13.02.1989

Trip im Hochgebirge

„Der Bär“. Spielfilm von Jean-Jacques Annaud. Frankreich 1988. Farbe; 97 Minuten.
Ein mißtrauischer Blick den Hang hinauf, wo es bedrohlich geknarzt hat, und schon stemmt sich die Grizzly-Dame Bianca erneut in den hohlen Baumstamm, um die honigtriefenden Waben herauszubeißen. An ihrer Seite der kleine Youk, der ihr das honigsüße Maul abschlecken darf. Plötzlich kommt Bewegung in den Berg. Polternd stürzen schwere Granitbrocken talabwärts und begraben Bianca unter sich. Youk versteht nicht, was da genau passiert ist. Nur, daß die Mutter sich nicht mehr rührt. Eine Nacht noch kauert er sich in ihr allmählich erkaltendes Fell und macht sich am nächsten Morgen auf, die Welt zu entdecken. Allein. Jean-Jacques Annauds Film "Der Bär" erzählt seine Geschichte: einen Entwicklungsroman.
Was zu einer sentimentalen Teddy-Schnulze hätte abrutschen können, hält der Regisseur auf einer respektablen, klugen Höhe. Sein Bärenfilm spielt in einer Welt, in der der Mensch nichts verloren hat. Daher sind die Menschen, die in ihm vorkommen, Eindringlinge.
Sechs Jahre lang hat der französische Kino-Monomane, der sich schon in die geschlossenen Laut-Systeme grunzender Steinzeit-Menschen ("Am Anfang war das Feuer") hineingedacht hat und in die Wahnsysteme mittelalterlicher Mönche ("Der Name der Rose"), an seinem Tierfilm gearbeitet, an dieser geschlossenen, durch Reflexionen ungetrübten Welt von Trieben und Instinkten.
In über hundert Drehtagen zwischen Nordpol und Osttirol hat er 300 000 Filmmeter verkurbelt, einen Etat von knapp 50 Millionen Mark verbraucht und eine Armee von 180 Spezialisten beschäftigt - um dieses Stück "natürliche Grazie" einzufangen, von der Kleist in seinem Aufsatz über das Marionettentheater spricht.
Der Film läßt sich seinen Aufwand, die Tonnen an Material, die komplizierten Special Effects, nicht anmerken. Es ist ein unschuldiger Film geworden, der alle Spuren getilgt hat - als hätte die Kamera der Natur die Geschichte nur abgelauscht, die sie doch inszeniert hat. Sicher ist es diese virtuos fingierte Unschuld, die den Film in Frankreich bereits jetzt zu einem der erfolgreichsten aller Zeiten gemacht hat.
Am Morgen nach dem Tod seiner Mutter trifft Youk den mächtigen Kodiak Kaar, der, von Jägern angeschossen, in einem Schlammbad seine Wunde kühlt. Youk leckt ihm die Wunde aus. Dafür bringt Kaar dem Kleinen alles bei, was er zum Überleben in der Wildnis braucht: Fischen und Jagen und den Umgang mit Frauen.
Kaar weiß, was ihnen imponiert. Er stemmt sich gegen eine Tanne, er drückt und zieht und brüllt, und dann ist das Ding draußen - der Kerl kann Bäume ausreißen. Die umworbene Dame findet das bärenstark und gibt sich ihm luststöhnend hin.
Youk lernt. Er nimmt sich einen strauchhohen Winzling vor und zerrt an ihm herum. Irgendwann jedoch wird ihm das Spiel langweilig, dessen Sinn er noch nicht begreift, und er macht sich über Fliegenpilze her. Und sein erster Horrortrip ist mindestens so bewußtseinserweiternd wie die LSD-Fahrt irgendeines Acid-Veteranen - nie wieder rote Pilze mit weißen Punkten!
Der Film ist komisch wie Charlie Chaplins "The Kid". Und dramatisch wie der "Förster vom Silberwald". Bärentöter wollen Kaar an den Pelz. In langen Einstellungen zeigt Annaud, wie sie am Lagerfeuer die Messingbeschläge ihrer Stutzen polieren, die Läufe reinigen, Patronen füllen und markieren. Er dämonisiert sie nicht. Es sind Handwerker des Tötens, Spezialisten, die von Bären leben, einfache, leidenschaftslose Burschen.
Und doch stellt sich zwischen Jägern und Gejagten eine leidenschaftliche Beziehung her. Als der angegriffene Kaar ihr Lager verwüstet und ihre Pferde reißt, schüttelt einer der verwitterten Gesellen seine Faust und brüllt ins Tal: "Ich schwöre, daß ich dich töten werde."
Doch merkwürdig: Man verzeiht dem Film auch diese Anleihen am Heimatfilm, weil er naiv ist und es fürchterlich gut meint. Sein Schlußmotto heißt: "Der größte Reiz liegt nicht im Töten, sondern im Lebenlassen." Und was ist dagegen schon einzuwenden?
Matthias Matussek
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 7/1989
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