16.01.1989

RUNDFUNKInfantiler Machiavellist

Eine Empfehlung der Kanzler-Gattin erweist sich als Flop: Edmund Gruber ruiniert den Deutschlandfunk.
Der CSU-Bundestagsabgeordnete Reinhold Kreile wurde beim Kanzler vorstellig. Als Verwaltungsratsvorsitzender des Deutschlandfunks (DLF) wollte Kreile von Helmut Kohl erfahren, wen der Regierungschef für den Intendantenposten des Kölner Senders empfehle. Der Kanzler: "Das wissen Sie doch." Kreile: "Ich weiß nur, wen Ihre Gattin möchte."
Hannelore Kohl hat, das wissen alle in der Union, ein Faible für Edmund Gruber. Der konservative Bayer achtet auf gute Manieren und gefällt sich in der Rolle des Salon-Plauderers.
Da mochte auch Kreile nicht widerstehen und schlug "Charming Eddie" Ende vorletzten Jahres als DLF-Intendanten vor. Bei den Machtverhältnissen im Sender, wo die Christliberalen das Sagen haben, war der Rest reine Formsache.
Das haben sie nun davon. Seit zehn Monaten wirkt Gruber in Köln (17 000 Mark Monatssalär), und seitdem ist der Deutschlandfunk auf allen Frequenzen gestört: schlechte Stimmung in der Redaktion, Chaos allenthalben. Der smarte Chef verliert zeitweise den Überblick, hat sich zwischen den Fronten verirrt. Der sendungsbewußte Intendant probiert ein Stück, das im Programm so nicht vorgesehen war - einer gegen alle.
Gruber legt sich mit Linken und Rechten an. Einige seiner Parteifreunde im Sender verkehren nur noch über Anwalt mit ihm. Die "Arbeit und der Frieden der Dienststelle", stellte Mitte voriger Woche der Personalrat fest, seien derzeit beeinträchtigt. Eddies Spitzname: "Totengruber des Deutschlandfunks".
Grubers Standardspruch für gute Programme - "konkret, kompakt, kompetent" - haben seine Gegner umgewandelt. Das Dritte "k" steht für "kaputt", Gruber steht darüber: "Ich habe viele Neider."
Das empfand er auch in Hamburg schon so, wo Edmund Gruber sieben Jahre als Chefredakteur von "ARD Aktuell" bei der Nachrichten-Auswahl von "Tagesschau" und "Tagesthemen" mitmischte. Allein sein Förderer Helmut Kohl, der den früheren Auslandskorrespondenten an die Alster empfohlen hatte, war mit dem "Einzelkämpfer" (Gruber über Gruber) uneingeschränkt zufrieden.
Die Linken hat er tüchtig gezaust, die Redaktionsstrukturen völlig umgekrempelt. Gruber in der Schlacht: "Wer gegen mich ist, wird vernichtet." Der Mann sei "so schwarz", kommentierte Kabarettist Dieter Hildebrandt, daß er "Ruß hustet".
Als Gruber 1983 schließlich nach langen Kämpfen wiedergewählt wurde, jubelte CDU-Medienexperte Christian Schwarz-Schilling über einen Vorgang von "historischer Bedeutung". Der Mann, lobte ihn Eduard Ackermann, des Kanzlers treuester Vasall, habe sich "in sehr schwierigen Positionen behauptet".
Ackermann und einige Unionsräte beim Sender sehen das inzwischen etwas anders. Manche bedauern, daß sie sich ihren Favoriten, den Staatssekretär und innerdeutschen Experten Ludwig Rehlinger, von Kohl und Geißler haben ausreden lassen. "Aber wir können doch nicht sagen", klagt ein CDU-Rundfunkrat, "daß wir bei Eddies Wahl betrunken waren."
Christdemokrat Gruber steigert sich bei solchen Anwürfen in Rage: "Freund, Feind, Todfeind, Parteifreund."
Dabei wollte er bei seinem Wechsel nach Köln ein ganz anderer werden. Umgänglich wollte er sein, ein "Intendant zum Anfassen". Der neue Gruber sei auch in Hamburg schon in Ansätzen erkennbar gewesen. Nur habe ihn der "Blasebalg" Räuker, der damalige NDR-Intendant, in die Konfrontation getrieben. Aus den Fehlern habe er gelernt.
Manche DLF-Linke, die nach Grubers eigener Einschätzung einen "schwarzen Zwerg" aus dem Norden erwartet hatten, erleben jetzt einen Gönner. Ein SPD-Stadtrat aus Porz wunderte sich, daß er stellvertretender Nachrichtenchef wurde, und dem sozialdemokratischen Personalratschef Erhard Barunke wird die Zuwendung schon peinlich.
Gleich um drei Gehaltsstufen würde er, ginge es nach einem Gruber-Vorschlag, nach oben klettern. Barunke fürchtet um seinen Ruf. Er "akzeptiere" zwar den Ausweis seiner Stelle "voll und ganz", schrieb der SPD-Mann vor Weihnachten dem Intendanten, bat aber gleichzeitig um ein "klärendes Wort", mit dem Gruber der Belegschaft darlegen soll, daß er sich in seiner Funktion als Personalratschef damit nicht "den Schneid abkaufen" lasse.
Der Deutschlandfunk (725 Beschäftigte), neben der Deutschen Welle der einzige Bundessender, strahlt elf fremdsprachige Programme aus und beliefert bevorzugt die DDR mit drahtloser Lebenshilfe aus dem Äther. Selbst im Ost-Berliner Politbüro findet der Sender Aufmerksamkeit.
Gruber kennt die DDR nur von Verwandtenbesuchen, hat beim Hörfunk vorher nie gearbeitet, aber "wer mich kennt", sagt er, "weiß, daß ich ein harter Arbeiter bin und ein ganz zäher Bursche".
Der tolle Eddie ist, ganz ohne Blasebalg, längst wieder der alte. "Ich werde hier mit jedem fertig", tönt er großspurig und empfiehlt allen Zweiflern, sich "mal bei der Tagesschau in Hamburg" zu erkundigen. Auch mit dem damaligen Intendanten Räuker sei er fertig geworden, prahlte er vor einem leitenden Mitarbeiter. Gruber: "Und was ist aus dem geworden? Der hatte einen Herzinfarkt, und ich bin jetzt Intendant."
Mit Unmut registrieren die Unionsräte solche Sprüche und beklagen, wie Gruber im Sender wütet, ob im eigenen oder im gegnerischen Lager. Den liberalen Direktor für Aktuelles, Dettmar Cramer, drangsaliert er mit eigenwilliger Programm-Politik. Den langjährigen Verwaltungsdirektor und Justitiar Klaus Prissok belehrte er schriftlich, wenn er dessen Meinung hören wollte, würde er ihm das mitteilen. Und auch mit dem stramm rechten DLF-Pressechef Helmut Rülke, einst Sprecher der CSU-Landesgruppe in Bonn und stellvertretender Vorsitzender der "Vereinigung der Freunde der CSU in Bonn", liegt Gruber im Dauerclinch.
Der Ruf Grubers zieht Kreise, auch außerhalb der DLF-Kanäle. Der Kölner Soziologie-Professor Erwin K. Scheuch nennt seinen Parteifreund einen "infantilen Machiavellisten". Das sage er jedem, der es hören wolle.
Scheuchs Ehefrau Ute, eine promovierte Diplom-Pädagogin und seit 25 Jahren beim Sender, hatte sich im Juli um eine höher dotierte Position beworben - bis dahin ganz normal.
Ungewöhnlich nur, was dann folgte. Gruber tauchte eines Abends beim Ehepaar Scheuch auf. Beim Plausch soll er, so die Scheuchs, einen Deal vorgeschlagen haben. Wenn Gattin Ute, eine aktive CDU-Frau, die Bewerbung zurückziehe, werde er ihr 1989 eine adäquate Position bieten können. Er wolle den Posten an eine Frau der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung vergeben, die er gut kenne.
Außerdem könne Ehemann Scheuch bei einvernehmlicher Lösung mit einem gutdotierten Forschungsauftrag vom Deutschlandfunk rechnen - ein Angebot, das Gruber bestreitet: "Wer das sagt, der lügt." Aber: Er nahm die Dame von der Stiftung.
Was Gruber auch anpackt, fast alles geht daneben. So wollte er die Hauptabteilung Kultur auflösen und mit dem politischen Ressort verschmelzen. Es kam zum Aufstand im Sender. Auch der Verwaltungsratschef und Musikfreund Kreile, bei der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth und im Vorstand der Münchner Richard-Strauss-Gesellschaft aktiv, legte sich quer: "Kultur wird dort, wo ich bin, nicht abgebaut und auch nicht benachteiligt", erklärte der Münchner Professor. Die Pläne wurden zu Makulatur.
Auch eine frühzeitig angekündigte große Programm-Reform ging schief. Die Bonn-TV Medien-GmbH hatte für Gruber ein neues Konzept entwickelt. Nach dem Vorbild eines Informationsprogramms von Radio France sollte der DLF werktags zwischen 5 und 17 Uhr ein reiner Wortsender werden - ohne Musik, nur knappe Informationsbeiträge, viermal stündlich Nachrichten. Die schnellsten Reporter sollten mobile Telephone bekommen, jederzeit auf Draht sein. "Radio Atemlos", frotzelten die Mitarbeiter.
Doch der DLF, der wegen seiner ausführlichen Hintergrundsendungen und anspruchsvollen Berichte geschätzt wird, läßt sich mit Radio France nicht vergleichen. Die Franzosen unterhalten noch weitere drei landesweite Programme, wer etwas anderes hören will, hat Alternativen. Der Deutschlandfunk aber hat nur ein Programm.
Die internen Tumulte drangen bis in den Rundfunk- und Verwaltungsrat, Gruber bekam einiges zu hören. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Gerhard Reddemann kommentierte süffisant, für dieses Programm brauche Gruber Boulevard-Journalisten, und die seien ja reichlich zu haben. Dem sozialdemokratischen Abgeordneten Klaus-Dieter Kühbacher nannte er auf Anfrage die Kosten des Projekts. Gruber: "60 000 Mark". Der Genosse: "Nicht mehr?" - "Nein." "Gibt es zwei Verträge?" - "Nein." Verwaltungsratsvize Kühbacher: "Ich weiß schon, warum ich frage."
Doch es gibt einen zweiten Vertrag mit der Bonner Firma über "PR-Empfehlungen" für eine neue Programmstruktur. Beide Verträge, die das gleiche Datum tragen, addieren sich auf 111 720 Mark. Der Intendant hat jedoch ein Ausgabenlimit von 100 000 Mark. Was darüber liegt, müssen die sieben Verwaltungsräte genehmigen - für Gruber ein heikler Vorgang.
Die Expertisen wurden von der Redaktion auf einer Klausurtagung abgelehnt. Die große Programm-Reform gilt als gescheitert, den hektischen Wortsender wird es nicht geben. In dieser Woche wird Intendant Gruber den Räten eine Schrumpf-Version präsentieren.
Wenn er die Reform nicht durchsetzen könne, vertraute Gruber im Dezember einigen Ratsmitgliedern der Union an, müsse er nicht in Köln bleiben. Das sollte er besser nicht noch mal sagen.
Deutschlandfunk-Intendant Gruber: "Ich werde mit jedem fertig"
DLF-Funkhaus in Köln "Konkret, kompakt, kaputt"

DER SPIEGEL 3/1989
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