10.07.1989

SEGELSCHIFFEKnarzende Romantik

Fast 500 Großsegler werden sich diese Woche in Hamburg zu einem besonderen Spektakel versammeln.
Wie viele Schaulustige kommen, ist noch nicht absehbar, wohl aber, daß es genug sein werden, um der Hansestadt Hamburg chaotische Verhältnisse zu bescheren - zu Lande und zu Wasser.
Ab Donnerstag dieser Woche werden, wenn alles nach Plan verläuft, 122 Segelschulschiffe aus 13 Nationen mit 2600 Mann an Bord elbaufwärts gleiten und an Kais und Pontons der Hansestadt festmachen. Den Schulseglern, die im Rahmen der "Cutty-Sark-Regatta für hochgetakelte Schiffe" auf ihrem Kurs von London über Cuxhaven nach Malmö in Hamburg zum 800. Hafengeburtstag eine Etappenpause einlegen, sollen bis zum nächsten Wochenende weitere rund 350 Schiffe folgen.
Niemals zuvor hat es in Europa ein ähnlich prachtvolles Segelspektakel gegeben wie bei der "Sail '89" auf der Elbe bei Hamburg. Parade fahren werden die größten funktionstüchtigen Segelschulschiffe der Welt, so etwa die "Sedow" (Länge 117,50 Meter, Gesamtsegelfläche 4012 Quadratmeter) und die um drei Meter kürzere "Krusenstern". Die beiden Schiffe, die einst unter deutscher Flagge als "Padua" und "Commodore Johnson" Salpeter und Getreide transportiert hatten, haben seit Kriegsende sowjetische Heimathäfen.
Zum Windjammer-Meeting angemeldet sind auch die polnische "Dar Mlodziezy" (105 Meter) und die 103 Meter lange "Libertad" aus Argentinien. Gegenüber diesen Segeljumbos nehmen sich die Schiffe des bundesdeutschen Aufgebots bescheiden aus. Die "Gorch Fock" etwa mißt gerade 89,30 Meter. Die "Großherzogin Elisabeth" bringt es auf 66 Meter, während die "Peter von Danzig" mit 11 Metern Länge zu den kleinsten, die "Grönland" (Baujahr 1867) zu den ältesten Schiffen der Segel-Armada gehört.
Daß Segelfans aus allen Teilen der Republik angesichts dieses Aufgebots Hamburg überfluten werden, ist absehbar. Eine halbe Million zusätzliche Autofahrer werden nach Schätzungen der Polizei versuchen, in die Stadt zu gelangen. Die wiederum soll an den Paradetagen praktisch in eine Fußgängerzone umgewandelt werden.
An die drei Millionen Zuschauer dürften sich in kilometerlangen Fußmärschen durch Hamburgs Straßen Richtung Elbufer drängen, um die aufgetakelten Schiffe zu sehen.
Das enorme Interesse an den Windjammer-Paraden und -Regatten, wie es sich jetzt wieder in Hamburg offenbart, steht beispielhaft für die weltweite Renaissance von großen Segelschiffen.
Einige von ihnen dümpeln als liebevoll zurechtgemachte Museumsstücke in ruhigem Wasser. Die "Cutty Sark", die vor 100 Jahren als schnellster Frachtsegler der Welt frischen Tee aus China nach Europa gebracht hatte, liegt im Trockendock bei London. Der ehemalige deutsche Salpeter-Segler "Passat" kann in Travemünde, die "Rickmer Rickmers" (Reis und Kohle) in Hamburg besichtigt werden.
Die Anzahl der noch seetüchtigen Großsegler wird auf weltweit 2500 geschätzt. Viele von ihnen sind noch immer in ihrer ursprünglichen Funktion unterwegs, wie beispielsweise die Kopra-Schoner im Pazifik, die wie vor 100 Jahren getrocknetes Kokosnußfleisch über See schippern.
Bekannter jedoch ist die Flotte jener touristischen Drei- und Viermaster, auf denen Segelfans ihre Sehnsucht nach knarzenden Wanten, knatternden Großsegeln und tropischen Brisen stillen können.
Die Viermaster "Wind Star", "Wind Song" und "Wind Spirit" (jeweils 134 Meter lang) fahren bis zu 150 Gäste pro Törn (Wochenpreis: 8000 Mark) durch Pazifik und Karibik. Ebenso teuer ist die Passage auf der zur oberen Luxusklasse zählenden Viermastbark "Sea Cloud". Die Jacht war 1931 von der Kieler Germania Werft für den schwerreichen US-Aktienmakler und Schiffsfan Edward F. Hutton gebaut worden, der das Schiff mit dem pechschwarzen Rumpf seiner nicht minder reichen Braut, der Cornflakes-Erbin Marjorie Post, zur Hochzeit schenkte. Die ließ sich dann scheiden, behielt die damalige "Hussar" und stellte sie im Weltkrieg der US-Marine als U-Boot-Jäger zur Verfügung. Ende der siebziger Jahre kauften einige segelbegeisterte Hamburger Kaufleute das Schiff und vermieten jetzt den Segler: Eine Woche auf der "Sea Cloud" kostet zwischen 6000 und 9000 Mark pro Kopf.
Das Vertrauen von Reedern und Reiseexperten in die Faszination der Windjammer scheint ungebrochen. Auf Werften in Frankreich, Spanien und Neuseeland laufen demnächst neue Großsegler vom Stapel. Und in Danzig läßt die sowjetische Staatsreederei derzeit einen mit modernster Elektronik bestückten Passagiersegler bauen.
Um Trend und Markt zu testen, unternahm das Londoner Auktionshaus Sotheby ein ungewöhnliches Experiment. Im Rahmen einer Auktion für Marinebilder und maritime Kunstwerke kamen Ende Mai auch 29 "klassische Jachten und Boote" auf den Block.
Zwar blieben Schiffsschönheiten wie der Schoner "Tironga" (Schätzpreis: umgerechnet 300 000 Mark) oder der Gaffel-Schoner "Anny von Hamburg" (drei Millionen) unversteigert: "Wir haben gelernt, daß teure Schiffe nicht wie teure Bilder behandelt werden können", resümierte Sotheby-Sprecherin Katharina Schliemann den Auktionsverlauf.
Immerhin seien acht Schiffe (für insgesamt 600 000 Mark) losgeschlagen worden, darunter "ein totales Wrack": Der Rennkutter "Marigold" von 1892 stand mit einem Schätzpreis von knapp 20 000 Mark im Katalog, der Käufer zahlte für den 30-Tonnen-Kahn schließlich das Fünffache.

DER SPIEGEL 28/1989
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