12.06.1989

FLUGVERKEHRZahlbar sofort

Die Lufthansa macht ihrem neuen Konkurrenten das Leben schwer.
Auf die Deutsche Lufthansa ist Peter Kimmel, Geschäftsführer der Münchner Fluggesellschaft German Wings, nicht gut zu sprechen. "Die Staatslinie", sagt der Privatunternehmer, "führt eine Schlammschlacht gegen uns."
Die Lufthansa-Manager dagegen spielen den Streit mit ihrem innerdeutschen Konkurrenten herunter: "Wir katzbalgen uns um Kleinigkeiten", sagt Justitiar Horst Wittek.
Tatsache ist, daß die Lufthansa mit allen Mitteln versucht, den neuen Konkurrenten klein zu halten. Vor neun Wochen erst ist German Wings in der Bundesrepublik gestartet. Seitdem streiten sich die große und die kleine Fluggesellschaft vor Gericht. Anfang Juni beantragte der Anwalt der neuen Fluglinie sogar, Lufthansa-Chef Heinz Ruhnau in Haft zu nehmen, falls seine Gesellschaft bestimmte Auflagen nicht erfüllte.
Der Streit begann, als die Lufthansa sich weigerte, mit German Wings ein sogenanntes Interline-Abkommen abzuschließen. In derartigen Abmachungen sichern sich Fluggesellschaften zu, daß die Flugscheine der Airlines untereinander anerkannt werden.
German Wings klagte gegen die "Diskriminierung" durch die Lufthansa und bekam recht. Das Düsseldorfer Landgericht befand, die Staatslinie müsse auch Passagiere befördern, die ein Ticket von German Wings gekauft haben. Ebenso dürfen Passagiere mit einem Lufthansa-Coupon auf eine German-Wings-Maschine umsteigen.
Für German Wings ist die gegenseitige Anerkennung der Flugscheine besonders wichtig. Die Gesellschaft, die mit vier Maschinen auf den Routen zwischen München, Frankfurt, Hamburg, Köln und Paris fliegt, kann nicht so viele Verbindungen wie die Lufthansa anbieten. Ihre Kunden sind darauf angewiesen, bei Bedarf auf eine Lufthansa-Maschine umzusteigen.
Doch die German-Wings-Manager hatten sich geirrt, als sie glaubten, durch das Düsseldorfer Urteil sei der Streit beigelegt. Die Lufthansa focht das Urteil an und legte es so eng aus, daß es German Wings kaum noch etwas nutzte.
Wenn zum Beispiel Passagiere mit einem Ticket der German Wings kurzfristig auf einen Lufthansa-Flug umbuchen wollten, weigerte sich die Staatslinie, sie mitzunehmen. Der Flugschein, so lautete die Auskunft, sei nur dann gültig, wenn er ein sogenanntes Endorsement enthalte - eine Bestätigung, daß German Wings der Lufthansa den Flug bezahlt.
German Wings hat sich verpflichtet, dieses Endorsement zu geben. Doch der Lufthansa reichte diese Zusage nicht. Passagiere, die spontan mit der Lufthansa fliegen wollten, mußten zunächst zum Schalter der German Wings zurück, um ihr Ticket mit einem Stempel versehen zu lassen, und sich dann erneut am Lufthansa-Schalter anstellen. Oft verpaßten sie dadurch ihren Flug.
Die Lufthansa legte sich auch quer, wenn German-Wings-Passagiere die Staatslinie für einen Anschlußflug benutzen wollten. War ein Flug München-Frankfurt mit German Wings gebucht, für den Weiterflug nach Hannover aber eine Lufthansa-Verbindung, dann wollte das Unternehmen den Flugschein nicht anerkennen.
Die Lufthansa begründet solche Willkür mit einem vermeintlichen Rechtsanspruch. Sie sei nur verpflichtet, die Flugscheine der Konkurrenz auf Strecken anzuerkennen, die von beiden Unternehmen beflogen werden. Das aber sei auf der Strecke Frankfurt-Hannover nicht der Fall.
Hartnäckig weigerte sich die Lufthansa darüber hinaus, Flugscheine anzuerkennen, die mit Firmenrabatt erworben wurden. Folgerichtig will die Staatslinie auch dem kleineren Konkurrenten den Flugpreis nicht vergüten, wenn dieser einen Passagier befördert, der sein Ticket zum Lufthansa-Großkundenpreis erworben hat.
Der Großkundenrabatt, argumentiert die Lufthansa, sei nur für solche Kunden gedacht, die tatsächlich mit ihr fliegen.
Doch nicht einmal dieses Argument überzeugte die Düsseldorfer Richter, die sich in der vergangenen Woche mit dem Streit befassen mußten. Die Lufthansa muß Tickets, die auf Firmenrabatt gekauft wurden, mit ihrem Konkurrenten verrechnen, entschieden die Richter.
Auch in anderen Streitpunkten bekam German Wings recht. Die Lufthansa muß German Wings wie andere Fluggesellschaften behandeln, also etwa Flugscheine auch ohne Endorsement anerkennen.
Die Feindseligkeiten sind damit allerdings noch nicht beendet. Die Lufthansa arbeitet zum Teil mit so geschickten Tricks, daß ihr Konkurrent sich kaum wehren kann.
So hatte German Wings im Köln-Bonner Flughafen einen Stand eingerichtet, um für ihre Flüge zu werben. Doch schon zwei Tage nach dem Beginn der Aktion widerrief die Flughafenleitung die schriftlich erteilte Genehmigung: Die Lufthansa hatte Druck ausgeübt.
Ein anderer typischer Fall: German Wings wollte die Lufthansa mit der Abrechnung ihrer Tickets beauftragen, die Lufthansa-Consulting-Tochter hatte im März ein entsprechendes Angebot gemacht. Doch Mitte Mai zogen die Lufthansa-Manager ihre Offerte plötzlich zurück.
Die Manager der Konkurrenzlinie mußten daraufhin 25 Hilfskräfte einstellen, um die Flugscheine, die seit April bei ihnen eingegangen waren, mit dem hauseigenen Computer auszuwerten. Es kann noch Wochen dauern, bis die neue Firma der Lufthansa die bei ihr abgeflogenen Tickets in Rechnung stellen kann.
Die Lufthansa-Rechnung hingegen ist schon eingegangen: Sie lautet auf 86 000 Dollar, zahlbar sofort.

DER SPIEGEL 24/1989
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