10.07.1989

Terror von Rimbaud

Jean-Bernard Pouy: „Feuer für Jeanne“. Aus dem Französischen von Karin Schulze. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg; 156 Seiten; 6,80 Mark.
Im Hauptgebäude des Pariser Flughafens Orly rast ein junger Rollschuhfahrer auf den Schalter der British Airways zu und schleudert aus vollem Lauf einen schweren Plastikbeutel auf die Angestellten. Der Beutel platzt und besudelt Stewardessen, Schalter und Terminals mit einer stinkenden, roten Flüssigkeit: Blut. Der unheimliche Kleckser läßt anschließend eine Stahlkugel über seinem Schädel kreisen, zertrümmert eine Glaswand, saust hindurch, landet auf dem Rücksitz eines wartenden Motorrads und entkommt.
Dieses perfekte Attentat ist bereits das dritte in Paris, das sich gegen Engländer und englische Institutionen richtet. Die Polizei ist ratlos. Ein Bekennerbrief steigert nur ihre Verwirrung: Er ist mit Arthur Rimbaud unterzeichnet.
Der mit dem "Grand Prix de la Ville de Reims" ausgezeichnete französische Krimiautor Jean-Bernard Pouy, 43, beschreibt in seinem perfekt konstruierten Roman "Feuer für Jeanne" den poetischen Terror einer erotisierten Viererbande.
Die 18jährige Anna Slovic ist vor Jahren beinahe Opfer einer Vergewaltigung durch betrunkene englische Touristen geworden, wobei der fragilen Schönheit im Gerangel das Knie zerschmettert wurde. Bei ihrem Rachefeldzug gegen die "Roastbeeffresser" wird ihr nicht nur Arthur Rimbaud, der an den Folgen eines Tumors im Knie starb, zum Leitstern. Ihr unbändiger Engländerhaß, dem neben dem britischen Botschafter auch eine Punkband aus Leeds zum Opfer fällt, ist dem der Jeanne d'Arc nachinszeniert. An der Seite Annas kämpfen der ihr ergebene schwule Bruder Ivo, den sie nach dem berühmten, Knaben liebenden und Knaben schlachtenden Kampfgefährten der "Jungfrau von Orleans" Gilles de Rais nennt, und zwei in Liebe zu ihr entbrannte Ritter des 20. Jahrhunderts, Jean und Daniel, für Anna nur "Sire de Xaintrailles" und "La Hire". Sie werden, nachdem sie lange nur ihre entzückenden rosa Augen anbeten durften, in einer Nacht schließlich beide belohnt.
In genau hundert, in der Perspektive jeweils wechselnden Kapiteln erzählt Pouy die Geschichte der anarchistischen "Rimbaud"-Gruppe, die, besonders hinterhältig, gar keinem wirklichen Plan folgt, sondern chaotisch handelt und damit unvorhersehbar.
Virtuos wechselt Pouys Erzählstil vom inneren Monolog zum Gedicht, von der Zeitungsmeldung zum Tagebuch, von Reflexionen über "Gott" zu den Kampfschreien von Hard-Core-Rockern, die sich "Pigs" nennen . . Ein hinreißend finsteres Buch.

DER SPIEGEL 28/1989
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DER SPIEGEL 28/1989
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