19.06.1989

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ARD und ZDF planen ein neues Mittagsmagazin. Chef der Sendung im Ersten Programm wird ein Rechtsaußen-Journalist vom Bayerischen Rundfunk.
Bei der Ansiedlung von Medien mit bundesweiter Bedeutung fühlten sich die Machthaber in Bayern seit je zu kurz gekommen. "Bunte", "Süddeutsche Zeitung" - alles schön und gut, aber die für sie wichtigste Gruppe zentraler Nachrichtenträger, denen sie die größte politische Wirkung zuschreiben, ist im Freistaat schwach vertreten.
"Alles ballt sich in Hamburg", klagte der CSU-Medienpolitiker und derzeitige Innenminister Edmund Stoiber einmal, "die Deutsche Presse-Agentur und der SPIEGEL, Sat-1-,Blick' und ,ARD aktuell'." Doch das wird sich nun ändern.
Am 2. Oktober startet in München ein neues ARD-Mittagsmagazin, das der Bayerische Rundfunk (BR) den Hamburgern entrissen hat. Mittags um eins wird den Deutschen der Zustand der Welt auf bajuwarisch erklärt. Die vorangestellte "Tagesschau" aus Hamburg wird von bisher 15 auf 5 Minuten gestutzt, damit das Bayern-Team 40 Minuten lang Live-Schaltungen vorführen, Studiogäste interviewen und Mittagsberichte aus den anderen Bundesländern abspielen kann.
Den eigentlichen Clou der Veranstaltung bekamen die übrigen ARD-Anstalten, die dem BR den Zuschlag für das Mittagsmagazin erteilt hatten, zunächst eher am Rande mit: Zum Chefplaner und Koordinator der News-Show im Ersten Programm wurde vom Bayernfunk ein erzkonservativer Journalist ernannt, der in ARD-Kreisen als "notorischer Parteiagitator" gilt: der Münchner "Report"-Moderator Heinz Klaus Mertes, 46.
Damit werde "der Bock zum Gärtner gemacht", wettern ARD-Kollegen nun, Mertes habe sich bisher doch nur als "Hofnachrichtenlieferant für schwarze Regenten" hervorgetan. Ulrich Kienzle, TV-Redaktionschef bei Radio Bremen, platzte Mitte Mai auf einer ARD-Konferenz in Berlin heraus, den Münchner Mertes dürfe man ja neuerdings sogar von Gerichts wegen als Nachrichtenfälscher bezeichnen.
Kienzle spielte damit auf einen Prozeß vor dem Münchner Landgericht an, wo Mertes im Frühjahr verlangt hatte, der Bayern-SPD den gegen ihn erhobenen Vorwurf der "Nachrichtenfälschung" zu untersagen.
Doch die Richter stellten fest, der Journalist, Leiter der Redaktionsgruppe "Aktuelles und Report" beim Münchner Fernsehen, sei sehr wohl für einen Fall von "Nachrichtenunterdrückung" verantwortlich: Eine schon fertige Meldung über die Forderung von Bayerns Junge-Union-Chef Gerd Müller, 32, nach der Todesstrafe für Rauschgifthändler war auf Weisung von Mertes entschärft worden; gemeldet wurde das Verlangen Müllers nach "härteren Strafen" für Dealer. Mertes-Motto, laut SPD-Fraktionssprecher Julian Gyger in München: "Hier fälscht der Chef selbst."
Die SPD, entschied das Landgericht im Mai in erster Instanz, dürfe den Fälschungsvorwurf gegen Mertes aufrechterhalten. Doch weder dieses blamable Urteil noch andere Vorwürfe wegen der mangelnden Wahrheitsliebe des "Report"-Chefs hindern die BR-Verantwortlichen an weiteren Gunstbeweisen für Mertes.
Der ARD wurde Mertes, Polizistensohn aus dem Eifel-Ort Prüm, als verantwortlicher Planer des Mittagsmagazins zunächst verschwiegen. Erst zwei Monate nach der Projektvergabe an die Münchner tauchte sein Name, am 10. Mai in Berlin, wie beiläufig in einer BR-Vorlage für die Runde der ARD-Chefredakteure auf. Die gleichzeitig in Berlin tagenden Intendanten erfuhren davon nichts. Die Redaktionschefs fanden die Vorlage so dürftig, daß sie ihren Münchner Kollegen Heinz Burghart damit wieder nach Hause schickten und um Überarbeitung baten.
Dabei hatte es schon Mitte letzten Jahres fortgeschrittene Pläne für ein Mittagsmagazin gegeben, dem die ARD-Chefredakteure auch zugestimmt hatten. Zusammenmixen sollten die Sendung (Arbeitstitel: "Heute mittag - Das Magazin im 1.") die "Tagesschau"-Redakteure von "ARD aktuell" in Hamburg und die Hessenfunk-Leute am zentralen Schaltstern in Frankfurt.
Doch das Vorhaben wurde nach ARD-Manier so lange zerredet, bis schließlich ZDF-Intendant Dieter Stolte letzten Dezember auf gemeinsame Realisierung drängte - ein 13-Uhr-Magazin in wöchentlichem Wechsel von ARD und ZDF. Seine Begründung: Die meist sendefreie "Mittagslücke" nach dem öffentlich-rechtlichen Vormittagsprogramm dürfe nicht kampflos dem Unterhaltungstrubel der Privatsender RTL plus und Sat 1 überlassen bleiben. Die Kollegen vom Ersten stimmten zu.
Nun köderte der Bayernfunk die Partnersender mit dem Angebot, die wesentlichen Kosten für den ARD-Teil der Sendungen allein zu übernehmen. Der Intendant der finanzstärksten ARD-Anstalt, Friedrich Nowottny vom Westdeutschen Rundfunk in Köln, ließ sich wie üblich von den konservativen Kollegen überspielen. Nowottny gab sich, obwohl vom Kölner Rundfunkrat mit der Schaffung eines Mittagsmagazins beauftragt, mit der Zuständigkeit für ein künftiges Frühstücksfernsehen zufrieden. Das aber genießt bei der ARD, wegen voraussichtlich geringer Einschaltquoten, "keine hohe Priorität".
Auch für "ARD aktuell", die Hamburger Zentralredaktion von "Tagesschau" und "Tagesthemen", rührte sich keine Hand mehr. Der konservativen ARD-Mehrheit ist, nach hartnäckiger Unionskritik an den noch halbwegs unabhängigen Nachrichtensendungen, das Aushängeschild der ARD politisch lästig geworden.
Alles lief daher auf die Bayern zu, die der ARD den Zuschlag sogleich mit der journalistischen Zumutung der Mertes-Personalie vergalten. Der Mann, der die Deutschen künftig zur Mittagszeit mit der "Fortschreibung der Tagesereignisse" (Mertes) beglücken will, macht immer wieder durch sein merkwürdiges Realitätsverständnis von sich reden.
Ringsumher in der Medienwelt, bei ARD, ZDF und nun auch beim Privatfernsehen, kann er nur Linkes entdecken. Es stütze sich, klagte Mertes kürzlich in einem Vortrag vor der Konrad-Adenauer-Stiftung, auf "linke, moralisch gewendete Kompensationsbedürfnisse der bürgerlichen Mehrheit", deren Ausbeutung schon "Bertelsmann groß gemacht hat und die, wenn ich das richtig werte, sich derzeit auch zur Unternehmensphilosophie von Springer" entwickeln.
Seit Mertes als "Report"-Chef amtiert, erregt seine Sendung ständig Anstoß mit fragwürdigen journalistischen Methoden. So mußten letztes Jahr aktuelle Zitate von Autor Bernt Engelmann für politische "Report"-Kritik am Verband deutscher Schriftsteller (VS) herhalten, obwohl Engelmann schon vier Jahre zuvor aus dem VS-Vorstand ausgeschieden war.
Ein andermal wurden der Evangelischen Kirche in Norddeutschland Linkstendenzen unterstellt, weil ein Kind angeblich wegen der Tätigkeit der Mutter im Kernkraftwerk Brokdorf zunächst nicht getauft worden sei; der wirkliche Grund dafür war der Kirchenaustritt der Eltern gewesen. Der Fernsehbeauftragte der Evangelischen Kirche, Hans-Wolfgang Heßler, vermißte an dem "Report"-Beitrag "selbst das Mindestmaß an journalistischer Redlichkeit".
Geradezu haßerfüllt verfolgte TV-Mann Mertes den Zusammenschluß mehrerer Gewerkschaften zur IG Medien, den er im April als "größte Gleichschaltungsaktion in der deutschen Mediengeschichte seit fünfeinhalb Jahrzehnten" schmähte. Nach Protesten gegen diese Anspielung des "Report"-Moderators auf die Nazis stufte BR-Fernsehdirektor Wolf Feller die Diffamierung als "unglückliche Formulierung" ein. Doch wohlüberlegt nannte Mertes in der Juni-Ausgabe eines Branchenblatts, in dem er die "überarbeitete Fassung" seines Vortrags vor der Konrad-Adenauer-Stiftung veröffentlichte, die IG Medien eine "Organisationsdiktatur zur Verbreitung monokultureller Wahrheiten".
Auch anderen Fernsehmagazinen unterlaufen Fehler, aber aus anderen Gründen: Ihnen macht oft der Umstand zu schaffen, daß Unregelmäßigkeiten und Affären von interessierter Seite verdunkelt werden. Mertes dagegen hält es stets mit den Mächtigen, auf deren Ticket er journalistisch nach oben reist. Vor allem protegiert ihn der einflußreiche Münchner Rundfunkratsvorsitzende Wilhelm Fritz, 62, Vorstandschef der Agrippina-Versicherung, dem Mertes Anfang der achtziger Jahre als Referent im BR diente.
Die übrigen ARD-Sender, die sich beim Mittagsmagazin von den Bayern freihalten lassen wollten, müssen nun doch zusätzliche Kosten aufbringen, um den Münchnern aktuelle Mittagsberichte über "das Leben in den deutschen Landen" (Mertes) zu liefern.
Sparen sie daran, könnte dies unliebsame Folgen haben. Mertes werde dann, wie BR-Kritiker bereits argwöhnen, eigene Teams in andere Bundesländer entsenden - wie schon für seinen Münchner "Report".

DER SPIEGEL 25/1989
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