10.07.1989

Pistolen-Pädagogik

Pino Cacucci: „Outland Rock“. 5 starke Thriller. Aus dem Italienischen von Jürgen Bauer. Diogenes Verlag, Zürich; 368 Seiten; 34 Mark. Voraussichtlicher Auslieferungstermin: 25. August.
Es ist wie eine Serie von Photos in immer kürzeren Abständen und mit immer kleinerer Blende", sagt einer der Killer in den Kurzthrillern Pino Cacuccis, als er sich an seine Tat erinnert. Diesen photographischen Blick auf die Wirklichkeit, den der junge Autor auf Umberto Ecos Kunstschule trainierte, gibt er allen Helden seiner fünf Kurzgeschichten mit auf den Weg. Es sind detektivisch begabte Chaoten, die da aus dem alltagsneurotischen italienischen Durchschnittsleben unvermittelt in ihre Abenteuer stolpern. Ein namenloser Pferderennbahn-Kartenkontrolleur wird Zeuge des Mordes eines Polizisten an seinem Kollegen und muß später sein eigenes leibliches Ende beschreiben (Mord, glatter Schulterblattschuß). Der kleptomanische Student Aurelio, der mehr Glück hat und das Datensystem eines abgestürzten Satelliten auf seinem Dachgarten findet, läßt sich von internationalen Geheimdienstlern das Dolce vita eines reichen Frührentners (Reisen, Reisen, Reisen) bezahlen. Das verkannte Medizingenie Dr. Bombrini mausert sich zum coolen Mörder.
Entsprechend häufen sich die Leichen, die, breiig-schmierigmatschig, mit Sinn für blutige Ästhetik ins Bild gesetzt werden. Die Welt, die Cacuccis Thriller skizzieren, ist einfach, aber brutal: Die Macht gehört der Polizei, Industriekonzernen, Spielhöllenbossen, und jeder terrorisiert jeden. Es sind Einzelgänger, Muskel- und Ekelpakete, Steppenwölfe mit Gewaltzulage - der Stärkere gewinnt immer.
Kriminalist Cacucci erlaubt seinen Revolverhelden eine rigorose Absage an den gängigen Gefühlskatalog. Zwar sind auch hartgesottene "Pistoleros" verletzlich - sie haben ödipale Schwellfüße, humpeln, erleiden Wadenkrämpfe oder versteigen sich in ein "Galileisches Delirium" - aber gleichzeitig sind sie bis ins letzte so durchgestylt, als habe sie ein New Yorker Innenarchitekt entworfen. Krimi und Zeitgeist: Noch in der brenzligsten Situation wird stilvoll sublimiert, werden Trivialitäten zu philosophischen Offenbarungen aufgeschäumt, so daß ein vertrockneter Efeu in einer heruntergekommenen Studentenbude Bände spricht über die verkümmerte Sexualität seines Besitzers und ein Drink aus Gin und Campari schlichtweg zur "Grundlage der Postmoderne" ausgerufen wird. In dieser photographisch abgebildeten Kunstwelt ist auch "Seele" nur ein extravagantes Requisit. Da Cacuccis Lifestyle-Krimis gleichzeitig sehr keusch daherkommen, wurde der Autor mit dem katholischen Literaturpreis "Premio Giallo Cattolica '88" belohnt. In der italienischen Intellektuellen-Szene hat Cacucci mittlerweile einen Spitznamen. Man nennt ihn den "großen Kalten". #

DER SPIEGEL 28/1989
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