12.06.1989

ARCHITEKTURMäzen gesucht

Ein West-Berliner Baulöwe verschmäht den Entwurf einer internationalen Baukünstlerin - und soll nun dafür zahlen.
Die Juroren freuten sich. Der Bauherr hatte sich verpflichtet, die "Herausforderung anzunehmen" und den preisgekrönten extravaganten Entwurf zu realisieren - eingereicht für ein kurioses Gebäude auf einem grotesken Grundstück in allerbester Lage. Damit, so frohlockten die Preisrichter, würde West-Berlin "Architekturgeschichte machen".
Der Architektenwettbewerb fand im Sommer 1986 statt. Gefragt waren Vorschläge für eine Bebauung am oberen Kurfürstendamm, auf einem Restgrundstück, das durch neue Straßenführungen entstanden war: nur 2,72 Meter breit und rund 20 Meter lang - Grundfläche 56 Quadratmeter, Höhe rund 30 Meter. Vom ersten Obergeschoß an sollte der Bau, wie eine Konsole, mit Büroräumen auch den sieben Meter breiten Bürgersteig überragen.
Einstimmig kürten die Preisrichter den Entwurf der irakischen Architektin Zaha Hadid, 38, die in London lebt und seit Jahren die Fachwelt mit ihren fulminanten Visionen von einer neuen Architektur erregt: Wie ein elegant geblähtes Segel hatte die Zeichenkünstlerin eine gläserne Fassade vor den schmalen Bau gesetzt. Argument: Bevor die Stadt "ihre harten Konturen ganz verliert", müsse der "fortschreitenden Verniedlichung" Berlins mit "Injektionen" begegnet werden.
Der Entwurf machte weltweit Furore. Er schmückte die Titelseiten der Fachblätter von New York bis Tokio, avancierte zum Emblem der Baunovität "Dekonstruktivismus" und wurde, als signierter Farbdruck, in Kunstgalerien gehandelt, als "Office Building Kurfürstendamm 70".
Etwas voreilig. Denn der ursprünglich so tapfere Bauherr, der West-Berliner Unternehmer Peter Schiansky, mochte ihn plötzlich nicht mehr. Als sich auch Verwirklichung und Finanzierung des Hadid-Entwurfs als "echte Herausforderung" darstellten, wollte er "dieses blöde Ding" nicht länger.
Schiansky setzte auf "Nummer Sicher": Er rief einen alten Freund in Chicago an, den deutsch-amerikanischen Architektur-Multi Helmut Jahn, und orderte ein neues Modell. Jahn war bei dem Wettbewerb zwar von den Preisrichtern als "eigenartig altmodisch" hintangesetzt worden; doch das hinderte den smarten Hochhaus-Designer (und Darling aller Herrenjournale) nicht, fix einen neuen, ebenso hausbackenen Entwurf zu fertigen, den Schiansky nun im Herbst realisieren will.
Zaha Hadid verhandelte unterdes in London weiter mit der berühmten Ingenieurfirma Ove Arup, die schon oft Unmögliches möglich gemacht hat (von der Sydney-Oper bis zum Centre Pompidou, von der Hongkong-Bank bis zur Louvre-Pyramide) - nicht ahnend, daß sie von ihrem Bauherrn längst abgeschrieben war.
Die Architektin rechnete ab. Noch in diesem Monat wird vor dem West-Berliner Landgericht ihre Klage gegen Schiansky verhandelt: Hadid verlangt Honorar für erbrachte Leistungen in Höhe von 171 875,52 Mark nebst 5 Prozent Zinsen seit dem 30. Juli 1988.
Ihr Anwalt Peter Raue sieht in Schianskys Verhalten eine "Dreistigkeit ungeheuerlichen Ausmaßes" gegenüber einer "international angesehenen" Frau. Tatsächlich hatte der Unternehmer die Künstlerin im September 1986 ausdrücklich als Architektin bestellt und ihr einen detaillierten Vertrag angeboten. Danach ließ er kaum noch von sich hören. Von ihrer Abschiebung erfuhr Hadid dann im Juni 1988 aus der Zeitung.
"Gute Gebäude", meint der West-Berliner Architekt Stefan Schroth, "brauchen nicht nur gute Architekten, sondern auch gute Bauherren." Um den Hadid-Solitär für die Stadt und für die Architekturgeschichte zu retten, richtet er eine bedenkenswerte Forderung an den neuen Senat.
Da Schiansky einer ihm auferlegten Bauverpflichtung nicht termingerecht nachgekommen sei, könnte die Stadt die Übereignung der Parzelle rückgängig machen, den Säumigen entschädigen und für Hadids Modell einen Bauherrenwettbewerb ausschreiben. Das Projekt, so Schroth, würde "mit Sicherheit" einen Mäzen finden. #

DER SPIEGEL 24/1989
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