14.08.1989

„Ich geb' den Fuß nicht aus der Tür“

Bildhauer Alfred Hrdlicka über Vertragstreue, Akademie-Unterricht und politische Denkmäler
SPIEGEL: Herr Hrdlicka, in Hamburg steht Ihr antifaschistisches "Gegendenkmal", das schon seit drei Jahren hätte fertig sein sollen, noch immer unvollendet neben einem alten Kriegermonument. In Berlin hat eine Kunsthochschul-Klasse vergebens darauf gewartet, von Ihnen unterrichtet zu werden. Übernehmen Sie mehr Verpflichtungen, als Sie bewältigen können?
HRDLICKA: Die beiden Fälle muß man auseinanderhalten.
SPIEGEL: Aber beide Male wird Ihnen vorgeworfen, Sie setzten sich über geschlossene Verträge hinweg. Hatten Sie Ihre Aufgaben unterschätzt?
HRDLICKA: Nein, überhaupt nicht. Es ist nicht die Frage meiner Verpflichtung, daß ich ein halbes Denkmal abgeliefert habe. Nur waren die finanziellen Mittel der Stadt Hamburg sehr bald erschöpft. Vertragsbrüchig bin ich höchstens geworden, weil ich Dinge gestaltet habe, die ich erst während der Arbeit entdeckt habe. Und in Berlin wollte der Fachbereich einfach nie meinen Sonderstatus zur Kenntnis nehmen.
SPIEGEL: Sonderbar waren zumindest die Gutachten, die Sie vor Ihrer Einstellung 1986 vorgelegt haben. Da hieß es, Sie seien "oft schon vormittags total betrunken", Ihr Werk müsse mit dem von Michelangelo, (dem Fachbereichssprecher) Fußmann, Picasso und Hitler verglichen werden, und wegen fortschreitenden Abbaus an Persönlichkeit und künstlerischer Substanz sei Ihre Berufung bedenklich. Hätten die Berliner dadurch gewarnt sein sollen?
HRDLICKA: Nein, sondern es war so: Ich wurde nach Berlin berufen, und dann wurden in so einem bürokratischen Verfahren Gutachten angefordert, was bei mir und vor allem bei meiner Frau große Heiterkeit ausgelöst hat. Die hat gesagt: "Ich schreibe dir sofort ein Gutachten, daß du nicht unterrichten kannst", denn sie haßt den ganzen Unterricht. Das Gutachten, in dem was steht über meine künstlerische Tätigkeit, zum Beispiel, daß man zwischen den Hammer und den Stein einen Meißel halten muß, das habe ich mir selber geschrieben, teilweise in einem verballhornten Englisch. Unterzeichnet habe ich mit "Doktor Direktor Donald Duck, Museum of Modern Art, New York". Also, ich habe die furchtbar auf die Schippe genommen.
SPIEGEL: Und was ist nun im Ernst Ihr Sonderstatus an der Hochschule der Künste?
HRDLICKA: Der sieht so aus wie zuletzt auch schon in Stuttgart, wo ich 15 Jahre lang unterrichtet und dann vielleicht voreilig gekündigt habe. Meine Bedingung war, daß mein Mitarbeiter Hans Sailer, ein Schüler der ersten Stunde von mir, mit nach Berlin kommt und die Klasse leitet; denn meine Zeit ist knapp. Davon habe ich den damaligen Wissenschaftssenator Kewenig in Kenntnis gesetzt.
SPIEGEL: Haben Sie einen anderen Vertrag als andere Professoren?
HRDLICKA: Das nicht, aber ich habe, als ich an die Hochschule gegangen bin, ganz offen viele Dinge gesagt, die sich schlimm anhören für meine Kollegen: Ich werde am Hochschulleben nicht teilnehmen. Ich werde bei keiner Prüfung anwesend sein. Ich werde schauen, daß Sailer mich in der Sache vertritt. Einzig und allein interessiert mich das, was in der Klasse passiert. Andererseits hat niemand das Recht, sich von außen in meine Unterrichtsmethoden oder in das, was ich vertrete, einzumischen.
SPIEGEL: Nun hat Ihnen der Hochschulpräsident Roloff-Momin in einem Brief vorgeschlagen, Ihren Vertrag einvernehmlich aufzulösen, weil Sie doch nie zum Unterricht in Berlin seien. Wie ist es dahin gekommen?
HRDLICKA: Die Geschichte wird fast zu lang für ein SPIEGEL-Gespräch. Ich bin als Professor angestellt worden, und es war Liebe, Wonne, Waschtrog. Aber mit Sailer begannen sofort Schwierigkeiten. Niemand aus dem Fachbereich hat akzeptieren wollen, daß eigentlich er den Unterricht führt, obwohl er gar kein Professor ist, und ich den Hut drüberhalte. Vor einem Jahr hat man ein Disziplinarverfahren gegen Sailer geplant, da habe ich mit dem Präsidenten und dem Chef des Fachbereichs gesprochen und gesagt: Wenn ihr mir den Sailer abschießt, ist die Grundbedingung dafür, daß ich nach Berlin gekommen bin, illusorisch. Aber den Sailer abschießen und glauben, ihr werdet mich damit los - dann werdet ihr euch sehr irren.
SPIEGEL: Nun scheint aber der Protest doch gerade von den Studenten auszugehen. Die Hrdlicka-Klasse hat sich aufgelöst und als freie Klasse etabliert, angeblich ist Ihnen nur eine einzige Schülerin verblieben. Das kann doch nicht nur Kollegen-Intrige sein?
HRDLICKA: Die Studenten haben zuerst eine Solidaritätsresolution für Sailer geschrieben. Dann gab es eine Reise in die DDR und dabei ein großes Zerwürfnis zwischen Sailer und den Schülern. Die Folge war, daß sie auf einmal nicht mehr von ihm unterrichtet werden wollten, sondern von Hrdlicka, worauf ich gesagt habe: Das mag ja alles sehr wahr sein, aber fast alle Leute in dieser Klasse sind von Sailer aufgenommen worden. Er hat ein ganz spezifisches Programm. Ich rede mit den Leuten über ihre Kunst, aber den Betrieb hält Sailer aufrecht. Und diese Bedingung laß' ich mir nicht abschwatzen.
SPIEGEL: Was hatten die Studenten Herrn Sailer vorzuwerfen?
HRDLICKA: Zum Beispiel: Er spricht nicht im Kunstbetriebsjargon, das ist ihm einfach zu blöd. Er ist auch ein fanatischer Steinbildhauer und hat eigene, ich möchte fast sagen anstrengende Vorstellungen, wie das Leben und die Kunst Hand in Hand gehen. Diese Reise war ein komisches Scheidewasser. Von Anfang an habe ich gesagt: Wir werden uns um Kontakt mit Künstlern aus der DDR bemühen, das halte ich Berlinspezifisch für wichtig. Deswegen die Reise, und Sailer war empört, wie sich die Schüler dabei als arrogante Westler aufgeführt haben.
SPIEGEL: Und jetzt sind Sie beleidigt, daß Ihnen die Studenten weggelaufen sind und lieber zu anderen Professoren gehen?
HRDLICKA: Nein, ich bin beleidigt, weil sie nicht zu den anderen Professoren gehen. Sie sollen gehen, wohin Sie wollen. Ich richte meine künstlerische Ansicht doch nicht nach den Studenten.
SPIEGEL: Sie haben gesagt, Ihre Klasse sei keine Bastelwerkstatt. Was also darf ein Kunststudent vom Professor Hrdlicka oder seinem Stellvertreter erwarten?
HRDLICKA: Ich kann nur unterrichten, was ich selber als freier Künstler vertrete. Schauen Sie sich hier in meinem Atelier um. Montiere ich was? Wo steht die Videokamera? Wo ist ein eingegipster Cadillac? Wo sind meine Telephongeräte, mit Bandagen umwickelt? Verfremde ich Gebrauchsgegenstände? Nein. Hier sind Steine, Steine, Steine. Ich steh' hier mit Hammer und Meißel und mach' aus Rohstoff Kunst, ganz allein, ohne jede Zwischenschaltung. Wer zu mir in die Akademie kommt, weiß, daß ich im klassischen Sinn Bildhauerei betreibe. Wer das nicht will, soll sich gefälligst in einer anderen Klasse einschreiben.
SPIEGEL: Und wie sieht Ihr Unterricht, falls er stattfindet, konkret aus?
HRDLICKA: Zum Beispiel hab' ich gesagt: Wenn wir heute ein Porträt machen, dann nicht so, daß ich stundenlang sitz' und jemanden abmodelliere. Sondern ich mach' von ihm eine ganze Figur, eine Karikatur, eine fast abstrahierte Schädelform, ich mach' ihn als Miniatur. Nur einer hat das befolgt, die anderen sind beleidigt herumgesessen und haben sich gesagt: Ein guter Ratschlag, aber nicht für mich. Sie haben gemerkt, daß man im Kunstbetrieb nur mit einer persönlichen Schrulle weiterkommt. Vor kurzem habe ich gelesen, daß ein ehemaliger Schüler gesagt hat: Ich bin doch nicht verrückt, um das Werk zu ringen.
SPIEGEL: Kann es sein, daß sich die Studenten von Ihnen nicht ernst genommen fühlten?
HRDLICKA: Da muß ich widersprechen. Wohl kaum jemand versucht von Anfang an so intensiv, die Leute kennenzulernen. Wir sind mit ihnen ausgegangen, wir haben sie nach Wien eingeladen in mein Atelier. Sie konnten sehen, ob sie sich die Steinklopferei zutrauen.
SPIEGEL: Und wie oft waren Sie in Berlin? Man rechnet Ihnen vor, Sie hätten im letzten Semester nur 90 Minuten Unterricht gegeben, obwohl Sie zu 18 Stunden wöchentlich verpflichtet seien.
HRDLICKA: Wer hat die Stoppuhr in der Hand gehabt? Es ist schon etwas absurd. Ich war viermal in Berlin, aber die Schüler sind ja ausgetreten - wo soll ich sie sehen? Wenn ich zusammenzähle, was ich früher dort war und was ich an Kontakten mit Schülern hatte, ging das oft weit über sechs oder acht Stunden untertags hinaus.
SPIEGEL: Aber inzwischen haben Sie offensichtlich die Lust verloren, mit diesen Studenten zu arbeiten?
HRDLICKA: Mit diesen Studenten - das ist richtig formuliert.
SPIEGEL: Meinen Sie nicht überhaupt, daß prominente Künstler, die ihre Zeit nicht an der Hochschule absitzen können, auf Professorenämter verzichten sollten?
HRDLICKA: Nein, nein. Nur wenn man eine Lehre zu vertreten hat, haben die Leute auch auf der Hochschule was zu sagen. Es geht ja bei dem ganzen Streit in Berlin nicht um meine Anwesenheit, das ist alles verlogen. Es geht um radikale Positionen der Bildnerei. Die werden hier mit einem ganz blöden Stundenvorrechnen ausgetragen. Ich hab' ein echtes Lehrangebot. Ich hab' gezeichnet, ich hab' ein riesiges Werk hingestellt, ich hab' Kunsttheorien geschrieben. Jeder kann sich nach dem richten, was ich gesagt hab'. Ich bin aber nicht dafür da, daß ich jedem Studenten das noch einmal erzähl'. Hingegen interessier' ich mich für das, was er macht.
SPIEGEL: Aber ein Professor ohne Studenten ist doch eine Kuriosität.
HRDLICKA: Vielleicht endet es so. Noch ist es nicht ganz so weit.
SPIEGEL: Und warum kommen Sie dem Präsidenten nicht entgegen und sagen: Die Sache ist nicht nach Wunsch gelaufen, trennen wir uns wieder?
HRDLICKA: Ich geb' den Fuß nicht aus der Tür. Ich habe eine Position zu vertreten. Und ich glaube auch, daß der Sailer noch so was wie eine künstlerische Botschaft hat: eine Möglichkeit, das, was ich klassische Bildhauerei nenne, zu vermitteln.
SPIEGEL: Dann sollte man am besten Ihre Professur Herrn Sailer übertragen?
HRDLICKA: Das wär' mein Traum. Dann geh' ich sofort von Berlin weg. Natürlich können Sie sagen, ich hab' eine Erbhofbauer-Mentalität. Vielleicht hab' ich sie.
SPIEGEL: Besonders böses Blut macht es, daß Sie Gehalt beziehen, ohne regelmäßig vor den Studenten zu erscheinen. In Wien, wo Sie als Professor an die Hochschule für Angewandte Kunst berufen sind, aber zunächst nicht unterrichten, haben Sie deswegen erst einmal auf Bezahlung verzichtet. Was ist in Berlin anders?
HRDLICKA: In ihrer Resolution haben die Studenten darauf hingewiesen, daß ich mir für die Zeit des Unterrichts fairerweise ein Gehalt mit Sailer geteilt habe. Ich habe ihm aber das Geld nicht oben in die Brusttasche gesteckt, sondern Unternehmungen mitfinanziert, die Sailer gemacht hat. Das tut sicher sonst kein Hochschullehrer. Aber ich bin in beiden Professuren unkündbar - in Wien wie auch in Berlin. Aus.
SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, daß man Sie durch ein Disziplinarverfahren von Ihrer Berliner Stelle herunterbekäme?
HRDLICKA: Das müssen die erst versuchen.
SPIEGEL: Hrdlicka läßt sich bezahlen, und der öffentliche Geldgeber muß abwarten, was er dafür bekommt - diesen Eindruck gibt es auch in Hamburg. Ein 1983 zwischen der Stadt und Ihnen geschlossener Vertrag legte fest, daß Sie binnen drei Jahren für 270 000 Mark Honorar und bis zu 500 000 Mark Sachkosten Ihr "Gegendenkmal" errichten würden. Der Ansatz ist um rund 100 000 Mark überschritten worden, aber fertig ist das Werk keineswegs. Wie stehen Sie zum Problem der Vertragstreue?
HRDLICKA: Wenn Sie bedenken, was Kunstausstellungen und Kunstprojekte kosten, dann bekomme ich wenig. Und deswegen wird das, was ich mehr verlange, leicht eine Verdoppelung. Aber denken Sie zum Beispiel an die Museumsinsel, die Hamburg bauen will. Wer kann die kalkulieren? Und wenn sie 70 statt 50 Millionen Mark kostet, sagt dann jemand, der Museumsdirektor Hofmann kassiert jetzt 20 Millionen mehr? Aber bei mir wird immer alles personalisiert, weil ich ein Ein-Mann-Betrieb bin . . .
SPIEGEL: . . . der aber doch lange praktische Erfahrungen hat.
HRDLICKA: Als erstes habe ich begonnen, den Hamburger "Feuersturm" zu machen, eine riesige, brüchige, ganz dünne Bronzewand. Es hat sich dann erst herausgestellt, daß das technisch maßlos kompliziert war, daß es viel mehr Zeit brauchte und statt vielleicht 100 000 tatsächlich um 450 000 Mark gekostet hat.
SPIEGEL: Trotzdem: Hätten Sie nicht vorsichtiger planen müssen?
HRDLICKA: Ich will nicht bestreiten, daß ich schon Aufträge unter Bedingungen angenommen habe, über die man nur lachen kann. Als ich den Vorvertrag für das Gegendenkmal unterschrieben habe, im Dezember 1982, hatte ich beide Hände gebrochen und in Gips. Erst im April habe ich die ersten Entwürfe abliefern können, weil die Hände schon einigermaßen beweglich waren, im September wurde der Vertrag geschlossen. Ich habe versucht, so gut wie möglich zu kalkulieren, um mit den zur Verfügung stehenden Mitteln einiges zu verwirklichen.
SPIEGEL: Und Sie wußten nicht, daß das Geld zu knapp sein würde?
HRDLICKA: Machen Sie mal ein politisches Denkmal in einer Stadt und stellen Sie die Leute nicht vor Tatsachen! Wenn etwas, sagen wir mal, vertragswidrig war, dann eine gewisse Vorahnung, daß meine Entwürfe mit dieser Summe nicht zu realisieren sind.
SPIEGEL: Aber wenn Sie gleich gesagt hätten, es kostet eine Million, wäre gar nichts daraus geworden?
HRDLICKA: Dann hätten die KZ-Häftlinge von Neuengamme, die mit der "Cap Arcona" untergegangen sind, kein Denkmal. Das hab' ich ihnen gesetzt. Das, glaube ich, kann ich moralisch verantworten.
SPIEGEL: Dabei sind Sie in letzter Zeit oft so barsch mit Hamburger Politikern umgegangen, daß man meinen könnte, Sie suchten einen Vorwand, sich ohne Gesichtsverlust aus einer Sache herauszuziehen, an der Sie die Lust verloren hätten.
HRDLICKA: Vielleicht bin ich ja jetzt juristisch belangbar, wenn ich das sage: Ich habe Hamburg doch gerade in die Situation gebracht, ein Denkmal dieser Art zu errichten. Und aus dieser Situation will ich Hamburg auch nicht entlassen.
SPIEGEL: Eine Art Nötigung zu höheren Zwecken?
HRDLICKA: Ich gebe zu, daß ich auch taktiere. Ich bediene mich auch der Intrige. Aber ich finde besser, daß man die Stadt in eine Sache hineinmanövriert, die nicht nur Fremdenverkehrsblödsinn ist, Unterhaltungsblödsinn, Kunstbetriebsklamauk. Ich hab' ein ernsthaftes Projekt in Angriff genommen und will es durchsetzen.
SPIEGEL: Eine Nummer kleiner wäre es nicht gegangen?
HRDLICKA: Ich könnte doch sagen: Bitte, das Denkmal ist fertig, ich habe alles gemacht, wofür ich Geld bekommen habe. Juristisch müßte ich mich eigentlich so verteidigen. Aber unter der künstlerischen Ambition wär' das doch idiotisch. Ich will doch etwas Politisches und Künstlerisches hinstellen. Also bin ich in einem dauerndem Zwiespalt.
SPIEGEL: Den Ausspruch, Ihretwegen könnten die Hamburger das Denkmal auch in die Luft sprengen, nehmen Sie zurück?
HRDLICKA: Das ist wie mit dem Götz-Zitat: keine ernsthafte Aufforderung.
SPIEGEL: In der Zwischenzeit haben Sie den Betrag von einer zusätzlichen Million ins Gespräch gebracht, der für eine Fertigstellung des Denkmals nötig wäre. Er ist augenblicklich gar nicht in Sicht. Trotzdem die Frage: Was würden Sie dafür liefern?
HRDLICKA: Das ist natürlich eine Pauschalsumme. Erstens müßte der Platz großzügig gestaltet werden. Dann würde ich ein großes Monument, den realen Soldatentod, setzen und damit das Denkmal abschließen. Das würde ein Gemisch aus Granit, Bronze und Marmor, so etwas wie ein ganz monumentales Hakenkreuz, wie es absäuft und absinkt. Da kostet sicherlich schon die Herstellung eine Million Mark. Über mein Honorar werd' ich dann noch mit der Stadt Hamburg diskutieren.
SPIEGEL: Dieses Element würde also allein deutlich mehr kosten als das, was schon steht?
HRDLICKA: Ja, das würde ich sagen.
SPIEGEL: Sie bezeichnen Kostenvoranschläge als Zumutung. Aber ohne das kann aus der Sache bestimmt nichts werden. Müßten Sie sich also nicht doch dieser Zumutung unterziehen?
HRDLICKA: Ja, das werde ich versuchen. Es ist sehr schwierig, aber es wird mir nichts anderes übrigbleiben.
SPIEGEL: Sie schwenken ein, dem Denkmal zuliebe?
HRDLICKA: Ach wissen Sie, das ist ja gar kein Einschwenken. Für mich hat ja Kunst im öffentlichen Raum eine ganz andere Dimension als Museumskunst. Darüber brauchen wir gar nicht zu reden, daß ich im Kunsthandel ungleich mehr Geld verdienen könnte als mit diesen Projekten. In Wahrheit ist es eine Schrulle, eine antifaschistische Schrulle von mir, daß ich diese Dinge in die Stadt placier'. Aber Kunst im öffentlichen Raum ist Auseinandersetzung. Ins Museum kommt die Kunst noch rechtzeitig. Ich will etwas für mich machen und ganz auch für die Öffentlichkeit.
SPIEGEL: Ist Ihnen der Gedanke zugänglich, Sie könnten sich mit einem solchen Großprojekt übernehmen?
HRDLICKA: Künstlerisch: ja. In der Dimension? Ich werd's versuchen zu realisieren. Aber kennen Sie Michelangelos Entwurf zum Grab Papst Julius' II.? Der Vertrag wurde, glaub' ich, sechsmal geändert. Was übrigbleibt, ist die Figur des Moses. Also, hier muß man in anderen Dimensionen denken. Ich glaube, die Aufgabe ist so großartig, daß das, was übrigbleibt, trotzdem etwas ist.
SPIEGEL: Dabei haben Sie noch mehr Projekte. Auf dem Wiener Albertinaplatz steht ein mehrteiliges Denkmal, um dessen zentrale Figur, einen das Pflaster waschenden Juden, es heftige Diskussionen gegeben hat, und in dem gleichfalls noch eine Skulptur fehlt . . .
HRDLICKA: . . . die Vision eines sterbenden Soldaten.
SPIEGEL: Neuerdings sind Sie auch mit der DDR im Gespräch?
HRDLICKA: Ich spiel' mit dem Gedanken, und die DDR spielt mit dem Gedanken. Ich habe Nicaragua ein Monument versprochen - Sie sehen den teilweise behauenen Marmor hier. Die DDR hat sich vorgestellt, diesen Stein in Bronze umzugießen, den Abguß nach Nicaragua zu schicken und den Stein bei sich aufzustellen. Das sind Gedankenspielereien. Ich bin 61 Jahre alt und kann nicht beweisen, daß ich 89 werde wie Michelangelo. Aber man kann der Kunst auch nicht verwehren, daß sie größenwahnsinnig ist. Ich hab' nur zwei Hände, ich hab' auch nur einen Kopf, schreibe, polemisiere. Sie können sagen, ich bin freiwillig überlastet. Aber was heißt das in der Kunst? Leb' ich auf Sparflamme oder lebe ich eigentlich in der wüsten Vorstellung, daß ich alles hinkrieg'?
SPIEGEL: Öffentliche Projekte, betonen Sie, sind für Sie ein schlechtes Geschäft. Aber steigern sie nicht auch Ihren Marktwert, und gibt Ihre Provokateursrolle als Wiener Ekel Alfred nicht unvermeidlich auch ein werbeträchtiges Image ab? Wie gut verkauft sich eigentlich der straßenwaschende Jude als Nippes für die Anrichte?
HRDLICKA: Der straßenwaschende Jude ist 1978 mit drei anderen Figuren als Modell eingereicht worden, und er ist so etwas wie eine Brechstange für das Denkmal gewesen. Ich habe ihn unzähligen Leuten geschenkt, um die Diskussion und das schlechte Gewissen der Wiener anzuheizen.
SPIEGEL: Aber ist er auch im Handel?
HRDLICKA: Jedes Kunstwerk ist im Handel. Auch die "Schrecken des Krieges" von Goya.
SPIEGEL: In unseren Augen nichts Schlimmes. Nur kritisieren Sie sehr von oben herab, der Kunstbetrieb sei ein "Selbstbedienungsladen" geworden. Unvermeidlich bedienen doch auch Sie sich darin.
HRDLICKA: Außer Zweifel steh' ich auch ganz real im Kunstbetrieb. Nur hab' ich eine völlig andere Position. Fahren Sie nach Madrid, da steht Picassos "Guernica" hinter Panzerglas, Sie können Bücher darüber kaufen und Ansichtskarten. Jetzt zu fragen: Hat der Herr Picasso das für den Fremdenverkehr in Madrid gemacht, ist doch eine blödsinnige Überlegung.
SPIEGEL: Der Markt wäre schon okay, wenn nur die Leute und die Waren in Ordnung wären?
HRDLICKA: Ja, genau. Auch Karl Marx können Sie im normalen Buchhandel erwerben, gerade so wie reaktionäre Literatur. Ist ganz klar. Ich kann doch nicht den Buchhandel abschaffen wollen. Ich kann nur sagen, ich finde es nicht gut, daß diese Literatur erscheint, sondern ich bin für diese Literatur.
SPIEGEL: Da es Ihnen in Ihrer künstlerischen Aktivität . . .
HRDLICKA: Agitation, würde ich fast sagen.
SPIEGEL: . . . immer wieder um politische Wirkung geht, fragt sich, ob die riesigen, jahrelang umkämpften Skulpturenprojekte eigentlich das Richtige sind. Ein erfolgreiches Gegenbeispiel war Ihr hölzernes "Waldheim-Pferd" mit SA-Käppi, das bei diversen Demonstrationen viel Resonanz gehabt hat. Bescheidener Aufwand, großer Effekt.
HRDLICKA: Das hab' ich ganz gut und locker gemacht. Aber das sind verschiedene Größenordnungen. Tagespolitik ist etwas anderes als politische Kunst. Picassos "Guernica" ist wirklich ein Jahrhundertwerk. Und wenn ich einen Ehrgeiz hab', dann will ich Kunstwerke ähnlicher Größenordnung schaffen. Dafür steht mir dieses ganze Ungemach durchaus zu.
SPIEGEL: Herr Hrdlicka, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
*VITA-KASTEN-1
Alfred Hrdlicka *
ist auf der Kunstszene ein Außenseiter. Der 61jährige Wiener Bildhauer schmäht die Documenta als "Disneyland", erklärt avantgardefreundliche Museumsleute zu "Blockwarten" und klotzt gegen "Kunstbetriebskunst" mit dem Pathos muskulöser Tendenz-Skulpturen. Hrdlicka, KP-Mitglied bis 1956, hat sich durch sozialistische und antifaschistische Mahnmale profiliert. Seine Projekte wie in Wuppertal, Hamburg und neuerdings Wien entfachen neben politischen und ästhetischen Debatten Streit um Geld und Termine. Auch als Hochschulprofessor eckt Hrdlicka an.
Von Joachim Riedl und Jürgen Hohmeyer

DER SPIEGEL 33/1989
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