10.07.1989

DDR-FERNSEHENGuter Onkel

Ein hoher SED-Funktionär verhalf einer TV-Ansagerin zu Westreisen. Die undankbare Bildschirm-Schöne kam nicht zurück. Nun gibt's Ärger.
Wolfgang Herger, Mitglied im Zentralkomitee der SED, bekam einen Wutanfall. "Scheiße", schrie der Genosse, "ausgerechnet mir muß das passieren!"
Der unfeine Ausbruch Hergers, der als Chef der Abteilung Sicherheit im ZK der SED über einigen Einfluß verfügt, galt einer Frau - und der eigenen Dummheit: Durch seine Eitelkeit hatte Herger, mit 53 in den besten Mannesjahren, der attraktiven Ansagerin des DDR-Fernsehens, Birgit Witte, gleich dreimal zu einer Reise in den Westen verholfen, etwas außerhalb der Legalität. Beim dritten Mal zog es Frau Witte vor, beim Klassenfeind zu bleiben.
Seither hat der Genosse aus dem ZK Ärger mit seiner Partei. TV-Ansagerinnen nämlich gehören in der DDR zu jenen, die von privaten Westreisen normalerweise ausgeschlossen sind - in einer Reihe mit Stasi-Mitarbeitern, Offizieren der Nationalen Volksarmee und anderen Geheimnisträgern.
Allzu groß ist die Furcht der PR-Manager der SED, ein in der DDR landesweit bekanntes Gesicht könnte eines Tages über die Kanäle der West-Konkurrenz in ostdeutsche Wohnstuben lächeln - ein Alptraum, der bereits einmal wahr wurde, als die populäre Ansagerin Renate Hubig 1973 in den Westen flüchtete.
Zudem haben manche aus der Altherrenriege der Parteiführung die eine oder andere TV-Dame im Lauf der Zeit liebgewonnen. Der 62jährige Günter Mittag etwa, im Politbüro zuständig für die gesamte DDR-Wirtschaft, protegierte lange Zeit die zierliche Petra Kusch-Lück, woraufhin die Ansagerin nicht nur zur besten Sendezeit ansagen, sondern in einer eigenen Sendung (Titel: "Petra kommt") auch hüpfen und trällern durfe.
Und die Journalistin Hardy Kühnrich, so wird in der Zentrale des DDR-Fernsehens in Berlin-Adlershof getuschelt, verdanke ihren Aufstieg zur Topkorrespondentin in Moskau weniger dem eigenen Können als der Zuneigung des Genossen Joachim Herrmann, 60, früher Chefredakteur des SED-Organs "Neues Deutschland", heute im Politbüro verantwortlich für Agitation und Propaganda. Gelegentlich schmücken die Damen aus Adlershof sogar die Partys der Politprominenz.
Das Reiseverbot galt auch für Birgit Witte. Die ausgebildete Ärztin betrieb den Job als Fernsehansagerin seit 1981 wie die meisten ihrer Kolleginnen nebenher, zusätzlich zu ihrer Arbeit als Kieferorthopädin in einer Ost-Berliner Poliklinik. Doch Privilegien und Prominenz wogen auf Dauer weniger als die landesweit grassierende Sehnsucht nach Reisen in den Westen.
Als Frau Witte, erstmals 1988, eine kranke Tante im Westen erfand, die dringend der Pflege ihrer Nichte bedurfte, lehnte die Volkspolizei das Reiseansinnen ab. Birgit Witte wandte sich hilfesuchend an den Genossen Herger, einen Bekannten ihres Mannes. Und der konnte locker helfen: Der SED-Mann ist nicht nur Abteilungsleiter im ZK-Apparat, sondern auch ein Intimus des für die innere wie äußere Sicherheit der DDR zuständigen Politbüromitglieds Egon Krenz.
Hergers Anruf bei der Vopo genügte, Birgit Witte durfte fahren. Und auch als die Polizei sich - beim zweiten und dritten Mal - wiederum sperrte, half der gute Onkel aus dem ZK nach. Dabei wußte er längst, daß die Witte-Tante nur eine Erfindung war.
Seit Ende Februar ist die 37jährige zur Enttäuschung ihrer Fangemeinde vom Bildschirm verschwunden. Anfragen schmettern die TV-Oberen mit der Notlüge ab, Frau Witte sei krank.
Jetzt soll die Kranke um jeden Preis zurückgeholt werden. Als erster rückte der zuständige Sendeleiter aus Adlershof an. Falls Frau Witte heimkehre, so sein Lockruf, sei ihr nicht nur Straffreiheit und ein Dauerpaß zur ständigen Aus- und Einreise gewährt. Sie könne auch auf den Bildschirm zurück und werde vom Streß in der Poliklinik entlastet.
Doch Frau Witte zeigte sich störrisch. Sie blieb auch stur, als wenige Tage später ihre Chefin aus der Poliklinik am Prenzlauer Berg in West-Berlin auftauchte und drohte, man werde dafür sorgen, daß ihr Mann sich scheiden lasse.
Der ist Nachwuchsregisseur beim DDR-Fernsehen und kam als vorläufig letzter Abgesandter der Partei, natürlich ohne den gemeinsamen zehnjährigen Sohn Viktor. Auch Udo Witte konnte seine Frau nicht zur Umkehr erweichen.
Im Gegenteil: Zurück in Ost-Berlin, stellte Witte seinerseits einen Antrag auf Familienzusammenführung mit seiner Frau in West-Berlin.
Da allerdings ist erst einmal der Genosse Wolfgang Herger vor. "Die Witte", so verkündete der verbitterte Sicherheitschef lautstark, "kriegen wir schon noch klein." #

DER SPIEGEL 28/1989
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