10.07.1989

PALÄSTINAStrafe für Schule

Geschlossene Lehranstalten - per Bildungsverbot wollen die israelischen Besatzer den Widerstand der Palästinenser brechen.
Das "Flugblatt Nummer 42" der geheimen Intifada-Führung ruft die 1,5 Millionen Palästinenser in den besetzten Gebieten für den 19. Juli zu einem eintägigen Hungerstreik auf.
Der Protest richtet sich diesmal nicht nur gegen Massenverhaftungen, Todesschüsse oder Sprengung von Wohnhäusern angeblicher "Terroristen" - alles längst bekannte Unterdrückungs-Methoden der israelischen Besatzungsmacht, die den Judenstaat seit Ausbruch des Volksaufstandes im Dezember 1987 weltweit auch bei seinen Freunden viel Sympathie gekostet haben.
Der Hungerstreik soll das Augenmerk vielmehr auf eine Maßnahme lenken, die "eine kollektive Bestrafung der Palästinenser bedeutet und unserem Volk enormen Schaden zufügen kann", sagt der palästinensische Politologe Salih Abd el-Guwad von der Bir-Seit-Universität bei Ramallah.
Seit 17 Monaten sind, abgesehen von einigen wenigen und zeitlich begrenzten Ausnahmen, "bis auf weiteres" (so ein israelischer Militärsprecher) sämtliche 1194 Schulen, davon 920 Grundschulen, und die vier Universitäten auf dem Jordan-Westufer laut Befehl der Besatzer geschlossen. 319 000 Schüler und etwa 18 000 Studenten haben seither unfreiwillige Dauerferien.
Opfer dieser Maßnahme sind auch die 36 000 Kinder, die in den 90 Schulen der Uno-Flüchtlingshilfe-Organisation Unrwa unterrichtet werden.
Für Israels Verteidigungsminister Jizchak Rabin sind die Schulsperrungen "notwendig", weil von den Lehranstalten immer wieder Demonstrationen ausgingen, welche "die Sicherheit Israels gefährden". Sie seien, so der israelische Befehlshaber im Westjordanland, General Amram Mizna, "Zentren der gewalttätigen Proteste". Vor allem auf dem Weg von der Schule und zur Schule sei es in der Vergangenheit immer wieder zu Angriffen gegen israelische Soldaten gekommen.
Doch diese Begründung ist auch für kritische Israelis kaum haltbar. Vielmehr sind die Schulsperren ein weiterer Versuch der Israelis, den Widerstand der Intifada-Aktivisten zu brechen - freilich mit dem Resultat, daß die Kinder seither ganztägig auf den Straßen sind.
Als "ausgemachte Gemeinheit der Besatzungsmacht" verurteilte etwa der Jerusalemer Biochemiker Jeschajahu Leibowitz, einer der energischen Widersacher seiner Regierung, das Lernverbot für junge Palästinenser. Die Schließungen seien nichts anderes als "ein weiteres Mittel der Unterdrückung".
Eine Gruppe von 400 israelischen Hochschullehrern protestierte in einem Aufruf an die Jerusalemer Regierung: "Wer einer ganzen Bevölkerung das Grundrecht auf Erziehung verweigert, ruft schmerzliche Erinnerungen an Zeiten wach, historische und gar nicht so historische, in denen auch unserem Volk die Freiheit genommen war, seine Bildung zu betreiben."
Nicht mal Appelle der Schutzmacht USA, vom State Department schon im November 1988 vorgetragen, fruchteten etwas: Die Schulen bleiben weiter zu.
Mit einer Ausnahme: Im dichtbevölkerten Gazastreifen, wo die Intifada begann und der Haß auf die Besatzer stets größer war als im Westjordanland, erscheint den Israelis die Lage so explosiv, daß sie die Grundschulen geöffnet ließen - zumindest theoretisch.
Tatsächlich ist auch dort ein regulärer Schulbetrieb nicht möglich, denn die Besatzungsbehörden verhängen, gerade in jüngster Zeit, oft tagelange Ausgangssperren, so daß die Bewohner ihre Häuser nicht verlassen dürfen.
Das allgemeine Bildungsverbot trifft gerade die Palästinenser sehr schwer, weil ihnen die Erziehung ihrer Kinder stets wichtiger war als den meisten anderen Arabern. Die Palästinenser gelten in Nahost als das fleißigste und bestausgebildete Volk. Ohne ausgewanderte palästinensische Ärzte etwa würde das Gesundheitswesen in den reichen Golfstaaten zusammenbrechen.
Uni-Lehrer Guwad: "Lernen und Studieren bedeutet für uns Palästinenser in erster Linie die Bewahrung unserer kulturellen und politischen Identität." Das Schulverbot sei ein "Angriff auf die Lebensader" der Palästinenser.
Die Einhaltung der Schulsperren wird von den Besatzungsbehörden scharf überwacht. Militärstreifen patrouillieren auf dem Universitätsgelände und kontrollieren die Gebäude. Nicht nur der Unterricht, sogar der Aufenthalt in Labors oder Bibliotheken ist strafbar. Nach geltenden Bestimmungen drohen Lehrern, die ihre Schüler außerhalb der Schule, etwa in Kirchen oder Moscheen, unterrichten, bis zu zehn Jahre Haft.
Dennoch haben sich in den besetzten Gebieten zahlreiche "Untergrundschulen" gebildet, deren Unterricht freilich den normalen Schulbetrieb kaum ersetzt.
Zusätzliche Erschwernis für lernbegierige junge Palästinenser: Sogar das Ausleihen von Schulbüchern an Mitschüler steht unter Strafe.
"Selbst wenn wir die Sicherheits-Argumente der Israelis akzeptierten", sagt Dozent Abd el-Guwad, "gibt es immer noch keinen Grund, warum die Israelis auch die Grundschulen geschlossen halten. Hat die Armee etwa Angst vor siebenjährigen Kindern?"
Anscheinend auch vor noch jüngeren. Denn Anfang des Jahres schloß die Besatzungsmacht alle Kindergärten in den besetzten Gebieten für mehrere Wochen. Der unsinnige Befehl wurde erst wiederaufgehoben, als israelische Friedensgruppen und Menschenrechts-Organisationen protestierten.
Die Schulsperre bedrückt auch die 9000 palästinensischen Lehrer. Seit Mitte April erhalten sie nur noch die Hälfte ihres Gehalts. Sie sind, so die Anordnung der israelischen Verwaltung, seither in "unbezahltem und unbegrenztem Urlaub". Um ihre Familien ernähren zu können, arbeiten nun viele Lehrer für Niedriglöhne - am Bau oder als Erntehelfer - im israelischen Kernstaat.
Selbst wenn im kommenden Schuljahr, das im September beginnt, der Schulbesuch wieder erlaubt würde, viele Schüler fänden keine Klassenräume vor. Denn etliche Lehranstalten hat Israels Armee mittlerweile beschlagnahmt - als Unterkünfte der Besatzer.

DER SPIEGEL 28/1989
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