10.07.1989

FILMAlte Wunden

„Scandal“. Spielfilm von Michael Caton-Jones. Großbritannien 1989. Farbe; 114 Minuten.
Manche Filme kommen spät, aber finden doch ungetrübtes Interesse. Ein solcher Film ist "Scandal", der nach mehr als einem Vierteljahrhundert noch einmal die Affäre um den britischen Kriegsminister John Profumo und das Partymädchen Christine Keeler aufrollt.
Profumo, heute 74, beging den Fehler, sich mit einem Mädchen einzulassen, das es auch mit dem russischen Marineattache Jewgenij Iwanow trieb; hinterher belog er auch noch das Parlament. Statt Nato-Generalsekretär zu werden, leistete er zur Sühne Sozialarbeit im East End. Seine Queen verlieh ihm dafür später einen Orden.
Christine Keelers Freund, der Arzt Stephen Ward, beging einen Tag vor der Urteilsverkündung in einem skandalträchtigen Prozeß Selbstmord, weil ihn, so die Grundthese von "Scandal", seine feinen konservativen Freunde fallengelassen hatten. Iwanow verschwand hinter dem Eisernen Vorhang. Christine Keelers Kollegin Mandy Rice-Davies brachte es zur Eigentümerin einer Nachtklub-Kette in Israel. Frau Keeler, heute 47, gelang es nie, ihren Ruhm zu vermarkten, sie lebt von Sozialhilfe. Im März dieses Jahres, als "Scandal" in London als Kassenschlager anlief, hatte sie ihren letzten großen Auftritt.
Der Lärm um den Film war beträchtlich - schon als es das Werk noch gar nicht gab. TV-Skripte zur Affäre Profumo mochten weder die BBC noch die privaten Sender realisieren. Als dann der Kinofilm gedreht wurde, forderte der Bischof von Stepney seine Gemeinde auf, die Dreharbeiten durch lautstarken Protest vor Ort zu behindern.
Vor der Premiere beklagten konservative Politiker auf dem Fernsehschirm, daß "Scandal" alte Wunden aufreiße, ihre Gesinnungsfreunde in den Redaktionen sahen in "Scandal" vorab einen Softporno - und alles fiel zeitlich mit der Affäre Pamella Bordes zusammen, die es zwar nur in die Archive des Unterhauses und ansonsten in die Betten zweier Chefredakteure geschafft hatte, aber gleichwohl behauptete, die Regierung stürzen zu können.
Der kesse Spruch wirkte wie ein Echo auf jenen trotzigen, 1963 auf Keeler gemünzten Satz des Premierministers Macmillan: "Dieses Mädchen wird mich nicht in die Knie zwingen." Letzten Endes tat sie es doch, und das Ende der Ära Profumo/Macmillan leitete das Ende des traditionellen, von keinem Tropfen Maggie getrübten britischen Konservatismus ein. Mit dem Popstar Christine Keeler begab sich England kulturell in die frischen Sechziger.
Doch von schmutziger, also amüsanter Aktualität ist "Scandal" weder wegen seiner Softporno-Einlagen noch wegen eines Erkenntniswerts zur Zeitgeschichte. Die "Scandal"-Orgien mit Hula-Girls, einem silbrigen Penis als Tafelschmuck und jeder Menge hochgeilen Altadels sind ungefähr so prickelnd wie ein Bad in Portwein.
Der Gebrauchswert von "Scandal" für Melancholiker liegt mehr in einer atmosphärisch sehr präzisen Wiedergabe einer Zeit: Als hinter dem Muff der fünfziger Jahre seismographisch bereits das Verlangen nach einem freieren, unspießigeren Leben wahrnehmbar war - nach einer Zeit, da man aufhörte, die Begriffe "Sex" und "Moral" in einem Atemzug zu nennen wie etwa "Dick und Doof". "Scandal" ist deshalb heute aktuell, weil die Kinder der Sechziger sich unter der Hand und passend zur Wende zu braven Gattinnen und Gatten domestiziert haben, die ihre masochistischen Treuegelübde seit Aids nun auch seuchentheoretisch begründen können und denen Hollywood mit "Fatal Attraction" den Kater nach dem Seitensprung zum Tyrannosaurier aufgebläht hat.
Nicht nur, doch vorrangig um Spaß und Lebenslust geht es in "Scandal" den beiden unbedarften Vorstadt-Dingern Christine Keeler (Joanne Whalley-Kilmer) und Mandy Rice-Davies (Bridget Fonda), die der Gesellschaftsarzt und Porträtzeichner Stephen Ward (John Hurt) zum endgültigen Einstieg in die High Society benutzte.
John Hurt spielt diesen geschwätzigen und voyeuristischen Emporkömmling anfangs als unerträglich gönnerhaften Pygmalion seiner Geschöpfe Keeler und Rice-Davies, der mit nervigschepperndem Verlegenheitslachen vorauszuahnen scheint, daß ein bißchen libertinäre Ferkelei an die Politik der alten Männer nicht heranreicht, an der er schließlich zerbricht. Nur er, so wollen es Buch (Michael Thomas) und Regisseur, sowie das Damen-Duo strahlen Lebhaftigkeit und (bei Hurt eine sehr müde) Lebensgier ab - Vorboten einer kommenden und doch nicht zur Erfüllung gelangten swingenden Zeit.
Umgeben aber sind sie von einem männlichen Panoptikum bizarrer Lemuren, deren persönliche und erotische Ausstrahlung gleich Null ist. Schauspieler Ian McKellen bringt das meisterhaft auf den Punkt, wenn er seinen Profumo nur dort mit Charisma versieht, wo Politiker am überzeugendsten zu wirken pflegen: beim Ehrenwort.
Rainer Weber
Von Rainer Weber

DER SPIEGEL 28/1989
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