13.02.1989

Neue Ziele für die Wirtschaft

von Dieter Kampe
Konkurrenz oder Plan, Markt oder Lenkung - über hundert Jahre währte der Glaubenskrieg zwischen Marxisten und Marktwirten, zwischen Kommunisten und Kapitalisten. Nun ist der Kampf vorbei.
Die Weltgeschichte, durch Michail Gorbatschow in Bewegung geraten, teilt das Ergebnis mit: Es geht nicht ohne Markt, ohne jene Einrichtung, die Angebot und Nachfrage ausgleicht, die Knappheiten durch einen Preis ausdrückt. Die Vision des Karl Marx, das Reich der Freiheit über die von revolutionären Arbeitern veränderten Besitzverhältnisse an den Produktionsmitteln zu erreichen, bleibt Wunschdenken. Es gibt sie nicht, die großartige Alternative, die alle Verteilungsprobleme und alle Gesellschaftskonflikte auflöst.
Die Praxis entschied über den Prinzipienstreit. Der Zwang, endlich effizient zu wirtschaften und der Bevölkerung Konsumgüter zuzugestehen, ist zu guter Letzt auch in Lenins Heimatland so übermächtig geworden, daß Gorbatschows ZK zur ideologischen Bankrotterklärung bereit ist. Noch sträubt sich die Bürokratie. Aber der Trend ist eindeutig: Zentrale Lenkung und administrierte Preise sind der Schrott von gestern.
Im Ostblock sitzen die marktorientierten Reformer nun nicht mehr im Gefängnis, sondern in den höchsten Staatsämtern. Die jahrzehntelang betriebene Schaukelpolitik, Marktelemente so vorsichtig und zögernd in die staatliche Zentralverwaltungswirtschaft einzubauen, daß die Ideologie keinen Schaden nimmt, hat Michail Gorbatschow beendet.
Die Freude der Marktwirte bleibt allerdings gedämpft, einen totalen Sieg haben sie trotz allem nicht errungen. Die Erfahrungen der letzten 20 Jahre Wirtschaftspolitik belegen nämlich: Es geht auch in den Konkurrenz-Wirtschaften nicht ohne staatliche Eingriffe, die Steuermängel des Marktes ausgleichen; es geht nicht ohne staatliche Sozialpolitik, die für gesellschaftlichen Frieden sorgt.
Im Westen ist der alte Streit, wie liberal oder wie reguliert die Marktwirtschaft organisiert sein soll, nur noch ein leeres Ritual. Der Kampf um den Sozialstaat, für die Wohlfahrtsgesellschaft, gab der Sozialdemokratie zwar früher Identität und Programm. Doch eine Partei vom Schlag der SPD ist nun, wie Ralf Dahrendorf überpointiert, "überflüssig geworden". Längst ist der Sozialstaat fest abgesichert durch Gesetze, Rechtsprechung und Tarifverträge. Auch konservative Regierungen, auf Wählermehrheiten angewiesen, wagen allenfalls mal Retuschen an diesem Gebilde.
Die Konservativen wollen das umfängliche staatliche Regelwerk auch gar nicht mehr abschaffen; sie haben es als nützlich und notwendig erkannt. Sie haben einsehen müssen, wie bedrohlich die vom Industriesystem produzierten Folgeprobleme und Nebeneffekte mittlerweile geworden sind. Sie können sich nicht länger der Einsicht verschließen, daß ohne staatliche Auflagen und Vorschriften, ohne Kontrollen und Regeln die menschlichen Lebensverhältnisse zerstört werden. Es kommt einfach zu teuer, all die großen Schäden nachträglich zu reparieren, die eine sich völlig selbst überlassene Privatwirtschaft fortlaufend verursacht. Das überfordert die Allgemeinheit, und es treibt auf lange Sicht den Staat in den Bankrott.
Deshalb kommt es auch unter westlichen konservativen Regierungen, entgegen aller Privatisierungspropaganda, zu einer Art kalter Verstaatlichung, der eine steigende Zahl von Unternehmen und Branchen anheimfallen: Der Staat beschneidet die einst heiligen Verfügungsrechte am Privateigentum immer stärker durch Verhaltensvorgaben: Produkte und Produktionsabläufe unterliegen immer mehr hoheitlichen Vorschriften. Dieser Trend Richtung Interventionsstaat ist nicht mehr rücknehmbar, er wird eher stärker.
Es ist viel in Bewegung gekommen, im Osten wie im Westen. Die Lockerungsübungen im sozialistischen Lager sind zwar schwierig, spannungsreich und von Rückschlägen bedroht. Aber die Richtung der Reformen ist klar: Die Zentralverwaltungswirtschaften sind zentral nicht zu steuern, sie übernehmen nach und nach die Steuerungsinstrumente der Marktwirtschaften.
Anders die Lage in den westlichen Industrieländern. Hier hemmen weder Not noch Diktatur die Suche nach zukunftsweisenden Wegen. Doch Klarheit über den Kurs besteht dennoch nicht. Wie sollen Wirtschaft und Gesellschaft gestaltet werden, nachdem die simple Beschwörung der unternehmerischen Kreativität und Dynamik so wenig hilft? Welche neuen Aufgaben wachsen dem Staat zu? Wo sollen andererseits Grenzen staatlichen Handelns gezogen werden? Welche Ziele sind sinnvoll, welche Werte konsensfähig? Welche Strategien können Mensch und Umwelt, Wohlstand und Freiheit gleichermaßen retten?
Über all das wird, den (noch) guten Ausgangsbedingungen zum Trotz, hierzulande kaum diskutiert. Die mittlerweile abgeschlossene "Sozialdemokratisierung der bürgerlichen Parteien" (Dahrendorf) macht die Sozialdemokratie konzeptionslos. Die anderen stehen kaum besser da. Die Wirtschaftsprogramme der Parteien sind, weil auf die Probleme von gestern ausgerichtet, ohne Faszinationskraft, es fehlen die Reibungs- und Profilierungsflächen, es mangelt an übergreifenden Perspektiven. Die Medienhelden versuchen, ihre alten Schaukämpfe und Rituale fortzusetzen. Doch die Resonanz ist dürftig: Die Stimmbürger merken allmählich, daß die gängigen Worthülsen kaum etwas mit den Problemen der Jetzt-Zeit zu tun haben.
Die Bewohner der Industriestaaten, soweit sie den Blick über den Tellerrand hinaus richten, wollen wissen, wohin eine Wirtschaft, die das nicht endende Wachstum zu ihrem Lebenselement verklärt hat, die Gesellschaft treibt.
Für David Ricardo und Karl Marx, für Woodrow Wilson und Wladimir Lenin, für Nikita Chruschtschow und John F. Kennedy stellte sich die Frage nach dem Sinn des wirtschaftlichen Fortschritts nicht. Egal, ob sie einer Plan- oder einer Marktwirtschaft den Vorzug gaben - alle waren sie davon überzeugt, daß schon wirtschaftlicher Fortschritt an sich gut und vernünftig ist.
Doch das war Illusion. In West und Ost, das wird immer deutlicher erkennbar, produziert der Industrialismus viele unerwünschte Ergebnisse: Umweltzerstörung, Massenarbeitslosigkeit, Zerfall der Gesellschaften in viele Teilgruppen; eine Sinn- und Orientierungskrise vieler Bürger.
Der Industrialismus hat keineswegs automatisch das "größte Glück für die größte Zahl" gebracht, wie der englische Utilitarist Jeremy Bentham 1789 voraussagte. Die Hoffnung, der Erfolg dieses Wirtschaftsmodells enthebe es jeglichem Begründungszwang, ist geplatzt. Das Industriesystem gerät unter Rechtfertigungsdruck, es muß sich legitimieren. Ziele und Werte müssen her - und vorzeigbar sein.
Doch eben die sind nicht da. Den Philosophen und Sozialwissenschaftlern machte das schon seit geraumer Zeit Sorgen. Heute schlagen die Topmanager Alarm. In manchen Vorstandsbüros der großen Konzerne wird der Verfall der alten Werte und der Mangel an neuen Zielen beklagt. Die Krise der Ethik, das spricht sich langsam herum, könnte schnell zu einer Krise der Wirtschaft ausarten.
"Damit der Markt überhaupt funktionieren kann", predigte der deutsche Ford-Chef Daniel Goeudevert unlängst einem erlauchten Kongreß-Publikum, "braucht er ethische Grundsätze und moralische Überzeugungen." Beides fehlt heute.
Der Ökonomie mangelt es jetzt nicht mehr an Konzepten zur wirkungsvollen Systemsteuerung; ihr fehlen Antworten auf existentielle Grundfragen. Es geht um die Wiedergewinnung einer gesunden Lebenswelt in der reichen Industriegesellschaft. Es geht um den Sinn all der Wohlstandsmehrung und des gewaltigen Materialverbrauchs; es geht darum, in einer Industriewelt, in der immer verbissener um Marktanteile und Renditen gekämpft wird, Restbestände von Menschlichkeit zu bewahren.
Das sind die politischen Kontroversen und die Fragestellungen der neunziger Jahre. Wie, so fragen amerikanische Ökonomen, lassen sich externe Kosten, also Schädigungen, die von der Industrie bisher auf Natur und Konsumenten abgewälzt wurden, den Produzenten zurechnen? Kann der Mensch wirklich in der Arbeitswelt glücklich werden, fragt die deutsche Sozialdemokratie dank Oskar Lafontaine, oder wäre auch eine Befreiung von der Arbeit sinnvoll? Die vor zehn Jahren verfemte Debatte über Investitionslenkung bricht erneut auf; diesmal sind sogar Unternehmerverbände dabei, die an einem rechtzeitig gelenkten Strukturwandel Interesse zeigen.
Der ökonomische Fortschritt als Selbstzweck hat "in eine Sackgasse geführt", schreibt der Mannheimer Philosoph Hans Albert. Und nun stehen die Macher und Denker vor der Aufgabe, die Idee des wirtschaftlichen Fortschritts, die sich verselbständigt hat, wieder an die Menschen zu binden, ökonomische Vorwärtsentwicklungen auch als sozialen Fortschritt erkennbar zu machen.
In der Denktradition des Abendlandes war der wirtschaftliche Fortschritt keineswegs immer losgelöst vom Rest der menschlichen Existenz. Die griechischen Vordenker Aristoteles, Platon und Sokrates faßten Ethik, Politik und Ökonomie vielmehr in der "praktischen Philosophie" zusammen. Thomas von Aquin entwarf seine Wirtschaftslehre als Teil der Moralphilosophie; die Klassiker der Nationalökonomie, Adam Smith und John Stuart Mill, waren gleichzeitig bedeutende Moralphilosophen.
Sie alle verstanden wirtschaftlichen Fortschritt als Möglichkeit, den Menschen zu einem besseren und erfüllteren Leben zu verhelfen. Und sie alle wußten, daß unter Knappheitsbedingungen Konflikte zwischen Menschen und Gruppen entstehen, daß wirtschaftliche Probleme auch immer soziale Beziehungen berühren.
Der folgenschwere Sieg des Wirtschaftsliberalismus, die Herrschaft der von dem englischen Nationalökonomen David Ricardo entwickelten Denkfigur des Homo oeconomicus, des allein der wirtschaftlichen Vernunft gehorchenden Menschen, folgte aus zwei vorhergehenden geistigen Entwicklungen. Zum einen hatte das Christentum das philosophische Denken Europas umgemodelt. Menschen, die geschichtlich wirksam handeln und ihr Handeln an gewählten ethischen Werten orientieren, wie es die alten Griechen kannten, kamen in der Kloster-Scholastik des Mittelalters nicht mehr vor. Das autonome Denken mußte dem Willen Gottes weichen. Der göttliche Heilsplan vollzog sich unabhängig von menschlichen Bemühungen.
Verhängnisvoll für das alte Ideal des mündigen Bürgers wirkte sich auch aus, wie in der Neuzeit die Verwissenschaftlichung des Denkens vonstatten ging. Zwar wurde die Theologie vom Königsthron der Wissenschaft verdrängt; aber der von ihr erschlagene Bürger, selbstbewußt und vernunftgerichtet, wurde nicht zu neuem Leben erweckt. Die vorgegebene natürliche Ordnung, Grundaussage der christlichen Ethik, blieb Bestandteil des modernen Denkens, hielt durch die Physiokraten als "ordre naturel" Einzug ins neuzeitliche ökonomische Denken.
Auch Adam Smith' "unsichtbare Hand" verweist auf solche Reste des Glaubens an eine übermenschliche Vernunft. Aus dem einprägsamen Bild der lenkenden Hand wurde schon bald das abstrakte Prinzip der Marktkonkurrenz. So entstand die "reine Ökonomie", die sich als selbständige Einzelwissenschaft von anderen Disziplinen abkoppelte. Sie ging nicht mehr von realen Menschen und ihren Bedürfnissen aus, sondern sprach nur noch vom Homo oeconomicus und den Systemgesetzen der Ökonomie.
Eine Verständigung über Ziele des Wirtschaftens war nunmehr überflüssig. Das Prinzip der Marktkonkurrenz wurde zum Selbstzweck. Frederick Taylor, der Erfinder der modernen Arbeitsorganisation, brachte die Ausgrenzung des Menschen aus der Ökonomie auf den Punkt: "In der Vergangenheit drehte sich alles um den Menschen; in der Zukunft muß das System im Mittelpunkt stehen."
Die Ausklammerung der Ethik aus der Ökonomie, das Verdrängen der Fragen "Wozu" und "Wohin", der Glaube an das abstrakte Fortschrittsprinzip des "Immer mehr, immer schneller" - dies alles konnte Bestand haben, solange die spürbaren Fortschritte in der Lebensqualität größer waren als die negativen Nebeneffekte des Industrialismus. Diese Phase der Menschheitsgeschichte ging offensichtlich in den siebziger Jahren zu Ende.
Die unschönen Verhältnisse erzwingen nunmehr die Rückkehr zu den alten Fragen: Dient der eingeschlagene Weg dem guten Leben? Bringt der Fortschritt eine bessere Welt?
Solche Fragen wälzen Philosophieprofessoren heute nicht mehr im Elfenbeinturm. Ein großes Publikum sucht und verlangt von ihnen Antwort. Die Philosophie, meint Odo Marquard, der neue Volksphilosoph von der Universität Gießen, erfülle neuerdings für viele Menschen eine Orientierungsaufgabe: "Klären, wie es eigentlich gewesen ist; erwägen, wie es weitergehen könnte und sollte."
Hilfestellung von den Philosophen braucht die Wirtschaft offenkundig. Ersatz für die zerschlissene Ethik ist gefragt. Neue Ziele für die Wirtschaft müssen her, damit wieder jener soziale Konsens entsteht, ohne den weder im Osten noch im Westen ein effizientes Wirtschaften möglich ist.
Heute, kaum daß die alte Ethik zerbrochen ist, kann niemand eine neue herbeizaubern. Lediglich die Aufgabe ist erkennbar: "Es müßte uns gelingen klarzumachen", umreißt Jürgen Habermas die philosophische Problemstellung, "wie in immer enger werdenden Handlungsspielräumen die Verantwortlichkeiten für immer längere und immer unübersichtlichere Handlungsketten gleichwohl wachsen."
Dieses Prinzip Verantwortung - für die Aufrechterhaltung der Lebensbedingungen von Mensch und Natur - wird der Kern der neuen Ethik wirtschaftlichen Handelns sein.
Es wäre naiv, eine konsensfähige Ethik als Auftragsarbeit einiger Meisterdenker zu erwarten. Da es um Überleben und die Formen des Miteinanderlebens geht, müssen sich alle, die es angeht, an der Diskussion über die neue Ethik beteiligen.
Eine neue Moral zu entwerfen, setzt ein bißchen mehr als die erstarrte Parlaments- und Verwaltungsdemokratie voraus: Alle Bürger müssen mit gleichem Recht über Normen reden und befinden können. Glasnost und Perestroika sind in New York, London und Tokio genauso wichtig wie in Moskau und Warschau.
Das Umdenken fällt vielen jener Wirtschaftsgewaltigen, die ihre Lebenserfüllung bislang in steigenden Umsatzzahlen fanden, gewiß schwer. Und fraglos werden sie ihre nicht geringen Machtmittel nutzen, das, was sie als ihre Interessen verstehen, zu verteidigen.
Der Verzicht auf den demokratischen Diskurs über neue Normen würde bedeuten: Ablehnung des Prinzips Verantwortung. Das wäre der Rückfall in die frühkapitalistische Unternehmerethik des "Nach uns die Sintflut". Was damals bildlich gemeint war, könnte heute wörtlich eintreffen.
Von Dieter Kampe

DER SPIEGEL 7/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 7/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Neue Ziele für die Wirtschaft

  • Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg
  • Volocopter: Flugtaxi-Versuch in Stuttgart geglückt
  • Verblüffende Erklärung: Warum Trumps Gesicht (eigentlich nicht) orange ist
  • Das Tier im Menschen: Warum manche führen und andere folgen