17.07.1989

KOMMUNISTENSolche Verräter

Mindestens 242 führende Funktionäre der Kommunistischen Partei Deutschlands wurden Opfer des Stalinismus. DKP und SED tun sich schwer mit ihrer Rehabilitierung.
Auf dem 9. Parteitag der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), im Januar 1989, erhoben sich die Delegierten zum Gedenken an die deutschen Genossen, die "unter Stalin gequält und ermordet" wurden.
Ex-DKP-Chef Kurt Bachmann, der von den Nazis ins KZ gesperrt worden war, beklagte "schwere Verletzungen der sozialistischen Gesetzlichkeit durch Stalin und sein Umfeld". Er meinte damit die Blutsäuberungen in der Sowjet-Union der dreißiger Jahre - die größte Kommunistenverfolgung aller Zeiten. Bachmann ehrte "das Andenken all derer, die umgekommen sind oder gelitten haben".
Umgekommen sind - außer rund einer Million sowjetischer Kommunisten und Millionen sowjetischer Bürger - mindestens 242 führende Funktionäre der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), wahrscheinlich mehr, gelitten haben ganz sicher viel mehr. Vermutlich Tausende deutscher Kommunisten, die vor dem Nazi-Terror in der Sowjet-Union Zuflucht gesucht hatten, wurden verhaftet, davon etliche hundert ermordet.
Rund 4000 Genossen, die auf Befehl der Partei nach Moskau gekommen waren oder freiwillig beim Aufbau des Sozialismus helfen wollten, wurden nach dem Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 "abbefördert" - der Gestapo ausgeliefert. Von 130 Künstlern und Schriftstellern, Sympathisanten der großen Sowjet-Union, sollen rund 90 eingesperrt und die meisten von ihnen im Gulag umgekommen sein - wie die Schauspielerin Carola Neher, die "Polly" in der Verfilmung von Bert Brechts "Dreigroschenoper".
Der Nestor der westdeutschen Kommunismus- und DDR-Forschung, Hermann Weber, hat die - immer noch lückenhafte - Verlustliste zusammengestellt und jetzt veröffentlicht*. Nach dem Krieg war Weber Mitglied der KPD und Absolvent der Ost-Berliner SED-Parteihochschule, 1954 wurde er aus der Partei gesäubert; sein Fazit: "Aus dieser Sicht war die Stalinsche Säuberung für die Kommunisten katastrophaler als der Hitler-Terror."
Von den 127 Delegierten des Gründungsparteitages der KPD zur Jahreswende 1918/19 konnte Weber das Los von 99 erhellen: Vier von ihnen - Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Leo Jogiches, Eugen Levine - wurden 1919 in den Revolutionswirren umgebracht, ebenfalls vier vom Hitler-Regime, sieben unter Stalin.
Von den 43 Mitgliedern und Kandidaten des Politbüros der KPD in der Weimarer Republik, dem höchsten Führungsgremium, wurden in Deutschland fünf Mitglieder - unter ihnen Ernst Thälmann, der im KZ erschossen wurde -, in der Sowjet-Union ebenfalls fünf Mitglieder und zwei Kandidaten ermordet, unter ihnen Hugo Eberlein, Heinz Neumann, Hermann Remmele. Von den 131 Mitgliedern oder Kandidaten des Zentralkomitees (dazu zählten auch die Mitglieder des Politbüros) wurden 19 Opfer des NS-Terrors, mindestens 15, wahrscheinlich 16 Opfer des Stalinismus.
In Deutschland wurden 36 ehemalige Reichstagsabgeordnete der KPD liquidiert, in der Sowjet-Union 13, außerdem je sechs Abgeordnete des Preußischen Landtages und der Hamburger Bürgerschaft sowie ein Abgeordneter des Württembergischen Landtages. Von den insgesamt 504 Funktionären des Zeitraums von 1924 bis 1929 wurden, nach Webers Berechnungen, 86 Opfer Hitlers und 43 Stalins. Von den 376 Funktionären des Zeitraums von 1929 bis 1935 kamen unter Hitler 102, unter Stalin 27 ums Leben.
Als Glasnost-Sowjets darangingen, ihre stalinistische Vergangenheit zu bewältigen und die Opfer der Moskauer Schauprozesse rehabilitierten - Lenins "Liebling der Partei", Nikolai Bucharin, wurde postum wieder in die KPdSU aufgenommen -, wiesen, im April 1988, Weber und andere den sowjetischen Botschafter in Bonn, Julij Kwizinski, brieflich darauf hin, "daß zahlreiche deutsche Kommunisten . . . ebenfalls zu denen gehören, die in der Stalin-Ära liquidiert worden sind".
Der Botschafter rührte sich nicht - wohl aber die westdeutsche DKP, in der "Bewahrer", auf Honecker-Kurs, und "Erneuerer", auf Gorbatschows Reformkurs, um die Vorherrschaft rangeln. Das Parteiorgan "Unsere Zeit" ("UZ") schrieb: "Die deutschen Kommunisten sind natürlich an der vollen Rehabilitierung ihrer Genossen interessiert", und behauptete: "Sie sind alle rehabilitiert", was "UZ"-Leser zu Recht zu der Frage provozierte: "Was heißt Rehabilitierung?"
Wenn sich die Genossen hüben wie drüben mit dem brisanten Thema zu befassen haben, halten sie sich immer noch zurück, die drüben mehr als hüben. Sie verweisen darauf, daß zehn der liquidierten KP-Führer beispielsweise im Leipziger "Biographischen Lexikon" erwähnt werden - eine kommunistische Praxis, Unpersonen stiekum aus der Verbannung zu entlassen. Doch die spärlichen Angaben zur Person vertuschen deren Schicksal eher, als daß sie es aufklären. Zudem wurde das Lexikon einen Monat nach Erscheinen, im Oktober 1970, erst einmal wieder aus dem Verkehr gezogen, angeblich wegen "drucktechnischer Fehler".
Dennoch kommt das bißchen DKP-Glasnost einer Palastrevolte gleich. Immerhin schrieb der Hamburger DKP-Chef Wolfgang Gehrcke: "Stalinismus, das sind unvorstellbare Verbrechen. Doch ich denke, daß wir uns das, was wir auszusprechen beginnen, noch nicht in seiner Tragweite erarbeitet haben." Die Genossen Geldgeber in Ost-Berlin dürfen sich düpiert fühlen. Noch ist undenkbar, daß sich die Abgeordneten der Volkskammer zu Ehren der Stalin-Opfer erheben.
Zu Lebzeiten des Kreml-Diktators veröffentlichte die SED die Tiraden des Hauptanklägers in den Moskauer Schauprozessen, Andrej Wyschinski, als "lebendiges Stück Geschichte jenes heldenhaften Kampfes . . . gegen die Wühl- und Sabotagearbeit der trotzkistischen Agenten des Imperialismus". Im Prozeß gegen den KPD-Ideologen Fritz David, der beschuldigt worden war, ein Attentat auf Stalin geplant zu haben, hatte Wyschinski - von 1949 bis 1953 sowjetischer Außenminister - getobt wie später der Präsident des Berliner Volksgerichtshofs, Roland Freisler: "Lügner und Clowns, elende Pygmäen, Möpse und Kläffer . . . Nicht Politiker, sondern eine Bande von Mördern . . . Ich fordere, daß diese toll gewordenen Hunde allesamt erschossen werden."
Noch nach Stalins Tod, bei der Entmachtung des SED-Politbüromitglieds Franz Dahlem, erinnerte die SED an die Säuberungen, an "solche Verräter wie Remmele, Neumann, Schubert, Schulte und andere", deren Gruppen "zerschlagen" worden seien.
Erst 1966, in der achtbändigen "Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung", wurden zwölf der liquidierten Genossen namentlich erwähnt; daß sie dem Stalin-Terror zum Opfer fielen, wurde allerdings verschwiegen. Im Register finden sich nur die Geburts-, nicht aber auch die Todesdaten - als lebten sie damals noch.
Über Stalins Säuberungen hieß es in dem 5000-Seiten-Werk ebenso lapidar wie teils rechtfertigend:
Diese Maßnahmen richteten sich sowohl gegen die politisch geschlagenen oppositionellen Gruppen . . . als auch gegen ehrliche, der Sache der Partei treu ergebene Funktionäre, Kommunisten und Parteilose. Viele von ihnen wurden verhaftet, zu langjährigen Freiheitsstrafen oder zum Tode verurteilt. Darunter fielen auch eine Anzahl Mitglieder und verantwortliche Funktionäre der Kommunistischen Partei Deutschlands.
Am gleichen Tag, dem 14. Juni 1988, da die Moskauer "Iswestija" die Rehabilitierung der Opfer der Schauprozesse von 1936 und 1937 meldete, äußerte sich die SED wieder öffentlich in Sachen eigener Vergangenheitsbewältigung, wiederum irreführend. In ihren "Thesen" zum 70. Jahrestag der KPD-Gründung blieb die Partei bei ihrer Sprachregelung.
Wieder wurden nur zehn prominente Funktionäre genannt, die, hieß es ausweichend, "ungerechtfertigten Repressalien" ausgesetzt gewesen seien.
Daß jedoch - bis auf drei - alle KPD-Spitzenfunktionäre im Moskauer Exil ermordet wurden, wird weiter unterschlagen. Von den Überlebenden kamen Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck in der DDR zu Amt und Würden.
1936, nach dem ersten der drei großen Schauprozesse, in denen die alte Garde der Bolschewiki und auch deutsche Genossen zum Tode verurteilt worden waren, unterschrieben Ulbricht und Pieck eine Resolution des KPD-Zentralkomitees, in der es hieß: "Die Kommunistische Partei Deutschlands vereint ihre Stimme mit der Forderung des von Empörung und Zorn erfüllten 170-Millionen-Volkes der Sowjet-Union auf schonungslose Ausrottung des menschlichen Abschaums der trotzkistisch-sinowjewistischen Mörderbande."

DER SPIEGEL 29/1989
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