10.07.1989

Chicago! Chicago!

Sara Paretsky: „Fromme Wünsche“. Aus demAmerikanischen von Katja Münch. Piper Verlag, München; 228 Seiten; 12,80 Mark.
Das Kloster St. Albert hat einen sympathischen neuen Prior bekommen und eine gründliche Renovierung dringend nötig. Das an sich friedliche Nebeneinander dieser beiden Details führt zu einer Entdeckung, die dann doch für Brandanschläge und Freundschaftskrisen, für Mord und Totschlag sorgt. Der Klostersafe birgt nämlich nicht mehr die erwarteten Aktien im Wert von fünf Millionen Dollar, sondern Fälschungen vom Feinsten. Kurz danach jagen die Aktien des Versicherungskonzerns Ajax in merkwürdige Höhen, und das mitten in Chicago, das selbst mitten im Kapitalismus liegt. Die Sache ruft die Privatdetektivin V. I. Warshawski auf den Plan, die sich im Aktiengeschäft auskennt wie andere Frauen in Supermarkt-Angeboten.
Allen Gerüchten zum Trotz - Victoria Iphigenia Warshawski ist keine "Tochter Marlowes", sie hat vielmehr eine hartgesottene Feministin zur "Mutter". Sara Paretsky, Jahrgang 1947, fast 10 Jahre Verkaufsmanagerin in einer Versicherungsfirma, seit über 20 Jahren engagiert in der Frauenbewegung, ist in der neuen US-amerikanischen Krimiszene ein Superstar geworden. Fünfmal hat sie ihre trink-, schlag- und schießfeste Ermittlerin bisher auf die Buchmarktpiste geschickt und ganz nebenbei auch noch einen klassischen Männerbund wie den noblen "Mystery Writers of America" geknackt: Vor drei Jahren hat sie den harten Kern der Dissidentinnen mitbegründet, die "Sisters in Crime", die endlich auch die Schreibtisch-Töterinnen besser in Medien und an Ladenkassen placieren sollen.
Der Feminismus Sara Paretskys ist alles andere als verbiestert. Ihre widerwillig aus Fitneßgründen joggende Privatdetektivin mit den heißen Klamotten und den hohen Hacken pocht auf ihr "Right to sex life". Mit Scharfsinn und hervorragenden Kenntnissen in der Wirtschaftskriminalität rollt sie, allein gegen die Mafia, den schmutzigen Chicagoer Aktienskandal auf und bietet durchaus all das, was auch Männern Spaß macht.

DER SPIEGEL 28/1989
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DER SPIEGEL 28/1989
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