20.03.1989

KARRIERENEntkleidete Welt

Hessens christdemokratischer Ministerpräsident Walter Wallmann will einen Rechtsextremen zu seinem Kirchenfachmann machen.
Nur wenige in der hessischen CDU müssen ihren Vorsitzenden Walter Wallmann, 56, nicht mit "Herr Ministerpräsident" anreden. Einer der Privilegierten ist Wolfgang Egerter, 58, Chef der CDU im Wetterau-Kreis.
Dem "verläßlichen Kameraden" überreichte Wallmann im Sommer 1987 persönlich das Bundesverdienstkreuz, für das Egerter von der Sudetendeutschen Landsmannschaft vorgeschlagen worden war. In einer Feierstunde, zu der Wallmann den Freund mit Frau und beiden Söhnen in die Wiesbadener Staatskanzlei geladen hatte, gab der Ministerpräsident ein Versprechen: "Du wirst mir auch in Zukunft als einer meiner engsten Mitarbeiter zur Seite stehen."
Wallmann wollte seinen langjährigen Weggefährten vom Assistenten der CDU-Landtagsfraktion zum Leiter einer neuen Abteilung "K" (Kirchen, innerdeutsche Beziehungen, Brauchtum) in der Staatskanzlei, Dienstrang Ministerialdirigent, befördern. Doch der Leitende Ministerialrat Rudolf Wirtz, seit 1971 Verbindungsmann der Landesregierung zu den Kirchen und Religionsgemeinschaften, fühlte sich übergangen.
Der Sozialdemokrat klagte mit Erfolg vor dem Verwaltungsgericht Wiesbaden. Das Gericht stoppte Egerters Berufung, weil ein "faires und chancengleiches" Bewerbungsverfahren gefehlt habe.
Bei der Eignungsprüfung war auch gar nicht zur Sprache gekommen, daß der Wallmann-Günstling außerhalb der CDU lange dunklen Aktivitäten nachging - als Mitglied im völkischen "Witiko-Bund".
In dem Geheim-Zirkel, so genannt nach einer Romanfigur von Adalbert Stifter, hatten sich nach dem Zweiten Weltkrieg ehemalige sudetendeutsche Nazis zusammengefunden. Zu seinen Anführern gehörten zahlreiche Nationalisten, in den sechziger Jahren bezeichnete das Bundesinnenministerium den Verein als von der NPD unterwandert.
Mit rechtsextremistischen Organisationen wie NPD oder "Aktion Oder-Neiße" führten die Witikonen einen fanatischen Kampf gegen die Ost-Verträge, den "größten Ausverkauf Deutschlands". Zu ihren Zielen gehört es, das "Göttliche, Edle und Schöne" nicht jenen Kräften auszuliefern, die "die Welt aller höheren Werte entkleiden" wollen.
Die Protektion Egerters paßt zu dem Rechtskurs, den die CDU, nach dem Wahlerfolg der rechtsradikalen Republikaner in West-Berlin, vor den hessischen Kommunalwahlen eingeschlagen hatte. Mit nationalistischen Parolen gegen Ausländer ("Scheinasylanten stoppen!") wollte sie auf Stimmenfang gehen; seinen Kultusminister und Vertrauten Christean Wagner, 46, wies Wallmann an, für bessere Pflege des deutschen Kulturgutes zu sorgen: Die Schüler sollen fortan alle drei Strophen des Deutschlandliedes lernen müssen.
Doch Freund Egerter läßt es bei "Deutschland, Deutschland über alles" nicht bewenden. Mit gleichgesinnten Sangesbrüdern stimmte Egerter, der erklärt, im November 1986 aus dem Witiko-Bund ausgetreten zu sein, auch schon mal das Hitlerjugend-Kampflied "Nur der Freiheit gehört unser Leben" an.
Auch bei Veranstaltungen der rechtsextremen Sudeten-Gruppe tat sich Egerter hervor. Beim Jahrestreffen des Witiko-Bundes 1982 appellierte er an seine Kameraden, "daß unseren Kindern Nation und Vaterland, Volk und Heimat wieder selbstverständliche Werte" werden müßten, "für die es sich lohnt zu leben und, wenn es sein muß, auch zu kämpfen".
Unbeirrt kämpft auch der Ministerpräsident darum, Egerter an seine Seite in die Staatskanzlei zu bekommen. Dabei handelte sich Wallmann jetzt eine weitere Niederlage ein. Das Verwaltungsgericht Wiesbaden stoppte den Versuch, Egerter durch Änderung des Organisationsplans in die Kirchen-Verbindungsstelle der Staatskanzlei zu bugsieren. Dieses Vorhaben, urteilte das Gericht, sei offenbar "von sachfremden Beweggründen" getragen. Wallmann hofft jetzt auf eine wohlwollende Entscheidung der zweiten Instanz, des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs.
Inzwischen protestieren auch jüdische Organisationen. Daß sich in der Staatskanzlei ein Rechtsextremer um ihre Glaubensdinge kümmern soll, hält ein Mitglied der Jüdischen Gemeinde Frankfurt für eine, "gelinde gesagt, grobe Taktlosigkeit". #

DER SPIEGEL 12/1989
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