12.06.1989

VATIKANRisse im Gefüge

Jetzt begehren sogar italienische Theologen gegen den Papst auf. Dafür müssen sie büßen.
Die Italiener kamen als letzte, und sie sprachen sanft. Doch als sie endlich ihre Stimme erhoben, schlug der Papst härter zurück als gegen die anderen Dissidenten vor ihnen.
Als ein "rein regionales Problem" hatte ein Sprecher des Vatikans noch die Kritik deutscher Theologen an dem autokratischen Walten der römischen Kurie abgetan. Als französische, belgische und spanische Kleriker katholischen Glaubens ihren Protest gegen Rom öffentlich zu Protokoll gaben, zog es der Heilige Stuhl vor, die Beschwerden nicht zur Kenntnis zu nehmen.
Aber Mitte Mai ergriffen 63 prominente italienische Theologen, Kirchenhistoriker und andere akademische Lehrer das Wort - damit war die Rebellion gegen die selbstherrliche Amtsführung von Papst Johannes Paul II. vor seiner eigenen Tür angelangt.
In einem offenen Brief beklagten die italienischen Theologen die "rückschrittlichen Strömungen in der Kirche", die "weltliche Logik" sowie den "Geist des Privilegs", der sich in ihr ausgebreitet habe. Die Reformversprechen des Zweiten Vatikanischen Konzils sind in den Augen der Rebellen nicht eingelöst worden.
Statt das Konzil als ökumenische Aufgabe zu sehen, die sich auch auf die Doktrin auswirken müsse, werde es von "einigen" zu einer rein seelsorgerischen Angelegenheit "herabgemindert". Die Kritik zielte auf den obersten Hüter katholischer Dogmentreue, Joseph Kardinal Ratzinger, Präfekt der Glaubenskongregation.
Mehr Pluralismus für die Kirche, die besser eine "Gemeinschaft von Kirchen" sei, forderte das italienische Papier, und mehr Freiheit für die eigene Zunft, die der Theologen. Mithin müsse ihnen erlaubt sein, die "neuen Situationen" zu erforschen, denen sich der Glaube gegenübersieht, und das "ohne den Geist der Intoleranz".
Der regte sich umgehend. Kaum hatte Italiens katholische Nachrichtenagentur Asca den Text der Dissidenten vollständig übermittelt, als aus dem Fernschreiber schon die Schelte aus dem Vatikan fauchte.
Dort sollte nämlich am nächsten Tag die Jahrestagung der italienischen Bischofskonferenz beginnen. Noch bevor die Verhandlungen des hohen geistlichen Kollegiums überhaupt eröffnet waren, verkündete der Sprecher der Konferenz in deren Namen schon eine amtliche Rüge: Die Thesen der Dissidenten könnten "tiefgreifende Veränderungen im katholischen Glauben" und damit "Risse im Kirchengefüge" bewirken.
Während der Woche eskalierte die Auseinandersetzung noch. In seinem Eröffnungswort griff der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Ugo Kardinal Poletti, der als Stimme seines Herrn gilt, die Theologen erneut an. Und sogar der Papst, der sich vom irdischen Streit um seine Amtsführung tunlichst fernhält, ließ es sich nicht nehmen, die Thesen der 63 entschieden zurückzuweisen.
Nur die Bischöfe könnten "authentische Herren" in Fragen des Glaubens sein, sagte Johannes Paul II. in seiner Rede vor der hohen Versammlung, für ein "alternatives Lehramt" sei in der Kirche "kein Raum". "Schweigt und gehorcht", reduzierte KP-Blatt "l'Unita" das päpstliche Machtwort.
Schließlich wurden sogar die Träger der Botschaft verdammt. Veröffentlicht hatte den Brief die Halbmonatszeitschrift "Il Regno", die im Verlag des Pauliner Ordens erscheint, dem wichtigsten in der katholischen Publizistik Italiens. Aus dem gleichen Haus stammt das bunte Magazin "La Famiglia Cristiana", mit 1,2 Millionen Auflage die größte Wochenzeitschrift Italiens.
Weil deren Chefredakteur sich vorsichtig positiv zum Brief der Theologen geäußert hatte - nur mündlich, nicht einmal in den Spalten seines Blattes -, traf ihn und sein Haus der Bann der Bischöfe: Mit "Sorge" habe man auch die Stellungnahme katholischer Verlage und Publizisten zur Kenntnis genommen, hieß es im Schlußdokument der Oberhirten.
Einen absurden Höhepunkt erreichte die Nicht-Debatte, als sich eifernd auch noch der Orden Don Oriones einmischte. Die Mitglieder dieser kleinen, nicht sehr bedeutenden, dafür aber immer lautstarken Kongregation verstehen sich als die "Jesuiten des kleinen Mannes", weil sie ein Gelübde zum Schutze des Papstes abgelegt haben. Wo sie den Pontifex Maximus angegriffen glauben, feuern sie los.
Da die Theologen es "gewagt" hätten, den Papst zu kritisieren, forderte der Obere die zirka 200 Gemeinden und Institutionen seines Ordens auf, die schändlichen Publikationen der Pauliner zu boykottieren und "Famiglia Cristiana" nicht mehr in den Kirchen auszulegen.
Das erregte Aufsehen, also milderten die Orioni ein wenig ab. Doch schon vorher hatten sie dem Papst eine Ergebenheitsadresse geschickt, deren unterwürfige Sprache längst vergangenen Jahrhunderten zu entstammen scheint.
In dem Moment, in dem italienische Theologen ihren "schädlichen" Widerspruch gegen "den höchsten Lehrer der katholischen Kirche" angemeldet hätten, wollten sich die Ordensbrüder "ergebenst" um den Papst sammeln und ihm versichern: "Der Papst ist unser Glaube."
Doch so geschlossen, wie es die Orioni wünschen mochten, war die Front gegenüber dem offenen Brief der kritischen Theologen nicht. Einige Bischöfe hatte die rasche Verurteilung der Dissidenten durch Kardinal Poletti so sehr verärgert, daß sie anfingen, Sitzungsgeheimnisse auszuplaudern: Unter den 14 Bischöfen, die auf der Jahresversammlung zum offenen Brief das Wort ergriffen, seien nur zwei gewesen, die ihn wirklich abgelehnt hätten, ließen sie durchsickern.
In der verschleierten Zeichensprache hoher Kleriker bezog außerdem der Mailänder Kardinal Martini Stellung, der als aufgeschlossen und kompromißbereit gilt. Eine Woche nachdem "La Famiglia Cristiana" von der Bischofskonferenz gerügt worden war, gab er ausgerechnet diesem Blatt ein langes Interview.
Darin machte sich der Kardinal die Rebellen-These zum Zweiten Vatikanischen Konzil praktisch zu eigen und setzte überdies zu kirchlicher Selbstkritik an: Auf die "globalen Herausforderungen" der Gegenwart habe die katholische Kirche bisher unangemessen reagiert - "mit taktischen Plänkeleien und provinziellen Plänen".

DER SPIEGEL 24/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 24/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

VATIKAN:
Risse im Gefüge

  • Sieg der Opposition in Istanbul: "Diese Wahl hat Signalwirkung"
  • Überteuertes Insulin: "Wir sollten nicht unser Leben riskieren müssen, um zu überleben"
  • Artisten balancieren über den Times Square: Geschwister-Act
  • Popocatépetl in Mexiko: Er spuckt wieder