10.07.1989

Bleischwere Babel-Bibliothek

Ein Büchermacher war der deutsche Geschichts- und Mythenmaler Anselm Kiefer schon immer, nun wuchtet er eine ganze Bibliothek sinnträchtig auf die Szene. Bis 19. August zeigt die Galerie Anthony d'Offay im Londoner Riverside Studio zwei Stahlregale mit den Etiketten "Euphrat" und "Tigris" sowie fast 200 Kunst-Bücher von Kiefers Hand, pro Stück bis zu 300 Kilo schwer. Die Wälzer nämlich sind Einband für Einband und Seite für Seite aus Bleifolien gemacht, vom Künstler teils ausdrucksvoll verätzt oder angekratzt, teils mit Collage-Elementen und (dennoch suggestiven) Banalphotos ausgestattet - ein babylonisches Bildarchiv der Weltschöpfung und Weltzerstörung. Dem Ausstellungsbesucher bleibt freilich der Einblick versagt; ihn gibt, partiell, ein feierlich-aufwendiges Kunstbuch auf Papier, das deutsch bei DuMont erschienen ist (Anselm Kiefer: "Zweistromland"; 168 Mark) und das fast selbst ins Schau-Regal passen würde. Das viele Blei, Alchimistenelement und Schutz vor radioaktiver Strahlung, verursacht im Kunstbetrieb erhebliche Gewichtsprobleme. Zur Eröffnungsausstellung "Einleuchten" der Hamburger Deichtorhallen im November mußte Kiefers "Zweistromland" wieder abbestellt werden: Es würde durch den Hallenboden brechen.

DER SPIEGEL 28/1989
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