20.02.1989

Atomares Wintex

Die Bundesregierung will den Abgeordneten keine Auskünfte über die am Freitag beginnende Nato-Übung Wintex/Cimex 1989 geben. "Die Dokumente zur Verfügung zu stellen", schrieb Anfang Januar der damalige Verteidigungsstaatssekretär Lothar Rühl dem SPD-Abgeordneten Horst Jungmann, "würde nicht dem Grundsatz ,Kenntnis nur, wenn nötig' (Paragraph 1 der VS-Anweisung für Bundesbehörden) und bestehenden Vorgaben der Nato (,Distaff Eyes Only') entsprechen." Ein Beschwerdebrief Jungmanns an den Verteidigungsminister wurde von Rupert Scholz nicht einmal beantwortet.
Der Grund für die strikte Geheimhaltung: Die Nato will erstmals nicht nur den Ersteinsatz (first use) amerikanischer Atomwaffen üben, sondern auch eine zweite Atomattacke (follow-on use), bei der 25 Atombomben und Atomraketen gezündet werden sollen, mindestens ein Drittel davon auf dem Boden der Bundesrepublik.
Das neue Szenario, in Ereignislisten und Alarmkalendern minutiös ausgearbeitet, hatten die Amerikaner schon im Dezember ihren europäischen Partnern auf einer Sitzung des Nato-Militärausschusses vorgelegt, an der nur die Stabschefs (chief of staff-session) teilnahmen.
Das Kriegsszenario 1989 beginnt ähnlich wie in früheren Jahren: wirtschaftliche Krise in der Sowjet-Union, Krieg im Golf, Unruhen in Jugoslawien, Mobilmachung im Osten, Einmarsch sowjetischer Truppen in Jugoslawien, Mobilmachung im Westen, Angriff des Warschauer Paktes.
Die Allianz hält dem konventionellen sowjetischen Angriff zunächst stand, dann aber - Moskau setzt Giftgas ein - bricht die Front zusammen. Die Nato schießt "atomare Warnschüsse", um den Krieg zu beenden. Weil die Sowjets ihren Angriff nicht stoppen, startet die Nato einen zweiten massiven Atomschlag. Ende der Übung.
Ein "besonderer Gag" (so ein General) des Kriegsszenarios wurde in letzter Minute gestrichen: der Sturz des sowjetischen Staats- und Parteichefs Michail Gorbatschow und die Machtübernahme durch Stalinisten unmittelbar vor der Mobilmachung.

DER SPIEGEL 8/1989
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