10.07.1989

Mehr Schwänze als Tänze

Ria Endres über Samuel Becketts frühe Erzählungen: „Mehr Prügel als Flügel“
Die Schriftstellerin und Kritikerin Ria Endres, 43, lebt in Frankfurt. Über Samuel Beckett hat sie 1986 einen Essayband mit dem Titel "Am Anfang war die Stimme" veröffentlicht.
Als das Buch "More Pricks than Kicks" 1934 in London erschien, wurde es alsbald auf den Index der verbotenen Schriften gesetzt. Der Inhalt der Erzählungen dürfte den Zensoren allerdings entgangen sein; es genügte, daß der Titel obszön klang.
Wie kann er, da das Buch endlich auch den deutschen Leser erreicht, so übersetzt werden, daß wenigstens ein Hauch des Unanständigen zu erkennen ist? Ein Blick ins Lexikon weist mit aller Klarheit auf die Bedeutung des Wortes "prick" als männliches Genital hin: Dorn, Stachel, Schwanz. Das ins Deutsche eingebürgerte Wort "kick" hat einen weiten Bedeutungshof, vom Fußtritt bis zur (sexuellen) Erregung schwingt alles in ihm mit. Im Slang sind pricks außerdem Leute, die im Deutschen unfein, aber korrekt als "Arschlöcher" tituliert werden. "Warten auf Godot" ist nicht nur das Stück dieses Jahrhunderts, Beckett hat für unser Jahrhundert auch das Motto gefunden: More Pricks than Kicks - mehr Arschlöcher als Geistesblitze.
Aber der fade deutsche Titel "Mehr Prügel als Flügel"* ist nicht die einzige fragwürdige Übersetzung dieses Textes - wenn es schon ein Reim sein muß, warum nicht "Mehr Schwänze als Tänze"? Christian Enzensberger hat sich, wie mit Hilfe einer Lupe zu entziffern ist, hinter der "Leitung und Endredaktion" von "studentischen Arbeitsgruppen im Aufbaustudium Literarische Übersetzung aus dem Englischen am Anglistischen Institut der Universität München" versteckt; mag man nun an einzelnen Fehlern, Ungenauigkeiten oder fehlendem Gespür herumkritisieren oder nicht, die Übersetzung ist rechtschaffen und brav - und langweilig.
Doch selbst auf diesem akademischen Übungsplatz war der Text nicht totzukriegen. Beckett hat sich lange dagegen gesträubt, diese frühen Erzählungen wieder zu veröffentlichen. Es ist unklar, ob er sie nicht wichtig genug fand für sein Werk oder ob er fürchtete, man könne ihn zu sehr mit seiner Hauptfigur Belacqua Shuah verwechseln und falsche biographische Rückschlüsse ziehen.
Samuel Beckett hat nämlich mit Belacqua Shuah mehr gemein als die Initialen SB. Es gibt ins Auge springende Ähnlichkeiten zwischen Belacqua und Beckett: beide haben studiert und die gleiche Vorliebe für die "Göttliche Komödie", beide sind Außenseiter und leben in Dublin, sind private Anarchisten und wünschen keinen bürgerlichen Beruf. Der Name Shuahs verweist auf das Alte Testament. Beckett hat ihn, so sein Biograph Klaus Birkenhauer, gewählt, weil Shuahs berühmter Enkel Onan sich einmal weigerte, Kinder zu zeugen. Das ganze Werk Becketts ist von Verweigerungen geprägt: keine Kinder, keine Karriere, keine Kommunikation.
"More Pricks than Kicks" ist nicht seine erste Veröffentlichung. Schon 1929 erschien in der berühmten Zeitschrift "Transition", in der auch "Finnegans Wake" von Joyce abgedruckt wurde, die Erzählung "Assumption". Beckett war 22 Jahre alt und hatte ein viersemestriges Romanistikstudium am Dubliner Trinity College hinter sich gebracht; er konnte eine Bildungsreise zu den Loireschlössern und nach Paris antreten und eine nach Florenz.
Das ausschlaggebende Ereignis für seine Berufswahl eines Schriftstellers war jedoch die zweijährige Tätigkeit als Lektor für Englisch an der Ecole Normale Superieure, waren seine Pariser Erfahrungen außerhalb des Klassenraumes: Er stürzte sich in das literarische Leben und lernte Joyce kennen. Es erscheint sein Essay "Dante . . . Bruno. Vico . . . Joyce", in dem er den Autor des "Ulysses" in eine historische Linie großer Spracherneuerer stellte.
Zugleich ist er vom Werk Marcel Prousts fasziniert und bringt es in ein imaginäres Spannungsverhältnis zum Werk von Joyce. Er schreibt auch darüber einen Essay, der bereits indirekt einen Weg zu seiner eigenen Konzeption andeutet.
Als Beckett 1930 ans Trinity College nach Dublin zurückkehren muß, beginnt eine dürre Zeit für ihn. Er hält das Leben an der Universität nicht mehr aus und tritt eine Reise nach Deutschland an. Seine Kündigung reicht er schriftlich ein, auf Klopapier, wie ein hartnäckiges Gerücht besagt. Auf jeden Fall ist es ein Abschied von der bürgerlichen Karriere. Nach Aufenthalten in Deutschland, Paris und London begann er 1932 in Dublin an seinem Erzählband zu arbeiten.
Die zehn Erzählungen "Mehr Prügel als Flügel" sind durchaus als die "Dubliners" von Beckett zu lesen. Dabei gelang ihm mit der ersten Erzählung "Dante und der Hummer", was Joyce mit der letzten seiner "Dubliners", "The Dead", gelungen ist: der (unbemerkte) Einstieg in die Weltliteratur.
Der Inhalt von "Dante und der Hummer" besteht im wesentlichen darin, daß Belacqua nach seiner Dante-Lektüre durch Dublin zum Italienisch-Unterricht eilt, zwischendurch einen besonders stinkenden Gorgonzola-Toast zubereitet und verspeist und schließlich seiner Tante einen lebenden Hummer bringt, den diese ungerührt ins kochende Wasser wirft.
In dieser Erzählung zielt Becketts Ehrgeiz noch darauf, die Hauptfigur besonders kurios handeln zu lassen und das ironisch zu kommentieren. Belacqua ist geradezu munter und unbeschwert, seine Trägheit wird nur angedeutet.
Belacqua will auf seinen Streifzügen durch Dublin und Umgebung, die er vor allem in Kaschemmen unterbricht, am liebsten seine Ruhe. Er geht einem Jesuiten genauso aus dem Weg wie einem Möchtegerndichter, Studenten, Huren, Geschäftsleuten, Pennern oder heruntergekommenen Intellektuellen. Doch an den Frauen kommt er nicht ganz vorbei angesichts ihrer fast irrwitzigen Versuche, ihn in ihre Netze zu ziehen.
Tatsächlich entgeht er dreimal der Ehe nicht, wenngleich er alles andere ist als ein feuriger Hochzeiter. Zwei Frauen sterben recht schnell, aber auch Belacqua stirbt unvermutet einen äußerst banalen Tod bei einer Operation. Nur die Ehefrau Nummer drei bleibt übrig, die sich sogleich mit seinem besten Freund zusammentut, während die Leiche sozusagen noch warm ist.
Merkwürdigerweise geht von der trägen Gestalt Belacqua eine Faszination aus, die uns heute erstaunt. Belacqua ist nämlich das Gegenteil des zeitgemäßen Karrieregockels, der nur darauf aus ist, die Müllhalden dieser Welt zu erobern, und damit, im Zeichen der Gleichberechtigung, auch die Frauen zu unermüdlicher Nacheiferung anstachelt. Beckett liebt seinen Belacqua, der es bei Dante überhaupt nicht eilig hat, nach seinem Tod in die himmlischen Gefilde vorzudringen, sondern in fötaler Haltung und durchaus zufrieden unter dem Läuterungsfelsen verharrt.
Obwohl Belacqua ein junger Spund ist, finden sich an seinem Körper schon die Zeichen des Verfalls, die dann später in alle möglichen Stadien des Verfaulens übergehen werden, an denen Becketts Obsessionen festhalten. Eine jüngere Figur als Belacqua gibt es in Becketts Werk nicht; die Beschreibungen des moribunden Greisenalters setzten schon bald darauf ein.
Während Belacqua das Erwachsenwerden durch seine Verweigerungshaltung hinauszögert und auch die unglückseligen Hochzeiten keine Garantie für ein verantwortungsvolles Mannesalter sind, sehnen sich die Protagonisten aus dem späteren Werk immer mehr in die vorgeburtliche Phase zurück, die allerdings Belacqua auch schon im Kopf herumspukt.
In den Erzählungen hat er vor allem Ticks wie das Herumkratzen an seinem Kopf, eine (noch) harmlose Nervosität; außerdem sind seine Füße Wracks, er hinkt und stolpert und wirft sogar seine Schuhe auf dem Nachhauseweg fort. Sein Gesicht verunziert ein Grind, der das Liebesleben mit seiner zeitweiligen Freundin Winnie freilich nicht berührt, es weder fördert noch verhindert. Ein Karbunkel im Nacken wächst sich im Lauf der Erzählungen zu einer napfgroßen Geschwulst aus. Er will sie zusammen mit einer zu lang geratenen Zehe entfernen lassen und wird Opfer eines Narkosefehlers.
Belacqua ist noch eine greifbare, fast reale Gestalt und nicht eine Figur, die Becketts "Traumgebrechen" entstammt, wie die monströse Gestalt des "Namenlosen", der an eine "große, sprechende Kugel" erinnert, dessen Schädel mit Geschwüren bedeckt ist und der nur noch eine Kopfexistenz führt.
Auch die Figuren der nachfolgenden Beckett-Bücher werden ihre Reisen unternehmen, aber es hat den Anschein, als seien sie alle von Irland, von der Insel nie so recht weggekommen. Sie reisen nur in ihren Köpfen, in denen die Erinnerung an das Meer, an Hügel, Schafe und Steine aufgehoben sind.
Nicht nur die Angst vor einem möglichen Zeugungsakt verfolgt Belacqua, auch die Angst vor Frauen, mit Ausnahme seiner (älteren) Italienischlehrerin und seiner (alten) Tante. Wenn er sich trotzdem dreimal entschließt zu heiraten, so sicher nicht aus Gründen der sexuellen Erfüllung, sondern aus einem einzigen Grund: Er will versorgt sein. Für seine erste Ehe mit Lucy macht er einen Cicisbeo zur Bedingung, einen Hausfreund also, der ihm die lästigen Beischlafpflichten abnehmen soll.
Die drei Grundpfeiler der bürgerlichen Welt: Kirche, Eheschließung, Bestattung, die auch im Werk von Joyce eine große Rolle spielen, benutzt Beckett ebenfalls ironisch und mit einem beißenden irischen Witz. So ist die Eheschließung mit der neureichen Selma eine Farce, und die kirchliche Trauung gleicht der Ankunft in einem Gefängnis, aus dem Flucht kaum glücken kann. Gottseidank stirbt Selma bald, aber da schreibt ihm die fette Schlampe Smeraldina einen monströsen verschlingenden Liebesbrief, der wie ein monolithisches Denkmal der Abschreckung als selbständige Erzählung dasteht. Smeraldina wird die letzte Frau Belacquas. Er ist also immer wieder in die Heiratsfalle getappt und wird von Beckett selbst als "toter Sadomasochist" bezeichnet.
Belacqua Shuah ist nicht gerade eine Männergestalt, die sich mit den Mechanismen des Patriarchats arrangiert. Im Gegenteil: In dieser Gestalt liegt so viel an - sicher ungewollter - Patriarchatskritik, daß all diejenigen ein ungeschmälertes Lesevergnügen haben werden, die insgeheim selbst gerne "schwach" sein wollen und es genießen, wenn sich die Zeit verlangsamt und, wie in Zeitlupe, die brüchigen Stellen im Geschlechterverhältnis bloßlegt. So könnte der "tote Sadomasochist" noch Frauen entzücken, die keine Lust haben, weibliche Karriereleichen zu werden, wo schon die männlichen Karriereleichen die Welt verstopfen.
Von Ria Endres

DER SPIEGEL 28/1989
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