19.06.1989

„Wenn das in die Hose geht . . .“

Nur eine Rücktrittsdrohung und die Koalitionsräson machten es möglich: Trotz verharmlosender Sprüche zur Waffen-SS blieb der Kohl-Sprecher Hans Klein vorige Woche im Bundestag ungeschoren.
SPD und Grüne wollten den erst vor wenigen Wochen zum Regierungssprecher gekürten Klein vom Parlament tadeln lassen, weil er in einem Illustrierten-Interview eine Art Ehrenerklärung für Hitlers Waffen-SS abgegeben hatte. Die seien, so hatte Klein historisiert, "doch eine kämpfende Truppe", "keine Verbrecher" gewesen.
Auch zahlreiche Liberale hatten mit Entsetzen den Unionsversuch verfolgt, sich am äußersten rechten Rand des Wahlvolks anzubiedern. Helmut Kohl möge sich "namens der Bundesregierung unmißverständlich distanzieren und eine Wiederholung nicht zulassen", forderte die FDP-Parlamentarierin Hildegard Hamm-Brücher.
Sogar der Wirtschaftsflügel der Liberalen war schockiert. Fraktionsvize Wolfgang Weng: "Das ist politisch und historisch so daneben, das darf man nicht hinnehmen."
Aufgeschreckt durch die Ankündigung des FDP-Fraktionschefs Wolfgang Mischnick, einigen FDP-Abgeordneten werde es "schwerfallen", den Anträgen der Oppositionsparteien "nicht zuzustimmen", zwang Klein die Liberalen mit einer unverhohlenen Drohung zur Koalitionsdisziplin: "Wenn das in die Hose geht, trete ich zurück."
Die Liberalen zeigten Wirkung: Als sich ihnen am vorigen Donnerstag im Parlament die Chance bot, ihre Kritik offen kundzutun, zuckten sie zurück. Nur wenige tadelten Klein, enthielten sich oder hatten sich gleich ganz verdrückt. Die Mehrheit klatschte mit den Klein-Kritikern, stimmte aber gegen sie.

DER SPIEGEL 25/1989
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