10.07.1989

DIESELFrische Vanille

Der Kraftstoff für Dieselautos wird künftig mit neuem Duft aus der Zapfpistole fließen.
Als ein "Geschenk an unsere Kunden" bezeichnet in notorisch schönem Einklang Westdeutschlands Mineralölindustrie die marktreife Neuheit. Das Präsent an die Autofahrer ist ein Dieselkraftstoff, der nicht länger stinken, sondern geradezu wohl riechen soll.
Nach Testversuchen in Schleswig-Holstein werden mit Beginn der übernächsten Woche die großen Ölkonzerne wie Shell und Esso an ihren Tankstellen den neuen Stoff bundesweit verkaufen.
Was dann aus den Zapfpistolen entweicht, wird von den ersten Testern unterschiedlich beurteilt. Zurückhaltung übt Shell-Sprecher Karl-Wilhelm Lott: "Es ist uns gelungen, den dieseltypischen Geruch auf ein Minimum herunterzudrücken."
"Es riecht wie Vanille", berichteten Versuchsriecher der DEA/Texaco, die den neuen Dieselduft inhaliert hatten. Dieses vielversprechende Urteil, sagt DEA-Sprecher Harald Graeser, "dürfen wir nicht weiterverbreiten". Der Grund: Das Lebensmittelrecht verbietet fremden Branchen derlei Vergleiche.
"Der Diesel stinkt nicht mehr nach Diesel", behauptet auch Alexander Geck von Esso, der "Wert auf die Feststellung" legt, daß "aus dem Diesel kein Parfüm gemacht" worden sei.
Der typische Dieselgeruch sei mittels eines Zusatzstoffes auf "organischer Basis" lediglich neutralisiert worden. Da "Geruch zu den subjektiven Sinnen" gehöre, so Geck, könne man in den neuen Kraftstoff "vielleicht eine Duftnote hinein interpretieren", die "angenehm frisch" rieche.
Obwohl die "wenigsten Leute wissen, wie Diesel riecht", wie ein Branchensprecher vermutet, sind die Ölkonzerne sicher, mit ihrer Geruchsneuerung zum gesellschaftlichen Fortschritt beigetragen zu haben. Wem "der Geruch von Diesel vertraut" ist, so Graeser von der DEA, "empfindet ihn als lästig". Besonders nachhaltig stinke der Kraftstoff, wenn er "beim Tanken auf Haut oder Kleidung gespritzt" sei.
Diesen Nachteil hatten Dieselkunden jahrelang in Kauf genommen, weil Dieselautos als wirtschaftlicher sowie umweltfreundlicher als die von Ottomotoren angetriebenen Pkws galten.
Doch Ende letzten Jahres verstärkte sich der Verdacht, die Rußpartikel im Dieselabgas seien krebserregend. Der Absatz sackte drastisch ab. Im Eiltempo entwickelten Autobauer wie etwa Daimler-Benz Techniken, mit denen die Rußpartikel reduziert werden sollten. Dennoch fiel die Neuzulassungsrate von Dieselautos, die zu ihren besten Zeiten bei 30 Prozent lag, inzwischen auf unter 10 Prozent.
Den Krebsverdacht schafft auch die neue Duftnote nicht aus der Welt, aber die Ölfirmen waren auf der Suche nach den Gründen des Absatzrückganges noch auf andere Rügen der Dieselfahrer gestoßen.
Die Kunden monierten, so das Ergebnis von Marktuntersuchungen, etwa die schlechten Kaltstarteigenschaften des Kraftstoffs oder den zeitraubenden Tankvorgang - die Dieselflüssigkeit schäumte auf.
Die meisten Beschwerden, so Shell-Sprecher Lott, habe die Branche vor etwa zwei Jahren mit "völlig neu formulierten Dieselkraftstoffen" ausgeräumt. Nun könne auch der "letzte noch verbliebene Mangel abgehakt" werden: Eine Mehrheit von 80 Prozent der Dieselfahrer beklagte sich über die Geruchsbelästigung beim Tanken.
Daß die westdeutsche Dieselkundschaft den frischen Duft an den Zapfsäulen begrüßen wird, ist für die Ölfirmen ausgemacht. In Frankreich und der Schweiz, wo Esso die Neuheit seit einem halben Jahr verkauft, ist "der Kundenstamm eindeutig gewachsen", berichtet Esso-Sprecher Geck.
Wer einen Diesel steuert, merkt schließlich nicht, daß für den Hintermann alles beim alten geblieben ist: Aus dem Auspuff qualmt vertrauter Dieselgestank inklusive Rußpartikel.

DER SPIEGEL 28/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 28/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DIESEL:
Frische Vanille

  • Japanisches Geisterdorf mitten im Wald: Die traurige Geschichte von Nagatani
  • Das Geheimnis der V2: Hitlers Angriff aus dem All
  • Amateurvideo: Der Marsch der blauen Raupen
  • Stromausfall in Venezuela: Regierung spricht von "elektromagnetischem Angriff"