dem ehemaligen Kommunisten Francois Furet beschrieben, hat keine Funktion mehr.
Wenn man, wie Michail Gorbatschow bei seinem Staatsbesuch in Paris sagte, den Besitz in seine Rechte wieder einsetzen muß, wäre das die Gegenrevolution schlechthin. Weiß das der Präsident und Generalsekretär, oder weiß er es nicht? Interessanten, wenn auch nicht ungefährlichen Zeiten gehen wir entgegen.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 28/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 28/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPIEGEL Essay:
1789 bis 1989: Und was dann?

  • ESA-Astronaut Matthias Maurer: Der erste Deutsche auf dem Mond?
  • Seltene Tiefseespezies: Grüner Bomberwurm gefilmt
  • Neues Transportsystem: Katar testet schienenlose Tram für WM 2022
  • Carola Rackete: Retterin äussert sich nach Vernehmung