10.07.1989

Ein Killer für Hollywood

Gundolf S. Freyermuth: „Der Ausweg“. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg; 368 Seiten; 39,80 Mark.
Für das erste Bewerbungsgespräch seines Lebens kauft er sich eine Krawatte, ein "gehäkeltes überbreites weinrotes Monstrum", was schon alles sagt über eine Null wie Harry Mann. Er ist ein Versager, der nicht nur modisch im Niemandsland steckengeblieben ist, irgendwo zwischen den ersten Vietnamdemonstrationen und den Second-hand-Boutiquen der siebziger Jahre.
Er ist ein Schnorrer und Gelegenheitsjobber, der in seiner West-Berliner Altbauwohnung überwintert wie Diogenes in seiner Tonne. Die Freundin hat ihn verlassen, und die anderen haben sich in bürgerliche Karrieren davongemacht: als Kneipier, als Illustriertenreporter, als Hochschullehrerin.
Doch während sich seine Freunde an die Gesellschaft verkauft haben, die sie früher kritisierten, ist auch Mann nicht untätig geblieben. Er hat sie studiert, die Republik und ihre Geschäfte, ihre Ellbogengesetze und ihre biegsame Moral. Aus sicherer Distanz. Mann hat einen Hang zum Grübeln: Er stellt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens. Aber er stellt sie sich auf dem Computer, als faszinierende, intellektuelle Programm-Spielerei. In all den Jahren ist ein kühles, unsentimentales Talent in Mann herangereift, von dem niemand, am allerwenigsten er selbst, etwas ahnte: Er hat das Zeug zum Killer.
Mit der weinroten, blutroten Krawatte macht Mann seinem neuen Chef die Aufwartung. Doch anderntags liegt eine Leiche am Swimming-pool des Zehlendorfer Bungalows, und Mann kann sich bald vor lukrativen Angeboten kaum retten. In der Folge tapert er nicht nur in eine Liebesgeschichte, die ihn fast um den Verstand bringt, sondern auch mittenmang durch einen finsteren Politskandal, dessen Labyrinthe bis an die kalifornische Geldküste reichen. Und Harry, der Versager aus der Berliner Boheme, erweist sich als professioneller als all die geheuerten Wichtig- und Muskelmänner, die ihr Handwerk von der Pike auf gelernt haben.
Nicht nur Harry Mann, sondern auch sein Erfinder ist Quereinsteiger in die Branche. Mit "Der Ausweg" hat der West-Berliner Literaturwissenschaftler und Reporter Gundolf S. Freyermuth sein Debüt im Thriller-Genre, dem "Heldenbusiness" (Loren D. Estleman), abgeliefert. Ein fulminanter Einstieg: Freyermuths Tiefkühl-Prosa hat die Präzision (und bisweilen auch die Melancholie) von guten Rocktexten, ein Spiel aus brillanten Einsichten und Katerstimmungen, aus Verfolgungsjagden, lausigem Sex in Hollywood-Hotels und Geldpaketen in Hamburger Briefkästen, ja überhaupt Zahlungen und Tauschgeschäften aller Art, denn im kalt gekachelten Alptraum der achtziger Jahre hat alles seinen Preis: Morde, Meinungen, Körper, Liebe.
Harry Manns erster Mord ist fast ein Mißgeschick, moralisch ungefähr so anfechtbar wie die Wahl der falschen Krawatte. Daß er den anschließenden Sprung aus seinem Berliner Soziotop in ein internationales Haifischbecken aus geschmierten Politikern und bezahlten Killern überlebt, läßt hoffen - auf einen Folgeroman.

DER SPIEGEL 28/1989
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