20.02.1989

MANAGERMatt geworden

Der Machtkampf bei Krupp ist entschieden, Vorstandsvorsitzender Wilhelm Scheider geht.
Seinen Job wird er nicht mehr lange machen, in seiner Dienstvilla aber darf er noch eine Weile bleiben: Wilhelm Scheider, Vorstandsvorsitzender des Krupp-Konzerns, soll einen freundlichen Abgang erhalten.
Nur schnell muß es gehen. Nach langen Zwistigkeiten mit dem Krupp-Verweser Berthold Beitz soll der 60jährige Scheider zehn Monate vor Ablauf seines Vertrags Ende 1989 mit verlockenden Konditionen zum Rücktritt überredet werden.
Dazu gehört eine Abfindung von fast drei Jahresgehältern. Dazu gehört aber auch das Recht, sein Haus nahe der Villa Hügel im streng bewachten Krupp-Wald noch fünf Jahre lang zu bewohnen; Dienst- und Büropersonal wird gestellt.
Beitz will den Kollegen Scheider spätestens bis zum Freitag dieser Woche in den Vorruhestand schicken. Dann tagt der Krupp-Aufsichtsrat, der den Punkt "Vorstandsangelegenheiten" auf der Tagesordnung führt: Da könnten der Abgang des gescheiterten Vorstandsvorsitzenden und die Wahl seines Nachfolgers Gerhard Cromme von der Krupp Stahl AG geregelt werden.
Weder Scheider noch Beitz waren in der Lage, den steten Niedergang des Unternehmens zu bremsen. Aufsichtsräte sahen mit bemerkenswerter Gelassenheit zu, wie das Essener Unternehmen immer tiefer in die Krise rutschte. Für 1988 meldete die Zentrale sogar einen dreistelligen Millionen-Verlust. Lediglich Veba-Chef Rudolf von Bennigsen-Foerder zog aus dem Führungsdesaster bei Krupp Konsequenzen und legte im Dezember sein Mandat nieder.
Die alten Routiniers, vor allem die Bankiers, schauten dem Treiben bei Krupp zu, als seien sie nur Publikum. Wie schlecht die Zahlen auch immer waren, es blieb beim Maulen und Murren. Keiner griff ein, als Beitz und Scheider die Führung bei Krupp mit ihren Auseinandersetzungen lahmlegten.
Es ging schließlich bald nur noch darum, wer zuerst seinen Posten aufgibt. Beitz wollte seinen Aufsichtsratsvorsitz erst nach dem Rauswurf von Scheider niederlegen. Gelegenheiten, seinen Vorstandsvorsitzenden abzulösen, hat Beitz mehrfach gehabt - es fehlte im entscheidenden Augenblick nur der Mut.
Scheider hingegen beklagte sich immer wieder über die Einmischung von Beitz, der als Vorsitzender der Krupp-Stiftung (Konzernanteil: 75 Prozent) quasi die Rechte eines Eigentümers besitzt. Keiner seiner Vorgänger, rühmte sich Scheider, habe Beitz so lange widerstanden wie er. Sein Ehrgeiz bestand zuletzt nur noch darin, länger als der 75jährige Krupp-Monarch im Amt zu bleiben.
Über Monate hinweg wurden immer wieder neue Namen für die Besetzung der Krupp-Spitzenpositionen gehandelt. Beitz hat mindestens ein halbes Dutzend Manager gefragt, ob sie Scheiders Posten übernehmen würden. Männer wie Hoesch-Chef Detlev Karsten Rohwedder oder Thyssen-Vorstand Dieter Vogel lehnten dankend ab.
Noch länger ist die Liste der gehandelten Beitz-Nachfolger; sie reicht von dem Hamburger Unternehmensberater Otto Gellert bis zu von Bennigsen-Foerder von der Veba. Manchmal liefen die Anwerbungsgespräche für den Vorsitzenden im Kontrollrat sogar parallel.
Doch nun ist einer gefunden, der nicht nein sagen konnte. Manfred Lennings, Berater der Westdeutschen Landesbank (WestLB) und ehemaliger Chef der Gutehoffnungshütte (GHH), soll Krupp wieder in Schwung bringen.
Beitz hatte Lennings bei einem Plausch auf Sylt für den Vorstandsvorsitz interessiert. Der Name Lennings löste bei Bekannten, denen er von seiner Wahl berichtete, zunächst Verblüffung aus.
Damals nämlich war noch ein anderer Kandidat im Gespräch, der durchaus Interesse zeigte: Alfred Herrhausen von der Deutschen Bank. Doch das Problem löste sich rasch von selbst.
Im Vorstand der Deutschen Bank legten sich Herrhausens Kollegen plötzlich quer. Weil das größte deutsche Kreditinstitut beim Stahl - von Thyssen bis Hoesch - bereits alles unter Kontrolle hat, fürchteten die Bankiers, wieder Kritik wegen ihrer wirtschaftlichen Macht einstecken zu müssen. Sie sorgten sich auch um die zusätzlichen Belastungen, die auf ihren Spitzenmann zukämen. Der Essener Herrhausen, der gern als Aufsichtsratschef auf Villa Hügel eingezogen wäre, sagte schließlich ab.
Lennings aber war noch zu haben. Den 54jährigen drängt es, sein matt gewordenes Image zu polieren. Nach Verlusten von über 300 Millionen Mark bei der GHH-Tochter MAN war Lennings Opfer einer Intrige geworden, er mußte 1983 gehen.
Für die WestLB saniert der promovierte Bergbauingenieur den heruntergewirtschafteten Bielefelder Maschinenbau-Konzern Gildemeister. Mit viel Geschick vertrat er die industriellen Interessen der Staatsbank.
Wenn Lennings am 21. Juni den Chefposten im Essener Kontrollrat übernimmt, will er zunächst einmal die personell aufgeblähte Krupp-Verwaltung straffen. Er hat für die WestLB in den letzten Wochen Modelle zur Rettung der desolaten Krupp-Anlagensparte erarbeitet. Vergangene Woche traf er sich in seinem Urlaubsort Oberstaufen mit Cromme zu ersten Beratungen.
Scheider spielt in Lennings' Plänen für Krupp schon keine Rolle mehr. Er ist nur noch ein Chef auf Abruf: Beitz und der Düsseldorfer Rechtsanwalt Kurt Wessing legten dem Krupp-Manager am Freitag vergangener Woche ein zeitlich befristetes Abfindungsangebot vor. #

DER SPIEGEL 8/1989
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