10.07.1989

NACHRUFJanos Kadar

Der Mann mit den Folternarben an beiden Händen war vom Schicksal zum Volkshelden bestimmt. Doch nun wird er in die Geschichte Ungarns als Judas eingehen, der bei dem blutigen Volksaufstand im Oktober 1956 seinen politischen Freund, den damaligen Premier Imre Nagy, verraten und später dem Henker ausgeliefert hat - um die Parteiräson zu retten.
Kadar, Sohn eines Tagelöhners, der mit wirklichem Namen Giovanni Czermanik hieß, stieß schon als Mechanikerlehrling in Budapest zur damals illegalen ungarischen KP und wurde mehrmals verhaftet.
Im Gegensatz zu den meisten Spitzengenossen floh Parteiarbeiter Kadar im Zweiten Weltkrieg nicht in die Sowjet-Union, sondern kämpfte unter Parteichef Laszlo Rajk im politischen Untergrund gegen Besatzer und Faschisten. Nach dem Einmarsch der Sowjetarmee 1944 wurde der Partisan als Budapester Parteichef eingesetzt.
Doch im Machtkampf zwischen den Moskauer Exilanten und der ungarischen Untergrund-KP unterlag Rajk mit seinen Freunden. Rajk, inzwischen Außenminister, wurde als angeblicher "Titoist" und Verräter verhaftet, dann hingerichtet. Welche Rolle Kadar im Prozeß gegen Rajk gespielt hat, blieb bis heute ungeklärt. Auch Kadar, Innenminister, kam vor Gericht und wurde 1951, nach schwerer Folter, zu lebenslanger Haft verurteilt.
Der Sieger im Budapester Grabenkampf war Parteichef Matyas Rakosi, der das Land auf Moskaus Befehl mit harter Hand regierte. Gewaltsam hatte der Stalinist die Landwirtschaft kollektiviert und zugunsten der Schwerindustrie die traditionsreichen ungarischen Kleinbetriebe zerschlagen. Die Produktion sank, und die Unzufriedenheit im Lande wuchs: Dem einst reichen Ungarn drohte eine Hungersnot.
Um die vom Volk isolierte Partei zu stärken, ließ Statthalter Rakosi den verurteilten Kadar 1954 aus dem Gefängnis holen und politisch rehabilitieren. Im Juli 1956, Rakosi war inzwischen gestürzt, stieg der Exhäftling Kadar wieder ins Politbüro auf. Doch um die Weichen neu zu stellen, war es bereits zu spät. Aus einem Studentenprotest wurde Ende Oktober 1956 der Volksaufstand, der den ebenfalls bereits abgesetzten Premier Imre Nagy wieder an die Spitze der Regierung brachte.
Als Nationalkommunist trat Kadar in die Regierung Nagy ein und sollte als Parteichef das Ansehen des verhaßten Kommunismus retten, während in den Straßen von Budapest der Kampf zwischen ungarischen Freiheitskämpfern und den sowjetischen Besatzern tobte.
Als Nagy in einer dramatischen Rundfunkrede Ungarns Austritt aus dem Warschauer Pakt erklärte, verschwand Kadar aus Budapest und meldete sich drei Tage später aus der Kleinstadt Szolnok mit der Bildung einer Gegenregierung. Verstärkte Sowjettruppen schlugen den Aufstand nieder, Nagy und seine Freunde mußten in die jugoslawische Botschaft fliehen.
Kadar versprach seinen ehemaligen Weggenossen freies Geleit. Doch schon vor der Tür wurden die Rebellen verhaftet und nach Rumänien gebracht. Zwei Jahre später verurteilte ein ungarisches Gericht Nagy und drei seiner Anhänger als "Hochverräter" zum Tod durch den Strang und ließ sie hinrichten.
Fortan bestimmte in Ungarn Janos Kadar die Politik - und das für 32 Jahre. Mit seiner Parole: "Wer nicht gegen uns ist, ist für uns" gelang es ihm, weite Teile der Bevölkerung mit dem Regime zu versöhnen. 1968, wenige Wochen nach dem sowjetischen Überfall auf die CSSR, begann in Ungarn ein wirtschaftliches, später auch politisches Reformprogramm, das trotz vieler Hemmnisse Ungarn zum "Schaufenster des Ostens" werden ließ. Als erster kommunistischer Staat ließ Ungarn privates Wirtschaften zu und liberalisierte den Handel. Pressefreiheit und die schrittweise Zulassung einer noch zagen politischen Opposition machte Ungarn schon in den siebziger Jahren zum reformfreudigsten Land im Ostblock.
Kadar hat diese Reformpolitik mutig gedeckt, auch und gerade gegenüber Moskau. Ihm selbst, zu Zeiten Stalins an die Macht gekommen, blieb der Gedanke, daß die Partei freiwillig auf ihr Machtmonopol verzichten soll, aber immer fremd. Die reformbereiten Genossen schoben ihn im Mai vorigen Jahres auf das Altenteil.
Und als führe die Geschichte selbst Regie: Zur gleichen Stunde, als Janos Kadar am vorigen Donnerstag mit 77 Jahren an Altersschwäche starb, gab der Oberste Gerichtshof in Ungarn die volle Rehabilitierung von Imre Nagy bekannt: Er sei zu Unrecht verurteilt und hingerichtet worden.

DER SPIEGEL 28/1989
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