10.07.1989

SEELSORGERGehört zu uns

Die religiösen Tennisstars Michael Chang und Andre Agassi sind zwei Beispiele von vielen: Unter Spitzensportlern wächst der Glaube.
Der Mann in der zweiten Reihe der Spielertribüne des Centre Court von Wimbledon sieht aus, als sei er schon länger dabei. Er ist etwa im Jimmy-Connors-Alter, hoch gewachsen, gebräunt und muskulös.
Die ausgetretenen Tennisschuhe, aus Jeansstoff geschneiderte Shorts und die blau-gelb-graue adidas-Trainingsjacke passen zur Berufsbezeichnung im offiziellen Wimbledon-Ausweis: Fritz Glauss, 34, ist als Trainer dokumentiert - in Wahrheit ist er Seelentrainer.
Der Amerikaner, im Schweizer Kanton Uri geboren und im Alter von zwei Jahren mit seinen Eltern in die USA eingewandert, begleitet den Tenniszirkus als evangelischer Geistlicher. Er betet mit den amerikanischen Jungstars Andre Agassi und Michael Chang.
Gleich, ob der chinesische Amerikaner erstmals auf dem Centre Court von Wimbledon oder - wie am Montag letzter Woche - auf Platz 14 spielt, stets ist "Fritz" im Blickfeld des Profis.
Glauss verwahrt in seiner schwarzen Umhängetasche die nötigsten Erfrischungen: Apfelsaft und eine Bibel. Er meidet Photographen und Reporter, weil er "das Vertrauensverhältnis zu den Spielern und die Arbeit mit ihnen nicht stören will". Die Namen seiner Tennisgemeinde will er deshalb nicht verraten. Sicher ist: Michael Chang und Andre Agassi sind weder Einzelfälle noch ein typisch amerikanisches Phänomen.
"Mehrere Dutzend" Tennisprofis, sagt Gerald Williams, angesehener Tenniskommentator des BBC-Fernsehens, haben "den Weg zu Gott gefunden" - Williams selbst auch.
In einem von ihm verfaßten Werk ("A Whole New Ball Game") hat der britische TV-Star die Namen zahlreicher Glaubensbrüder enthüllt, etwa Englands Fußball-Nationalspieler Glen Hoddle, dem bei einer Reise mit dem Nationalteam in Israel die Erleuchtung kam, Motorrad-Ex-Weltmeister Freddy Spencer, der ehemalige Meilen-Weltrekordler Jim Ryun sowie Rugby-Stars und Cricket-Spieler, Golfer wie Südafrikas Gary Player. Dessen deutscher Kollege Bernhard Langer, so Williams, "gehört jetzt offenbar auch zu uns".
Sie alle sind "wiedergeborene Christen", Menschen, die eines Tages demonstrativ bekennen, ihr Leben Jesus Christus zu widmen, für sie die "geistige Wiedergeburt". Für Chang kam dieser Tag im Februar 1988. Fernsehstar Williams fiel in einem Hotelzimmer von Orlando im US-Staat Florida auf die Knie und lebte nach dem Gebet "mit einem neuen Gefühl".
Der Brite, der die Einnahmen aus seinem Buchverkauf der britischen Sportler-Mission "Christians in Sport" überweist, war "schon sehr beeindruckt", wie Tennis-Pro Chang nach seinem Triumph bei den Internationalen Meisterschaften von Frankreich in Paris "sich vor aller Welt zum Glauben bekannt hat" - für die evangelischen Missionare wahrlich ein Propagandacoup.
Bei der Siegerehrung hatte Chang seiner Mutter für ihre Kochkunst und Jesus Christus für die Unterstützung im Finale gedankt. Mutter Betty bekundete einem Reporter von "Sports Illustrated": Ihr Sohn werde nicht vordringlich Tennis spielen, um Dollars zu scheffeln, sondern "to spread the word", um Gottes Botschaft zu verkünden.
Changs Beispiel ermutigt auch die bundesdeutsche Christenorganisation "Sportler ruft Sportler" im rheinlandpfälzischen Altenkirchen. "Zu lange", sagt Geschäftsführer Hans-Günter Schmidts, der in der örtlichen Kreisklasse Fußball spielt, "haben die Kirchen geschlafen und nicht erkannt, welchen Bedarf Sportler haben."
Nun, Chang sei Dank, wird verstärkt und weltweit "Versäumtes nachgeholt". Im Juni vereinbarten die europäischen Sportchristen bei einer Konferenz im österreichischen Gmunden eine intensivere Zusammenarbeit, die weltweit übergreifen soll: In den USA ist beispielsweise die "International Sports Coalition" aktiv, die der Pastor und ehemalige Football-Spieler Mike Ryan von San Francisco aus organisiert.
Zu diesem amerikanischen Missionarssystem zählen rund 100 sogenannte ministries, die sich auf die Missionsarbeit unter Sportlern spezialisieren. Tennispastor Glauss, nach nur 30monatiger Ausbildung in den Seelsorgedienst entlassen, gehörte der in Akron (US-Staat Ohio) etablierten Kirche "The Chapel" an. Chang, dem japanische Zeitungen und Fernsehgesellschaften nach dem Paris-Erfolg 50 000 Dollar für ein Interview zahlen wollten (die Chang-Familie lehnte ab), läßt Pfarrer Glauss gelegentlich einen Anteil seines Preisgeldes zukommen. Teilweise übernehmen die Mitglieder seiner Gemeinde die Missionskosten des Geistlichen, den Rest bezahlen die Spieler.
Der "Coalition" angeschlossene Seelsorger begleiten auch die Berufsgolfer auf ihrer "PGA"-Tour. Mehrere Dutzend Geistliche dieser weltweiten Missionsvereinigung, darunter der "Sportler ruft Sportler"-Gründer Helmfried Riecker, ehemals deutscher Moto-Cross-Meister, oder auch Brasiliens ehemaliger Formel-1-Rennfahrer Alex Ribeiro, trösteten die Athleten im Olympischen Dorf zu Seoul.
"Wir haben endlich begriffen", bestätigt Mike Ryan, der in einem Computer die Adressen von Gleichgesinnten in 139 Ländern speichert, daß "die gesamte Welt die Sprache des Sports versteht". Folglich: "Wir müssen der Jugend vermitteln, wie ihre Götter, die Stars, ihren eigenen Gott verehren."
Die deutschen Missionare setzen etwa den Eishockey-Nationaltorwart Karl Friesen und den Vorstopper von Werder Bremen, den Norweger Rune Bratseth, für den Gottes-Dienst ein.
Der geistliche Beistand hängt vom Ereignis ab. Die deutschen Olympiateams gehen stets mit ihren Seelsorgern auf die Reise. Der Deutsche Fußball-Bund hingegen lehnte einen Plan ab, für die Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko einen Geistlichen einzuladen.
In England dagegen stehen inzwischen Pfarrer bei 35 Fußball- und Cricket-Klubs im Dienst. Beim FC Barcelona sitzt ein Priester zuweilen sogar mit auf der Reservebank. Vor ihren Heimspielen beten die Kicker gemeinsam in der Stadionkapelle.
Tennisspieler zu bekehren, so Pfarrer Glauss, ist besonders mühsam, weil sie "ein so unrealistisches Leben führen". Im Tennisgeschäft sei "so viel Geld im Spiel, so viel Medienrummel und so oft die Rede von Ruhm".
Mit US-Cracks wie Stan Smith, Mike Leach, Hank Pfister, Sandy und Gene Mayer sowie Tim Wilkison reiste er als Seelsorger jahrelang zu den Turnieren.
"Zufällig" geriet Glauss bei einem Nachwuchsturnier in Texas - vor zwei Jahren - an ein Jungtalent namens Andre Agassi. Der legte damals zuweilen Make-up auf, trug Ohrringe und einen Punker-Schnitt, färbte sich die Haare, zerschmetterte rund 40 Schläger im Jahr und war trotz seiner nur siebeneinhalbjährigen Schulzeit wach genug, um zu erkennen: "Ich brauche auf viele Fragen des Lebens eine Antwort."
Agassi ging es nicht gut, als er auf den Prediger traf. Zwei Tage nach seinem 16. Geburtstag war er Profi geworden. Weit ab von seinem Heimatort Las Vegas quälte er sich in einem Trainingscamp.
Seit Glauss mit dem Jungstar die Bibel gelesen hat, führt Agassi-Manager Bill Shelton stets die Telephonnummer des Seelsorgers bei sich: damit Glauss von seinem in Nevadas Bergen urlaubenden Schützling stets in Wimbledon zu erreichen ist. Sandplatz-Spezialist Agassi hat sich nicht auf den Rasen getraut. #

DER SPIEGEL 28/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 28/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SEELSORGER:
Gehört zu uns

Video 01:16

Auto auf Abwegen Wofür man ein SUV in der Stadt braucht

  • Video "Reaktion auf Trumps Angriffe: Er will gar nicht mehr Präsident sein" Video 02:25
    Reaktion auf Trumps Angriffe: "Er will gar nicht mehr Präsident sein"
  • Video "Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind" Video 05:45
    Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind
  • Video "Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker" Video 01:15
    Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker
  • Video "Mode in Japan: Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein" Video 29:13
    Mode in Japan: "Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein"
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Filmstarts: Smarthome-Horror" Video 08:21
    Filmstarts: Smarthome-Horror
  • Video "Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo" Video 01:57
    Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo
  • Video "Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg" Video 22:17
    Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg
  • Video "Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump" Video 03:11
    Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump
  • Video "Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar" Video 01:37
    Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch" Video 00:55
    Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch
  • Video "Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten" Video 00:50
    Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten
  • Video "Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee" Video 00:55
    Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee
  • Video "Auto auf Abwegen: Wofür man ein SUV in der Stadt braucht" Video 01:16
    Auto auf Abwegen: Wofür man ein SUV in der Stadt braucht