10.07.1989

BÜCHERSPIEGELNeues vom Mordbüro

Barbara Paul: „Mordsalär“. Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz. Piper Verlag, München; 208 Seiten; 12,80 Mark.
Bei "Pluto" denken die einen an Disneys animierten Hund, andere an diesen deprimierenden Planeten, der einem das ausgeglichenste Horoskop vermasselt. Leon Walsh, Gründer und jetzt nur noch Lektor einer einstmals edlen literarischen Vierteljahresschrift namens "Summit", weiß mehr: Pluto ist der Totengott. Aber Wissen macht selten glücklich, jedenfalls nicht Leon Walsh, das leibhaftige Prinzip Unglück. Zwei Gattinnen suchten vor ihm das Weite, bissige Köter dagegen stets seine Nähe. Schuld an seinem größten Desaster aber ist Jerry Sussman, sein Kompagnon, ein Kulturbanause, der "Summit" zum seichten Monatsblatt für Großanzeigenkunden heraufgewirtschaftet hat. Gerade will er es verhökern an einen Giganten der Regenbogenmedien, da zeigt sich, was Pluto noch sein kann: ein Ein-Mann-Mordbüro im heutigen New York. Eines schönen Tages nämlich liegt Sussman erschossen auf offener Straße herum, plötzlich und unerwartet - für Leon Walsh. Und dann flattert Walsh eine Rechnung ins Haus, "Für geleistete Dienste: 1 Mord in Abstimmung mit Alibi $ 100 000".
Walsh ist nicht der einzige unfreiwillige "Kunde" Plutoscher Serviceleistungen. Die reizende Freizeitpark-Architektin, die den städtischen Auftrag doch bekommt, weil ihr Konkurrent ermordet wird, sagt sogar artig "Dankeschön", bevor sie die Dollar zum toten Briefkasten trägt.
Mit Walsh allerdings hat Pluto sich verrechnet: Er hat kein Geld, und deshalb schreibt er in "Summit" eine Story über einen gewissen Osiris und hofft, daß die ihm den monetären Durchbruch bringt. Statt dessen bringt sie Lieutenant Murtaugh auf Plutos Spuren. Früher, als er nur drei "Aufträge" pro Jahr erledigte, wären Pluto derlei Fehler nicht passiert. Er arbeitete einfach zu viel, seit er dieses sündteure Schweizer Chalet entdeckt hatte . . . Gut, daß auch ein Lieutenant Murtaugh einen karriereknickenden Kotzbrocken zum Vorgesetzten hat.
Den gerissenen Plot hat die Autorin Barbara Paul, Literaturdozentin aus Pittsburgh, dem legendären "Mordbüro" Jack Londons nachempfunden. Und sie hat ihn meisterhaft gewendet: Ihr Pluto führt ein postmodernes Mordbüro, das nicht mehr, wie bei London, uneigennützig auf "kapitalistische Parasiten" losgeht - Pluto selbst ist ein cool kalkulierender, kapitalistischer Marktlücken-Crack. Man genießt "Mordsalär" als brillant erzähltes und raffiniert vernetztes Werk, spannend bis zum hundsgemeinen Ende, das einen den Erfinder der Elektrizität in den Hades wünschen läßt.

DER SPIEGEL 28/1989
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DER SPIEGEL 28/1989
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