20.02.1989

„Sie weinen, aber dann fahren sie“

SPIEGEL-Redakteur Hans Joachim Schöps über Aussiedler zwischen Tadschikistan und der Bundesrepublik
Ach nein, Rosa Lupp schüttelt den Kopf und zieht sich einen Küchenschemel herbei, weil die Stühle schon alle verkauft sind: "Ich wollte hier eigentlich nicht mehr weg. Die letzten paar Jahre wären auch so vergangen."
Sie ist erst 57, aber wer gelebt hat wie sie, geht mit dem Alter wohl vorsichtig um. Die paar Jahre hätte sie in ihrem Häuschen verbracht, einem einstöckigen Bauwerk, das nicht viel hermacht. Die Wände sind nur aus Lehm, und zur Küche und aufs Klo muß sie immer nach draußen, quer über den kleinen Hof.
Doch dieses Anwesen hat sich Rosa Lupp sauer erarbeitet - gemeinsam mit Woldemar, dem Mann, der nun schon seit vier Jahren tot ist. Sie haben nebenher Schweine gezogen und verkauft, und auch sonntags sind sie noch auf den Bau, um ein bißchen was extra zu verdienen.
Und in der Babuschkinstraße von Duschanbe, Tadschikistan, gehört das Haus Nr. 10 zu den besseren Besitztümern. Landschaftlich schön liegt hier sowieso alles. Gleich hinter der Stadt erhebt sich das Dach der Welt, das Pamir-Gebirge, und es hört damit lange nicht auf: erst bei 7495 Metern, dem Gipfel des Pik Kommunismus.
Ihr Häuschen ist Rosa Lupp jetzt los. Sie hat an der Straße einen Zettel ausgehängt, "zu verkaufen", und dann ging es für 20 000 Rubel "an einen Schwarzen", wie sie sagt, einen der dunkelhaarigen Tadschiken, die dieser Sowjetrepublik ihren Namen gegeben haben.
Nur das Bettzeug ist noch da, ein paar Teller auf dem Fußboden und ein Spruch an der Wand: "Sei still! Der Blum und Vöglein schenkt, daß sie gar froh gedeihen, auch an Dein traurig Herze denkt, wie er es kann erfreuen." Den Schwarzen wird das nicht rühren.
Den Rest ihres Hausstands hat Rosa verrubelt oder in die neun Koffer gezwängt, die aufgereiht an der Wand stehen. Denn sie will nach Deutschland, westlicher Teil, eine Heimat, die sie nicht kennt.
Mit ihr reisen Reinhold, 35, der Sohn, und die Schwiegertochter Luisa. Die sind erst vor kurzem, als die Aussiedlung feststand, mitsamt den beiden Kindern in die Hauptstadt gekommen - von der Kolchose Pobeda, was "Sieg" heißt. Gerade sind sie noch einmal hinüber in die Siedlung Nr. 7, wo sie unter Deutschen und Tadschiken, Usbeken und Russen aufgewachsen sind, und haben ein letztes Mal Abschied genommen. Das war ein trauriges Stück, sagt Luisa, Tränen gab es, "und es war sehr, sehr schwer".
Gut 40 000 Deutsche haben die Sowjets 1979 in diesem zentralasiatischen Grenzland gezählt, das gen Osten an China stößt und zu 93 Prozent aus Bergen besteht. Danach müssen es noch mehr geworden sein, denn die Geburtenrate ist hoch. Doch neuerdings zieht es sie in die Bundesrepublik, in der es schon etwas eng ist. Sie fahren in Scharen, und wenn es so weitergeht, sind dort bald alle weg.
Wie die Donhausers zum Beispiel, Johann und Sophie, Mittfünfziger, die ihre Mietwohnung in Duschanbe geräumt haben. Er ist von seiner Planierraupe herunter, obwohl das ein tadelloser Arbeitsplatz war. Bevor Johann Donhauser den einnehmen konnte, hatte er sich zehn Jahre lang als Waldarbeiter plagen müssen, und seine Sophie brauchte, um als Näherin schaffen zu dürfen, eine Sondererlaubnis. Für Faschisten nämlich, wie damals die Deutschen alle hießen, waren nur die einfachsten Tätigkeiten vorgesehen, im Bauwesen etwa oder bei Erdarbeiten.
Das ist lange her, und inzwischen ist das Deutschtum auch in Tadschikistan wieder kräftig aufgewertet worden. Johann Donhauser jedoch hat sein Motorrad, Marke "Ural", dem Sohn geschenkt und ist mit seiner Frau ab nach Westdeutschland - als Vorhut für die beiden Kinder sowie deren Ehepartner und die vier Enkel, die so schnell wie nur möglich nachkommen sollen.
Oder Irma und Arthur Pauls aus der kleinen Stadt Kalininabad. Sie sind beide hoch in den Sechzigern und begleiten jetzt einen weitläufigen Familienverband mit Kindern und Tanten nebst anderen Verwandten in das Paradies hinter der Elbe. Die Enkel, sagt Oma Irma, "sollen richtige deutsche Bürger werden". Und weil das, wie sie gehört haben, zehn Jahre dauert, muß man rechtzeitig losfahren.
Nach neuen Aufbrüchen dürfte den Älteren eigentlich gar nicht mehr zumute sein, denn davon gab es in ihren Lebensläufen schon genug. Die Weglinien waren einander sehr ähnlich: von Stalin während des Krieges aus den Gebieten an der Wolga oder in der Ukraine, in denen die Vorfahren vor Jahrhunderten gesiedelt hatten, wegen ihrer Abstammung vertrieben und an die Ränder des Sowjetlandes verbannt; von den Deutschen, wenn die weit genug kamen, heim ins Reich geholt, vor allem in die östlichen Provinzen - und von den Russen nach dem Einmarsch dann wiederum deportiert nach Kasachstan und Kirgisien, Nowosibirsk oder Kalininabad.
Rosa Lupp stammt aus einem Dorf bei Odessa am Schwarzen Meer. Als Kind wurde sie nach Potsdam gebracht, bald nach Kriegsende ging es zurück. In die Heimat, wurde ihnen gesagt, aber die hieß dann Tadschikistan. Auf der Strecke blieben dabei jedesmal nicht nur die Habseligkeiten, sondern auch ein paar innere Güter.
Die mittlere Generation dieser Deutschen kennt das allerdings nur aus den Erzählungen. Sie hat sich dort eingerichtet, wo die Eltern von der Nachkriegsgeschichte gerade hinterlassen worden waren - und es ging mit den Jahren immer besser. Eine Heimat hat ihnen keiner weggenommen, die nehmen sie sich nun selbst, und dafür sollte es wohl handfeste Gründe geben.
Was treibt sie zu Zehntausenden in ein Vaterland, das schon die Urgroßväter nicht mehr gekannt haben, dessen Sprache sie nur mühsam beisammenbringen und oft überhaupt nicht? Eine stille Liebe zu Deutschland vielleicht, doch woher soll die nur kommen? Der Wohlstand womöglich, was schon etwas näher liegt - aber reicht das allein aus?
Tag für Tag klettern jetzt diese Aussiedler auf dem Moskauer Flughafen Domodjedowo, zuständig für den Osten des Sowjetreichs, aus den Maschinen der Aeroflot, befrieden die Kinder und kämpfen mit den Bergen an Gepäck. Doch kaum einer weiß wirklich, was ihn am Ende erwartet: auf dem westdeutschen Wohnungsmarkt zum Beispiel oder bei den Arbeitsplätzen, was den menschlichen Umgang im allgemeinen betrifft und besonders die Wertschätzung von Zuzüglern aus der Fremde.
Oder geht es weniger um das neue Land, sondern darum, aus dem alten um jeden Preis wegzukommen - nur weg aus dem kasachischen Steppendorf oder der Industrieregion in Sibirien? Und wenn denn schon keine Antwort für alle zu finden sein wird: Wie war es als Deutscher in der Kolchose "Sieg", Siedlung Nr. 7, und wie läßt es sich aushalten in Duschanbe, wo am Pamir die Welt zu Ende ist?
Die Mädchen haben sich feingemacht und sind sehr fröhlich; ihre Männer sind angeheitert, und sie stecken in grauem Tuch, als ginge es gleich zur Börse. Es ist Freitagabend in Duschanbe, und im Hotel Warsob, einem der wenigen Häuser am Platze, wird getanzt. Die Schwarzen, wie Rosa Lupp sie nennt, gestalten die Freizeit unter sich.
Die Band macht Lärm auf hohem westlichen Niveau, aber mit orientalischen Tonanteilen. Reden bringt nichts mehr, und so verkeilen sie sich alle auf der Tanzfläche. Ob es dort dann zu eng wurde oder doch einer ein Wort verstanden hat, und zwar das falsche, ist hinterher nicht mehr zu klären: Die Kerle hauen sich plötzlich, und die Lage wird ernst.
Mit lautem Geheul umringen die Frauen die kämpfende Truppe und versuchen, den ihren aus dem Knäuel herauszuziehen. Stoff geht in Fetzen, und manche Dame löst sich dabei ganz auf - das schöne Fest.
Es streiten, wie der Wirt zwischen zwei Friedensbemühungen mitteilt, die Tadschiken gegen die Usbeken, die unsereiner mit bloßem Auge nicht auseinanderhalten kann. Die Miliz erscheint, und der Abend ist endgültig erledigt.
Es ist nicht leicht, sich in Duschanbe zu vergnügen. Die Metropole dieser fernen Sowjetrepublik ist in den zwanziger Jahren auf dem Reißbrett entstanden. Stalinabad hieß der Ort, bis der Namenspatron keine Zierde mehr war. Nun wird die Stadt, aus dem Tadschikischen übersetzt, einfach Montag genannt - nach dem traditionellen Markttag in den drei Dörfern, die vorher dort lagen.
Von der Farbe, die gewachsene Nachbarzentren wie Buchara oder Samarkand so anziehend macht, hat Duschanbe keinen Schimmer. Ein größerer Teil der rund 600 000 Einwohner ist in Mietskasernen untergebracht, die deutsche Baubehörden unverzüglich einem Sanierungsplan unterwerfen würden. Die Fassaden bröseln dahin, und auch zwischen den Blocks geht es locker zu. Hühner scharren in den wild gewordenen Grünanlagen, und auf dem freien Fleckchen neben dem Spielplatz wird gerade ein Schaf geschächtet.
Hinter dem Stadtkern, und das ist bald, beginnen weitläufige Hüttenviertel - mal auf bescheidene Art proper, wie Rosa Lupps Häuschen, oft so elend wie an den Rändern lateinamerikanischer Kommunen: Tadschikistan gehört zu den armen Regionen der UdSSR. Rund die Hälfte des Landes liegt über 3000 Meter hoch, der Pamir ist unzugänglich und nur etwas für die Berg-Tadschiken mit ihren Schafen und Yaks oder die Schneeleoparden, die dort zu Hause sind.
Die Sommer sind heiß, 40 Grad werden oft gemessen, und in den Hochtälern fehlt es an Wasser. Das wird inzwischen künstlich herbeigeschafft, was sich lohnt. Die landwirtschaftliche Produktion, mit der zwei Drittel der fünf Millionen Einwohner beschäftigt sind, kann sich sehen lassen und liefert Obst und Gemüse, vor allem aber Baumwolle von feinster Qualität.
In Duschanbe wie auf dem Lande bestimmen die Tadschiken das Bild mit ihren bunten Gewändern und den bestickten Käppchen, und sie bestimmen auch, wie weit der Sozialismus gehen darf. Man grüßt sich landesgemäß "Assalomu alejkum", beste Wünsche für Friede und Wohlleben, und hält viel auf den Propheten. Sechs Moscheen stehen allein in der Hauptstadt, und auch sonst ist manches beim alten.
Nicht allein Vetternwirtschaft und Korruption hatte die "Prawda" aus dieser Gegend zu beklagen, sondern ebenso das Beharren auf überholten Sitten. So würden, recherchierte das Moskauer Parteiblatt, nach wie vor Bräute von ihren Vätern verkauft - gegen Viehzeug, wie es immer schon üblich war, doch neuerdings auch gegen Gummistiefel und sonstiges Gerät.
Die Sache Marx versus Mohammed ist jedenfalls noch nicht entschieden, und im lokalen Fernsehen zum Beispiel hat die Tradition ihren festen Platz. Tagtäglich und über Stunden hinweg tänzeln dort wohlgefüllte Sängerinnen und lassen Schleier und Melodien auf- und abwallen. Sie singen so hingegeben, als müßten sie binnen kurzem den Schnee von den Hängen des Pamir abschmelzen, und es klingt immer ein bißchen wie Luftalarm.
Für die Deutschen im Lande ist das eine fremde Welt. Assimilation findet nicht statt - was das gute Einvernehmen zwischen den beiden Volksgruppen jedoch offenbar wenig behindert. Zwar wird den Tadschiken nachgesagt, daß sie bei der Erfindung der Arbeit gerade gefehlt hätten und deshalb lieber im Basar hinter den Melonen stehen. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten.
Die Tadschiken haben noch bis in die späten zwanziger Jahre bewaffneten Widerstand gegen die Aufnahme ins große Sowjetreich geleistet; die Deutschen wiederum hatten sich ihre Herrschaft auch nicht eben ausgesucht, und so etwas verbindet.
Kulturelle Berührungspunkte sind freilich nicht auszumachen, und Zugangsprobleme hat wohl auch der öffentliche Kulturbetrieb. Duschanbe besitzt ein Opernhaus mit Ehrfurcht gebietenden Säulen und eine Konzerthalle, die etwa auch Stuttgart gut stehen würde. Doch beide Häuser, so ist zu hören, sind meist spärlich besetzt.
Gut besucht ist das Theater, ein schlichter Bau an der Hauptstraße. Im Foyer ist das gesamte Ensemble an die Wand gehängt worden und sieht sehr würdig aus. Ernste Befürchtungen lassen sich jedoch vorher in der Bar beseitigen, wo hinter dem Tresen bunte Lichter blinken. Es gibt aber keinen Flipper, dafür Pulverkaffee aus Indien. Im Radio singen "Baccara" etwas auf englisch, und den Tartuffe, sagt ein Plakat, hatten sie auch schon. Ein internationales Haus.
"Der Selbstmörder" wird gegeben, ein Stück, das gleich nach der Revolution spielt und als Spaß gedacht ist. Die Leute freuen sich dann und wann, aber das steht in keinem Verhältnis zu dem komödialen Aufwand, den die Mannschaft auf der Bühne betreibt. Beide Seiten haben es schwer miteinander.
Was machen 40 000 oder mehr Deutsche in dieser Lebenswelt mit tadschikischer Folklore und Teestuben, Remmidemmi und Staatsschauspiel? Allem Anschein nach schert es sie gar nicht.
Die Deutschen, so sagen sie selbst, sind vor allem Familienwesen. Sie verbringen die freie Zeit gemeinsam und im weitverzweigten Verwandtenkreis oder mit anderen Deutschen.
Außerdem gibt es wochenends immer etwas zu tun und zu reparieren, nicht nur in den eigenen Wänden. Die Deutschen haben einen Ruf als Handwerker, und ein Klempner etwa hat ein ausgefülltes Leben. Ständig kommen Nachbarn und Bekannte und bitten um Notdienste.
Entbehrungsgefühle in den arbeitsfreien Stunden sind unter den Deutschen wohl schon deshalb nicht verbreitet, weil ihnen die Zerstreuungswut, die die westlichen Gesellschaften andauernd überfällt, ziemlich fremd ist. Wobei allerdings offen bleibt, ob das an der mangelnden Nachfrage liegt oder auch am fehlenden Angebot.
Wenn den Donhausers zum Beispiel nach aushäusigem Zeitvertreib war, dann fuhren sie an den Warsob, einen malerischen Gebirgsfluß mit Ausflugslokalen an den Ufern und mit Zeltplätzen. Dorthin bummelte mit seinem "Lada" auch Peter Weisgerber so gerne, 58 Jahre alt und Dieselmaschinist aus Duschanbe. "Arg schön" war es da, sagt seine Frau Emma, die Krankenschwester ist: "Baden, ausruhen und Schnaps trinken."
Die Pauls aus Kalininabad hielten sich manche Stunde im privaten Gemüsegarten auf, den Tochter Luise und Schwiegersohn Viktor Janot besaßen. Schlosser Janot hatte es außerdem zu einer Datscha auf dem Lande gebracht, wohin es sonntags oft ging.
Über ein eintöniges Dasein möchten sich die Lupps auf ihrer Kolchose im Süden, nahe der Grenze zu Afghanistan, schon gar nicht beschweren. "Es war immer was los", sagt Luisa; sie gingen ins Kino oder zu Veranstaltungen in der Schule oder abends zum Tanzen. Die Feste wurden in der Familie gefeiert und zwar feste. Zum Urlaub - knappe zwei Wochen im Jahr - sind sie fast immer weggefahren, mal nach Bulgarien, mal auf die Krim.
Versorgungsprobleme gab es in der Siedlung Nr. 7, die ihre Nährmittel weitgehend selbst herstellte, ohnehin nicht. Die Lupps hatten außerdem ihren Garten, Schwein und Puten. Und die Kleidung, sagt sie, "war da draußen nicht so wichtig, da guckt nicht jeder jedem nach. Wir hatten alles".
Für Mutter Rosa in der Stadt sah das anders aus. Sie bezog nur 57 Rubel Rente im Monat, und ein paar Damenstiefel kosten schon um die 120 Rubel. Schön: Für ganze zwei Rubel gibt es im Staatsladen ein Kilo Lammfleisch. Aber es ist nie welches da, anders als auf den privat beschickten Basaren mit ihrem üppigen Angebot - für sieben Rubel das Kilo.
Das staatliche Warenangebot ist in Tadschikistan so miserabel wie in anderen Teilen der Sowjet-Union und mit den Jahren noch schlechter geworden. Die meisten Deutschen jedoch sind mit den teuren Basaren recht gut bedient. Sie gehören, solange sie arbeiten, durchweg zu den Bessergestellten im Lande. Peter Weisgerber etwa hat nie weniger als 200 Rubel verdient, dazu kam das Einkommen seiner Frau, und für die Wohnung mußten sie monatlich läppische 12 Rubel bezahlen.
"Es ging hier alles ganz gut", sagt er, doch jetzt wollen sie in die Bundesrepublik - insgesamt 13 Weisgerbers aus Duschanbe, wo es diese Familie dann nicht mehr geben wird. Nur auf dem Friedhof noch, und daß die Gräber da nun verkommen werden, sagt Ehefrau Emma, "daran kann man ja doch nichts machen".
Was sie und andere Aussiedler sonst so zurücklassen, sieht aus wie eine ziemlich heile Welt. Familienleben wie gemalt von Ludwig Richter, Puten im Stall oder auf dem Basar, und am Wochenende ein Schnäpschen am Warsob. Aber natürlich ist das Dasein der Deutschen nicht sorgenfrei: Wer eine der Schattenseiten betrachten will, braucht nur in die Kirche zu gehen.
Die Tür in der hohen Mauer, die den Flachbau versteckt, öffnet sich langsam auf einen Spalt. Außerplanmäßigen Besuch ist die katholische Kirche von Duschanbe nicht gewohnt.
Georg Gsell, 33, ein kleiner bärtiger Mann, bittet herein und ist dann auch selbst aufgeschlossen. Er spielt hier die Orgel, nachdem er und die Eltern, die von den Sowjets aus der Ukraine nach Sibirien deportiert worden waren, in Tadschikistan seßhaft wurden. Sein Instrument hat auch allerhand hinter sich.
In Kischinjow, der Hauptstadt von Moldawien, hat die Gemeinde das alte Stück aufgetrieben - gebaut 1912 bei Bach und Schugt. Und dann mußten erst Spezialisten aus dem Baltikum her, um sie wieder bespielbar zu machen. Es handelt sich um eine sogenannte Klosterorgel, nicht sehr groß und nicht so mächtig im Klang. Aber an ihrem Platz in Duschanbe ist sie von einzigartiger Pracht.
Denn der Herr muß in diesem Haus mit weißen Wänden und schmucklosen Fenstern vorliebnehmen. Kein goldiger Engel erwärmt die Seele, kein buntes Bleiglas dämpft den Schein der sozialistischen Welt. Dieser Christengemeinde gibt niemand etwas, der liebe Gott ausgenommen.
Sie erhält sich allein aus den Spenden ihrer Mitglieder, und die bezahlen auch noch ihren Pfarrer selbst. Es besteht keinerlei Verbindung zum bundesdeutschen Katholizismus, und nie kam ein Zeichen vom Vatikan, der solche Gläubigen nicht überall hat.
Selbstverständlich haben die auch ihre Kirche finanziert, Rubel für Rubel, und wer konnte, hat selber mit angepackt. Letztes Jahr endlich ist die winzige Wohnung für Hochwürden fertig geworden, Jurschis Sigitas, 36. Er ist für die rund 16 000 deutschen Katholiken in Tadschikistan der einzige Pfarrer, aber seine Messen hält er noch überwiegend auf russisch.
Jurschis Sigitas ist erst vor kurzem aus Litauen hierher beordert worden, und Deutsch muß er noch üben. Daß es jetzt im Januar ungeheizt ist in seiner Stube, nimmt er hin, und die 180 Rubel, die ihm seine Herde monatlich spendiert, sind kein Thema. Aber daß er die ganze Seelsorge, die Messen oder die Krankenbesuche, mit öffentlichen Verkehrsmitteln abwickeln muß, stimmt ihn schon trübe - denn darunter leidet nicht nur er.
Nicht einmal für gelegentliche Taxifahrten in Duschanbe ist genug Geld da, und sonntags ist er nur noch unterwegs: morgens Messe in der Hauptstadt, dann die nächste im hundert Kilometer entfernten Kurgan und am Abend schließlich in einer weiteren Siedlung.
In diesem Punkt hat es der "Bruder Hermann", wie ihn seine Lutheraner nennen, viel leichter. Hermann Geworski ist ein dürrer, kränkelnder Mann von 74 und nur ein Laienprediger, doch die Gemeinde ist seit 23 Jahren mit ihm zufrieden. Damals hatte ihn der Erzbischof von Riga in Duschanbe eingesetzt, und unterdessen gibt es im Lande noch mehr Hirten von seiner Art.
Im übrigen sind die lutherischen Verhältnisse den katholischen ziemlich ähnlich. Es gibt keinerlei Zuwendung von außen, und die 48 000 Rubel, die das kahle Gebetshaus gekostet hat, kamen aus den eigenen Taschen.
In einem der letzten Sommer, erinnert sich Bruder Hermann, waren 23 bundesdeutsche Pastoren auf der Durchreise zu Besuch. Aha! Aber weiter ist nichts passiert, sagt er, sie sind wieder abgereist, und das war's. Statt dessen hilft die Gemeinde Bedürftigen anderswo: 2000 Rubel hat sie gerade für die Erdbebenopfer in Armenien gesammelt.
Die Lutheraner sind froh, daß sie ein Dach über dem Kopf haben. Früher hielten sie ihre Gottesdienste im Freien, auf dem Friedhof zum Beispiel. Und manchmal haben sie sich in eine Wohnung gequetscht, so viele da eben hineingingen. Aber dann kam die Miliz und unterband das.
Neuerdings jedoch verschlechtern sich die Dinge grundsätzlich. Fast jeden Tag fährt einer aus ihrer Kirche weg nach Deutschland, und von den gut 500 Mitgliedern, die es einmal gab, sind etwa noch 350 übriggeblieben. Da kommen schon Prüfungen: Vom Munde abgespart hatte sich die Gemeinde eine kleine Orgel, eine Art Harmonium. Nun aber kann sie keiner mehr spielen - der Organist ist ausgesiedelt. "Wenn alle gefahren sind", sagt Bruder Hermann und schlägt die Augen nieder, als sei er gerade bei einer Sünde ertappt worden, "dann fahre ich auch."
Den Katholiken geht es nicht anders. "Mit jedem Tag werden wir weniger", sagt Pfarrer Sigitas, "aber unser Glaube nimmt dadurch nicht ab." Heute abend hat er Dreikönigsmesse, und die Kirche ist voll besetzt.
Da knien sie nun und beten im asiatischen Hochland und sind wohl nicht nur deshalb ihrem Gott recht nahe. Die Frauen sind in der Überzahl, mit wollenen Kopftüchern und dicken Strümpfen, denn auch drinnen ist es eiskalt. Pfarrer Sigitas sieht auf alte, gebeugte Rücken, 6000 Kilometer von diesem unbekannten Land entfernt, in das sie alle noch wollen. Und dann singen sie: "O, du fröhliche . . ."
"Sie wissen überhaupt nichts von Deutschland", sagt Bruder Hermann. Er kannte einen in seiner Gemeinde, der hatte drei Autos und zwei Häuser sowie sonstiges Vermögen, und er hat ihn gewarnt: "Das kriegst du nie wieder." Doch es half nichts. Der Mann hat alles verkauft - gegen Rubel, die er nicht mit in den Westen nehmen darf - und ist in die Bundesrepublik gefahren.
Der Prediger kommt der Wahrheit sehr nahe. Rosa Lupp zum Beispiel kennt das Deutschland aus der Augustastraße 30 zu Potsdam, Mitte der vierziger Jahre. Sie hat noch einen kleinen Bildband aus dieser Kinderzeit, und "das war schön damals, ach ja".
Leute wie die Pauls oder die Janots aus Kalininabad haben überhaupt kein Bild von der westdeutschen Wirklichkeit, woher sollte das in ihrem Nest auch kommen. Sophie Donhauser aber weiß Bescheid, glaubt sie.
Sie war nämlich schon zu Besuch bei der Schwester in Heilbronn, das hat ihr gefallen. Gute Eindrücke bringen solche Stippvisiten natürlich immer mit sich. Die Besucher baden in der Herzlichkeit der Familie und wissen vom Gastland dann soviel wie ein Tourist nach der Fünf-Tage-Tour über New York - fast nichts.
Der Herr werde schon wissen, sagt Hermann Geworski, warum die jetzt alle wegfahren - aber er begreife es eigentlich nicht. Pfarrer Sigitas gibt jedem, der aufbricht, den Reisesegen, was soll er schon machen: "Sie sagen, wir wollen nicht fahren, sie weinen. Aber dann fahren sie."
Materielle Motive sind ihm noch nicht zu Ohren gekommen. Das will nichts besagen, stimmt jedoch überein mit der bislang einzigen Studie über die Beweggründe der Aussiedler. "Eine Unzufriedenheit mit den allgemeinen Lebensumständen", resümiert das Münchner Osteuropa-Institut in dieser Untersuchung, war "nicht zu beobachten". Was bringt sonst diese Leute aus allen Ecken der Sowjet-Union in die Bonner Republik, in der sie gar nicht mehr vorgesehen sind und bei den Amtsstellen nur Verwirrung stiften?
Verläßliche Antworten stehen aus, aber sichtbar sind zwei Triebkräfte, die miteinander zu tun haben: eine fixe, über die Generationen getragene Idee, irgendwann einmal in dieses wunderschöne Land ziehen zu müssen. Die Eltern wollten es schon und all die Vorfahren auch, und nun steckt das fest in den Köpfen. Und dazu ein Familienbewußtsein, das den zeitgerechten Bundesbürger befremden muß, unter diesen Auslandsdeutschen jedoch eine hinreißende Sogwirkung ausübt.
Warum sie weg will? Sophie Donhauser überlegt nicht lange: "Weil schon Mutter weg wollte. Das ist schon so bestimmt worden." Die jungen Lupps drucksen, und dann gesteht Reinhold, der auf die Aussiedlung gedrängt hat: "Ehrlich gesagt, wir wissen es nicht. Die anderen fahren, dann fahren wir auch."
Und so geht das weiter: Luisa läßt ihre Eltern in Duschanbe zurück, doch natürlich sind alle sich einig, daß die jetzt nachkommen müssen. Die Weisgerbers packen, weil sie die Enkel wiedersehen wollen - "sonst wären wir ganz bestimmt hiergeblieben". Die beiden Söhne nämlich sind schon in der Bundesrepublik, und zwar deswegen, weil ihre Frauen dahin wollten, die es wiederum zu den Eltern zog, die zuerst dort waren: ein Schneeballsystem.
"Wir trennen uns nicht leicht von hier", sagt Peter Weisgerber, "gute Kollegen, nette Nachbarn." Aber die Familie geht vor, und im übrigen: Als Dieselmaschinist werde er ja wohl wieder Arbeit finden. Ein Häuschen hätten sie auch gern, aber das koste ja leider, wie er gehört hat, glatte 200 000 Mark.
Die 13 Weisgerbers werden wohl froh sein, wenn sie irgendwann einmal eine Wohnung haben. Und was soll man dem Viktor Wacker sagen, 40 Jahre alt und Bautechniker aus Duschanbe? Der will unbedingt wieder in seiner Branche arbeiten - in der im Zielland einige Zehntausend auf der Straße liegen. Oder den Lupps, die sich sogleich in ein ganzes Heer von Hoffnungslosen einreihen können: Sie sind beide Lehrer.
Luisa, die auf der Kolchose die jüngsten Jahrgänge unterrichtete, hat schon dunkle Gefühle. "Alles wegwerfen, und man weiß nicht, was kommt", sagt sie. Aber sie fragt, ob es denn schwer sein werde, wieder im Schuldienst unterzukommen.
Ihr Deutsch ist passabel, doch vor einem Schulrat in Köln oder Karlsruhe würde sie damit keine Gnade finden. Spätestens bei der Sprache hat die neue Heimat ihre Grenzen.
Die Alten kommen ganz gut zurecht, aber die müssen mit ihrem Deutsch kein Geld mehr verdienen. Von den Kindern spricht kaum eins Deutsch, doch die werden es schnell lernen. Beladen sind vor allem die Eltern, die sich so durchstottern und damit nun das neue Leben meistern sollen.
Ein Vorwurf läßt sich aus dieser Auszehrung deutschen Erbes kaum machen. In den jungen Jahren jener Generation war es schon schwer genug, Deutscher zu sein, nicht zu reden von der Sprache. Erst in letzter Zeit ist das amtlicherseits etwas aufgelockert worden. In Kasachstan erscheint die Zeitung "Freundschaft" auf deutsch, hier und da kommt Deutsches im Radio, und auch an einigen Schulen in Tadschikistan wird Deutsch als Fremdsprache angeboten - eine Stunde pro Woche.
Doch ja, die Deutsche Welle wäre zu hören, und in größeren Ortschaften sind Ost-Berliner Blätter zu haben. Aber auch das hat den Verfall der alten Sprache nicht aufhalten, die Übermacht des Russischen in der Ausbildung und am Arbeitsplatz nicht abwehren können.
Deutsche Bücher sind Raritäten. Was in den Familien war, ging oft verloren in einer von Aufbruch und Vertreibung bestimmten Biographie. Die "Symbolik der Schöpfung und ewige Natur" von einem F. Bettex ist noch in Rosa Lupps Besitz, erschienen 1898 bei Velhagen und Klasing und ein schönes Stück fürs Antiquariat. Die Bibel hat sie gerade einer Nachbarin geschenkt, weil sie Angst hatte, die werde ihr bei der Ausreise weggenommen.
Die Muttersprache müssen viele der Zugewanderten neu lernen, aber sie bringen ein Tugendgut ein, das im Ursprungsland nicht mehr überall aufzufinden ist oder geschmäht und gelegentlich auch mißbraucht wird. Durch die Jahrhunderte, ungeachtet russischen Schlendrians oder tadschikischen Müßiggangs, haben diese Wertmuster überdauert, und das ist schon etwas unheimlich: Treu und Redlichkeit, Ordnung und Fleiß - so heißt es allenthalben auf die Frage, was denn die Deutschen von den anderen unterscheide.
"Sauberkeit und Ehrlichkeit" sind Peter Weisgerber wichtig, und "gute Arbeit". Die Deutschen, erklärt Bautechniker Wacker, der Deutsch kaum noch spricht, "das sind die Tüchtigen und die Pünktlichen". Rosa Lupp hat ihre kleine Variante, mit der sie auch in Westdeutschland rechnet. Dort, glaubt sie, "wird nicht gestohlen und nicht geschlagen".
Das Wichtigste sei, sagt Schwiegertochter Luisa und zieht ihre Kinder an sich, "daß wir in Freundschaft mit den Leuten leben können. Wir wollen nicht wie die schwarzen Schafe aussehen".
Das ginge ja noch, wenn sie wenigstens auf die Weide dürften. Die alten Frauen, die in der lutherischen Kirche von Duschanbe auf den Bruder Hermann warten und im übrigen auf die Erlaubnis zur Ausreise, werden gewiß keine Idylle verlassen. Aber der Gedanke, daß sie dann in Containern landen, in Behelfsheimen, Zelten oder vielleicht auch in einem ausgemusterten Eros-Center, ist schwer zu ertragen.
"Der Helmut Kohl", sagt eine und blickt so gläubig hoch wie manchmal der Kanzler, "wird doch auch für uns noch ein Plätzchen haben." Was, werter Herr, haben Sie dazu zu sagen?
Die Deutschen, erklärt Dschuneit Ibodow, "das sind die Leute mit den goldenen Händen", und daß davon so viele abziehen, macht ihm Sorgen. Der Tadschike Ibodow bekleidet den militärischen Rang eines Oberst und untersteht dem Innenministerium der Pamir-Republik. Vor allem aber ist er Chef der Paßbehörde, im allgemeinen ein bescheidenes Amt, in Tadschikistan jedoch eine mächtige Stelle.
Bevor er zur Sache kommt, geht der Oberst an seinen Schrank, holt ein Büchlein heraus und zitiert mit verhaltener Stimme: alte orientalische Lyrik, von Abu Abdullah Rudaki zum Beispiel, der hier ganz in der Nähe im neunten Jahrhundert gedichtet und philosophiert hat. Goethe nämlich, weiß Dschuneit Ibodow, sei davon bereits inspiriert worden - zu seinem "West-östlichen Divan" und mithin zu einem Brückenschlag zwischen deutscher und tadschikischer Kultur. "Damit", sagt der Oberst und schwenkt seinen Gedichtband, "habe ich mich schon mal wochenlang eingeschlossen."
In einer Paßbehörde auf dem Dach der Welt war dieser Ausflug in die Poesie nicht unbedingt zu erwarten. "Vor kurzem noch", sagt der Oberst, Endvierziger und ein gestandener Mann, "wäre es undenkbar gewesen, daß wir uns hier gegenübersitzen", und mit Glasnost ist er noch nicht so vertraut wie mit der Verskunst Rudakis. Dies sei das erste Interview seines Lebens.
Auf die Deutschen ist er dann gut zu sprechen. "Sie haben zur Entwicklung dieses Landes Großes beigetragen", lobt Ibodow, und zwar meist auf den anspruchsvollen Posten - ob auf der Kolchose oder im Klinikum. Überdies, hat er beobachtet, seien die so eine Art Gewerbelehrer, die ihr Wissen an die Nachwachsenden weiterreichen - "und das ist kaum zu ersetzen".
Er weiß besser als jeder andere, was ersetzt werden müßte, und rückt auch damit heraus: 1986 wurden in Tadschikistan 936 Ausreiseanträge eingereicht, wovon er nur 55 genehmigt hat. 1987 ließ er bei 2080 Anträgen schon 1437 Deutsche aus dem Land. Letztes Jahr verdreifachte sich der Auszug: Rund 5500 durften fahren.
Die Tendenz, sagt der Oberst, zeige nach oben, und die Hürden für eine Aussiedlung seien immer niedriger geworden: "Wir nähern uns Helsinki", und er meint die Schlußakte mit den Bestimmungen über die Menschenrechte, die dort 1975 verabschiedet wurde.
Verärgert ist Ibodow über die Aussiedlerfälle, in denen die Antragsteller nicht nach Deutschland, sondern zu Verwandten in den USA wollen. Sie dürfen das auch, verkaufen ihre Habe und rüsten zur Überfahrt. Aber dann mauern die Amis: Man möge doch in einem Jahr noch mal wiederkommen, so einfach sei das nun nicht. "Diese Menschen", sagt der Amtschef, "stehen vor dem Nichts und sind verzweifelt."
Im übrigen, überlegt der Oberst, werde es Zeit, den Abfluß der Deutschen einzudämmen - zwanglos, versteht sich. Besser als anderen gehe es ihnen ja schon, aber da seien auch noch die kulturellen Bedürfnisse. Er weiß von Plänen, in den Schulen geschlossene Klassen für deutsche Kinder einzurichten, und auch die Gründung deutscher Zeitungen in Tadschikistan sei im Gespräch. Aber er weiß auch: "Es sind Dutzende von Jahren aufzuholen", und es fehle zum Beispiel an Lehrern.
Ganz verloren gibt Dschuneit Ibodow die Sache noch nicht. Er kennt bereits 15 deutsche Familien, die nach Tadschikistan zurückwollten, und zehn sind inzwischen wieder in der alten Heimat. Viel mehr will er darüber nicht sagen, aber so viel doch: Äußerliche Mängel seien nicht das gewesen, was diese Leute von Deutschland abgestoßen habe, sondern ein Defizit an Wärme und sozialer Geborgenheit. Um es ganz klar zu machen, zitiert dann der Tadschike Ibodow die Bibel, Matthäus 4: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein."
Die erste Etappe liegt hinter ihnen, die Pauls und die Janots aus Kalininabad sitzen in Moskau auf eisernen Bettgestellen, mit sieben Leuten in zwei Zimmern. Es ist so gemütlich wie in einem Futtersilo, und Martin, 3, schlägt gleich hin und brüllt. Aber "wir sind froh, daß wir unter einem Dach sind", sagt Irma Pauls.
Umsonst ist es auch, denn die Unterkunft wird von der Bundesregierung bezahlt, die auch den größten Teil der Reisekosten für die Aussiedler übernimmt. Seit letztem Dezember kümmern sich die Bonner Olympia-Reisen - im direkten Geschäft mit dem Bund - um Aussiedler-Quartiere in der sowjetischen Hauptstadt und um die Flugkarten. Zwischen 30 und 50 Mark, je nach Verpflegung, kassiert das Reiseunternehmen pro Person und Nacht.
Die Olympia-Veranstalter haben einen Wohnhausblock gemietet, der vordem als Arbeiterheim einer Lederwarenfabrik diente. Der Bau war sanierungsbedürftig, und ein Blick in die Drei-Zimmer-Wohnungen gibt Gewißheit, daß sich daran nichts geändert hat.
100 Menschen können untergebracht werden, aber 200 paßten auch schon rein. Ihr massenhaftes Gepäck dürfen die Auswanderer ohnehin nicht mitbringen. Das Reiseunternehmen hat dafür bei der Aeroflot, die neben der Lufthansa den Transport in den Westen besorgt, einen Frachtraum auf dem Flughafen Scheremetjewo 2 angemietet.
Oft muß die Sowjetlinie eine Extra-Maschine mit Koffern und Bündeln hinterherschicken, manchmal zwei. Einige Aussiedler bestehen darauf, ihr Klavier mitzunehmen. Es wird auch befördert, nur, wie alles Übergepäck, gegen Aufpreis in Rubeln.
Dreimal am Tag fährt nun ein Bus der Olympia-Reisen von der deutschen Botschaft, wo der letzte Papierkrieg auf russischem Boden zu führen ist, in die Moskauer Quartiere. Letzte Woche hat die Firma ein neues Aussiedlerheim eröffnet - mit 350 Betten, und die Einrichtung hat sie diesmal selbst besorgt.
"Es sind sehr dankbare Menschen, niemand schimpft", sagt Natascha Komkowa, die sich die Quartiermacher beim sowjetischen Staatsreiseunternehmen Intourist ausgeliehen haben - denn Mitarbeiter, die russisch sprechen, braucht man im Umgang mit diesen Deutschen. In drei oder spätestens in fünf Jahren, so haben Natascha und ihre Kolleginnen überlegt, sind alle abgefertigt und außer Landes. Aber für ihren Job, der damit eigentlich erledigt wäre, sehen sie immer noch eine Perspektive: "Dann müssen wir uns um die kümmern, die wieder aus Deutschland zurückkommen."
Arthur Pauls ist erst einmal auf dem Hinweg. Für ihn und die Familie waren Plätze in der Lufthansa-Maschine nach Frankfurt frei. Wohin sie wollen, ist ihnen noch gar nicht klar; "ins Schwabenland vielleicht", meint Ehefrau Irma, aber jedenfalls fliegen sie los.
Großvater Arthur aus Kalininabad kann dazu ohnehin nichts sagen. Er ist taubstumm, ein Gebirge von Mann und hat daran schwer zu tragen. Der Alte geht an Krücken, den altmodischen hölzernen, die es nur noch beim Theater in der Requisite gibt. Langsam, in seiner dicken Jacke und die Pelzmütze auf dem Kopf, schlurft er an Bord des blitzblanken Airbus, und die modernen Zeiten, in die er sich da hineinschiebt, mögen ihm gnädig sein.
Die Herren Geschäftsleute, die zurück nach Frankfurt fliegen, sind von einer ungewohnten Boarding Music umgeben - schreienden Babys aus dem Aussiedlerkontingent, die in einzelnen Fällen die ganzen drei Stunden durchhalten. Aber man bewahrt Haltung, nun ja, und trinkt vorsorglich einen Whisky. Immerhin sind die Kleinkinder noch vor dem Start von der Lufthansa ruhiggestellt worden. Sie bekamen Becher mit Süßigkeiten, und mit größter Hochachtung werden die Gummibärchen der westlichen Welt begrüßt.
Über Prag fliegen wir gerade, sagt der Kapitän, doch kein Aussiedler dreht sich zum Fenster. Aber dann, ein paar Minuten danach, kommt die richtige Meldung über den Lautsprecher: Die Grenze ist passiert, unten liegt Deutschland. Und jetzt stoßen sie sich in die Rippen, zwinkern sich eins und nicken: Wir sind da.
Die Lupps aus Tadschikistan landen in Hannover, sie sind mit der Aeroflot gekommen. Donhausers steigen auch aus, aber Sophie und Johann sind wie gerädert. Drei Tage und Nächte lang mußten sie in der Flughalle in Moskau ihr Gepäck bewachen, und das gebuchte Quartier blieb leer. Im Frachtbunker der Aeroflot, so wurde ihnen gesagt, sei kein Platz mehr, und da saßen sie nun.
Die Fahrt mit dem Bus geht in einen Ort, der Hesepe heißt und auch so liegt. Ein abgeschiedener Flecken hinter Bramsche bei Osnabrück, und hinter dem wieder befindet sich abgeschieden ein ehemaliger Nato-Stützpunkt mit Kasernen und Speisesälen. Holländer haben dort gelegen und auf Raketen aufgepaßt; jetzt kommandiert dort der Bundesgrenzschutz, 56 Mann, die für die Aussiedler zu sorgen haben.
Das Unternehmen wird entschlossen abgewickelt. Sie haben Windeln und Spielzeug besorgt, Babyflaschen und Babypuder. Grenzschützer schieben Kinderwagen herein, und an all dem haben sie offenbar ihren Spaß. So etwas sei, sagt einer der Offiziere, doch viel schöner als in Wackersdorf abzuriegeln, und das sollte man sich an entsprechender Stelle notieren.
Noch einmal dürfen diese Aussiedler nun daran glauben, daß sie herzlich willkommen sind. Es gibt auf alle Fragen eine Antwort und auch Rollstühle für die Bedürftigen. Sie spazieren, noch immer die Pelzmütze auf dem Kopf, über die Plattenwege und sind guter Dinge.
Rund fünf Tage wird es noch dauern, bis alles registriert und sortiert ist, dann können sie hinaus in dieses freie Land, das ihnen keine große Wahl läßt. Die Lupps wüßten nur gern, wo sie sind und wohin sie dann fahren sollen. Ob München weit weg sei, fragt Reinhold, der Lehrer.
Anderntags ist das Gepäck der Aussiedler, das von Hannover aus nachkommen sollte, noch immer nicht im Lager. Das ist schwer zu begreifen, und die Neubürger bekommen einen Geschmack von der deutschen Zuverlässigkeit. Dann kommt eine erste Ladung, nur wenige Stücke. Die jungen Grenzschützer, die mit anfassen sollten, stehen gelangweilt herum. Was, sagt einer und gähnt dazu, "wollen die bloß alle hier bei uns"?
Reinhold Lupp und die Luisa sitzen noch immer vor der Landkarte, suchen nach Ortschaften und unterstreichen sie dick. Göttingen und Wipperfürth, Hamm und Rosenheim: Dort leben Verwandte oder Bekannte, und vielleicht kann man da anklopfen. Oma Rosa, deren Haus in der Babuschkinstraße nun die Schwarzen haben, guckt von einem zum andern und versteht das alles nicht, und etwas rätselhaft ist es ja auch.
Im nächsten Heft Kampf um Kindergartenplätze - Schulklassen mit 80 Prozent Ausländeranteil - Pädagogische Konzepte für ein Einwanderungsland
"Es ging hier alles ganz gut"
"Mit jedem Tag werden wir weniger"
"Die Deutschen - das sind die Tüchtigen"
"Diese Menschen stehen vor dem Nichts"

DER SPIEGEL 8/1989
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