15.05.1989

„Ich will diese Straßenräuber hassen“

SPIEGEL-Redakteur Werner Meyer-Larsen über die Verbrechen im Central Park und die Todesstrafe in New York
Wenn es um die höheren Werte geht, scheut Donald Trump keine Kosten. Für insgesamt 85 000 Dollar rückte der New Yorker Immobilien- und Spielhöllen-König ganzseitige Anzeigen in die Zeitungen der Stadt: "Gebt uns die Todesstrafe zurück - gebt uns unsere Polizei zurück."
Abends vor der Kamera wiederholte der Milliardär mit eckig gespreizten Lippen, was sonst noch in den Anzeigen gestanden hatte: "Ich will diese Straßenräuber und Mörder hassen. Wenn sie töten, sollen sie selbst getötet werden."
Spiel mir das Lied vom Tod, mitten in New York: Sechs Schwarze und Latinos, zwischen 14 und 16 Jahre alt, hatten am 19. April in New Yorks Central Park eine 28jährige Joggerin mehrfach vergewaltigt und sie dermaßen zugerichtet, daß sie in wochenlanges Koma sank.
Tausendfach zwar geschehen solche und ähnliche Dinge in der wie von Furien getriebenen Stadt, vieltausendfach im großen Amerika. Zehntausende Menschen fallen allein dem Sheriff- und Schießwaffenkult der Amerikaner zum Opfer. Alle sechs Minuten wird eine Frau vergewaltigt, unverhältnismäßig viele Opfer sind Schwarze.
Drei Tage nach dem Überfall im Central Park traf es wieder eine Schwarze. Auf dem Dach eines 21stöckigen Hauses in Manhattan wurde sie vergewaltigt und dann in die Tiefe gestoßen. Weil sie eine TV-Antenne zu fassen bekam, überlebte die Frau. Dieser Fall interessierte weder Donald Trump noch die Politiker in New York.
Dagegen war doch der Überfall im Central Park von ganz anderer Qualität, eine Soap-opera, die das Leben schrieb. Das Opfer war weiß, ein Elitegeschöpf, Absolventin der besten Business-Schulen des Landes, eine Bankerin aus dem Wall-Street-Haus Salomon Brothers. Sie verkörperte, so hatte ihr Chef John Gutfreund nach dem Überfall geschrieben, "die besten Tugenden Amerikas".
Die Täter aber, denen sie in einer dunklen Ecke des Parks ausgesetzt war, sind jene, über die sich der Bürger guten Gewissens erheben darf: keine aus der erschütternden Armut von Flatbush Avenue in Brooklyn, keine aus der mitleidheischenden Drogenszene, sondern aus der unteren farbigen Mittelschicht vom Central Park North.
Und der Tatort ist weder Harlem noch die Bronx, ist keine Westside Story, sondern der Central Park. In ihm waren sie herumgelaufen, in Gruppen und ziellos, nur um irgend etwas anzustellen.
Sie waren seit Monaten bekannt in der Gegend. Im Schomburg-Plaza, einem Hochhauskomplex der unteren Mittelklasse, hatten sie Fensterscheiben eingeworfen, in der Lobby randaliert, draußen vor der Tür einen Bewohner zusammengeschlagen, weil der sein Geld nicht rausrücken wollte.
Gewiß, keine "nice guys". Aber man sieht weg in dieser Stadt, nach dem Motto: Nur nicht Zeuge sein, nur nicht in die Elektronik der Polizei geraten. Und kein Risiko auf der Straße eingehen. Schließlich besitzen 70 Millionen US-Bürger mindestens eine Schußwaffe.
Auch die Polizei sieht gern weg. Bevor die Schomburg-Gang am 19. April über ihr Opfer im Park herfiel, hatte sie schon acht andere Passanten angemacht, nicht immer nur Frauen. Ein 40jähriger, der ihnen entkam, alarmierte die Polizei. Doch die Vertreter von Recht und Gesetz reagierten gelangweilt. Wahrscheinlich hören sie jeden Abend die gleiche Geschichte.
Gebt uns unsere Polizei zurück? Die Polizei fuhr Streife im nächtlichen Park. Doch der Jugend-Gang fiel es vermutlich leicht, das Scheinwerferlicht zu vermeiden und ungestört weiterzuziehen. "Wilding" heißt dieses Tun seit kurzem - etwas erleben, ziellos durchs Gelände streunen.
Mit klarem Instinkt für das Maßlose und das Entsetzliche, für den Aberwitz und den Durst nach Sensationen sind sie in den Fall eingestiegen, New Yorks Meinungsmacher und Manipulatoren. Sie wollen die Wende in der Stadt und im Staate New York.
Sie haben ihr Verbrechen: farbige Untermenschen gegen weiße Elite; animalische Triebe gegen die ewigen Lichtgestalten des amerikanischen Traums. In New Yorks Medien werden vorwiegend farbige Täter vorgeführt.
Was am 19. April im Central Park geschah, hat sich längst von den Personen der Täter und des Opfers gelöst. Die Soap-opera läuft auf vollen Touren und liefert Erbauungsmaterial für die Begleichung zahlreicher offener Rechnungen zwischen den Gewalten und den Gewalttätigen in der Stadt.
Die Menschen sollen etwas tun: gegen die schlappen Liberalen etwa und schon gar gegen die Psychologen - Juden ja oft -, die angeblich den Täter schützen und nicht das Opfer. Gegen den liberalen Gouverneur Mario Cuomo, den Romantiker in der Staatshauptstadt Albany, mit seiner beharrlichen Feindschaft gegen die Todesstrafe. Und wider den abgewirtschafteten Bürgermeister Ed Koch, den Leute wie Trump weghaben möchten.
Trump und seine Freunde brauchen den Law-and-order-Mann Rudolf Giuliani als Bürgermeister: nicht schwarz, nicht jüdisch, nicht altes Geld. Aber gegen Mafia, Wall Street und die Korruption in der Demokratischen Partei. Giuliani würde die Stadt in Ordnung bringen. Für Schwerverbrechen im Central Park, melden Zeitungen, habe er spontan die Todesstrafe gefordert.
Auch für Jugendliche? Giuliani streitet ab, es so gemeint zu haben, nimmt es vorsorglich zurück. Jedenfalls wäre bei Giuliani das große Geld von Donald Trump gut angelegt. Demnächst richtet der Dollar-Baron seinem Kandidaten ein Geldsammel-Dinner für 250 000 Dollar. Da sehen die anderen Kandidaten für die Koch-Nachfolge alt aus.
Besonders David Dinkins, der schwarze Stadtteil-Präsident von Manhattan, wo der Central Park liegt. Er hat seine Bürgermeister-Kandidatur gegen den abschlaffenden Titelverteidiger Koch angemeldet. Doch Dinkins wird nun in die Mangel genommen - von Trump, von Giuliani und schließlich, etwas weniger deutlich, auch von Koch. Ein schwarzer Bürgermeister, gerade jetzt?
Geißelt Dinkins das Verbrechen im Central Park über die Maßen, ist er die Sympathie seiner schwarzen Klientel los. Sie hat schon genug daran zu würgen, daß sie es nun wieder gewesen sein soll. Sagt er aber zu wenig, bekommt er es mit den anderen zu tun: Aha, dieser Dinkins deckt die Horde aus dem Central Park.
Es macht nichts, daß jeder, der Verstand hat, den Überfall im Park eben nicht für eine rassistische Tat hält: Hier stand nicht Schwarz gegen Weiß, sondern Halbstarke gegen Frau. Es muß aber ein rassistisches Verbrechen gewesen sein - dann läßt sich auch die Todesstrafe weit besser verkaufen.
Insgesamt 13mal haben Gouverneure des Staates New York seit Mitte der siebziger Jahre Gesetze zur Wiedereinführung der Todesstrafe mit ihrem Veto blockiert. So blieb New York einer von 13 Bundesstaaten der USA, in denen es noch keine Todesstrafe gibt.
Doch die Matadore der Rachejustiz rücken unerbittlich vor. Am New Yorker Votum kann es liegen, ob am Ende der staatlich verordnete Ritualtod wieder über ganz Amerika kommt. Und noch nie waren die Chancen so gut.
Das Veto des Gouverneurs von New York nämlich ist mit Zweidrittelmehrheit des Parlaments zu brechen. Und in dem konservativ beherrschten Parlament zu Albany fehlt daran nur eine Stimme.
Trump und seine Trompeter spielen, koste es, was es wolle, den Central-Park-Fall hoch, um noch den einen, den entscheidenden Abgeordneten zu gewinnen. "Nun kommt Donald Trump", schreibt der "New York Post"-Kommentator Pete Hamill, "mit seiner Endlösung: Tötet sie."
Von W. Meyer-Larsen

DER SPIEGEL 20/1989
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