10.07.1989

BRASILIENTod durch Los

In den Gefängnissen geht es menschenunwürdig zu. Häftlinge werden umgebracht - oder schlicht vergessen.
Die brasilianischen Gefängnisse sind heute nahezu so unmenschlich wie KZs", glaubt Pater Agostinho Duarte von der kirchlichen Gefangenenbetreuung. Und der Kardinal von Rio, Dom Eugenio Sales, ortete in den Haftanstalten "ein Signal der moralischen Zersetzung unseres Landes".
Beide Geistlichen reagierten auf den qualvollen Tod von 18 Häftlingen in einem Polizeigefängnis von Sao Paulo: Um einen Ausbruchversuch zu bestrafen, hatten Beamte des 42. Polizeidistrikts 50 Gefangene in eine fensterlose Zelle von 4,5 Quadratmetern gepfercht. Als sie nach über drei Stunden die Eisentür wieder öffneten, waren 18 Häftlinge erstickt.
Der Überlebende Edmilson Messias do Nascimento: "Wir schrien nach draußen, daß bereits Leute stürben, aber die Polizisten höhnten nur, daß es dann keine Überfüllung mehr gebe."
Auf das Verbrechen von Sao Paulo folgten andere schwere Fälle von Brutalität gegen Häftlinge:
In Rondonopolis drangen 30 maskierte Männer in das Gefängnis ein und erschossen sieben Gefangene.
In Salvador warfen Militärpolizisten drei Straftäter in den Kofferraum ihres Streifenwagens, lieferten sie aber erst sechs Stunden später auf dem Revier ab. Zwei der Gequälten waren erstickt.
Die Redaktion von TV Manchete erhielt die Anrufe Hunderter empörter Zuschauer, nachdem sie eine Reportage ausgestrahlt hatte, in der ein Häftling namens Aguinaldo da Silva Maia in Belem gefoltert wird; minutenlang versetzten ihm mehrere Beamte Fußtritte, Faust- und Handkantenschläge sowie Hiebe mit Schlagstöcken.
Die letzte Einstellung zeigte in Großaufnahme den von Wunden entstellten Körper Aguinaldos. Dazu der Kommentar des Gouverneurs von Para, Helio Gueiros: "Warum die ganze Aufregung über eine Tracht Prügel für einen aus den Randgruppen?"
Herman Schwartz von der Menschenrechtsorganisation Americas Watch stellte nach einem Besuch der Gefängnisse in Sao Paulo und Rio empört fest: "Die Gefangenen werden schlechter behandelt als Schlachtvieh."
Menschenunwürdig geht es in vielen Gefängnissen der Welt zu, Brasilien aber liegt an der Spitze. Ein Häftling, der sich widersetzt, wird als Meuterer schnell niedergeschossen. Aber auch wer sich fügt, erleidet schwerste Qualen.
Im Guama-Gefängnis von Belem müssen die Sträflinge auf dem Zementboden schlafen, der häufig unter Wasser steht, weil die Dächer undicht sind. In Rondonopolis verwandeln sich die Zellen in stinkende Kloaken, wenn nach starkem Regen die Siele überquellen. Als der Rio Vermelho Hochwasser führte, wurden die Häftlinge in Goias erst aus ihren Zellen geholt, als ihnen die trübe Brühe schon bis an den Bauchnabel reichte.
Wer seine Strafe abgesessen hat, freut sich häufig zu früh auf die Entlassung: Rund zehn Prozent der Termine werden schlicht vergessen. Extremfall war ein 25jähriger, der erst zehn Jahre nach der Verurteilung wegen Fahrraddiebstahls seine Freiheit wieder erhielt.
Da die Gefängnisse überbelegt sind, werden die Zellen mit Delinquenten jeder Art wahllos vollgestopft. Taschendiebe und Mörder, Drogentäter und Räuber gemeinsam in einem Raum - einer lernt vom anderen. In dieser Welt, die ständig neues Verbrechen zeugt, sorgt eine knastinterne Privatpolizei einsitzender großer Drogendealer auf brutale Art für Ordnung.
22 dieser Dealer und Favela-Könige haben sich in Rio zu einer Organisation unter dem Namen Rote Falange zusammengeschlossen. Halb Mafia, halb Häftlingsgewerkschaft, ohne deren Zustimmung nichts läuft im Knast, wird die Rote Falange von den Gefängnisbehörden inzwischen als Machtfaktor respektiert und dementsprechend gehätschelt.
Die Spitzenfunktionäre der Roten Falange leben abgehoben vom Elendsdasein der Normalknastis. Falange-Chef Carlinhos Gordo in der Strafvollzugsanstalt Milton Dias Moreira hat sogar sein eigenes Büro. Unlängst bot er der Gefängnisleitung an, die Mittel für die Renovierung des heruntergekommenen Gebäudes zu stiften.
Solange die Gefängnisleitung die Bedingungen der Roten Falange akzeptierte - vor allem freien Zugang zu Drogen und die Erlaubnis, das Drogenimperium aus der Zelle heraus zu verwalten -, sorgte die Falange mit Hilfe ihrer Schlägertrupps für Ruhe im Knast.
Getrübt wurde die Harmonie erst, als Ende letzten Jahres der neue Justiz-Staatssekretär von Rio, Tecio Lins, Verhandlungen mit dem Syndikat ablehnte und das Hochsicherheitsgefängnis Bangu 1 bauen ließ, in dem er die 22 erbosten Falange-Führer verlegte.
Um den neuen Mann zu diskreditieren, ermordeten Falange-Killer innerhalb von zwei Wochen 19 Häftlinge. Hinrichtungsart: Erhängen.
Dazu Hauptmann Alexandre dos Santos, Chef des Agua-Santa-Gefängnisses in Rio: "Die Gruppe sucht jemanden aus und hängt ihn. So machen sich die Täter ihre Hände nicht blutig. Die Morde sollen ihre Macht beweisen."
Welcher Häftling zu sterben hatte, wurde per Los entschieden. #

DER SPIEGEL 28/1989
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