10.07.1989

NACHRUFAndrej Andrejewitsch Gromyko

Sein mißlauniges Pokergesicht mit den heruntergezogenen Mundwinkeln repräsentierte vier Jahrzehnte lang Aufstieg und Niedergang der Weltmacht UdSSR, beginnend mit den Konferenzen zur Aufteilung Europas in Teheran, Jalta und Potsdam, an denen er teilnahm, und ihren Triumph der Uno-Gründung - mit seiner Unterschrift. Hernach, so formulierte es Gromyko, war kein Problem "auf der gesamten Erdkugel" ohne Zustimmung der Sowjet-Union mehr lösbar.
Und die sagte zu den Interessen anderer Staaten meist durch Gromyko "njet". Er vollstreckte die schiere Machtpolitik, bar jeder modernen Prinzipien wie Selbstbestimmung oder Respekt vor Menschenrechten, aber auch fern ideologischer Zwänge zur Weltrevolution: Es ging ihm allein um die ständig steigende, nur durch Militärmacht gedeckte Grandeur seines Staates, um dessen Präsenz in fernen Erdteilen und die Gleichrangigkeit mit den USA.
Er hielt sich dabei an die Mittel der Kabinettspolitik des 18. Jahrhunderts, an "undemokratische, geheimnistuerische und willkürliche Entscheidungen" (so sein Nachfolger als Außenminister, Eduard Schewardnadse).
Auf der Konferenz von Teheran 1943, sozusagen seinem diplomatischen Oberseminar, hatte Gromyko erlebt, wie Churchill mit dem Verschieben von Streichhölzern das Schicksal Polens entschied, wie Roosevelt die japanischen Kurilen-Inseln Stalin einfach zum Geschenk machte.
Gromykos Taktik, in der er es laut seinem ehemaligen Untergebenen Schewtschenko zur Meisterschaft brachte: die Gegenseite ins Unrecht zu setzen. Verhandlungspartner Kissinger befand, Gromyko verhandele wie "ein kleiner Krämer", nicht wie ein Großkaufmann. Gromyko zu einem Diplomaten: "Sie meinen es vielleicht aufrichtig, Sir, Regierungen nie."
Ihn prägten Sturheit und List eines Bauern aus Belorußland. Sein Vater hatte durch die Kollektivierung den Hof und dann das Leben verloren. Gromyko war 1931 der Partei beigetreten, die ihn studieren ließ.
Mit einer Dissertation über US-Wirtschaftspolitik - erst später wurde er vor Ort der Fließbandarbeit ansichtig - qualifizierte er sich 1939 für den Auswärtigen Dienst, der nach Ablösung des Außenministers Litwinow von Profis geräumt wurde.
Unter der Gnadensonne Stalins stieg er mit 34 Jahren zum Botschafter in den USA auf. Er dankte seinem Förderer mit einer Ergebenheit, die er nachher in klassischer Mitläufer-Manier mit Unwissenheit über die Staatsverbrechen rechtfertigte: Von der Verhaftung der Ehefrau Molotows habe er als Botschafter in London 1952 nicht erfahren.
Der Diktator, dessen Humor laut Gromyko "von allen mit Vergnügen empfunden" wurde, deckte seinen Getreuen gegen den Blut-Staatsanwalt Wyschinski, der ihn des Trotzkismus verdächtigte. Erst am Ende seines Lebens nannte Gromyko in seinem letzten Interview (SPIEGEL 17/1989) Stalin einen "wirklichen Verbrecher".
Gromyko war ja nur ein pflichtbewußter Buchhalter Stalinschen Größenwahns. Er definierte "Meinungsaustausch" so: "Wenn ein Beamter mit seiner Meinung zu seinem Vorgesetzten geht und mit dessen Meinung zurückkehrt."
Diese Art von Loyalität übertrug Gromyko auf den Stalin-Nachfolger Chruschtschow, dessen Nähe zur bäuerlichen Weltsicht ihm gefiel und dem wiederum Gromykos andauernde Ergebenheit behagte: Er folge ihm sogar, witzelte Chruschtschow, wenn er ihm befehle, sich auf einen Eisblock zu setzen. Er machte ihn zum Außenminister, Gromyko behielt dieses Amt 28 Jahre.
Den Bau der Berliner Mauer, Beweis eines Gleichgewichts der Stärke, rechtfertigte er noch 1989. Zu der Chruschtschow-Idee, Kuba, den sowjetischen Vorposten in Amerika, mit Raketen zu bestücken, wurde er gehört. Sein Gutachten: "Das wird eine politische Explosion in den USA auslösen." Chruschtschow schickte die Raketen, Gromyko stellte sich dumm, als er mit Präsident Kennedy darüber sprach.
Er diente Breschnew, den der alleweil Nüchterne für einen Alkoholiker hielt, exekutierte auch dessen Entspannungspolitik - immer abgesichert mit einer Aberwitz-Rüstung, die sich die elende Sowjetwirtschaft nie hätte leisten dürfen.
Als Präsident Nixon die UdSSR für gleichrangig mit den USA erklärt hatte, erhielt Gromyko einen Sitz im Politbüro. Nun endlich war er an den höchsten Entscheidungen direkt beteiligt.
Das erbärmliche Sowjetleben und die Morschheit des Regimes entgingen ihm wohl. Ein Vierteljahrhundert hatte er in den Elfenbeintürmen der Büros und Verhandlungssäle zugebracht, nie mehr den Fuß auf eine Moskauer Straße gesetzt. Er stimmte im Politbüro dem Afghanistan-Abenteuer zu, brach, nun unter Parteichef Andropow, die Verhandlungen über Mittelstreckenwaffen ab und verkündete eine neue "Eiszeit".
Auch damit ließ sich der Niedergang russischer Weltmacht nicht aufhalten. Gromyko witterte die neue Welle: Der Apparatschik stimmte 1985 nicht für den Favoriten des Apparats, den Moskauer Funktionär Wiktor Grischin, als neuen Parteichef, sondern schlug selbst dem ZK das jüngste Politbüromitglied Michail Gorbatschow vor, einen Bauernsohn aus der Provinz: wegen dessen "Dynamik" und seiner "eisernen Zähne". Jedoch: "Der Mann ist gewählt, aber noch nicht das Programm."
Gromyko hielt nicht, wie Gorbatschow, die Demokratie, sondern die Armee für so wichtig "wie die Luft zum Atmen". Er wehrte sich bis zuletzt gegen eine Auflösung der Kolchosen wie gegen die Entlassung Polens aus der Vormundschaft. Damit stellte er sich nun doch noch gegen den Strom: Sogar die "Iswestija" verurteilte inzwischen eine "Anwendung militärisch gewaltsamer Methoden in der Außenpolitik".
Gorbatschow entzog ihm sogleich die Außenpolitik und schob ihn auf den Repräsentationsposten des Staatschefs ab, den er drei Jahre später selbst übernahm. Im April dieses Jahres beging der Pensionär seinen letzten Unterwerfungsakt: Er betrieb das Ausscheiden jener konservativen Veteranen aus dem ZK, deren Altgenossen in Chinas KP jetzt wieder das Sagen haben.
Am vorletzten Sonntag starb Gromyko nach einer Operation, 16 Tage vor seinem 80. Geburtstag. Er wurde im Haus der Sowjetarmee aufgebahrt. Zum zweitklassigen Begräbnis, nicht an der Kreml-Mauer, erschienen weder Gorbatschow noch Schewardnadse, die lieber ihre neue Außenpolitik in Paris vorführten. Nur Grischin kam, der alte, im Stich gelassene Freund.

DER SPIEGEL 28/1989
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