17.07.1989

ATOMENERGIETeurer Abfalleimer

Die Wiederaufarbeitung in Frankreich, die angeblich preiswerte Alternative zu Wackersdorf, kostet deutlich mehr als erwartet.
Jean Syrota, Präsident der französischen Wiederaufarbeitungsfirma Cogema, hat keine Mühe, große Worte für die Mammutanlage in La Hague zu finden. "Hier wird Spitzentechnologie in großem Maßstab angewendet", preist Syrota die Fabrik in der Normandie an.
Doch auch Spitzentechnologie ist anfällig für großes Pech und kleine Macken. Als einer der mächtigen Tanks angeliefert wurde, in dem der Inhalt der zersägten Brennstäbe chemisch aufgelöst wird, stürzte der Behälter vom Transportwaggon und wurde beschädigt.
Bei der Prüfung anderer Tanks fanden sich Risse. Da in den Behältern einmal eine gefährlich strahlende Brühe schwimmen soll, mußten sie aufwendig nachgebessert werden.
Beim Neubau der Wiederaufarbeitungsanlage UP3 im französischen La Hague, die von 1999 an rund 400 Tonnen abgebrannte Brennstäbe aus deutschen Atommeilern wiederaufarbeiten soll, ging es offenbar zu wie bei den meisten Atomprojekten hierzulande: Erst liefen die Termine, dann die Kosten weg.
In der vorvergangenen Woche wurde erstmals bekannt, in welchem Ausmaß die unvorhergesehenen Probleme das Projekt verteuern werden. UP3 wird rund ein Viertel teurer werden als geplant. Neun Milliarden Mark, so lautet die neueste Schätzung der für den Bau der Anlage verantwortlichen französischen Ingenieurfirma SGN, wird jene Fabrik kosten, an der sich die deutsche Veba kapitalmäßig beteiligt.
Damit wird fraglich, ob die Auslagerung der Wiederaufarbeitung nach La Hague wirklich ein kostensparendes Geschäft wird. Im April hatte Veba-Chef Rudolf von Bennigsen-Foerder den Verzicht auf Wackersdorf mit dem Argument begründet, es könnten sechs oder sieben Milliarden Mark Investitionen und jährlich eine Milliarde Mark Kosten gespart werden. Die französische Betreibergesellschaft Cogema, so der Düsseldorfer Energiebaron, arbeite viel preiswerter als die geplante deutsche Anlage.
Bislang hieß es, die deutschen Stromversorger sollten pro Kilogramm Brennelemente 5000 Franc, also rund 1500 Mark, für die Wiederaufarbeitung in La Hague zahlen. Dieser Preis war es letztlich, der die Strommanager alle Bedenken vergessen ließ, sie könnten durch den schnellen Ausstieg aus dem einst für unverzichtbar erklärten Großprojekt in der Oberpfalz die letzten Reste von Glaubwürdigkeit verlieren. Der Preis der Franzosen liegt gerade bei einem Drittel dessen, was für Wackersdorf angesetzt wurde.
Eben diese Kalkulationen sind nun durch die neuen Zahlen zweifelhaft geworden. Was die Atomgemeinde beunruhigt, läßt die Veba jedoch - noch - kalt. Die Neuberechnungen der Cogema hätten vor den Verhandlungen mit der Veba stattgefunden, sagt Veba-Sprecher Henrich Wilckens. Verträge und Abmachungen seien bereits auf Basis dieser neuen Zahlen vereinbart worden.
Da schwingt viel Zweckoptimismus mit. Der für die deutschen Brennelemente vereinbarte Aufarbeitungspreis von 5000 Franc pro Kilogramm Brennelemente erweckt mittlerweile den Anschein eines Lockangebots - zumal inzwischen bekannt wurde, daß die Betreiberfirma Cogema von der staatlichen französischen Elektrizitätsgesellschaft Electricite de France 7000 Franc pro aufzuarbeitendes Kilo Brennelemente verlangt.
Wie teuer die Produktion in La Hague wirklich ist, bleibt unter den Experten umstritten. Der Energiespezialist Jean Tassart von der französischen Gewerkschaft CFDT hat einen Aufarbeitungspreis von rund 10 000 Franc pro Kilogramm errechnet. Cogema-Chef Syrota hingegen beharrt darauf, daß den Kunden die wahren Kosten in Rechnung gestellt werden: "Cogema empfängt keine Subventionen."
Das ist sicherlich auch eine Definitionsfrage. Als La Hague Anfang der sechziger Jahre geplant wurde, hatte Frankreich ehrgeizige zivile und militärische Nuklearprogramme, die zum Teil gemeinsam abgerechnet wurden. Welche Anlagenteile aus welchem Etat finanziert wurden, vermag heute niemand mehr zu sagen.
In der Atomeuphorie der frühen Jahre, als noch keiner über Kosten sprach, geriet La Hague ein paar Nummern zu groß. Die vielen fest eingeplanten Reaktoren der Brütergeneration, für die Plutonium produziert werden sollte, waren nicht ausgereift und kamen nicht zum Einsatz; die schon arbeitenden Kernkraftwerke erzeugen Überschußstrom und machen weitere Zubauten überflüssig. Die Wiederaufarbeitungsanlage krankt deshalb an ihrer Überkapazität. Sie wurde, so "L'Express", zum "teuersten Abfalleimer der Welt".
Ohne staatliche Gelder aus dem französischen Forschungsetat und aus dem Militärbudget, so vermuten Fachleute, sei La Hague gar nicht zu betreiben. Ob diese Steuergelder auch in Zukunft fließen oder ob demnächst den Kunden höhere Preise verpaßt werden, hängt vor allem von den technischen Alternativen zur Wiederaufarbeitung ab.
Die Wiederaufarbeitung, argumentieren immer mehr Energieexperten, sei im Grunde ein kostspieliger Luxus. Seit klar ist, daß es weder einen Mangel an Uran gibt noch viele Brutreaktoren mit hohem Plutoniumbedarf, sei die Endlagerung der Brennstäbe der bessere Weg, den Atommüll zu entsorgen.
Doch da bleibt ein Problem: Noch gibt es nirgendwo auf der Welt ein funktionierendes Endlager, das die strahlende Materie für 100 000 Jahre sicher von der Umwelt fernhält. Solange aber die Wiederaufarbeitung die fehlenden Endlager ersetzen muß, können die Betreiber von Wiederaufarbeitungsanlagen die Preise diktieren.
Selbst Verträge mit schönen Festpreisen, wie sie die Deutschen besitzen, können den von den Entsorgern abhängigen Atomstromproduzenten dann nicht helfen: Ein Konkurs der Wiederaufarbeiter ist gar nicht möglich. Irgendwo muß der Müll schließlich bleiben. #

DER SPIEGEL 29/1989
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