10.07.1989

„Zwischen Karneval in Rio und Oberammergau“

SPIEGEL-Redakteur Lutz Krusche über Frankreich am 200. Jahrestag der Großen Revolution
Vor dem Granit-Mahnmal auf der polnischen Westerplatte, einer mit Heckenrosen bewachsenen Anhöhe auf jener Landzunge bei Danzig, die vor fast 50 Jahren die ersten Schüsse des Zweiten Weltkriegs trafen, steht Francois Mitterrand - auch er ein Denkmal.
Alles an Mitterrand ist Würde und Stolz. Neben seiner wie aus Stein gemeißelten Gestalt scheinen seine Begleiter ihre Konturen zu verlieren. Trommelwirbel, Nationalhymnen.
"Da steht die französische Republik", wispert mit Blick auf den reglosen Staatspräsidenten die Schriftstellerin Francoise Sagan, die sich gelegentlich in Mitterrands Hofstaat eingliedern läßt. Im Volksmund wird der republikanische Präsident inzwischen beinahe ohne Ironie "Dieu" genannt - Gott.
Genauso hoheitsvoll wie er im Juni in den weiten polnischen Horizont blickte, wird er am 14. Juli von seiner Tribüne auf der Place de la Concorde hinabsehen auf die Franzosen, die sich nun endlich voll dem 200. Geburtstag der Großen Revolution hingeben.
Eine Nation, die mit ihren unverändert royalistischen, aber auch königsmörderischen Neigungen auf ihren Staatsführer fixiert ist wie wenige der westlichen Welt, wartet seit Monaten darauf, daß aus dem revolutionären Dreiklang "Liberte - Egalite - Fraternite" ein einigender zeitgemäßer Funke schlage.
Doch es will einfach nicht funken - "le Bicentenaire" ist wohl in die falsche Zeit gefallen. Keines der zahllosen Revolutionsstücke, keine der Hunderte von Ausstellungen hat neue Ideen oder auch nur ein Stimulans hervorgebracht. Übellaunig, fast wie ein Zaungast, betrachtet Frankreich das gewaltige Defilee zum Jubelfest der dramatischsten Periode seiner Geschichte.
Zwei von drei Franzosen sind nach einer Meinungsumfrage gegen die Revolutionsfeiern, nur sieben Prozent bekunden "viel Interesse". "Jedes bretonische, baskische oder elsässische Volksfest atmet mehr lebendige Geschichte als alle bisherigen Revolutionsveranstaltungen", bedauert ein Mitglied der "Commission du bicentenaire".
Eine im Mai von Premier Michel Rocard eröffnete Bicentenaire-Kirmes im Pariser Tuileriengarten mit historischen Schauspielen, AndroIden-Theater und Filmen wurde ein Flop: Statt der erwarteten 10 000 Besucher pro Tag kam nicht mal die Hälfte.
Eher mißmutig als feierselig blicken die Pariser den Monsterveranstaltungen entgegen, die diese Woche an die drei Millionen Touristen in die Stadt ziehen sollen:
Über die Champs-Elysees werden am 14. morgens Frankreichs Streitkräfte paradieren, wird abends vor 1,5 Millionen Schaulustigen unter dem Motto "La Marseillaise" eine Multi-Völker-Karawane mit 8000 Teilnehmern ziehen. Sie soll ein Mittelding "zwischen Karneval in Rio und Oberammergau" werden, verspricht einer der Veranstalter.
Etwa 30 Staats- und Regierungschefs, darunter Cory Aquino von den Philippinen und Radschiw Gandhi aus Indien, haben zugesagt, dem König Mitterrand ihre Revolutions-Reverenz zu erweisen. Gleichzeitig türmt sich in Paris auch noch der Weltwirtschaftsgipfel der sieben größten Industrienationen auf, wird am Trocadero eine Menschenrechtsfeier für die Staatsgäste aufgezogen, werden Mitterrand-Kleinodien wie die neue Oper an der Bastille und das Hochhaus "Arche de la Defense" pompös eingeweiht (siehe Seite 147).
Die nötigen Sicherheitsvorkehrungen verwandeln Teile der Hauptstadt, die keine Fußgängerzonen kennt, in eine Art Kfz-Sperrbezirk, überwacht von mehr als 30 000 Polizisten, dem "größten Aufgebot an Uniformen, das Paris seit der deutschen Besatzung" gesehen habe, wie der "Nouvel Observateur" bissig vermerkte.
Eifersucht zwischen dem gaullistischen Pariser Bürgermeister Jacques Chirac und der sozialistischen Regierung vergiftet seit Wochen die Atmosphäre. Einen Aufschrei der Empörung löste eine gezielte Indiskretion des Pariser Rathauses aus, wonach die Regierung zum Schutz der Staatsgäste auf einer der Pariser Seine-Brücken Luftabwehrraketen stationieren wolle. "Wenn morgen bekannt würde, daß Mitterrand auf einem von Premier Rocard geführten Elefanten die Champs-Elysees hinunterreiten will - man würde es anstandslos glauben", höhnte da der "Quotidien de Paris". Happy revolution.
Desinteresse, Ablehnung, Gezänk um ein Ereignis, das als Fest der nationalen Einheit gedacht war - es geht längst nicht mehr nur um den schlechten Stil des Revolutionstrubels. Vielmehr lassen sich Symptome einer tiefsitzenden nationalen Verdrießlichkeit orten, der spezifisch französischen "morosite".
Sie zeugte, an Bistro-Theken oder beim Warten an der Ladenkasse, stets auch von der quirligen politischen Psycho-Struktur der munter meckernden Franzosen. Doch im Jubeljahr scheint sie einem dumpfen Frust gewichen.
200 Jahre nach dem Sturm, der die Welt veränderte, weiß Frankreich seine Revolution noch immer nicht so recht einzuordnen. Und die sonst hochentwickelte gallische Kunst, die Geschichte als Legende in den Dienst der eigenen Größe zu stellen, sie dazu auch gehörig zurechtzubiegen, wollte diesmal nicht funktionieren.
"Le Point"-Chef Claude Imbert beklagte, daß Mitterrand nur eine "moribunde Legende" feiern lasse, welche die "fürchterlichen Details in der französischen Hagiographie" ausspare: den Terror der Guillotine, die Massenertränkungen von Nantes, die "Oradour" im Rhonetal, den Mord an den königstreuen Rebellen in der Vendee.
Der frühere Kulturstaatssekretär Philippe de Villiers warf dem Staatspräsidenten vor, dem Volk ein Revolutionsjubiläum im Stil der "Potemkinschen Dörfer" zu richten: "Man verbirgt uns alles, was nicht funkelt, und multipliziert Spiegel- und optische Effekte." Die Schreckensseite der Revolutionsjahre sei den "Basteleien heilkundiger Geschichtsfälscher" zum Opfer gefallen.
Starmannequin Ines de La Fressange, als adlige Nachfolgerin so illustrer Französinnen wie Brigitte Bardot, Mireille Matthieu und Catherine Deneuve zum Modell der französischen "Marianne" der neunziger Jahre gekürt, tat den Bicentenaire-Rummel kühl ab: "Das berührt mich nicht wirklich . . . Ich finde es unmoralisch, all dieses Geld für diese Feten rauszuschmeißen."
Die "fast völlige Abwesenheit der Jugend" bei dem von Bürokraten und PR-Managern vereinnahmten Revolutionsfest beklagt Isabelle Thomas, die 1986 wie eine moderne Jeanne d'Arc mit Hunderttausenden Schülern und Studenten gegen eine Uni-Reform rebelliert und Frankreich an den Rand einer Regierungskrise gebracht hatte. Inzwischen ist die 27jährige Juristin selbst Teil des Mitterrandschen Establishments - als Beraterin für "Jugend und Solidarität" des Elysee-Palasts.
Der Mißmut überrascht, denn es geht den Franzosen wirtschaftlich vergleichsweise gut. Zwar sind auch unter den Sozialisten die Reichen reicher und die Armen ärmer geworden, hat der öffentliche Dienst über Monate hin mal hier, mal dort gestreikt. Aber die Arbeitslosenrate ist erstmals seit Jahren unter zehn Prozent gesunken, die Inflation liegt mit geschätzten 3,25 Prozent unter dem europäischen Durchschnitt und nur wenig über dem magischen deutschen Vorbild.
Nicht die Wirtschaft lahmt also, sondern die Moral - eine ganze Literatur legt Zeugnis davon ab. "Die Bananenrepublik", "Die (Augias-)Ställe der V. Republik", "Die neuen Eroberer", "Das Jahr der Masken", so heißen die Titel, die Frankreichs Bewußtseinskrise spiegeln: Abrechnungen mit vertuschten Politskandalen, Bilanzen des Überdrusses an einer sich ungeniert bereichernden Kaste privilegierter Top-Beamter. Mitterrand selbst räumte ein, daß "sich das demokratische System irgendwo festgefressen hat".
Da werden enge Berater des Wirtschaftsministers Pierre Beregovoy beschuldigt, mit Insider-Informationen illegale Börsengeschäfte betrieben zu haben. Über 30 Politiker haben sich in Parteispendenaffären mit einer Scheinfirma verfangen. Auf politischen Druck wurde das Ermittlungsverfahren gegen die Firma Luchaire eingestellt, die illegal Waffen an den Iran verkauft hatte - Sozialisten sollen mitkassiert haben.
Vorvergangene Woche wollte Premier Rocard zusammen mit einem neuen Wahlfinanzierungsgesetz Tausende von Spendenschwindlern amnestieren lassen. Er vertagte das anrüchige Projekt a la Bonn nur, weil Rechte und Kommunisten erstmals gemeinsam mit einem Mißtrauensvotum gegen die Minderheitsregierung Rocard drohten.
Als geschehe das alles nicht unter seiner Herrschaft, zürnte Mitterrand gegen "Gangstertum" in der Politik. Und Rocard, als beobachte er seine eigene Regierung gleichfalls wie von außen: "Der Betrug ist allgemein und überall."
Schockhaft wird den Franzosen bewußt, daß Umweltgefahren, bis vor kurzem noch als Macke der romantischen Deutschen belächelt, das mit 53 Atomreaktoren und 350 Hoch-Risiko-Fabriken vollgepflasterte Frankreich keineswegs ungeschoren lassen.
Die Vaterfigur Mitterrand kann den Franzosen in ihrer Bedrängnis wenig helfen - im Gegenteil. Er hatte ein "geeintes Frankreich" versprochen und als vermeintliches nationales Erzübel die ewige Konfrontation zwischen Links und Rechts ausgemacht. Erfolgreich ebnete er die politische Landschaft ein - nun ist sie öde und langweilig.
Männer der politischen Mitte sitzen seit vorigem Jahr in der sozialistischen Regierung. Die Rechte ist zersplittert wie nie, die einst so starke kommunistische Partei nur noch ein unbedeutendes Häuflein: Mitterrands Frankreich kennt keine wirkliche Opposition mehr.
Unumschränkter Herrscher über Außen- und Verteidigungspolitik, raffinierter Spieler gegenüber einem nahezu ohnmächtigen Parlament, Herr über alle wichtigen Beamtenkarrieren, ist Mitterrand heute ein "absoluter Monarch", so der gaullistische Abgeordnete Jean-Louis Debre, ist er der "Erbe des Sonnenkönigs Ludwigs XIV.", so die elsässische Vereinigung "L'Alsace europeenne".
Wenn Mitterrand seine zweite Amtszeit abschließt - 1995, dann 78 Jahre alt -, hat er 14 Jahre lang geherrscht, länger als der große Napoleon.
Den Franzosen scheint das erst jetzt voll aufzugehen. Ihnen werde allmählich klar, meint der Kommentator Paul Guilbert, daß die Wiederwahl des "Dieu" etwas Schreckliches bedeute: "freiwillige Unterwerfung unter die politische Monotonie". Denn: "Der sozialistische Mitterrand I war aufregend, von Mitterrand II erwarten sie nichts Mitreißendes mehr."
Die Folgen des politischen Frusts sind offensichtlich. Bei den Europawahlen am 18. Juni blieben 51 Prozent der Franzosen den Urnen fern. Dem französischen Präsidenten der EG-Kommission, Jacques Delors, zeigt dies "das Scheitern der französischen politischen Klasse". Verängstigte Protestwähler gaben ihre Stimme den Rechtsextremen des Jean-Marie Le Pen, die mit 11,7 Prozent Frankreichs drittstärkste Partei wurden. Die Masse aber igelt sich ein, zieht sich zurück auf "individuelle Reflexe, in ihre Behausungen, die eine Art sterile soziale Glocke werden", sagt Autor Gerard Mermet.
Diese "sonderbare Nation, die wir sind", so "Liberation"-Herausgeber Serge July, sieht lauter Katastrophen über sich hereinbrechen: Die Fußball-Nationalelf, noch 1984 Europameister und Olympiasieger, hat nicht mal mehr die Qualifikation für die nächste WM geschafft. Der französische Film hatte seine große Zeit in den sechziger und siebziger Jahren, und das Nationalheiligtum Chanson führt nur noch ein Kümmerdasein neben der übermächtigen angelsächsischen Pop-Musik.
Die Intellektuellen, die Frankreich seit Menschengedenken die bizarrsten An- und Aufregungen beschert haben, sind derzeit kaum mehr vernehmbar. "In Frankreich haben wir eine gewisse Zahl von Schriftstellern, die wunderbar schreiben, aber nichts zu sagen haben", klagt der Schriftsteller Olivier Todd.
In sich zurückgezogen hat sich auch die Jugend. Nach einer Umfrage vom vergangenen März schätzen die etwa acht Millionen 16- bis 24jährigen Franzosen Familie, Stabilität, Beruf und finanziellen Erfolg am höchsten ein, jedoch weniger als "traditionelle Werte" denn als "Bollwerk gegen äußere Aggressionen" wie Aids, Arbeitslosigkeit und Gewalt.
Nur ganz drinnen ist auch der desinteressierte, abgeschlaffte Franzose noch ein Revolutionär. So wählte dieselbe Jugend im vergangenen März nicht einen Yuppie oder Selfmademan wie Bernard Tapie zu ihrem Idol, sondern einen jünglinghaften Bürger-Schreck: den frechen, nach Eigenurteil "links von links" angesiedelten Pop-Barden Renaud Sechan.
Der als "Renaud" bekannte sechs- bis siebenfache Plattenmillionär, der 1986 wegen eines Hohnliedes auf Margaret Thatcher ("Als Laternenpfahl für meinen täglichen Gang leiste ich mir Frau Thatcher") Verstimmung zwischen London und Paris provoziert hatte, kämpfte voriges Jahr noch für die Wiederwahl des Sozialisten Mitterrand. Inzwischen erkennt er sich "in dem nicht mehr wieder".
Wochenlang bereitete Renaud ein großes Protestkonzert an der Place de la Bastille vor. Mit dem sollten Jugend, Linke und Entwicklungsländer gemeinsam gegen die "Perversität" (Renaud) protestieren, daß die "für die Armut der Dritten Welt" verantwortlichen "sieben Herren der Weltökonomie" von Mitterrand ausgerechnet zum Revolutionsfest nach Paris geladen sind. Renaud: "Eine Beleidigung aller Revolutionswerte."
Das bislang größte Revolutionsfest der Geschichte sieht den Staatschef trotz aller Machtfülle in der Defensive: Das Frankreich der Ideen von 1789 und das Frankreich des Francois Mitterrand haben nicht zueinandergefunden. Der Revolutionshistoriker Francois Furet hat dafür eine einleuchtende Erklärung: "Die Linke ist genau deswegen an der Macht, weil sie auf ihre revolutionäre Kultur verzichtet hat."
Am 20. Juni 1789 hatten im Versailler Ballspielhaus "Jeu de paume" 600 Abgeordnete des Dritten Standes geschworen, nicht eher auseinanderzugehen, bis sie Frankreich eine Verfassung gegeben hätten, es war die Geburtsstunde der Pariser Nationalversammlung.
Auf den Tag 200 Jahre danach suchte der geschichtsbewußte Mitterrand aus dem revolutionären Ereignis eine zeitgenössische sozialistische Legitimation zu beziehen.
Der Präsident lud Gymnasiasten ins "Jeu de paume" ein und dazu - merkwürdig, aber auch bezeichnend - einen Nachkommen der Könige, Prinz Henri aus dem Hause Bourbon-Orleans, Vater des derzeitigen Thronprätendenten.
Die Gäste hörten ein feierliches Plädoyer über die "Modernität" der Revolution und den zeitlosen Kampf für die "exclus" der Gesellschaft - die von Arbeit, Bildung, Kultur und Menschenwürde Ausgeschlossenen.
Dann folgte eine jener erhabenen Banalitäten, in denen Mitterrands Vorbild, der vor 20 Jahren abgetretene Charles de Gaulle, so groß war: "Die Revolution hat die Republik gemacht."
Sicher doch. Aber 200 Jahre danach regt das die Bewohner der Republik des Wahlmonarchen Mitterrand kein bißchen mehr auf.
Von Lutz Krusche

DER SPIEGEL 28/1989
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