20.02.1989

Co op: „Wir brauchen noch 600 Millionen“

Das Handelsunternehmen co op, das nach Ansicht der Staatsanwälte jahrelang falsche Bilanzen vorlegte, steht auf der Kippe. Durch Mißmanagement und dunkle Geschäfte des ehemaligen Vorstands ist die Firma hoch verschuldet. Die Sanierung kann nur gelingen, wenn die Gläubigerbanken auf Hunderte von Millionen verzichten.
Der Großeinsatz lief unerwartet glatt ab. Anders als sonst bei ähnlichen Aktionen stießen die mehr als 50 Beamten des Bundeskriminalamts, die am Mittwoch morgen vergangener Woche in der co-op-Zentrale in Frankfurt und in den Privatwohnungen ehemaliger co-op-Manager auftauchten, diesmal auf keinerlei Widerstand.
Überall wurden Aktenschränke bereitwillig geöffnet. Bergeweise wurden Geschäftsakten des angeschlagenen Handelsriesen sichergestellt. Die neuen Manager, wunderte sich ein Staatsanwalt, waren "ausgesprochen kooperativ".
Kein Wunder. Die Durchsuchungsaktion richtete sich nicht gegen sie. Ermittelt wird gegen die im Dezember fristlos entlassenen co-op-Vorständler Bernd Otto, Werner Casper und Dieter Hoffmann sowie gegen den für die Bilanzen zuständigen Generalbevollmächtigten Klaus-Peter Schröder-Reinke wegen Bilanzfälschung, Kreditbetrugs und Steuerhinterziehung.
Dennoch traf die späte Aktion des Bundeskriminalamts, immerhin drei Monate nach Beginn der Ermittlungen, den angeschlagenen Handelsriesen zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt. Am Freitag dieser Woche sollen rund 150 Gläubigerbanken des hochverschuldeten Konzerns ihre Bereitschaft erklären, für co op auch weiter Geld zu bewilligen. Und viele Bankiers zweifeln ohnehin, wie auch Konkurrenten und Lieferanten, am Sinn der geplanten Sanierungsbemühungen.
Dabei hatten die Staatsanwälte in der vergangenen Woche wenig Neues zu verkünden. Nur war mit einem Male sozusagen offiziell geworden, was der SPIEGEL bereits im Oktober detailliert beschrieben hatte: Die internen Finanzberichte und die seit 1985 publizierten Bilanzen des Unternehmens stimmen nicht überein - da ist gemogelt worden.
So bezifferte zum Beispiel der interne "Finanzbericht Nr. 52" der co-op-Buchhalter die Gesamtverbindlichkeiten des Unternehmens gegenüber Kreditinstituten am Jahresende 1985 mit 2,36 Milliarden Mark. Die veröffentlichte Bilanz der co op AG weist dagegen für 1985 nur Bankschulden von knapp 434 Millionen Mark aus.
Um den Verdacht der Bilanzfälschung erhärten zu können, müssen die Staatsanwälte zunächst tief in das systematisch auf Verwirrung angelegte Konzerngeflecht der co op einsteigen. Von der Frankfurter Zentrale aus wurden nicht nur die deutschen Ladenketten, sondern auch die Geschäfte der Immobilienfirma HIG und die Aktivitäten der Garvey-Gruppe gesteuert. Die Garvey, eine Holding mit Sitz in der Schweiz, kontrollierte zahlreiche Auslandsunternehmen, unter anderem in Holland und Spanien.
Intern wurden die Finanzdaten der HIG und der Garvey von den co-op-Buchhaltern mit erfaßt. Da jedoch beide Firmen formal unabhängig von der co op operierten, wurden ihre Schulden aus den Bilanzen der co op AG herausgelassen.
Die Staatsanwälte müssen deshalb herausfinden, ob diese Trennung, die dem co-op-Vorstand zu einer vorzeigbaren Bilanz verhalf, Rechtens war. Gelingt es den Staatsanwälten nachzuweisen, daß zwischen co op, HIG und Garvey ein sogenanntes Beherrschungsverhältnis bestand, dann können sie mit ihren Vorwürfen der Bilanzfälschung, des Kreditbetrugs oder der Steuerhinterziehung vor Gericht durchkommen. Dem Vorstand sowie dem verantwortlichen Bilanzkünstler Schröder-Reinke drohen dann jahrelange Gefängnisstrafen.
Zwar haben die staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Sanierungsbemühungen des neuen co-op-Aufsichtsratschefs Hans Friderichs. Doch für Unruhe und Verwirrung sorgen sie mit Sicherheit.
So wurde am vergangenen Donnerstag, nachdem die Großaktion publik geworden war, prompt der Kurs der coop-Aktie ausgesetzt. Frühestens am Montag kommender Woche soll das Papier (letzter Kurs: 298 Mark) wieder an den Börsen gehandelt werden.
Erst am Freitag wird sich nämlich erweisen, ob es der co op gelingt, an einem Konkurs vorbeizuschlittern. Dann wollen die vier Auslandsbanken, die im Dezember unter Führung des Schweizerischen Bankvereins (SBV) 72 Prozent der co-op-Aktien übernommen haben, den rund 150 Gläubigerbanken ein Sanierungskonzept präsentieren.
Noch stehen die Details dieses Konzepts nicht fest. Sicher ist, daß die Banken, denen die co op insgesamt rund vier Milliarden Mark schuldet, auf einen ordentlichen Teil ihrer Forderungen verzichten sollen. Auch eine Kapitalerhöhung des Unternehmens ist im Gespräch.
"Wir brauchen", so hat ein co-op-Manager errechnet, "noch mindestens 500 bis 600 Millionen Mark, um über die Runden zu kommen." Diese Summe wollen die vier Eigentümerbanken aber nicht allein übernehmen.
Gelingt es Aufsichtsratschef Friderichs nicht, die übrigen Banken zu einem weiteren Opfer zu bewegen, könnte ein Konkurs unvermeidlich werden. Sperrig zeigt sich vor allem die ehemalige Gewerkschaftsbank BfG, das Geldhaus mit den dicksten co-op-Krediten; auch eine Reihe kleinerer Banken will nicht noch mehr Geld in eine Firma stecken, die im vergangenen Jahr, allen schönfärberischen Aussagen des alten Managements zum Trotz, wieder keine Gewinne erwirtschaften konnte. Im operativen Geschäft fiel sogar ein Verlust von rund 140 Millionen Mark an.
Die Skeptiker werden bestärkt von den Konkurrenten der co op im Einzelhandel. Klaus Wiegandt, Chef der mächtigen Handelskette Rewe-Leibbrand, würde die co op "nicht mal geschenkt übernehmen wollen". Für Tengelmann-Chef Erivan Haub wäre es "das beste, die co op in Einzelteilen zu verkaufen".
Die 50 000 Beschäftigten sehen das sicher anders. Sie fürchten, daß sie für das Mißmanagement und die dunklen Geschäfte von Otto & Co. zahlen müssen.
Doch dazu will es Friderichs auf keinen Fall kommen lassen. Dabei steht wohl nicht nur das Renommee des ehemaligen Wirtschaftsministers, der auch die Sanierung des Elektrokonzerns AEG bewerkstelligte, auf dem Spiel.
Insider in der Frankfurter co-op-Zentrale sind sich inzwischen sicher, daß auch der SBV auf jeden Fall einem Konkurs entgegensteuern würde. Die Begründung: "Die hängen einfach zu tief mit drin", meint ein co-op-Manager.
Die innige Verbindung zwischen der ehemaligen co-op-Führung und den deutschen Statthaltern des SBV wird immer deutlicher, seit die von den Banken eingesetzten Wirtschaftsprüfer besseren Einblick in das wirr verschachtelte Firmengestrüpp der Handelsgruppe bekommen. "Überall, wo die Prüfer hinpacken", meint ein Aufsichtsrat, "stoßen sie auf den SBV." Offenbar wußten einige Bankiers mehr von Ottos Machenschaften, als sie heute zugeben möchten.
Doch nicht nur für den SBV könnte die Vergangenheitsbewältigung bei co op noch peinliche Folgen haben. Fast täglich stolpern die Wirtschaftsprüfer über Vorgänge, die sie bislang in einem deutschen Unternehmen nicht für möglich hielten. Ein Prüfer: "Das war das größte Gangsterstück der Nachkriegszeit."
Die Merkwürdigkeiten betreffen nicht nur den geschaßten Vorstand, der sich Erfolgsprovisionen in Millionenhöhe genehmigte und systematisch den Konzern benutzte, um sich im Ausland ein Privatunternehmen aufzubauen. Neue Erkenntnisse der Wirtschaftsprüfer über die Verbindungen zwischen Aufsichtsrat und Vorstand erinnern stark an den Skandal um ein anderes großes Unternehmen der Gewerkschaften: den Baukonzern Neue Heimat.
Die co op ist zwar inzwischen kein Gewerkschaftsunternehmen mehr. Aber die führenden Manager kamen aus dem gleichen Milieu, und sie waren in ihrer privaten Raffgier und Geltungssucht ähnlich veranlagt. Nur: Bei co op ist alles noch viel schlimmer.
In beiden Fällen auch war der Aufsichtsrat mit prominenten Gewerkschaftsfunktionären besetzt. Bei co op wie bei der Neuen Heimat sahen die Kontrolleure ungerührt zu, wie die Vorstände ihr Unternehmen als Selbstbedienungsladen behandelten.
Besonders pflegte co-op-Chef Bernd Otto offensichtlich die Beziehungen zum stellvertretenden Vorsitzenden des Aufsichtsrats, Günter Döding. Der Chef der Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten (NGG) durfte auf co-op-Kosten unter anderem des öfteren ausgedehnte Auslandsreisen, alles erster Klasse, unternehmen und sich "diverser Geschenke" (siehe Brief) erfreuen.
Am Mittwoch vergangener Woche trat der Vorstand der NGG zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. Döding kam mit einem Anwalt. Er sorgte sich, daß seine Gewerkschaft vielleicht nicht zu ihm stehen würde, wenn sich die co-op-Affäre vor Gericht fortsetzen sollte.
Aufsichtsratschef Friderichs will unterdessen erst einmal in der co op für saubere Verhältnisse sorgen. Er erwarte, erklärte er den Eigentümervertretern im co-op-Aufsichtsrat, "daß Sie Ihre Mandate auf der nächsten Hauptversammlung geschlossen niederlegen".
Dann sah Friderichs zu den Arbeitnehmervertretern: "Ihnen kann ich einen solchen Vorschlag nicht machen. Sie müssen selbst wissen, was Sie tun."

DER SPIEGEL 8/1989
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