09.01.1989

Ein Engel, der in Tränen schwimmt

SPIEGEL-Redakteur Urs Jenny über Isabelle Adjani, Camille Claudel und ein Pariser Kino-Kulturphänomen
Sie ist schön, sie ist wild, und beides ein bißchen zu sehr. Sie ist eines der angebeteten Kino-Idole Frankreichs, und sie ist eine Hexe, die dringend verbrannt gehört. Sie geht gern mit dem Kopf durch die Wand. Als sie 19 war, hat erstmals eine Illustrierte sie als "Superstar" bezeichnet, doch zur selben Zeit haben Journalisten ihr die "Zitrone" des Jahres verliehen: Auszeichnung für die übellaunigste Medienfigur.
So ist es in den 15 Jahren seither geblieben. Sie will geliebt werden von ihrem Publikum, doch sie läßt sich angeblich nicht photographieren, sie gibt angeblich jahrelang kein Interview, sie rennt angeblich Regisseuren einfach davon, wenn ihr deren Methode nicht paßt, sie richtet sich angeblich dauernd neue teure Wohnungen ein, die sie dann nie bezieht, sie ist angeblich eine Zigeunerin. Isabelle Adjani ist ein Gerücht.
In Frankreich, und nur in Frankreich, ist sie ein Superstar. Catherine Deneuve mag noch soviel Werbung für Mandelmilch machen und ihr makelloses Marmorprofil für die jüngste Version der Nationalsymbolfigur "Marianne" hinhalten, Isabelle Huppert mag noch so oft als Seelchen mit schläfrigem Sex-Appeal die Gemüter bewegen - Isabelle Adjani, die unzugängliche, geheimnisvolle, ist die Größte. Den absoluten Einschaltquotenrekord des französischen Fernsehens in den letzten Jahren (65 Prozent) hat kein Fußballpokalspiel und kein olympischer Endspurt geschafft, sondern ein alter und nicht einmal guter Adjani-Film. Sie weiß, was sie wert ist: Für einen Auftritt in einem Vier-Minuten-Videoclip hat sie eine Million Franc Gage kassiert.
Irgendwo hat Isabelle Adjani gelesen, daß die Bildhauerin Camille Claudel, vor bald 100 Jahren, gelegentlich Leuten, denen sie ihre Meinung klar sagen wollte, ein Päckchen Hundescheiße zuschicken ließ. Das hat Isabelle Adjani gefallen: "Ich habe entdeckt, daß ich nicht die einzige bin, die so was macht."
Wenn es um ihr Recht auf Privatheit und das eigene Bild geht, wird sie rabiat. Im vergangenen Jahr hat sie vom Bauer-Konzern 2,25 Millionen Franc Wiedergutmachung für üble Nachrede erstritten und von "Time" 300 000 Dollar wegen unerlaubter Verwendung eines Photos zu Werbezwecken. Sie will ein Star sein, doch kein allzeit verfügbares Produkt für den publizistischen Vervielfältigungsmoloch, deshalb gilt sie als streitsüchtiges blödes Biest.
Als sie sich zum letztenmal bei den Filmfestspielen in Cannes blicken ließ, vor ein paar Jahren, senkten die Photographen vor dem Festivalkino, die sonst jedes aufgetakelte Hühnchen mit Blitzlichtgewittern anfeuern, ihre Kameras, pfiffen und wandten ihr den Hintern zu: Es war eine Demonstration dumpfer Pressemacht, eine Schmähung, ein Spießrutenlaufen für Isabelle Adjani.
Vor zwei Jahren wurde sie zum Opfer einer abgründigen Gerüchtekampagne: Die Nachricht, sie sei an Aids erkrankt, sie liege in einer Intensivstation, ja sie sei schon tot, verbreitete sich so massiv, unaufhaltsam, vernichtend, daß Isabelle Adjani in Begleitung ihres Arztes in den Acht-Uhr-Fernsehnachrichten auftreten mußte, um zu beweisen, daß sie gesund sei: Das war ihr zweites Spießrutenlaufen, ihre zweite Ohnmachtserfahrung vor der Mediengewalt.
Jetzt ist das alles vergessen. Jetzt hängt auf den bunten Illustrierten-Titeln an den Pariser Kiosken Adjani neben Adjani neben Adjani, jetzt sind den Kritikern nur die kostbarsten Adjektive für sie kostbar genug: "adorable", "superbe", "geniale", "divine". Endlich, endlich hat Isabelle Adjani wieder einen Film ("Camille Claudel") gemacht, und sie wird gefeiert wie eine Göttin, auf deren Wiederkehr man kaum noch zu hoffen gewagt hatte.
Das Mädchen mit dem porzellanfeinen Gesicht und den großen kornblumenblauen Augen, geboren 1955, aufgewachsen im Beton der Pariser Arbeitervorstadt Gennevilliers, wurde, als es 14 war, von einem Filmregisseur auf der Straße angesprochen. Isabelle hielt ihn für einen Sittenstrolch und schleppte ihn gleich zur Schuldirektorin, doch das Angebot erwies sich als ernst. Sie ließ die gewohnten Familien-Sommerferien am Bodensee sausen und spielte im Film ein Schulmädchen, das seinen Erzieher verführen will. Drei oder vier Teenager-Rollen folgten, eine kleine Karriere bahnte sich an - doch da war Isabelle plötzlich weg. Sie stand in Reims in einem Lorca-Stück auf der Bühne, und dann kam Frankreichs Theater-Allerheiligstes, die Comedie Francaise: Keine der Spitzen-Absolventinnen vom staatlichen Konservatorium, sondern diese Göre ohne Schauspielausbildung wurde für Molieres "Schule der Frauen" engagiert. Der Vater, von Beruf Automechaniker, mußte von Gennevilliers in die Stadt fahren, um den Vertrag zu unterzeichnen, denn sie war erst 17.
Zwei Jahre lang wurde Isabelle Adjani als "Engel" und "Wunder" der Comedie Francaise gefeiert, vor allem als "Undine" von Giraudoux, doch dann, als man ihr einen 20-Jahres-Vertrag zu Füßen legte, der ihr alle Herrlichkeiten des Welttheaters bot, schmiß sie einfach alles hin. "Ich habe mein Noviziat absolviert, aber ich will nicht ins Kloster eintreten."
Kino, nur noch Kino! Den Ausschlag gab Francois Truffaut, er drehte mit ihr 1975 die wunderbar romantisch-melodramatische "Geschichte der Adele H." Isabelle Adjani bekam dafür eine Oscar-Nominierung und ein Hollywood-Angebot, Truffaut verkündete: "Frankreich ist zu klein für sie"; "Time" begrüßte sie mit einer Titelgeschichte, die sie als Synthese aus Greta Garbo, Marlene Dietrich und Ingrid Bergman pries - doch in Hollywood, so zeigte sich, wußte man mit alledem nichts anzufangen. Ihr Debütfilm fiel durch, und sie ging nach Frankreich zurück.
Zehn Jahre später hat sie sich noch einmal nach Hollywood verführen lassen, von Mr. Hollywood in Person, Warren Beatty: Ihre Liebesaffäre fütterte die Boulevardpresse, ihr gemeinsamer Film "Ishtar" geriet zum Superflop. Doch das berührte Isabelle Adjani nicht mehr, denn sie hatte längst nur noch eines im Kopf: Camille Claudel. Sie steckte all ihre Kraft, ihren Ehrgeiz, ihr Geld in die Idee, dieser kühnen, verkannten, tragischen Künstlerin der Jahrhundertwende, Schwester des großen Dichters Paul Claudel, Geliebte des großen Bildhauers Auguste Rodin, durch einen Film endlich zu Ruhm und Unsterblichkeit zu verhelfen. Nun hat sie es geschafft, und sie hat in diesem Kampf für Camille Claudel offenbar ein Stück eigene Identität gefunden.
Um ihr Privatleben und ihre Herkunft hat Isabelle Adjani viele Jahre ein merkwürdiges Geheimnis gemacht. Daß sie einen inzwischen neunjährigen Sohn hat, dessen Vater der französische Kameramann Bruno Nuytten ist, war zu erfahren, doch über ihre Familie nichts. Solange ihr Vater lebte, zeigte sie sich - weil es ihn verletzt hätte - niemals nackt vor der Kamera; deshalb weigerte sie sich, Bunuels "Obskures Objekt der Begierde" zu sein. Doch sie sprach nie über den Vater. Er wollte es nicht.
Sie sprach erst, als es ihr zwingend erschien (1986), als der Rechtsradikale Le Pen mit rassistischen Slogans in den Wahlkampf zog. Sie griff das Schimpfwort "beur" für das Proletariat nordafrikanischer Herkunft auf und stellte sich mit dem Schlagzeilen-Bekenntnis "Je suis beur!" gegen den neuen Rassismus. Nun sprach sie über ihren Vater Mohammed, den Algerier, der als Soldat nach Kriegsende mit einem Bauernmädchen aus der Bodensee-Gegend nach Paris gezogen war, und sie sprach über das zerrissene Elternhaus, den innerfamiliären Rassismus: Die Mutter sprach deutsch mit den Kindern und kochte deutsch, der Vater schwieg, verschwieg seine arabische Sprache, seine islamische Prägung, schwieg zum Algerienkrieg - seine Kinder sollten nichts als Franzosen sein. "An diesem Schweigen ist er so jung gestorben", sagt die Tochter heute.
Eine so dunkel verschlossene Vatergestalt hat sie in der Biographie Camille Claudels wiedergefunden, und für sich selbst: eine große romantische Seele, eine glühende Kämpferin, die stets das Äußerste, Höchste will. Vier Jahre hat sie gearbeitet, bis ihr "Camille Claudel"-Projekt fertig war. Sie hat ihren alten Freund Bruno Nuytten, der noch nie Regie geführt hatte, als Regisseur durchgesetzt, sie hat Gerard Depardieu als Partner gewonnen, sie hat den Lustspiel-Produzenten Christian Fechner dazu gebracht, die Hälfte des immensen Produktions-Etats von 96 Millionen Franc aufzutreiben - die andere Hälfte kommt vom Fernsehen, das dafür eine Vierstundenfassung erhält.
Der Film ist sehr kunstvoll, sehr malerisch-üppig, sehr melodramatisch, sehr auf Größe gewollt. Was ihn trägt, ist - adorable, superbe, geniale, divine - Isabelle Adjanis phänomenales Darstellungsmarathon: Das Dreistundenwerk enthält keine Szene ohne sie.
Ihr Enthusiasmus hat es geschafft, Camille Claudel zum Kultereignis zu machen. Der Name "Camille Claudel" prangt nun nicht nur groß über 35 Pariser Kinos. In Buchhandlungsfenstern liegen vier dicke Bücher über sie, daneben, frisch übersetzt, die monumentale Rodin-Biographie des Amerikaners Frederic V. Grunfeld, und in drei Ausstellungen drängen sich die Filmfans um die Werke der Künstlerin. Berühmter kann sie nun nicht mehr werden, und rätselvoll bleibt ihr Leben wie eh und je.
Camille Claudel, geboren 1864, aufgewachsen in dem 400-Seelen-Dörfchen Villeneuve-sur-Fere in der Champagne, muß ein schwieriges, eigensinniges Kind gewesen sein. Früh entdeckte sie ihre Lust, aus Lehm Figürchen zu kneten, das Material besorgte sie sich in einer nahen Ziegelei, und diese kindliche Lust, über der sie Essen und Schlafen vergaß, wurde zum Inhalt, zur Passion ihres Lebens. Die überbordende Produktion füllte bald das ganze Elternhaus.
Der Vater, ein stiller Provinzbeamter in der Finanzverwaltung, war merkwürdig begeistert vom "Genie" seines geliebten Kindes. Die Mutter hingegen, die ihre erste Tochter vom Tag der Geburt an zutiefst abgelehnt hatte (weil es kein Sohn war), doch auch den beiden anderen Kindern wenig Zuneigung zeigte ("Unsere Mutter hat uns nie einen Kuß gegeben", sagte ihr Sohn Paul später), war entsetzt: Camille wollte Bildhauerin werden! Künstlerin, das klang schon schlimm genug, aber die Bildhauerei war nun wirklich ein reiner Männerberuf!
1881 zog die Familie nach Paris, und Bruder Paul war überzeugt, daß einzig Camille mit ihrem Ungestüm, ihrem Ehrgeiz, ihrem unbeirrbaren Kunstdrang den lieben Vater dazu getrieben hatte; der Vater selbst blieb in der Provinz zurück. Camille, ein auffallend schönes Mädchen mit strahlenden Augen und hoher Stirn, das nur ein kleines bißchen hinkte, erhielt Kunstlektionen bei einem Bekannten der Familie.
Als sich Gelegenheit bot, ein paar ihrer weitgehend autodidaktischen Plastiken dem Direktor der Staatlichen Kunstakademie zu zeigen, fragte der die 17jährige: "Sie haben wohl bei Monsieur Rodin Unterricht genommen?" Vermutlich hatte Camille den Namen Rodin noch nie gehört, und vermutlich steckte in der Frage kein Kompliment. Auguste Rodin, damals Anfang 40, galt als aufdringlicher Störenfried des Kunstbetriebs: ein bäurischer Kraftmeier, der dreimal bei der Akademie-Aufnahmeprüfung durchgefallen war und sich nun eigenmächtig wie ein neuer Michelangelo gebärdete, überdies ein Kerl ohne Manieren.
Gerard Depardieu als Rodin, düster, mit struppigem Haar und stürmischem Bart, ein Verschlossener, der im Gespräch abwehrend schwerfällig erscheint: Alle Kraft brennt in seinem Blick, der das Gegenüber geradezu saugend, hypnotisch vereinnahmt, alle Leidenschaft ist in seinen breitknochigen Händen, die den Lehm zu Fleisch kneten und die gespannten Muskelpakete und Sehnenstränge seiner Figuren in heroische Über-Expressivität treiben.
Diese dunkle Masse Mann bildet einen dramatischen Gegenpol zu Isabelle Adjani. Als junge Camille Claudel ist sie ganz Schwung und Überschwang, immer eilig, stürmisch, sprudelnd, ein Inbild jugendheller Begeisterung, die sich, ganz leicht hinkend, jeden Augenblick vom Erdboden zu lösen scheint. "Illusion, Schwester des Ikarus" heißt eine Rodin-Figur, die Camille inspiriert hat.
Wann genau Camille Claudel, 18 oder 19 Jahre alt, Auguste Rodin zum erstenmal begegnet ist, weiß man nicht, und auch nicht, wie rasch sie dann seine Schülerin wurde, seine engste Mitarbeiterin, sein Modell, seine Geliebte, Inspirationsquell und vertraute Beteiligte bei allen großen Projekten. Gut ein Jahrzehnt lang dauerte die leidenschaftlichstürmische Beziehung zwischen den beiden; keine andere Frau hat in Rodins Leben eine ähnliche Rolle gespielt.
Er mietete, als Liebesnest und gemeinsames Geheimatelier für sie beide, einen halbzerfallenen Palast am Stadtrand, er verbrachte Sommermonate mit ihr in der Touraine, er porträtierte Camille immer wieder (das bekannteste dieser Werke, "La Pensee", zeigt unter einer Haube ihr träumerisch zartes Gesicht, das nur knapp aus einem rohen Marmorklotz herausragt), er schuf Liebesdarstellungen, die - anders als die zerquälten, verfluchten Paare seines Frühwerks - durch ihre zärtlich idealisierte Sinnlichkeit gefielen: "Der ewige Frühling", "Der Kuß", "Das ewige Idol".
Es waren die Jahre seines Aufstiegs zum Ruhm, die Jahre, in denen seine bedeutendsten Monumente Gestalt annahmen: das "Höllentor", das Denkmal für die "Bürger von Calais", die Balzac-Statue. Camille war als Gehilfin in seiner Großwerkstatt angestellt, und er überließ ihr viel an Details. Hände, Beine, ganze Figuren in dem wild dramatischen Leibergeknäuel des "Höllentors" sind vielleicht ihr Werk. Rodins Produktion war gewaltig, denn er arbeitete nur mit Lehm oder Gips und überließ die handwerkliche Schwerarbeit der Vergrößerung oder Ausführung in Marmor seinen Helfern. Camilles OEuvre blieb daneben schmal, denn sie, von einem heiligen Eifer nach Perfektion getrieben, ließ bis zur letzten Polierung keine fremde Hand an ihren Marmor oder Onyx.
Ihr Ruhm wuchs, trotz aller Vorurteile gegen eine Frau, die mit Hammer und Meißel agiert, und Rodins eifriges Lob war dabei zugleich förderlich und kompromittierend: "Man" wußte doch über die beiden Bescheid. Noch in der hymnischsten Kritiker-Würdigung für Camille Claudels "Genie" steckte der Stachel der Rivalität, der die künstlerische Symbiose bedrohte: Unweigerlich wurde ihr Werk an Rodin gemessen, nie erkannte man sie ganz als sie selbst an.
Die Korrespondenz zwischen Rodin und Camille Claudel ist nahezu spurlos verschwunden. Ein Packen Rodin-Briefe an Camille, so behauptet sein Biograph Grunfeld, sei einst im Archiv des Musee Rodin unter strengem Verschluß verwahrt worden, doch dann habe wohl irgendein Gralshüter diese allzu privaten Zeugnisse vernichtet.
Ein einziger Liebesbrief von Camille an Rodin ist durch Zufall erhalten geblieben. Sie ist auf den Sommersitz in der Touraine vorausgefahren und schreibt nach Paris: "Ich schlafe ganz nackt, um das Gefühl zu haben, daß Sie bei mir seien, aber wenn ich erwache, ist es nicht so." Sie bittet Rodin, einen Badeanzug für sie zu kaufen, zweiteilig, blauweiß gestreift - und es muß ihr bewußt gewesen sein, welche Zumutung es für diesen scheuen Klotz bedeutete, die Damenwäscheabteilung eines Kaufhauses zu betreten und nach einem so intimen Kleidungsstück zu fragen. Doch das Wichtigste ist wie stets das Postskriptum: "Vor allem betrügen Sie mich nicht mehr."
Das war der andere Stachel, der die Beziehung vergiftete. Rodin dachte nicht daran, den häuslichen Rückhalt bei seiner lebenslangen Gefährtin Rose aufzugeben, die allgemein als "Madame Rodin" galt und einen mit Camille fast gleichaltrigen Sohn hatte; und Rodin dachte auch nicht daran, die gewohnten Gelegenheitsaffären zu lassen, die mondänen, die Prestige brachten, und die bequemen mit den Künstlermodellen, meist Italienerinnen, die sich jeden Montag frisch auf dem Modellmarkt am Springbrunnen der Place Pigalle rekrutieren ließen. Rodin war ein Faun. Von einem Diner bei seinem Malerfreund Claude Monet wird berichtet, daß Rodin während des Essens die vier halbwüchsigen Monet-Töchter mit so gierigen Blicken verschlang, daß die Mädchen, eins nach dem anderen, in Panik vom Tisch flohen. Paul Claudel, der ihn natürlich nicht ausstehen konnte, hat auf Rodin den Begriff "Priapatriarch" geprägt.
Die brave Familie Claudel blieb offenbar jahrelang ahnungslos, wie eng Camilles Beziehung zu Rodin war. Als es dann doch herauskam, warf die bigotte Mutter ihr ungeliebtes, mißratenes Kind aus dem Haus, und noch Jahrzehnte später beklagte sie mit aller Bitterkeit die "schändliche Komödie", die da gespielt worden sei: Die Eltern hatten Monsieur Rodin samt seiner angeblichen Madame zum Essen eingeladen, und Camille mimte dazu die reine Unschuld.
Im Film ist daraus eine Farcen-Szene geworden, die raffiniert die bourgeoise Heuchelei der Familie und die frivole Heuchelei des heimlichen Paars gegeneinandersetzt: die einzige Szene, die auch das Wahnhafte - Lüge, Betrug, Selbstbetrug - einer großen romantischen Leidenschaft aufscheinen läßt.
Rodin war Camilles Abgott. Nur mit einem anderen Mann schloß sie engere Freundschaft, mit einem erfolglosen jungen Musiker, bei dem sie gern stundenlang saß, wenn er für sie Klavier spielte: Claude Debussy. Vielleicht war es Schwärmerei, vielleicht für sie nur ein Spiel, um Rodins Eifersucht zu kitzeln - plötzlich und harsch brach sie dann die Verbindung ab. Debussy schrieb an einen Freund: "Ich weine über das Verschwinden dieses Traums von einem Traum." Ein Werk von Camille Claudel, die Bronze "La Valse", behielt bis zu Debussys Tod einen Ehrenplatz in seinem Arbeitszimmer: ein umschlungenes Paar, das sich aus einem breiten, klumpigen Sockel in so kühne Drehung emporschwingt, als wollte es die Erde gleich hinter sich lassen.
Es gab Gerüchte, damals, daß Camille im Lauf der langen Sommer in der Touraine heimlich zwei Kinder geboren und zu Bauern in Pflege gegeben habe. Rodin hat das viele Jahre später in einem Interview bestritten. Doch der jüngste, gründlichste Rodin-Biograph Grunfeld zeigt sich - im Widerspruch zu allen Camille-Claudel-Experten - überzeugt, daß es so war.
Auch sein Beleg ist nur Hörensagen (ein Brief einer englischen Freundin von Camille), und so hilft er sich schlau mit einer Werkdeutung. Camilles erste große, auf einer Ausstellung gefeierte Plastik zeigt ein glückliches Paar und trägt den Titel "Sakuntala" - und darin, so Grunfeld, sei das Geheimnis verborgen: In der altindischen Mythologie war Sakuntala eine Einsiedlerin, die ihrem König heimlich ein Kind gebar. Rodin selbst hat sich in einer fast karikaturistischen Kleinplastik als zerzausten, großpfotigen Pygmalion dargestellt, der sich eine feingliedrige Galatea modelliert.
Die Sache mit den zwei Kindern bleibt unglaubhaft. In der reich dokumentierten Rodin-Vita findet sich keine Spur davon (um seinen einzigen, geistig leicht behinderten Sohn hat er sich fürsorglich gekümmert), und auch in den späten Camille-Briefen, die Rodin jede denkbare und undenkbare Niedertracht vorwerfen, deutet nichts darauf hin.
Die Front der Camille-Claudel-Verehrer schenkt hingegen einem Gerücht Glauben, das auf Paul Claudel zurückgeht. Auch der Film macht sich diese Version zu eigen, denn sie bringt die sinnfällig tragische Wendung des ewigen Geliebtenschicksals: Camille ist schwanger und fleht den entsetzt abwehrenden Rodin ein letztes Mal an, sich nun ganz zu ihr zu bekennen, sie winselt, sie kriecht vor ihm - die Adjani ein Engel, der in Tränen schwimmt -, und da nichts den Mann zu rühren vermag, läßt sie das Kind abtreiben. Diese Demütigung, dieses Selbstopfer bedeutet den Bruch mit Rodin, den Bruch ihres Lebens. Etwa von 1893 an ging Camille ihre eigenen Wege, um ohne Rodin, gegen Rodin, endlich sie selbst zu sein.
Rodin - der Trennungsschmerz traf ihn tief, doch er steckte ihn weg - stieg in den Jahren danach zum unbestrittenen Weltmeister der Bildhauerei auf. Zur Weltausstellung 1900 ließ er auf eigene Kosten eine Schau-Halle errichten, um sich allein und in angemessener Monumentalität präsentieren zu können. Spät ist er dann, Strafe muß sein, noch einmal einer Frau zum Opfer gefallen, einer energischen jungen Amerikanerin, verheiratete Duchesse de Choiseuil: Sie ließ sich als seine "Muse" anreden, plünderte den Alten gründlich aus und machte ihn vor seinen Freunden lächerlich, aber sie schuf ihm auch durch eine bis dahin beispiellos preistreiberische Vermarktung, vor allem beim amerikanischen Publikum, ein Riesenvermögen.
Als er sich endlich dieser herrischen "Muse" entledigt hatte, war er reich genug, um sich durch Schaffung des Musee Rodin in Paris ganz seinem Nachruhm zu widmen. Manchmal sprach er davon, einen Museumsraum für Camille Claudel zu reservieren, und als er, schon ein Greis, in einer Kunstgalerie unversehens vor einem Werk von ihr stand, holte der alte Schmerz ihn ein. Er streichelte zärtlich über die Bronze und brach in Tränen aus.
In diesem Winter, im Aufwind des großen Kino-Kunstereignisses, ist an drei Orten in Paris Camille Claudels Hinterlassenschaft zu besichtigen. Das Musee Rodin hat zusammengestellt, was es inzwischen (vor allem dank einer Nachlaß-Stiftung von Paul Claudel) an Camille-Claudel-Werken besitzt, und neben ihrer berühmten Rodin-Büste sind seine vielen Camille-Porträts aufgereiht. Das Musee d'Orsay zeigt in einer Sonderschau mehrere Fassungen des Spätwerks "L'Age mur", eines Vorzugsobjekts für autobiographische Deutungen: Eine junge Frau kniet mit flehend vorgestreckten Armen vor einem alten Mann, der von einer alten Frau weggezerrt wird. In der Galerie Odermatt-Cazeau steht im Mittelpunkt Camille Claudels letzte große Marmorstatue, ihr "Perseus" - und es scheint nicht abwegig, im Haupt der Medusa mit dem Schlangenhaar, einem seltsam weichen Frauengesicht mit staunenden Augen, ein letztes Selbstporträt von Camille Claudel zu sehen.
Der Quai de Bourbon auf der Nordseite der kleinen Seine-Insel Saint-Louis war im 17. Jahrhundert, als die obersten Höflinge sich dort ihre Stadtpaläste hinbauten, eine feine Adresse, und er ist es heute wieder. Neben dem Prachtportal des Hauses Nummer 19 hängt eine Gedenktafel für Camille Claudel, die dort von 1899 bis 1913 gelebt hat. Doch sie hat im Hinterhof gelebt, Erdgeschoß, neben der Kutschertür, also in einem düsteren Loch.
Die eigene Karriere, gegen Rodin, war ihr nicht gelungen, und dort am Quai de Bourbon, in der Gesellschaft von wenigstens zwölf Katzen, verwandelte sie sich allmählich in eine menschenscheue, verwahrloste und verbitterte Einsiedlerin, die zuletzt auch noch ihre Wohnungsfenster mit Brettern zunagelte. Sie arbeitete weiterhin wie besessen, und seltene Besucher berichteten, daß sich auf ihren Regalen ganz erstaunliche Kleinplastiken zu Dutzenden, ja zu Hunderten drängten - doch nahezu nichts ist davon geblieben. Camille zertrümmerte, Jahr um Jahr, wie in einem Selbstzerstörungsrausch ihre sämtlichen Werke.
Angeblich tat sie es aus Angst vor Diebstahl, denn in Briefen an ihren Bruder Paul berichtete sie immer wieder Bedrohliches: Man habe sie überfallen, man habe sie zu vergiften versucht, man habe bei ihr eingebrochen und Werke gestohlen, um sie gewinnträchtig zu vervielfältigen: "Jedesmal, wenn ich ein neues Modell in Umlauf bringe, rollen Millionen für die Bronzegießer, die Former und die Händler. Und für mich: 0 + 0 = 0." Hinter dieser immer riesigeren Verschwörung gegen C. C. stand natürlich das Ungeheuer, das ihr Genie seit je ausgenutzt, ausgepreßt, ausgeraubt hatte: Rodin. Camille Claudels letzte Zuflucht war der Verfolgungswahn.
Während Camilles Stern sich verdüsterte, stieg ihr kleiner Bruder Paul empor. Aus der genialischen Wildheit, von der sein lyrisches Frühwerk zeugt, hatte er sich durch Unterwerfung unter die höchsten Autoritäten gerettet, unter Kirche und Staat. Das befähigte ihn, in einer Spitzenkarriere als Diplomat seinem Vaterland zu dienen (Botschafter in Tokio, Washington und Brüssel) und zugleich der große neubarock-katholische Dichter Frankreichs zu werden (Hauptwerk: "Der seidene Schuh").
Paul war der einzige der Familie, der mitleidend und schuldgequält an Camilles Niedergang Anteil nahm, doch auch er half ihr nicht. Erst erkundigte er sich bei einem Priester, ob die offenbar Besessene durch Fern-Exorzismus zu retten sei, dann sah auch er nur noch Heil in der weltlichen Psychiatrie. Camille blieb unbehelligt, solange der Vater im fernen Villeneuve-sur-Fere die Hand über sie hielt und für ihren Unterhalt aufkam - dann schlug die Familie zu.
Camille erhielt nicht einmal eine Todesanzeige, als der Vater im März 1913 gestorben war, doch ein paar Tage später fuhr ein vergitterter Wagen vor, zwei Männer brachen die Wohnung am Quai de Bourbon auf, in der sie geradezu verbarrikadiert hauste, und schleppten sie weg. Das knapp 20zeilige Gutachten eines praktischen Arztes aus dem Vorderhaus, dem wohl die zänkische, manchmal besoffene Schlampe vom Hinterhof ein Ärgernis war, genügte, um Camille Claudel für den Rest ihres Lebens ins Irrenhaus zu bringen - für 30 Jahre.
Die komplette Krankenakte aus diesen 30 Jahren füllt 15 Buchseiten: kein Wort darüber, daß Camille Claudel Bildhauerin war, zu ihrer Zeit sogar ziemlich berühmt und vielleicht genial. Kein Arzt hat sich je für sie interessiert, aber mancher hat sich vielleicht gefragt, warum diese genügsame, freundliche Frau, die sich sogar ihr Essen selbst kochte, überhaupt eingesperrt war. "Vergiß nie", schreibt sie an Paul, "daß deine Schwester im Gefängnis ist. Im Gefängnis mit lauter Verrückten, die den ganzen Tag schreien, Grimassen schneiden und unfähig sind, drei sinnvolle Worte zu äußern."
Doch auf alle Vorschläge der Anstaltsleitung, Camille zu entlassen, reagierte ihre Mutter rabiat. Sie forderte sogar, jeden Briefkontakt Camilles mit der Außenwelt zu unterbinden, und sie beharrte darauf, daß ihr gemeingefährliches Kind "nie, nie" wieder in Freiheit kommen dürfe. "Sie hat sich selbst in diesen Abgrund gestürzt", schrieb sie, und: "Sie ist ihr eigener Henker gewesen." Haß und Rachsucht dieser Mutterbriefe sind die andere Seite der Claudelschen Familienparanoia. Camille Claudel starb 1943 in der Anstalt Montdevergues bei Avignon. Als tolerantere Nachfahren auf die Idee kamen, die Verlorene heimzuholen in die Familiengruft, war ihr Armengrab längst eingeebnet.
Bruno Nuyttens Film endet im Jahr 1913 mit der Szene des Abtransports in die Anstalt. Im langen Schlußteil erreicht Isabelle Adjani - nun eine gedunsene, grell aufgeschminkte Vettel, die herumkreischt, beduselt bei Clochards am Feuerchen hockt oder sich schaffensbrünstig in Lehmklumpen hineinwühlt - eine Schonungslosigkeit der Exaltation, die die pathetische Märtyrerinnenlegende zu einer wirklichen Sache macht: Ihr zuzuschauen tut weh.
Der phantastische Medienjubel um Camille-Isabelle Adjani-Claudel und der Erfolg des Films sind kein süßer Zufall. Es steckt darin eine zweifache Geste der Wiedergutmachung: Wiedergutmachung an der trotzköpfigen, schwer zu liebenden Isabelle, der man zu oft Unrecht getan hat, und Wiedergutmachung an der unglücklichen, noch immer nicht ganz anerkannten Camille, dem exemplarischen Opfer - Opfer ihrer Familie, Opfer Rodins, aber auch Opfer einer Gesellschaft, in der es für eine Frau, die einfach frei sein wollte, kein Leben gab.
Isabelle hat gesiegt, für Camille, doch im Fach der Heiligendarstellerinnen sieht sie ihre Zukunft nicht. "Ich will mich nicht festlegen lassen, ich will heimatlos bleiben, nomadisch, im Fluß." Ende Oktober, mitten in der Vorbereitung des großen Kinostarts, hat sie ihren Herzensfilm kurzerhand seinem Schicksal überlassen und ist nach Algerien gereist, ins Land des Vaters, erstmals in ihrem Leben. Sie ist vor den rebellischen Studenten der Universität Bouzareah aufgetreten, was man ihr sehr übel nahm, doch vor allem ist sie dem Gerücht nachgegangen, daß das bitterste Erbe der Kolonialherrschaft, die Folter, nun unverändert der Staatspartei und ihrer Armee diene.
Es werde längst nicht so schlimm gefoltert wie früher, wurde ihr offiziös mitgeteilt, doch mit Tonband und Videokamera fand sie Gegenzeugen genug, sogar für das Grausigste, das Foltern von Kindern, um ihre Mütter zum Sprechen zu bringen. Ihre leidenschaftliche Algerien-Reportage in der Zeitschrift "Actuel" hat sie auf eine Weise unterzeichnet, die von einer neuen Wendung, einer neuen Identität sprechen soll: Sie nennt sich nun Isabelle Yasmine Adjani.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 2/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 2/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Ein Engel, der in Tränen schwimmt

  • David Cameron im Interview: "Bereue ich es? Ja!"
  • Klippenspringerin Anna Bader: "Da oben bin ich unantastbar"
  • Buhrufe in Luxemburg: Boris Johnson schwänzt Pressekonferenz
  • Umweltschützer in Wales: "Ich gebe auf - und vielleicht solltet ihr das auch"