10.07.1989

MODEPein und Leere

Wie krank ist der genialste Modeschöpfer des 20. Jahrhunderts?
Es schien zu sein wie immer, wenn Yves Saint Laurent der Welt seine neuesten Einfälle in Haute Couture vorführte.
Die Mannequins trugen mit dem ihnen eigenen, jeder Natürlichkeit baren Gleitschritt vor, was Frauen tragen würden, wären sie gewachsen wie Göttinnen und reich wie die Gettys. Hochkarätig geschmückte Hände applaudierten ihnen auf ihren zeremoniellen Wegen über den Laufsteg, das bewundernde Gemurmel verraunte sich zu einem einzigen Laut - "fantastiquefabuleuxmagnifique".
Doch kaum war die letzte Kreation in die Kulisse entschwebt, da geschah etwas, das die 800 handverlesenen Premierengäste im Salle Empire des Pariser Hotels Inter-Continental für einen Augenblick innehalten ließ: Mit schiefem, kraftentleertem Rücken tritt der Meister vor sein Publikum, tastet sich tappenden Schritts den Laufsteg entlang, bleibt unvermittelt stehen, als seien ihm die Beine plötzlich mit Blei ausgegossen, dreht sich um, beginnt, sinnentleert am Cape eines Mannequins zu nesteln. Sein Lächeln ist gegenstandslos, nicht mehr als ein wetterleuchtendes Zucken um den Mund, der Blick fern und unbestimmt, das Gesicht aufgedunsen, blaß, mit einem Stich ins käsig-pastöse - zwei der Mädchen nehmen ihn in ihre Mitte und geleiten ihn hinaus.
Das war im Januar dieses Jahres, und seitdem beobachtet das Modevolk von Paris und anderswo, bei dem sich Gerüchte mit der Geschwindigkeit von Laufmaschen ausbreiten, den gesundheitlichen Zustand von Yves Saint Laurent voll klinischem Interesse. Er habe Krebs, hieß es, oder Aids, jedenfalls lebe er auf Borg und Leihe des Schicksals, die bejubelte Schau sei sein Testament gewesen.
Das Gehechel nahm derartige Ausmaße an, daß sich die Geschäftsführung genötigt sah, die Öffentlichkeit dahingehend zu informieren, daß Monsieur Saint Laurent keineswegs die Absicht habe, seinen Salon in der Avenue Marceau mit dem im Himmel zu vertauschen. Richtig sei vielmehr, daß er unter Depressionen leide, die mit einer gut dosierten Mischung aus Alkohol und Beruhigungsmitteln zu bekämpfen er sich bedauerlicherweise angewöhnt habe. Unrichtig hingegen sei, daß er Rauch- und Rauschmittel aus exotischen Ländern zu sich nehme.
Jetzt, zwei Wochen vor seiner nächsten Couture-Schau, diskutieren wieder einmal die Modeleute mit der ihrem Berufszweig eigenen Delikatesse, ob der Heros der Branche dann in der Lage sein werde, sich nach dem Defilee auf dem Laufsteg zu zeigen - und wenn ja, in welchem Zustand.
Möglicherweise sei diese Kollektion die letzte, so schwirrt es durch die vom Metier frequentierten Restaurationsbetriebe wie etwa dem "Relais" im Hotel Plaza Athenee, die man von Yves sehen werde. Der Createur selbst, der eine katakombische Existenz zwischen seinem kleinen Büro und den zwölf Zimmern seiner Wohnung führt, teilte dazu mit: "Ich bin schwach, sehr schwach."
Hinter dem ahnungsdüsteren Gemunkel steht freilich nicht nur das Papperlapapp aus vielen geschwätzigen Lippen; es bekundet auch die Angst einer empfindlichen Branche, ihres Leitstars verlustig zu gehen. Denn seit fast drei Jahrzehnten weist Yves Henri Donat Matthieu Saint Laurent, der auch im ausgewachsenen Mannesalter aussieht wie ein verschüchterter Kanzleiamtsgehilfe, dem Industriezweig der Damenoberbekleidung die Richtung.
Er war es, der die Frauen ins Baby-Doll-Kleid steckte, seriöser und nach dem geometrischen Vorbild "Trapez-Linie" genannt; der dem männlichen Auge die transparente Bluse bescherte und von "Safari" bis "Folklore" eine Reihe eigenständiger Modelinien schuf; der Blazer, Matrosenjacke und Hemdblusenkleid zu Klassikern der Damenmode erhob, den Smoking und den Hosenanzug salonfähig machte. 1971 begann Saint Laurent seinen eigenen klassischen Stil zu entwickeln. Er perfektionierte seine Schnitte zu zeitloser Eleganz und variierte mit fehllosem Auge die Farben zu aufsehenerregenden Kombinationen - türkis und azurblau, fuchsia und fanalrot, das hatte vor ihm noch keiner gewagt.
Schon heute gilt der 52jährige als der größte Modeschöpfer dieses Jahrhunderts, bedeutender und einflußreicher als Coco Chanel und Christian Dior, der sein Lehrmeister war. "Diese waren Riesen, Saint Laurent aber ist ein Genie", so Diana Vreeland, die ansonsten vorzugsweise Lästerliches knarzende Doyenne der hohen Mode. Die exzentrische Greisin (geschätztes Alter: 80 plus x) organisierte 1983 für Saint Laurent eine Retrospektive seines OEuvres im Kostüm-Institut des New Yorker Metropolitan Museum - eine Ehrung, die vorher noch keinem Modeschöpfer zu Lebzeiten zuteil geworden war.
Doch selbst über diese symbolische Krönung zum Monarchen der Mode vermochte sich Yves Saint Laurent nicht zu freuen. Er habe sich immer am Dasein gerieben, sagt er, immer am anderen Ende seiner selbst gestanden - traumatisches Erbe einer großenteils unglückseligen Jugend in der Kolonialwelt des französischen Algerien, wo Yves die ersten 17 Jahre seines Lebens verbrachte: "Ich war immer anders als die anderen und habe darunter sehr, sehr gelitten."
Als Fünfjähriger begann er mit dem für Buben ungewöhnlichen Spiel, Pappfiguren mit Stoffetzen zu behängen. Für sein Puppenspiel zeichnete er Bühnenbilder, entwarf und nähte die Kostüme - bis er schließlich das gesamte Kinderzimmer der elterlichen Villa in Oran zur Bühne machte und den Spielplan um Stücke von Cocteau und Moliere erweiterte. Dort fühlte er sich sicher, draußen sterbensbange, denn seine Altersgenossen verfolgten den ephebenhaften Knaben mit der weichen Altstimme konsequent mit Pöbel und Prügel.
1954 reichte Yves einen seiner Entwürfe bei einem Wettbewerb für Modezeichner ein; die Jury in Paris sprach ihm den ersten Preis zu - Christian Dior war so beeindruckt, daß er den 18jährigen engagierte und ihn zu seinem Nachfolger bestimmte. Zwei Jahre später starb Dior am Herzinfarkt.
Mit seiner ersten eigenständigen Dior-Kollektion landete Yves Saint Laurent einen grandiosen Coup de Couture, auch die zweite Schau war ein Erfolg. Die dritte jedoch, in der er im Sommer 1960 als erster Rollkragen und Lederjacke präsentierte, fiel geräuschvoll durch - Jahre später kopierte die Kollegenschaft den Stil, der dann als "beatnik chic" in die Modegeschichte einging.
Gerüchte besagen, es sei eine Kabale der Konkurrenz gewesen, vielleicht auch eine von Eifersüchtlern aus dem Hause Dior, jedenfalls wurde Saint Laurent, obwohl auf Grund seines überschatteten Gemüts bis dahin zweimal als wehruntauglich zurückgestellt, kurz nach dem Fiasko zum Dienst am Vaterland befohlen. Wenig später berief das Haus Dior Marc Bohan zum Chef-Modellisten.
Mit der Einberufung entfesselte die Depression ihren ganzen Apparat des Grauens und Entsetzens: Am zweiten Tag verfiel Yves der Schwermut, am fünften brach er zusammen, am siebten delirierte er, am achten unternahm er den ersten Selbstmordversuch. Als ein weiterer folgte, wurde er im Militärhospital Val-de-Grace isoliert, nicht einmal seine Mutter durfte ihn in dem düsteren Bau aus dem 17. Jahrhundert besuchen.
"Ich wurde mit Tranquilizern und anderen Sachen gestopft, alle so stark, daß ich nicht mehr wußte, wer ich war" - seitdem kommt er von den angsterlösenden "pilles calmants" nicht los, der Wacholderfluch des Gin und fünf psychotherapeutische Sitzungen pro Woche tun ihr übriges.
Dieses Widerfährnis, sagt Saint Laurent, habe seine Seele endgültig aus dem Gleichgewicht gestoßen. In den folgenden Jahren zog er sich nach und nach von der Welt und den Menschen zurück - heute lebt er schweigsam vermauert in seiner Wohnung an der Rue de Babylone nahe dem Invalidendom, deren im prunkvollen Stil des Seconde Empire eingerichteten Räume mit Lilien geschmückt sind, den Blumen der Unschuld und des Todes. An den getäfelten Wänden hängen Werke seiner Lieblingsmaler Matisse, Braque, Mondrian, Miro und Klimt, dazwischen gerahmte Zitate des menschenscheuen Romanciers Marcel Proust, dem sich Saint Laurent seelenverwandt fühlt. Sein liebster dieser Merksätze lautet: "Die Familie der Übersensiblen ist erhaben und bedauernswert."
Häufig zieht er sich auf sein Chateau in der Normandie zurück oder in sein Haus in Marrakesch, begleitet nur von Monjik, seiner über alles geliebten Bulldogge, und von Pierre Berge, seinem langjährigen Freund und Weggefährten. Doch in Wirklichkeit habe er nur einen Partner, sagt er - die Angst. "Ich habe Angst vor dem Leben, Angst vor Menschen, Angst, bei der nächsten Kollektion zu versagen." Bei deren Entwurf sitzt Saint Laurent, die chronische Bronchitis mit Menthol-Zigaretten nährend, wochenlang regungslos vor dem Zeichenblock, gelähmt von der Vorstellung, es würde ihm nichts einfallen. "Vor jeder Kollektion", bekennt er, "quält mich unbeschreibliche Pein und Leere."
Pierre Berge, der im Gegensatz zu seinem Freund über ein gut sitzendes Nervenkostüm verfügt, hatte 1960 Saint Laurents vorzeitige Entlassung aus der Armee erwirkt. Im Dezember des folgenden Jahres eröffneten die beiden einen Couture-Salon: Berge übernahm das Geschäftliche sowie die Gemütspflege seines Freundes, Saint Laurent konzentrierte sich ausschließlich auf den Entwurf der Kollektionen - Beginn einer Partnerschaft, aus der das Unternehmen YSL mit heute 2650 Mitarbeitern und einem Umsatz von 825 Millionen Mark erwuchs.
1966 eröffnete Saint Laurent seine erste Boutique für Pret-a-porter, wie jene von bekannten Designern entworfene Konfektionsware heißt, deren Preise in der Regel zwischen dem Erhabenen und dem Lächerlichen liegen. Pierre Berge, der sich als Sozialist bezeichnet, nannte die Boutique "Rive Gauche" - das linke Ufer der Seine, wo die intellektuelle Avantgarde wohnt und wo die Studentenrevolution ihren Anfang nahm.
Saint Laurent stöhnte unter der Last, neben zwei Haute-Couture-Kollektionen pro Jahr nun auch noch zwei weitere für Pret-a-porter entwerfen zu müssen - doch Berge bestand darauf. Er hatte erkannt, daß mit der Haute Couture, die sich nur die vergoldeten Randbezirke der Gesellschaft leisten können, auf Dauer nicht viel zu verdienen war. Der Saint Laurent von der Stange war auf Anhieb derart erfolgreich, daß es bald 180 Läden mit dem rot-weißen "Rive Gauche"-Signet gab. 1986 verkaufte Berge die YLS-Konfektionsabteilung an den französischen Textil-Konzern Mendes.
Das Geld verwandte der Geschäftsmann, um den Kosmetik-Konzern Charles of the Ritz zu kaufen, der die Lizenzrechte an der erfolgreichen Parfum-Linie von Yves Saint Laurent hielt. Inzwischen macht YSL fast 85 Prozent seines Umsatzes mit Kosmetika und Riechwässern, für deren berühmtestes der Meister einst persönlich geworben hatte - nur mit seiner Brille bekleidet, ließ er sich nach langer Überredung für Reklamephotos ablichten.
Letzte Woche wurde die YSL-Gruppe an der Börse eingeführt - begleitet vom Werbegesäusel der Schauspielerin Catherine Deneuve, die Saint-Laurent-Aktien als "Anteilscheine am Mythos" anpries. Selbst die Gerüchte um die Gesundheit und Schaffenskraft des Couturiers konnten der Attraktivität der Aktien nichts anhaben - sie waren um das 250fache überzeichnet.
Offenbar hatten die Anleger noch in Erinnerung, daß Medien und Branchengeflüster schon seit vielen Jahren immer mal prophezeien, die gerade gewesene Kollektion sei die letzte, der Meister stehe am Rande der Grube. Für dieses Mal ließ Saint Laurent ausrichten: "Ich mache weiter - bis zum Tod." #

DER SPIEGEL 28/1989
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