20.02.1989

„Stuhlgang in Ordnung halten“

Hermann Görings „F.A.“ - der geheimste Nachrichtendienst der Nationalsozialisten
Das Datum der Unterhaltung ist bekannt, auch die Uhrzeit - auf die Minute genau.
Am 24. September 1938, Punkt 11.24 Uhr, telephonierte der tschechoslowakische Gesandte Jan Masaryk aus London mit seinem Staatspräsidenten Eduard Benesch in Prag. Volk und Vaterland waren in Gefahr, denn Adolf Hitler wollte das Sudetenland heim ins Reich holen - oder aber, bei Weigerung, "blitzartig schnell" die "Tschechei zerschlagen".
Viele Engländer hegten Sympathie für die schwächere CSR, die seit Monaten einen diplomatischen Kampf ums Überleben führte. So entspann sich, an jenem Samstag vormittag, über die internationale Leitung ein rührendes Gespräch.
Masaryk: Herr Präsident, hier bewundert man unser Volk sehr, ohne Unterschied von Klasse und Partei . . . Man bewundert die Disziplin, die Schönheit und Anständigkeit unseres Volkes.
Benesch: Das ist sehr gut. Das ist wahr.
Masaryk: Daß ich Sie gern habe, wissen Sie. Geben Sie Ännchen* einen Kuß, und passen Sie auf sich auf.
Benesch: Ja, ja. Sie können sich gar nicht vorstellen, was ich durchgemacht habe.
Masaryk: Ja, das muß schlimm gewesen sein, aber Sie haben doch noch guten Schlaf?
Benesch: Ja.
Masaryk: Die Hauptsache ist guter Schlaf und den Stuhlgang in Ordnung halten.
Sechs Tage danach wurde das Münchener Abkommen unterzeichnet, das die CSR teilte und Benesch um Schlaf und Wohlbefinden brachte. Heute noch, ein halbes Jahrhundert später, läßt sich das traute Zwiegespräch über mehr als 1000 Kilometer hinweg Wort für Wort nachlesen - es wird, unter dem Aktenzeichen FO 371/21742/3485, im Londoner Public Record Office, dem britischen Staatsarchiv, aufbewahrt.
Das schriftliche Protokoll gehört zu den wenigen Beweisstücken, die etwas über das "Forschungsamt" (Dienstkürzel: "F.A.") enthüllen, die geheimste NS-Behörde für Lauschangriffe.
Hinter dem harmlos klingenden, aber richtungweisenden Tarnnamen verbarg sich ein hochtechnisierter Nachrichtendienst, der alles aufzufangen und auszuwerten suchte, was durch die Luft schwirrte oder durch die Leitungen ging - ganz ähnlich wie heute die weltweit operierende National Security Agency (NSA) der Amerikaner.
Abgefangen, abgehorcht und ausgewertet wurden
sämtliche Telegramme, allein in Berlin waren es täglich über 40 000,
der ausländische Funkverkehr, vor allem der russische, aber auch der amerikanische und britische,
die Fernschreiben der Botschaften und Missionen,
Mitteilungen der ausländischen Rundfunksender und Nachrichtenagenturen wie Havas, Associated Press oder Reuter,
internationale Telephonleitungen, die Reichsdeutschland kreuzten, oder nationale mit Gesprächspartnern, an denen die NS-Machthaber Interesse hatten.
"Das Amt", resümierte der Leiter des Auslandsnachrichtendienstes im Reichssicherheitshauptamt, Walter Schellenberg, "betrieb in weltweitem Maßstabe die gesamte Telephon- und Funküberwachung."
Oberster Chef der amtlichen Lauscher war seit der Gründung im Frühjahr 1933 bis zum Ende Hermann Göring, dem das Amt persönlich unterstellt worden war. Das "F.A." verzichtete, wie der frühere Referatsleiter Ulrich Kittel schrieb, auf " jegliche aktive Nachrichtenbeschaffung, etwa durch Agenten".
Göring war nicht nur Boß über die 3500 Spezialisten (Etat: 25 Millionen Reichsmark), die formal seinem Reichsluftfahrtministerium angegliedert waren und deshalb bei Bedarf auch Fliegeruniform trugen. Göring übernahm gleichzeitig die Rolle des Kontrolleurs: Er entschied, in einem besonderen Genehmigungsverfahren, wer, wann und wie lange abgehört werden durfte oder mußte.
Das Forschungsamt, das in der Berliner Schillerstraße residierte, besaß anfangs - hochoffiziell - als einzige Reichsbehörde die Genehmigung zur "Fernsprecherfassung von wichtigen Nachrichten". Als Handlanger beim Abhören betätigte sich die Reichspost mit ihrer Technik.
Die Horcher saßen, gut abgeschirmt, in den großen Postdirektionen des Deutschen Reichs, später auch in den besetzten Gebieten. Jeder beobachtete, je nach Auftrag, 10 bis 20 Leitungen gleichzeitig und zeichnete "besonders wichtig erscheinende Gespräche" (Kittel) mit Hilfe stählerner Tonbänder auf.
Unmittelbar nach Ende eines Gesprächs formulierte der Erfasser einen Extrakt, meist in indirekter Rede. Per Rohrpost oder auf Telex-Sonderleitungen wurden die Texte ins Amt übermittelt und noch einmal gestrafft; Mitarbeiter einer Sonderabteilung schrieben dann die wesentlichen Zeilen auf braunem Papier nieder.
Diese "Braunen Blätter" oder "Braunen Vögel", wie sie im internen Sprachgebrauch hießen, besaßen Dokumentencharakter. Sie waren als "Geheime Reichssache", damals die höchste Geheimhaltungsstufe, klassifiziert und trugen Seite für Seite den Hinweis: "Dies ist ein Staatsgeheimnis im Sinne des Reichsstrafgesetzbuches (Abschnitt Landesverrat) . . . Empfänger haftet für sichere Aufbewahrung im Geheimschrank . . . Verstoß hiergegen zieht schwerste Strafe nach sich."
Der Verteiler richtete sich an wenige, ausgesuchte Adressen. Ein Kurier brachte die "Braunen Blätter" zu Hitler, zu Propagandaminister Joseph Goebbels, zu den Spitzen des Außenministeriums, des Oberkommandos der Wehrmacht oder des Wirtschaftsministeriums. Da Göring die Verteilung steuern konnte, war das Forschungsamt für ihn, so schreibt sein Biograph Alfred Kube, "Informations- und Machtorgan zugleich".
Görings Lauscher fingen nicht nur die großen Nachrichten aus Politik und Wirtschaft auf. Die Ufa-Schauspielerin Lida Baarova ("Barcarole", "Die Stunde der Versuchung") wurde abgehört, weil sie mit Goebbels schmuste, der berüchtigte Gauleiter Julius Streicher, weil er immerzu als unsicherer Kantonist galt. Hitlers Adjutant Fritz Wiedemann war ebenso Überwachungsopfer wie die englische Lady Unity Mitford, eine glühende Verehrerin Adolf Hitlers.
Am - belauschten - Telephon äußerte sich die Frau des Frankreich-Botschafters Otto Abetz "in einer sehr leichtsinnigen Weise französischen Politikern gegenüber", vermerkte Goebbels in seinem Tagebuch. Suzanne Abetz war Französin, und Goebbels schlußfolgerte, "ein Beweis dafür, daß Diplomaten nur in der eigenen Volksfamilie heiraten dürfen".
Eine Generalsfrau sagte zur anderen: "Du, weißt du schon den neuesten Witz über die Nazis? Ohne i hat es jeder, mit i möchte es jeder sein." Kurze Pause, dann die Lösung: "Arisch."
Göring, berichtet der erste Gestapo-Chef Rudolf Diels, habe bei der Lektüre am Frühstückstisch "schallend" gelacht. Andere "Braune Blätter" verdarben ihm schon morgens die gute Laune.
Der brandenburgische Oberpräsident Wilhelm Kube nannte den Reichsluftfahrtminister am Fernsprecher despektierlich den "dicken Kerl"; Vetter Herbert Göring machte "hemmungslos über den großen Verwandten witzige und bösartige Bemerkungen" (Diels); mal sprach er vom "Lohengrin", mal von "Hermann dem Schrecklichen".
Zwar war es "grundsätzlich verboten", Telephonate "führender Persönlichkeiten aus Staat, Partei und Wehrmacht" (Kittel) abzuhören oder auszuwerten, auch wenn ein Lauscher zufällig in die Leitung geraten war. Göring machte für sich eine Ausnahme.
Er gab Weisung, sein Telephon anzuzapfen und die Gespräche niederzuschreiben. So wollte Göring "wahrscheinlich", wie Kittel vermutet, "über seine Äußerungen eine gewisse Selbstkontrolle haben".
Kurz vor Ende des Krieges entledigten sich die Nachrichtendienstler auf Weisung von oben ihrer Archive und vernichteten dabei "zum Teil unersetzliche Werte", wie der Ex-Referatsleiter Kittel befand: "Tag und Nacht brannten die Feuer vor den einzelnen Unterkünften . . ."
Nach dem Krieg blieben die Einrichtungen des Forschungsamtes "Eigentum der Post und wurden für ihre Zwecke verwandt" (Kittel). Statt der Deutschen lauschten jetzt die Amerikaner.

DER SPIEGEL 8/1989
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