10.07.1989

„Eine Botschaft an das Universum“

Mitterrands Großbauten haben das Bild von Paris verändert
Mon Dieu! Wenn Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterrand in dieser Woche die geballte Schar seiner Staatsgäste in der neuen "Oper an der Bastille", unter der gläsernen "Pyramide im Louvre" und auf der Freitreppe des "Großen Bogens" an der Defense versammelt, werden damit auf den TV-Schirmen und den Frontseiten der Zeitungen die Ergebnisse einer baukünstlerischen Anstrengung sichtbar, die in diesem Jahrhundert ihresgleichen sucht: In achtjähriger Amtszeit hat der sozialistische Staatschef Paris verändert wie kein Präsident der Fünften Republik.
Mitterrand tat es, wie er beteuert, "nicht aus persönlichem Ehrgeiz", sondern aus "Ambition für Frankreich".
Die französische Hauptstadt dürfe nicht zu einem Museum des 19. Jahrhunderts werden, hat der Sozialist nach seiner Wahl zum Staatsoberhaupt im Jahre 1981 erklärt. Seitdem wurden rund 18 Milliarden Franc ausgegeben und 2000 Architektenteams beschäftigt, um Mitterrands Vision von einem verjüngten, einem dynamischen und zukunftsorientierten Paris zu verwirklichen, von einer Kunst- und Kulturhauptstadt der Welt, die ihre Botschaft - so der Staatschef - bis "ins Universum ausstrahlt".
Mit seinen "Grands Projets", gigantischen Monumenten in einfachen geometrischen Formen, hat er seine einheimischen Gegner auf das äußerste gereizt und ausländische Fachleute in anerkennendes Erstaunen versetzt.
Der republikanische Monarch ließ die "königliche Perspektive", die "voie triomphale" vom Louvre über die Champs-Elysees und Napoleons Triumphbogen, im fernen Hochhausviertel La Defense mit einem gewaltigen offenen Kubus, dem Großen Bogen, abschließen. Er ließ am Platz der Bastille eine riesige Oper für das Volk errichten und entlang der Seine eine Reihe von Kultur- und Zweckbauten vollenden oder umbauen, wie das Museum für das 19. Jahrhundert im ehemaligen Bahnhof Orsay. Im Nordosten, in La Villette, entstand ein Volks- und Kulturpark, mit dem größten Wissenschaftsmuseum der Welt.
Mit der Architektur dieser Großbauten hat Mitterrand 200 Jahre nach dem Sturm auf die Bastille die Revolution nach Paris zurückgeholt, denn Frankreichs oberster Bauherr ist vernarrt in die reine Geometrie, wie sie vor zwei Jahrhunderten die utopischen Idealentwürfe der Revolutionsarchitekten Boullee und Ledoux beherrschte, mit Kubus und Kugel, Zylinder und Pyramide - und alles möglichst groß.
Doch auf das Risiko, den Umbau von Paris allein französischen Architekten anzuvertrauen, mochte Mitterrand sich bei allem Patriotismus nicht einlassen; das Beste aus aller Welt sollte gerade gut genug für Frankreich sein. So ließ er eine Reihe internationaler Wettbewerbe aufziehen, an denen jeweils Hunderte von Architekten aus mehr als 40 Ländern teilnahmen. Die Preisrichter hatten die engere Wahl zu treffen; den Sieger zu küren behielt Mitterrand sich vor.
Kein Wunder also, daß unter den Architekten seiner Kühnheiten Ausländer überwiegen. Den Großen Bogen entwarf der (inzwischen verstorbene) dänische Kirchenbauer Johan Otto von Spreckelsen. Die Oper baute Carlos Ott, ein gebürtiger Uruguayer aus Kanada. Die Pavillons im Park von Villette zeichnete der Schweizer Bernard Tschumi.
Zum Chefarchitekten für den Umbau des Louvre (und somit zum Designer der gläsernen Eingangspyramide) hatte der Präsident den US-Chinesen Ieoh Ming Pei bestellt - denn dessen Nationalgalerie in Washington gilt Mitterrands uneingeschränkte Bewunderung.
Es war vor allem diese 21 Meter hohe Pyramide, über die Frankreichs Rechte den Streit um Mitterrands "Grands Projets" anzettelte. Der Gaullist Jacques Chirac gab sich "schockiert vom Ausmaß des Übels". Doch dem Architekten schien sie die "bescheidenste" aller denkbaren Formen für ein großes Entree: zeitlos, aber aus modernem Material, eine zeitgenössische Zutat, die den Bau des Louvre unangetastet ließ.
"Wer für die Ewigkeit bauen will", erklärte Pei den Parisern, "muß die Launen der Modeströmungen ignorieren." Darin war er sich einig mit seinem Bauherrn; einig wußte Mitterrand sich darin auch mit dem Dänen von Spreckelsen, der die "königliche Achse" ebenso zeitgemäß wie zeitlos abschließen, aber nicht verschließen sollte.
Der Architekt hatte den Präsidenten mit einer großen Idee beeindruckt: Ein hohler Würfel, knapp 110 Meter im Quadrat, sollte das "große Finale der Avenue" bilden und zugleich ein "Fenster zur Welt", gleichsam mit einem "Blick in die Zukunft" sein. Außerdem sollte der "Triumphbogen der Menschheit" als ein "Treffpunkt der Kulturen" dienen, ausgerüstet mit allen Errungenschaften der Kommunikationstechnik.
1986 kippte die konservative Zwischenregierung das Programm. Der Große Bogen wurde zwar wie geplant weitergebaut, aus Marmor, Glas und Aluminium; mit seiner lichten Weite von der Breite der Champs-Elysees und seinem offenen Innenraum, in dem Notre-Dame bequem Platz finden würde. Doch Chirac nutzte seine kurze Zeit als Premier, um das hehre Werk zum Funktionsbau zu degradieren: Die 35 Stockwerke wurden an Büros vergeben. Übrig blieb, als Torso einer Idee, ein kolossales Tor zur Stadt (in dessen Türmen nun Bürokraten sitzen).
Ernüchterung machte sich auch breit, als Mitterrands ehrgeizigstes Projekt, die Volksoper, aus einer 22 800 Quadratmeter großen Baugrube an der Place de la Bastille wuchs. Die bullige, gleichwohl glatte und kalte Fassade aus Glas und Metall ist dem plumpen Heck einer Autofähre nicht unähnlich.
Doch das dicke Ding hat es in sich. Einem Auditorium mit 2700 Plätzen bietet sich ein Wunderwerk an flexibler Bühnentechnik dar: In Minutenschnelle läßt sich die Hauptbühne mit fünf Nebenbühnen zu einem Raum von den Ausmaßen einer Bahnhofshalle vereinen. Auf einer unteren Ebene können fünf weitere Bühnenbilder gespeichert werden, so daß sich das Haus in maximal sechs Minuten etwa von "Rigoletto" auf "Tristan" umrüsten läßt.
Ihrem Faible für alles Technische können die Pariser nicht nur im 35 Hektar großen Kulturpark von Villette nachgeben - in jenem beispiellosen Wissenschaftsmuseum von 275 Metern Länge, 111 Metern Breite und 40 Metern Höhe, im Rundkino "Geode", einer 36 Meter dicken Stahlkugel für Simulationen von Weltraumflügen und Unterwasserfahrten, oder in den feuerwehrroten, dekonstruktivistisch verspielten Pavillons, die als Cafe, Belvedere oder Kindergarten dienen.
Eine ganz besondere technische Attraktion birgt das Arabische Institut des französischen Architekten Jean Nouvel: Die 80 Meter breite und 30 Meter hohe Südfassade besteht aus 27 000 Aluminiumblenden, die - maurischen Motiven nachempfunden - nach Art von Kameraverschlüssen computergesteuert die einfallende Lichtmenge regeln.
All diese Bauten empfinden Frankreichs Konservative als Provokation, als Denkmäler des Sozialismus, die auch im nächsten Jahrhundert das Gesicht von Paris prägen werden, untrennbar verbunden mit dem Namen Mitterrand.
Klar, daß der Mann auch zu Beginn seiner zweiten Amtszeit ein neues Großvorhaben ankündigte - diesmal für eine "Bibliotheque de France", die natürlich die "größte und modernste der Welt" sein soll. Zur Zeit läuft der Wettbewerb für 20 internationale Stararchitekten.
Gelegentlich kann freilich auch ein Bauherr wie Mitterrand nicht umhin, sich für einen gänzlich unpopulären teuren Profanbau zu verwenden - wie etwa für das neue Finanzministerium im Stadtteil Bercy, wohin er 6000 Staatsbeamte aus dem Louvre umquartieren mußte, um Platz zu schaffen für das "größte Kunstmuseum der Welt". #
"Großer Bogen" an der Defense: Der linke Monarch ließ die königliche Perspektive vollenden
Pei-Pyramide im Louvre: "Wer für die Ewigkeit baut, muß die Mode ignorieren"
Volksoper an der Bastille: In sechs Minuten von "Rigoletto" zu "Tristan"
Wissenschaftsmuseum mit Kugelkino, Parkpavillon (o.) im Park von La Villette: Weltraumflüge und Unterwasserfahrten
Arabisches Institut*: Licht durch 27 000 Kameraverschlüsse
Neues Finanzministerium: 6000 Staatsbeamte aus dem Louvre umquartiert

DER SPIEGEL 28/1989
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